berlin, 1993

Berlin 1993

Damals bin ich mindestens einmal täglich am Bahnhof Zoo gewesen. Ich kam mit der U-Bahnlinie 9, an der Rolltreppe und den Treppenaufgängen stauten sich die Leute. Oben stand man dann auf dem Hardenbergplatz. Zur 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin befand sich dort ein merkwürdiges Ensemble von grau marmorierten BVG-Buden, in denen man Fahrkarten erwerben konnte. Eine recht prosaische Funktion für einen Platz, an dessen anderem Ende sich immerhin der Eingang des Berliner Zoos versteckte.

Der Bahnhof Zoo hat heute an Bedeutung verloren. Fernzüge passieren die Station ohne Halt, die Berlinale ist längst an den Potsdamer Platz gezogen, windige Investoren versprachen ein Riesenrad am Zoo, prellten aber die Anleger um Millionen, und für die darbenden Warenhäuser am Tauentzien werden dringend Geldgeber gesucht – dabei war die Gegend einst das Aushängeschild des schillernden West-Berlins.

Die hübscheste Ikone dieser Zeit verschwand ziemlich unbeobachtet im letzten Jahr. Es war der beleuchtete Reklamekasten des Chinarestaurants „Tai-Tung”. Der auffällige Leuchtkasten auf Straßenniveau war nötig, denn das „Tai Tung” lag im ersten Stock des „Bikini”-Hochhauses an der Budapester Straße und konnte so von Passanten leicht übersehen werden. Auf einem Foto strahlte uns dort der Schauspieler Harald Juhnke entgegen. Vor ihm eine ganze Ente „kross”, die Juhnke hoffentlich nicht mit den Stäbchen, die er in der Hand hielt, verzehren wollte. Juhnkes Gesicht glänzte ebenso fett wie die knusprige Haut der Ente. Juhnke sah lässig aus: weißes Hemd mit abgerundeten Kragenecken, einfach gebundene dunkle Strickkrawatte und ein hellgelber Pullunder mit tiefem V-Ausschnitt, so wie ihn auch Genscher immer trug. Juhnke war alkoholkrank, seine Abstürze gingen regelmäßig durch die Presse, später im Alter litt er an Demenz. Ich kam ziemlich oft an dem Plakat mit Juhnke vorbei. Er veränderte sich nie auf diesem Foto, blieb immer schön derselbe, wenn doch seine eigene Welt stets zusammenbrach. Auch seinem Tod im Jahr 2005 blieb die Reklame noch hängen, verschwand auch nach der Schließung des Lokals nicht sofort, sondern schien die Zeit zu überdauern. Wie wurde Juhnke zur Reklamefigur eines China-Restaurants?

„Juhnke hatte sich 1971 in dritter Ehe mit der Tochter des Restaurantgründers, Susanne Hsiao, vermählt. (…) Der Vorgänger des Restaurants mit gleichem Namen war noch 1944 in der Meinekestraße von Martin Liu gegründet worden. Nach dem Krieg (1957) eröffnete Yunlai Hsiao, später Juhnkes Schwiegervater und wie Liu ebenfalls Akademiker, das Tai-Tung in diesem neu errichteten Gebäude zwischen Zoologischem Garten und Breitscheidplatz. Durch die gehobene Küche und das gediegene Ambiente lockte es vor allem in den 1960er Jahren Prominente wie Hildegard Knef und den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt an.”
(aus: Monika Thiemen und Dagmar Yu-Dembski „China in Charlottenburg”, Kiezspaziergang, 2007, Webseite des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf)

Auf der Webseite des „Tai Tung” heißt es, dass das Lokal seit dem 15.1.2009 wegen Gebäudesanierung geschlossen ist. Die Wiedereröffnung ist äußerst ungewiss.
In Deutschland servierte man jahrelang eine sehr angepasste Chinaküche, nicht zu scharf und mit viel brauner Soße. Der Unterschied zum deutschen Essen bestand zum Großteil nur darin, dass alles schon kleingeschnitten auf dem Teller lag und bequem mit der Gabel in den Mund geschoben werden konnte. Mit Stäbchen kam der Deutsche nicht zurecht, und den Reis in der Schale fand man zu trocken und ließ ihn kalt werden. Der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder bringt es auf den Punkt: „Das China-Lokal ist der letzte Hort der bürgerlichen (deutschen) Küche, nur mit Folklore verpackt.” Eine völlige Neuinterpretation asiatischen Essens also. Der chinesische Künstler Ai Weiwei erinnert sich an einen Restaurantbesuch in Kassel: „Es schmeckte wie aus dem Weltall”.

Natürlich sind die China-Restaurants auch eine anrührende Einwanderergeschichte. Manche Läden in Berlin hatten Tradition, die Restaurants der ersten Stunde sind aber meist verschwunden, zugunsten von Sushi oder Erlebnisgastronomie mit angeklebten Pagoden und Koikarpfenteich. Die ersten Restaurants mit chinesischer Küche eröffneten in den 1930er Jahren rund um die Kantstraße. Nach dem Krieg waren es vor allem Akademiker, die nach ihrem Studium in Deutschland blieben und mangels beruflicher Perspektive zu Gastwirten wurden. Die chinesische Küche musste freilich den westeuropäischen Geschmäckern angepasst werden.

Gegenüber dem „Tai Tung” lag übrigens das „Lingnan”. Die Inneneinrichtung stammte vom Scharoun Schüler Chen Kuen-Lee, der auch Hochhäuser für das Märkische Viertel entwarf. Im „Lingnan” wurde das „aspekte” Kulturmagazin zur Berlinale produziert. Das ZDF mietete das Lokal zu dieser Zeit komplett, und man hatte in den Gesprächsrunden einen tollen Blick auf den Zoopalast. Das Schimmelpfenghaus mit dem markanten Riegel über die Kantstraße hinweg – dort lag das „Lignan” im ersten Stock – wurde vor kurzen abgerissen. Gerade wird dort ein neues Hochhaus errichtet, das „Zoofenster”, unter anderem mit einer Filiale des New Yorker „Waldorf Astoria” Hotels, einer Marke des Hilton Konzerns.

pomApril 2010