villa opicina, 1999

villa opicina, 1999

Am 10. Juni 2007 lief in den USA die letzte Folge der amerikanischen Mafia-Serie „The Sopranos“ über die Bildschirme. Ich habe mich jetzt bis zur letzten Staffel durchgearbeitet, zögere aber, mir die letzten Folgen anzusehen. Schließlich birgt es ja ein gewisses Risiko, eine Fernsehserie bis zum Ende durchzuhalten. Man verlässt eine Welt, in der man auch selbst ein Stück heimisch geworden ist.

Und dann erzählte mir auch noch jemand von einem „sehr unbefriedigenden Ende“ der Serie. Dieser Bekannte, ein ausgewiesener TV-Serienkenner, interessiert sich nun nicht sonderlich für die Sopranos. „Eine Fernsehserie für Leute, die Fernsehen eigentlich nicht mögen.“ Glaubt man den Theoretikern der Pop-Kultur, so liegen TV-Serien, was die gesellschaftliche Relevanz betrifft, ganz weit vorne, als die Spiegelbilder unserer (Alltags-)Kultur. Da scheint auch etwas dran zu sein, sind doch fast alle großen Kino-Erfolge der letzten Jahre Fantasy- oder Science-Fiction(Katastrophen)-Filme gewesen, während sich die TV-Serien dem wahren amerikanischen Leben widmen.

Also, am Ende der letzten Soprano-Staffel werde ich 86-mal den Vorspann gesehen haben. Tony Soprano, das Familienoberhaupt, fährt mit seinem Jeep von New Jork raus nach New Jersey. Der Vorspann besteht aus 60 einzelnen Einstellungen, die rasant hinter einander geschnitten sind. Alles scheint sich in dieselbe Richtung zu bewegen. Nur ein paar Takes sind gegenläufig geschnitten, einmal fährt so die Kamera an einem schmalen Haus mit der Aufschrift „Pizzaland“ vorbei.

Dieses „Pizzaland“ existiert tatsächlich. Und es hat so seine Probleme mit seiner plötzlichen Popularität. Fast trotzig wird auf der Webseite darauf hingewiesen, dass es die Serie erst seit 1999, das Pizzaland jedoch schon seit 1965 gebe. Seine Entstehung ist die typische Einwanderergeschichte: der italienische Arbeiter Fred DiPiazza träumt vom eigenen Business, gewinnt ein Grundstück beim Kartenspiel (!) und stellt dort diese Pizzabude drauf. Als Alleinstellungsmerkmal gilt fortan ein original sizilianisches Familienrezept, welches über Generationen hinweg auf dem Sterbebett weiter gegeben wird. Der Gründer verstarb 1991, sein handgefertigtes Eingangsschild hängt immer noch über der Tür. Es gibt also schon eine Geschichte vor den Sopranos.

Die Webseite wirkt erfrischend selbstgebastelt, die Fotos der Pizzen scheinen mal eben mit dem Handy geknipst worden zu sein. Eine Ausweitung des Angebots erfolgte augenscheinlich nicht – Pizza rules o.k.! Ein weiteres Beispiel für die Bürde des Ruhms: eine Pizza „Tony Pepperoni“ oder „Carmela Mozzarella“ hat man sich verkniffen. Wenigstens hängt ein gerahmtes Bild der Hauptdarsteller der Serie im Lokal, versehen mit den originalen Unterschriften der Schauspieler, besonderer Wert aber wird auf das an der gegenüberliegenden Wand hängende Bild der Corleones gelegt – man fühlt sich eben niemanden verpflichtet bei Pizzaland. Ambivalent ist das Verhältnis dann doch: ruft man die Webseite auf, dudelt die ganze Zeit die Vorspannmusik der Sopranos (A3 – „Woke Up This Morning“), und ein paar Klicks weiter kann man sogar „Pizzaland“-T-Shirts bestellen, mit den Sopranos als Schattenriss. Das Geschäft hat sicherlich Aufschwung genommen, schließlich versendet man nun tiefgefrorene, vorgebackene Pizzen in „dry ice or gel packs“ landesweit, man solle nur bitte seine Adresse exakt angeben und bloß keine Postfachadresse nennen.

Auf meine Mail, ob die T-Shirts auch nach Übersee verschickt würden, bekam ich tatsächlich schon nach wenigen Stunden Antwort. Ein gewisser Todd meinte, dies sei kein Problem. Nach Deutschland für 20 $ Versandkosten, zwei Shirts könne ich auf diesem Wege bestellen. Ich war schier entgeistert von diesem Wirklichkeitseinbruch, die Sopranos bei mir zuhause! Also, ich überleg’s mir noch, mit den T-Shirts …

pomMärz 2010