berlin, 1989

berlin 1989

Es gibt sie noch, die Orgel beim Eishockey! Alle vier Jahre vielleicht, zuletzt bei den olympischen Spielen, schaue ich mir ein Eishockeyspiel im Fernsehen an. Durchblicken tue ich aber so gut wie nichts, das Spiel ist zu schnell, der Puck viel zu klein. Und tatsächlich: zu Beginn gibt es diese Orgelmelodie! Die Tonleiter rauf und runter, erst langsam dann immer schneller. Der Musikeinsatz folgt einer gewissenhaften Dramaturgie. Dabei ist die klassische Orgelmelodie nur noch ein Teilchen des Ganzen. Oft wird Musik vom Band abgespielt. In jedem Eishockeystadion und für jede Mannschaft gibt es natürlich eine eigene Musikauswahl, nur eines scheint immer gleich zu sein: bei gegnerischen Toren wird nichts gespielt.

Ein traditionsreicher Hockeyverein (in Ländern wo vorzugsweise Eishockey gespielt wird, spricht man einfach von Hockey, die nordamerikanische Profiliga heißt auch nur kurz NHL „National Hockey League“) leistet sich natürlich einen eigenen Organisten. Für die Boston Bruins ist es Ron Poster. Auf seiner Webseite kann man sich den „Official Theme Song“ der Bruins anhören. Der Song heißt „Paris“, beginnt mit Orgel und Akkordeon. Dem Auftakt nach zu urteilen, soll man an die Stummfilmzeit erinnert werden: ein Filmschwenk über die Seine, ein Schiff fährt unter den Brücken hindurch, ein zerkratztes, ausgeblichenes Stück Film – dann jedoch kommt ein schneller Schlagzeugbeat hinzu, die Orgel wimmert plötzlich wie eine Gitarre und alles endet in einem ekligen Stakkato. Weggewischt ist die Assoziation vom Paris der Vorkriegszeit, eher denke ich an Bier in Plastikbechern, Zigarettenrauchschwaden und zugige Hallengänge – Absturz in die Realität in nur 30 Sekunden. Diese Stimmungsmusik, zu Hause am PC gehört, ist ein Höllenritt. Schließlich überfällt mich die zwanghaft gute Laune geradezu rücklings. Nun erst verstehe ich, warum der Typ von gegenüber immer die ganze Nachbarschaft mit seiner Stimmungsmusik beschallt! Allein gehört stürzt sie einen in Depressionen, da hilft nur das gemeinsame Erlebnis – auch wenn es erzwungen wirkt: hinwegprosten kann man sich den Zwang zur guten Laune nur im Kollektiv.

Also immerhin 75 % der Clubs im nordamerikanischen Hockey beschäftigen noch Organisten. Hervorzuheben ist der Live-Charakter der Musik: die Musiker können direkt auf Spielsituationen eingehen, sie fühlen sich als Teil des Teams. Der beste Platz für den Organisten ist hoch über dem Publikum, am besten auf der Spielfeldseite mit dem Tor, auf das die Heimmannschaft zwei Spieldrittel lang spielt. Die Koordination von Orgelmusik, Musik vom Band, Videoeinspielungen und Licht erfordert den Einsatz eines Regisseurs, der meist von der Pressetribüne herab agiert. Paul Cartier, von Beruf Fluglotse und nebenbei Organist für die „New York Islanders“ hat den Wandel mitbekommen: in den 1980er Jahren spielte er noch 15-20 Songs an einem Abend: „…that doesn’t happen anymore. It’s all recorded, no dead space allowed. Now I’ll play two or three songs, tops. The only time I get to play a full song is when someone gets injured.” ( aus „Devils’ Organist Remains Part of Arena’s Rhythm“, by Jeff Z. Klein, New York Times, 05.02.2010)

pomFebruar 2010