berlin, 1989

berlin 1989

Die Unterbrechung der Kühlkette macht mich nervös. Kaufe ich eine Packung Speiseeis im Supermarkt, ziehe ich immer die aktuelle Außentemperatur in meine Kaufentscheidung mit ein. Ich bin eigentlich erst mit mir im Reinen, wenn auch draußen mindestens -18° herrschen und ich die Packung auf dem Nachhauseweg mit den Füßen vor mir her kicken kann. Als Alternative wäre noch eine Autofahrt mit geöffneten Fenstern vorstellbar. Fern liegt mir der Gedanke, dass das Eis bei -18° in der Truhe liegt und damit von seiner optimalen Verzehrtemperatur noch ein ganzes Stück weit entfernt ist. Ich bin eigentlich der Kandidat für eine dieser schmucken silberfarbenen isolierenden Kühltüten, die man sich im Supermarkt dazukaufen kann. Meist ist eine stilisierte Schneeflocke auf der Tragetasche abgebildet. Das halte ich für eine plausible Botschaft – das chemische Zeichen für Stickstoff („N“) würde mich allerdings noch mehr überzeugen.

Vorausschauendes Handeln (hier: der Tütenkauf) finde ich aber immer sehr ernüchternd und daher unattraktiv. Ich würde z.B. auch nie die Windschutzscheibe meines Autos über Nacht mit einer silberfarbenen Folie bedecken, nur damit ich am Morgen kein Eis kratzen muss. Erlebnisreicher ist es, die Scheibe nur oberflächlich vom Eis zu befreien und auf die langsam einsetzende Wirkung des Warmluftgebläses zu warten. Ich fahre also schon los, lege den Kopf zur Seite und schaue durch den schmalen Streifen, den die warme Luft zuerst im unteren Drittel der Windschutzscheibe freigelegt hat. Schön zu sehen, wie sich die heiße Luft in Form einer kurzen Schwingungskurve nach oben arbeitet. Der angetaute Rauhreif lässt sich später mechanisch mit den Wischern von der Scheibe kratzen.

Mein Unbehagen gegenüber unterbrochenen Kühlketten ist letztlich nicht rational begründbar. Tiefkühlkost ist gar nicht das kritische Material, dem man Aufmerksamkeit widmen sollte, sondern es sind die nur leicht gekühlten Dinge, wie z.B. Hackfleisch. Tatsächlich kann man frisch gekauftes Hack am besten zwischen 3-4 Packungen Tiefkühlgemüse in einer Thermotüte nach Hause bringen. Die deutsche Hackfleischverordnung schreibt übrigens vor, dass durchgedrehtes Hack nur zwei Stunden lang in der gekühlten Verkaufstheke bei max. 4° liegen darf, danach muss es entsorgt werden (um als Bulette wieder aufzuerstehen?)

Nehme ich zu Hause ein eiskaltes Bier aus dem Kühlschrank, denke ich sofort an den nun unweigerlich in Gang gesetzten Prozess der Erwärmung. Die bildliche Entsprechung dafür finde ich in der bekannten Steuerschuldenuhr des Bundes der Steuerzahler in Berlin. Links bewegt sich kaum eine Ziffer, aber je weiter man nach rechts schaut, desto schneller rasen die roten Zahlen, es endet in einem flimmernden Stakkato in dem längst keine einzelnen Zeichen mehr erkannt werden können – auch wenn man noch so sehr versucht mit den Augen dagegen zu blinzeln. Ich muss das Bier also sofort trinken. Unser Kühlschrank sieht übrigens in seiner Getränkezone eine Temperatur von 7° (!) vor. Bin ich denn ein Bierbrauer, der sein Bier bevorzugt bei Raumtemperatur trinkt? Jeder weiß doch, dass zumindest ein amerikanisches Bier bei 0° getrunken werden muss. Also liegen die Biere zu Hause immer im Gemüsefach, dort sollen angeblich die halbwegs kalten 0° herrschen. Trotzdem trinke ich mein gerade noch kaltes Bier immer mit den rasenden Zahlen der Steuerzahleruhr vor Augen.

Nochmal die Kühlkette: Irgendwie vermute ich da mafiöse Strukturen, schließlich darf die Kette nicht unterbrochen werden und in nicht wenigen Industriegebieten hört man nachts das Brummen der Kühlaggregate auf den LKWs. Eine Tiefkühlmenü-Firma musste vor einigen Jahren ihr Quartier in Kreuzberg räumen, da sich Anwohner über den nächtlichen Lärm der Kühlanlagen beschwerten. Die Kühlung ist etwas für die Außenbezirke. Das Brummen im Stillstand hat etwas. Es macht das Kühlfahrzeug zu einer Art lauerndem Wesen.

Dann gibt es diese Tiefkühlfirmen wie Eismann oder Bofrost. Sie suchen permanent nach selbstständigen Fahrern, die die überteuerten Kühlwaren an den Endverbraucher bringen. Auf dem Heck der Eismann Fahrzeuge prangt eine Dauerwerbung: Kollege gesucht. Wahrscheinlicher ist aber, dass man statt Kollege eher ein Einzelkämpferschicksal führt, mit einer fahrbaren Kühltruhe und einer Menge Schulden im Rücken und mit einem hochglänzenden Verkaufskatalog mit wirklich gesalzenen Preisen. (Salz ist übrigens auch eine Form der Konservierung.)

Vor dauerhaft plakatierten Stellenanzeigen sei jedenfalls gewarnt. Damals auf dem Schützenfest in unserem Dorf klemmte immer ein Pappschild im Kassenhäuschen vom Autoskooter. Dort stand jedes Jahr wieder: „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“. Geschickt wurde im Text das Wort „Arbeit“ vermieden. Auch die Handschrift auf Pappe hatte so etwas befreit Improvisiertes und Spontanes. Aber als treuer Käufer von Autoskooterwertmünzen über die Jahre, („1 für 2 DM, 3 für 5 DM“) wusste ich es natürlich besser.
pomJuni 2010