barcelona, 1991

barcelona 1991

Eine Zeit lang habe ich immer gleich einen neuen Schlauch für mein Fahrrad gekauft. Ich dachte, flicken macht eh keinen Sinn. Schließlich sind die Misserfolge vorprogrammiert: das Loch ist zu groß zum Flicken, das Loch ist zu nahe am Ventil, der Flicken hält nicht oder der „unbekannte spitze Gegenstand“ steckt weiterhin im Fahrradreifen und sorgt bald für das nächste Loch. (Gut, beim letzterem Problem hilft auch der neue Schlauch nur wenig.)

Seit einiger Zeit bin ich aber wieder mit einem „Fahrradreparaturset“ ausgerüstet. Eine kleine grüne Box im Rallyestreifendesign mit einem Fitzelchen Schmirgelpapier drinnen. (… um nur die Highlights zu nennen! Selbstverständlich befinden sich auch ein paar Flicken und eine kleine Tube wohlriechender Klebstoff darin.) Beim Flicken des Schlauchs geht man den Dingen so ziemlich auf dem Grund, finde ich. Es kommt ja nicht mehr so oft vor, dass man etwas aufschraubt, um mal hineinzugucken. Eben auf der Suche nach einer offensichtlichen Lappalie, die man gerade noch selbst beheben kann. Auch dem Fahrradhändler ist es mittlerweile verwehrt eine Nabenschaltung zu reparieren – das Teil muss an den Hersteller eingeschickt werden, Ersatzteile sind nicht erhältlich. Eine Welt aus Fertigteilen voller unbekannter „Black Boxes“.

Zurück zu meinem Fahrrad: den Reifen demontiert, dann den Mantel (oder wie der Fahrradhändler sagt: die Decke) von der Felge gezogen. Zumeist mit einem ungeeigneten Schraubendreher, denn der steht im Verdacht weitere Löcher hinein zu reißen. Den Schlauch zur Anamnese kurz aufgepumpt, wenn einem dann nicht schon die „Gummiluft“ aus dem Loch entgegenströmt, den Schlauch kurz ins gefüllte Waschbecken halten, irgendwo steigen dann tatsächlich ein paar Bläschen aus dem Wasser auf.

Das Flicken des Gummis soll ja etwas mit „Vulkanisieren“ zu tun haben. Ich finde, dass klingt so toll nach Hochofen, nach guter alter Schwerindustrie: „Still mal alle hier! Volle Konzentration, ich vulkanisiere gerade etwas!“ Vielleicht muss man deshalb vor dem Kleben des Flickens den Schlauch aufrauen, der Kleber vulkanisiert dann den Flicken mit dem Reifen aufs Unzertrennlichste zusammen.
Die Vulkanisierung wurde übrigens von Herrn Goodyear 1839 erfunden. Ein Verfahren „bei dem Kautschuk unter Einfluss von Zeit, Temperatur und Druck gegen atmosphärische und chemische Einflüsse sowie gegen mechanische Beanspruchung widerstandsfähig gemacht wird.“ (wikipedia.de) Man baut ein paar „Schwefelbrücken“ und macht so das Gummi geschmeidig. Porös und brüchig wird es dann im Laufe der Zeit, wenn Sauerstoff die Schwefelbrücken ersetzt.

Im Internet ist die verzweifelte Suche einer Firma dokumentiert, die Kranreifen vulkanisieren lassen möchte. Nicht zu finden – wahrscheinlich ein Größenproblem. Die Atmosphäre in einer Vulkanisieranstalt? Ich muss raten: so wie in der Galvanisierungsanstalt? Den Handwerksbetrieb als Anstalt zu bezeichnen ist schon furchteinflößend genug: „Na, dann zeigen Sie mal her was Sie da haben? Ne, Kranreifen machen wir nicht, wird zu selten nachgefragt!“ Der inhärente Wissensvorsprung des ausgebildeten Personals und der Laie vor dem Tresen. „Also reicht Ihnen das zu nächster Woche Freitag? Vorher geht’s eh nicht!“

pomJuli 2010