luzern, 2002

Schweiz 2002

Der Hund war so groß wie ein Zirkuspony. Erst dachte ich, jetzt kommt gleich die scheppernde Sammelbüchse fürs Winterfutter, aber der Mann war tatsächlich mit einem irischen Wolfshund oder einer anderen zotteligen Bestie unterwegs…

Zirkus ist wirklich ein schwieriges Thema. Im Normalfall gastiert immer irgendein Minizirkus ein paar Straßen weiter auf einer öden Brachfläche. Glühbirnen an der Kette funzeln über einem vorzugsweise gelb-roten Zelt. Einzig der Kassenwagen und das beleuchtete Eingangsportal sind herausgeputzt, weiter hinten stehen altersschwache Zugmaschinen, ein paar Tiere sind draußen im Nieselregen angepflockt und haben ihr kleines Terrain längst rundherum platt getreten. Die Satellitenschüsseln auf den vergilbten „Tabbert“ Wohnwagen recken sich empfangsbereit gen Himmel. Morgens pilgern ein paar Kindergartengrüppchen zur Frühvorstellung, nachmittags müssen Oma und Opa mit dem Enkel hin. In den Geschäften rings herum liegen Zettel aus, die Rabatte für die Nachmittagsvorstellungen versprechen. Der Name des Minizirkus ähnelt merkwürdigerweise immer einem der wenigen noch übrig gebliebenen Großbetriebe der Branche, statt Williams dann William, oder Crone statt Krone – vom Zirkus Busch sollen auch vier oder fünf Betriebe durch die Republik tingeln.

Die Zirkusbetriebe sind längst ins Fadenkreuz der Tierschützer geraten, Stichwort: nicht artgerechte Haltung. Diese kann im Zirkus kaum besser sein als im Zoo – für kranke und altersschwache Tiere wird die Unterbringung in einem Tierpark gefordert, wohl als eine Art Altersruhesitz. Die Tierschützer sind gut vernetzt und zeigen auf ihren Webseiten z.B. Videos einer an Arthrose erkrankten Elefantendame, die symptomatisch ihr rechtes Hinterbein nachzieht. Es gibt tatsächlich die Internetplattform „Zirkus-ohne-Tiere“, spontan fällt mir dazu „Wald ohne Bäume“, oder „Haus ohne Dach“ ein, aber wahrscheinlich werden diese Aktivisten schon Recht haben. Die Vorstellung „ohne Tiere“ ist zwar irgendwie trostlos, die Tiere im Zirkus sind es aber eben auch.

Die spontan befragten Zirkusbesucher sind selbstverständlich der Meinung, ohne Tiere kein Zirkus. Und die Raubtierdompteuse sieht 4-5000 Arbeitsplätze in Gefahr, falls der tierfreie Zirkus kommt, schließlich würde dann ja alles den Bach runter gehen. Tierdressur ist doch ein seltsames Metier: 2542 mal springt der Tiger durch den brennenden Reifen, beim 2543. Versuch haut er dem Dompteur eins mit der Pranke runter: halt unberechenbar diese Wildtiere! Siegfried und Roy versuchten verzweifelt ihre Marke zu retten, nachdem Roy durch einen Tiger schwer verletzt worden war. (Roy erlitt einen Schlaganfall auf der Bühne, seiner Aussage nach wollte der Tiger ihn dann retten, erreichte mit einem Biss in den Nacken aber genau das Gegenteil) Beim nächsten öffentlichem Auftritt sah man dann, dass Roy zwar tapfer lächelte, aber doch irgendwie ziemlich fertig aussah. Und Siegfried ohne Roy, das geht ja gar nicht…

Ohne die Tiere wäre da noch der Clown, der traurige Clown, den wir von kitschigen Ölgemälden her kennen. Den Clown, um mal persönlich zu werden, den ertrag ich nicht. Der Clown ist nie lustig, weil sein merkwürdiges Gebaren immer der gleichen, peinlichen und langweiligen Choreographie folgt – groteske Kullertränchen halt. Eventuell war ja Oliver Hardy der einzig große Clown, mit seinem immerwährendem Scheitern, quasi einem Naturgesetz folgend und dieser unvergesslich griesgrämigen Grimasse. Diese Grimasse bot aber mehr als Unzufriedenheit, der Blick ging direkt in die Kamera und schien voller Weisheit um den ewigen Weltschmerz zu sein. Aber der Clown, der die Welt nur ein wenig lustiger und erträglicher machen möchte, dazu noch mit sedierten und mildtätigen Blick, der endet als Werbefigur einer Schnellrestaurantkette. Komische Werbeikone, nebenbei bemerkt, denn schließlich haben so viele Kinder Angst vorm Clown, dass es dafür sogar einen Namen gibt: Coulrophobie!

Erinnert sich noch jemand an „Dr. Muffels Telebrause“, diese geniale Satiresendung der „Neuen Frankfurter Schule“ in den Dritten Programmen der ARD, vor gefühlten 100 Jahren? Da gab es das „Kirgisische Nationalballett“, die in albernen Kostümen Kunststücke aufführten, die keine waren, z.B. den Sprung über einen Stuhl. Eine Art Straßenversion vom Deutschrussen „Ivan Rebroff“ (geboren als Hans Rudolf Rippert in Berlin Spandau). Immer total aufgeblasen und dann die Landung im Nichts, betretenes Schweigen am Ende, um schon den nächsten Blödsinn auszuhecken? Das war einfach großartige An-Artistik.

Wie steht es eigentlich mit Staatszirkussen? Gibt es die noch, vielleicht in Nordkorea? Sollten wir wieder welche einführen? In der DDR gab es den „Volkseigenen Betrieb Zentralzirkus“, da sieht man mal welch hübsche Namen entstehen, wenn das Marketing keine Rolle spielt. Heute heißt alles so ähnlich wie „Winterzauberzirkus“ oder „Sommertraumzirkus“ usw., wie Marmelade halt.

pomDezember 2009