Adultnessinteresse

über die freundliche Übernahme der Partizipationsmodelle des Mainstreams

Eintrittskarte ist hier heute eine Form des delirierenden Schreibens, so ein Gegen-die Scheibe-klopfen, um dann fröhlich erkannt hineinzuwinken. Die Lust alles noch einmal zu sagen, um erst einmal eine wohlige Bekanntheit einzurichten. Aber auch der Wunsch eine gewisse fragile Form von Körperlichkeit, Bewegung und diese merkwürdige Zuneigung zu den Phänomenen des Mainstreams beschreiben zu können. Es sind Momentaufnahmen, kleine Störungen im Betriebsablauf: Einnicken, Unwohlsein… , die exakten Schilderungen körperlichen Einsatzes. Gefragt ist eine reflexhafte Wehrhaftigkeit, wie das Wegschlagen einer Fliege, wenn man gerade ein bisschen döst.

Adultness könnte soviel bedeuten wie nicht ganz erwachsen zu sein, aber als Wortschöpfung zielt sie eher auf einen anderen Bereich: den riesigen schwarzen Fleck, den die Kultur des Mainstreams hinterlässt. In ihrer Betrachtung steckt der Versuch, die eigene Teilnahmefähigkeit auszuloten, sich selbst zur Verfügung zu stellen. Forschung an einem Phänomen, dem man viel abgelenkte Aufmerksamkeit entgegenbringt und ganz nebenbei das kleine Sezierbesteck auf dem Operationstischchen ausrollt. Das eigene Interesse blickt knapp am Gegenstand vorbei, es geht weniger um den erkenntnistheoretischen Zugewinn: Man biegt selbst, bei bester Laune und schönstem Wetter, zähnebleckend auf die Pseudoerkenntnisautobahn des Allgemeinen ein.

Adultnessinteresse ist nicht zu verwechseln mit einer Betrachtung von Alltagskultur, die Filzpantoffeln und Kakteensammlungen zu Devotionalien einer vertrottelten Ehrlichkeit verklärt und der nur bleischwer beim Bierdeckel-bekritzeln beizukommen ist. Es geht nicht um irgendeine Fürsprache, keine vorgeschobenen Verständigungsbemühungen, weil sich doch längst jedes Uniseminar gegen kulturpessimistische Aussagen wendet und der angenommenen Minderwertigkeit von populären Phänomenen wie z.B. Fankultur widerspricht.

Adultnessinteresse fragt, ganz die freundliche Übernahme, nach den Regeln der kulturellen Partizipationsmodelle des sogenannten Mainstreams. Es stellt die Beteiligten und ihre Handlungen, ob Pressekonferenzen, Interviews, Schönheitswettbewerbe* oder Stellvertreterkriege – alles was gerade einmal hübsch ist – vor und legt übertrieben gönnerhaft einen Arm um die Bedingungen unter denen künstlerische Produktionen stattfinden. Gesucht wird nicht nach einer Handlungsanleitung um Verständnis erzeugen zu wollen oder Abgrenzungen vorzunehmen – es soll einfach Bekanntschaft geschlossen werden, mit der Absicht, abseits eines strategischen Hypes gewisse Funktionen offen zu legen. Wie an einem hellgraubehimmelten Nachmittag in der Hotellobby: Spitzendesign, endloser Raum, Kilometer bis zum nächsten Tisch, aber die Füße scharren schon nervös im Dunkeln. Die eigene Vorstellungskraft zum Möbelrücken verwenden und dabei ganz ungelenk an vergangene Ereignisse denken: Wie war ich? Es folgen lange Gesprächspausen, Zigarette-inhalieren und Am-Nasenflügel-kratzen.

*Der Begriff „beauty contest” bedeutet in wirtschaftlichen Zusammenhängen ein „so tun als ob”. Gemeint sind Preisabsprachen und andere abgekartete Spiele. Die diskriminierende Umdeutung aller möglichen Begriffe für das Wirtschaftsleben, hier trifft es einen aus der Unterhaltungsbranche – ist Indiz für die Dominanz der Ökonomie über den Rest gemeinschaftlicher Imaginationen.

Wo findet Adultness statt? Man muß sie nicht in den schieren Machtverhältnissen suchen. Das Rumwitzeln von Vorstandsvorsitzenden auf Fusionspressekonferenzen ruft nur wenig Deutungsphantasien hervor. Es braucht zwar diese dezent abgelenkte Aufmerksamkeit, die aber nicht besonders sophisticated daherkommen muss. Es geht um die ständige Erweiterung: Unschärfe sorgt immer für lebendige Begriffsubstanz, die vielfältig einsetzbar ist. Plattes Labeling stört da nur. Also, nix nachdenkliches Bartkraulen, sondern mit dem Wollfäustling nett, aber unbeholfen darüber patschen.

Guided Tour (I): Pressekonferenz
Tief in den Sessel gesunken – die viel zu langen Arme rudern erklärungsheischend durch die Luft – geht nur Vorformuliertes über den Tresen: Eine Schallplatte über das Autofahren*, dabei etwas Luftschlagzeug spielen, das freut einen natürlich. Schließlich ist die hergetragene Entspanntheit imagebildend und gleich schwirren diese „Larger Than Life” – Phantasien als innere slide show an einem vorbei. Dabei verdunkelt sich die Projektionsfläche des Autofahrens schnell wieder. Der oberflächige Reiz ist immer derselbe: eine Art Erkenntnisgewinn, herausgekitzelt als vermeintliche Tat einer hedonistischen Lebensweise bleibt halt sich selbst überlassen, als Selbstbeschreibung und Gleich-wieder-Eingefangenes. Das Potenzial erledigt sich von selbst, da nicht weiter nachgefragt wird. Eine abgelöste Handlung ohne Anfang und Ende – diese hat nichts mit dem unterstellten Hedonismus zu tun, denn der kann einfach nicht nur blöd nach Sonnenschirm, Swimmingpool und Longdrink aussehen.

*Auf Chris Reas Webseite fliegt ein Auto zu fernen Planeten. Als Betrachter schaut man über das Lenkrad hinweg auf vorbeiziehende Galaxien…

Später folgen die üblichen Ansagen über die eingefahrenen sozialen Beziehungen: seit x Jahren glücklich verheiratet, endlich ein neues Album, tolles Team, flache Hierarchien. Aber die Namen auf dem Plakat sind so groß geschrieben, dass man sich gleich fragt, was hier neu sein kann: Vorschusslorbeeren zum Gleich-darauf-ausruhen.

Was passiert da im Moment? Gerade wenn der Vorgang noch so inszeniert erscheint, immer wartet man auf ein Zeichen, welches die Oberfläche auflöst und einem gravitätische Erkenntnismuster erschließt. Eine ganze Armada von Realitäten, die nach außen dringen wollen. Bücher füllend, weil die Erkenntnis mächtig zu sein scheint: viel mehr lesen können als die anderen, nicht im Text verloren zu gehen, sich einflechten in ein Netz der kleinen Störungen und Nebenbetrachtungen. Aber die omnipotenten Überblicksphantasien sind längst im Mainstream angekommen und beherrschen die Choreografien der Szenen. Eine zu Ende gerittene Erkenntnis in diesen Situationen ist die übliche Einbahnstraßen-Sarkasmusquelle.* Schulterklopfen als allzeit kompatibles Sich- Verstehen. Diese Berührungen bedeuten etwas, aber die Hand segelt vorbei, generiert ein fades Bild von unbestätigten Projektionen.

*Hollywoodregisseur Paul Verhoeven bedient in seinen Filmen und Interviews diese Erwartungen: z. B. er selbst als Prototyp des erfolgreichen Einwanderers aus Europa – der das Klischee vom Neid auf die Erfolgreichen in der alten Welt pflegt – dieser Neid hätte ihn quasi zur Flucht gezwungen. In seinen Produktionen gibt es dann die kalkulierten Grenzüberschreitungen (Freigabediskussionen), die ihn als Kritiker am System Hollywood erscheinen lassen. Zynische Statements als angebliche Wahrheiten gegen Hollywood – Ideologien.

Zuständigkeitsfloskeln sind dem Unterhaltungswert von Pressekonferenzen abträglich. Gerade Musiker verstecken sich hintern Fachmanngesicht: „Die Plattenfirma will es so, ich bin eigentlich nur Musiker.” Mit wem wird also debattiert? Die Verhältnisse lösen sich so schnell auf, wie sie auch wieder rekonstruiert werden können: Ein Flipchart, eine Hinweisflut – wenn man sie nur lesen möchte. Also, ruhig in der Mitte sitzen bleiben und es weiter aus sich heraussprechen lassen, in Funktion bleiben.

Guided tour (II): Interviews
Some sweet reactions aus der Interviewwelt. Auf dem Weg zum Swimmingpool eines für die nächsten Tage angemieteten Hauses. Peter Bogdanovich in Hollywood, im Jeanshemd den Unabhängigen geben, mit straighter Bauernschläue sein Texas heraushängen lassen und sich darin bewegen. Die fortlaufende Rede galoppiert meilenweit gegen die Realitäten an und formt unvergessliche Schlusssätze: „…hat allein schon mehr gekostet, als Sie je in ihrem Leben verdienen werden.” (Aerosmith Sänger Steve Tyler über seinen neuen Swimmingpool) Die Erzählung als gut genutztes Vehikel für Fremdheit. Das Gegenteil von sich zur Verfügung stellen, vielmehr der Wunsch, die eigene Einzigkeit ein bisschen nett abzubilden. Nicht in Beziehung treten, sondern den Projektionen einen munteren Stand geben, Kritik mit zu kurz gedachten Einsichten zum Stolpern bringen.

Guided Tours (III): Stellvertreterkriege
Die Darstellung von privatem und öffentlichem Leben im Film ist längst in der Katastrophe angekommen*, die zeitgemäßen kulturellen Produkte scheinen bestimmen zu wollen, wie es mit der eigenen Teilnahmefähigkeit aussieht. Private Missgriffe, so die Vorgabe, formen das öffentliche Handeln.

*In P.T. Andersons Film „Magnolia”, eine Art verfilmter Katastrophentourismus durch diverse seelische Abgründe, sind die Verhältnisse von privat und öffentlich untrennbar aneinander gekettet. Die Überschreitungen sind die genreüblichen Extremfälle: Ein todkranker Übervater ist der Produzent einer Fernsehshow, in der die Generationen unheilvoll aufeinander treffen. Dabei wirkt der Zusammenbruch eines Showmasters mitten in einer Live-Sendung merkwürdig unaufgeregt. Eine bekannte, schläfrige Routine spielt gegen die auf Peak getrimmten Verhältnisse des Filmes an. Dem sichtbaren Bemühen eine intensive, dichte Erzählung zu schaffen, steht die reduzierte Botschaft des Films gegenüber: Ein sich an Vaterbeziehungen klammernder Wunsch nach authentischer Gefühlswelt: „Verschiebe nicht auf morgen, was du heute kannst besorgen.”

In der vorgeblichen Zerstörung gesellschaftlicher Masken sind die Formen der Partizipation fest abgesteckt und die Schlüssel abgelegt. Dahinter stehen alte Bekannte: Geschlecht, Herkunft, Mut und Talent – eben die ganze virtuose Gestenmalerei. So wenn Männer zusammenstehen und die Welt begreifen wollen: diese Entscheidungssprünge in aufgereizter Stimmung, das Einbringen von Ideen als reine Selbstvergewisserungsstrategie, sich selbst zum funktionieren bringen.

Die Abgrenzung gegen den Mainstream kommerzieller Kulturproduktion ist längst zur lästigen Floskel geworden. Der Vorbehalt gegenüber Hollywood produziert eine anhaltende Strukturdebatte, die präzise an den Inhalten der eigenen Produkte vorbei geht. Die Inhalte abseits Hollywoods werden nicht besprochen, dafür wimmelt es nur so von unberührbaren Nachtgestalten: Der Bonus der eigenen Authentizität wird dabei sofort gutgeschrieben. Fragt man Regisseure nach ihrer Arbeitsweise, fallen allerdings neoliberale Vokabeln wie „tolles Team, flache Hierarchien” und andere Füllwörter, die man aus den Stellenanzeigen der Tageszeitungen vom Wochenende her kennt. Zwischen der künstlerischen Bewertung und den ökonomischen Wahrheiten kultureller Produktion klafft eine Wahrnehmungslücke. Die Autonomie der eigenen Produkte wird behauptet, obwohl sich die Herstellungsbedingungen immer in der Nähe zur Durchschnittlichkeit des Geldeinsatzes bewegen.

Dabei bieten die wirtschaftlichen Umstände genug Szenerien, zum Beispiel die Erzählung vom Pittoresk-pleite-sein: The hamster is dead, but the wheel is still turning. Das finanzielle Debakel war absehbar und ist längst real, es steht eine ganze Weile neben einem. Man kann es in Ruhe betrachten, es wedelt mit dem Schwanz. Nie erreicht einen der Glaube, es könnte einen wirklich die Beine weghauen, schließlich ist das Ganze schwer kommunizierbar – auch die Pleite sprengt nicht die Autorität unverständlicher Fachtermini.

Die grinsende Gemütlichkeit eines Jeff Bridges in Last Picture Show/Texasville, festgezurrt über dem Abgrund. Das Darüber-hinweg-reden der anderen, die Einsamkeit in den wirtschaftlichen Realitäten. Das Verschwinden der materiellen Welt zwischen Ratenzahlungen. Kreditkarten und Offenbarungseiden. Der gesellschaftliche Fortschritt dokumentiert sich dort auf T-Shirts: „A womans place is in the mall.”

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© ulrich heinke