marseille, 1994

Marseille 1994

Am Küchentisch sprachen meine älteren Geschwister ständig über den „Tod aus dem Kaufhaus“. Diese Formulierung brachten sie in jedem passenden oder unpassenden Zusammenhang. Sie hatten ihr Mantra in der Zeitschrift der Stiftung Warentest aufgeschnappt – Schlauchboote waren getestet und eklatante Mängel festgestellt worden. Die Stiftung bestand damals erst wenige Jahre und manche Testergebnisse waren so spektakulär „mangelhaft“, dass die Tagespresse die Themen aufgriff – diese Art des Verbraucherschutzes war damals etwas völlig Neues. Ich kann mich sogar noch an den Test erinnern: Es ging um Schlauchboote mit Außenbordmotor, brachial motorisiert hatten sie das Potenzial zum spektakulären Unfall.

Als mein großer Bruder dann wenig später mit mir in unserem eigenen Schlauchboot (mit Paddeln, aber ohne Motor) auf der Fulda „in See stach“, war der Ärger natürlich vorprogrammiert. Ich konnte als Fünfjähriger kaum über den Bootsrand hinaus gucken, sah aber interessiert ans Ufer, denn dort liefen meine Eltern entlang: wild gestikulierend und rufend. Ich glaube, meine Eltern hielten die Wasserstrudel an der nahen Eisenbahnbrücke, deren Pfeiler mitten im Fluss standen, für gefährlich. Meinen Bruder gelang es aber, das Schlauchboot vor der Brücke ans Ufer zu lenken, dort wurde er dann von meinem Vater aufs herzlichste in Empfang genommen.

Ich erinnere mich noch an ein weiteres solches Erlebnis mit meinen Eltern. Auf Mallorca schwamm ich einmal ziemlich weit eine langgezogene Bucht hinaus, und hatte dann am Ende der Bucht, kurz vor dem offenen Meer, Gelegenheit an Land zu klettern. Beim Zurücklaufen am felsigen Ufer entlang sah ich auf der anderen Seite der Bucht meine Mutter nach mir suchen, die mich immer noch im Wasser, oder Schlimmeres, vermutete. Ich machte dann bald mit Rufen auf mich aufmerksam, was mir sicher etwas peinlich war. Vermisst und dann gesucht zu werden, brachte mir kurz das Gefühl, nicht auf dem Planeten zu verweilen – als viel zu kurz empfand ich es hinterher.

Bei einem Frankreichurlaub mit meiner Familie tankte mein Vater immer bei den „Fina“- Tankstellen. Für eine bestimmte Menge Benzin gab es Sammelmarken, die man in ein Heft einkleben konnte. War ein Heft voll, konnte man sich eine Prämie aussuchen. Da mein Vater einen spritfressenden Ford mit V6 Motor fuhr, füllte sich das Heft entsprechend schnell. In einem kurzen Entscheidungsfindungsprozess, maßgeblich beeinflusst von meinen großen Geschwistern, wählte ich für mich ein kleines Schlauchboot aus. Das Boot war in den Farben des Fina-Konzerns gehalten, den französischen Nationalfarben entsprechend Rot-Weiß-Blau. (Das Unternehmen Petrofina war zwar ursprünglich belgisch, fusionierte aber 1999 mit dem französischen Konkurrenten Total zu Totalfina, nur um wenig später mit ElfAquitaine zu TotalElfFina zu werden, seit 2003 wieder Total.)

Ganz vorne auf dem Boot stand „Fina-Mix“. Der Clou war jedoch die aufgedruckten Instrumente: ein Geschwindigkeitsmesser und noch anderes technisches Zeug, das ich nicht kannte. Obwohl sich natürlich kein einziger Zeiger der „Instrumente“ bewegte, starrte ich doch immer ganz fasziniert darauf. Es waren auch einige Warnhinweise aufgedruckt, denn das Boot war nur knapp einen Meter lang und taugte gewiss nicht zum Hochseeangeln. Eigentlich bot sich für einen Einsatz nur der Nichtschwimmerbereich eines bewachten, öffentlichen Schwimmbads an. Trotzdem verbrachte ich damit einige Zeit im Salzwasser, um mich bei höheren Wellen mehr oder weniger kontrolliert zum Kentern zu bringen. Der Einsatz außerhalb der eigentlichen Bestimmung zeigte dann schnell Spuren: der Boden des Bootes, nur eine dünne Folie, war schnell ausgetreten und das Boot tauchte fortan nur noch als Schwimmreifen im heimischen Freibad.

pomAugust 2010