antwerp

antwerpen, 2009

Unter den vielen nicht gedrehten Filmen fehlt mir unter anderen dieser hier: Eine französische Elektropopband tingelt Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch die Provinz. Auf der Bühne zwei introvertierte junge Männer, die sich hinter ihren Gerätschaften verstecken, im Vordergrund eine ziemlich exaltierte Sängerin.

Seriöse Filmkritik würde jetzt nicht die Liebesdreiecksgeschichte rausklauben sondern eher die Individuen sezieren: „…und auch Ryan wird sich darüber klar, dass in ihm ein ebenso unkalkulierbares wie unzerstörbares Restbedürfnis nach menschlicher Nähe und Zuwendung ruht.“ (aus Meilen und mehr, Anke Westphal, Berliner Zeitung vom 02.02.2010)

Die Band ist unterwegs zwischen Brest und Quimper durch die Bretagne. Regen peitscht gegen die Scheiben des Tourbusses. Die Jungs klopfen mit den Fingern auf die Armaturentafel und drücken Bierdosen zusammen. Die Sängerin schläft. Ihr Bruder fährt den Bandbus, er ist das Mädchen für alles (Berufswunsch: Musikmanager). Vorgestern waren sie noch bei den Hinkelsteinen in Menec und haben Fotos gemacht. Der Wind riss immer wieder die Wolkendecke auf und die Sonne kam zum Vorschein. Sie witzelten über das Cover von Mike Oldfields „Tubular Bells“ und planten eine Persiflage für ihr nächstes Album, mit einer Art „Tubular Bells“ Piktogramm als Sticker auf dem Cover. „WARNING: CONTAINS ELECTRONICAL MUSIC WITHOUT PROFOUND THOUGHTS“

Die Sängerin betritt in silbernem, paillettenbesetzten Blazer und weißen Jeans die Bühne. Die beiden Jungs tragen Hose schwarz, Rolli schwarz, zwei rote Hemden sind auch im Koffer, als „Kraftwerk“ Zitat, aber keiner mag sie so recht anziehen.

Daryl Hannah hätte damals für die weibliche Hauptrolle gewonnen werden können, nach „Attack Of The 50 Ft. Woman“ besaß sie schon Kultstatus. Später wurde sie bei einer Bergkuppenbesetzung gegen ein Kohleabbauvorhaben festgenommen und gilt seitdem als politisch korrekt.

Entnervt von den Liebesgeständnissen ihrer Bandkollegen kehrt die Sängerin in ihre Wohnung in einer Pariser Vorstadt zurück. Die Aufnahmen für eine neue CD schwänzt sie und fliegt nach Saint-Martin. Da lässt der Remix der ersten Single durch einen Techno DJ die Verkäufe plötzlich ansteigen. Die Band möchte schnell einen Hit nachschieben, aber Daryl Hannah lässt die Anrufe ihres Bruders unbeantwortet. Einer der Jungs überlegt ernsthaft, sich ein „Tubular Bells“ Tattoo stechen zu lassen.

Die Idee der Paralleluniversen setzt sich in der Physik immer weiter durch. Kritiker warnen noch vor der Theorie, sie sei zu spekulativ, nicht zu beweisen, die Wissenschaft käme durch sie zu einem deprimierenden Ende. „So lässt sich’s leben!“ belächeln einige diese Problematik und bestellen einen weiteren Drink an der Bar.

In einer letzten Einstellung sieht man den Bruder der Sängerin auf einer Straßenkreuzung, wild gestikulierend wegen eines Bagatellunfalls mit einem fahrenden Marktstand für Grillhühner, irgendwo in der bretonischen Provinz.
pomJanuar 2010