marseille, 1994

Marseille 1994

Die Discomusik der 70er Jahre meine absolute Lieblingsmusik? Das kann nicht gut gehen! Dabei möchte ich nicht einmal behaupten, dass ich mich wirklich auskennen würde.

Geht man ins Plattengeschäft, fallen einen ständig neue Disco-Compilations in die Hände. Aber meistens sind es nur wohlbekannte Evergreens aus den 70ern, beispielsweise „It’s Raining Men“ von den Weather Girls, oder „High Energy“ von Evelyn Thomas, die zwar auf jeder Compilation zu finden sind, mit Disco-Musik aber nicht viel zu tun haben. Für die paar weniger bekannten Stücke auf solch einer Zusammenstellung möchte man sein Geld halt nicht ausgeben. Ein echter Fan würde versuchen, Original 12’’ aus dieser Zeit zu bekommen. Ich versorge mich ab und zu mit CDs vom Flohmarkt, die landen dann als komprimierte Datei auf der Festplatte. Uninteressante Stücke werden sofort gelöscht, große Konzepte haben sowieso keine Chance mehr. Die Discomusik ist ein abgeschlossenes Sammelgebiet, so wie DDR-Briefmarken …

Discomusik sehe ich im Zusammenhang mit männlicher Hysterie. Mir fällt dabei Sylvester ein, ein US-amerikanischer Sänger, der sich mit hoher Stimme durch seine temporeichen, sich überschlagenden Stücke hechelte. (Hysterie, Sentimentalität und Hedonismus sind die besten Zutaten für künstlerisches Außenseitertum.) Auf einem anderen Planeten spielte die pure Eleganz der Bassläufe und Gitarrenriffs von Bernhard Edwards und Nile Rodgers von Chic, aber diese Klangkunst ging sicherlich weit über das Genre Discomusik hinaus. Anfang der 90er gab es ein Disco Revival. „House“-Musik war das passende rhythmische Korsett für kurze Samples aus klassischen Discosongs.

Es gibt sogar ein deutsches Discomusikforum im Netz, der letzte Eintrag stammt von 2006. Der Betreiber der Webseite hat ein Bild von sich online gestellt, mit weißem Hemd, Brille und Lockenkopf sieht er so schön harmlos aus. Die Gestaltung der Seite baut auf Clip-Art der 80er Jahre auf – das wirkt authentisch. Wir werden mit den gesamten Billboard Dance Charts aus dieser Epoche versorgt. Hitlisten, so ausdifferenziert, dass eigentlich keine Plattenveröffentlichung dieser Ära dort fehlen sollte. Will man sich mit Ernsthaftigkeit der Musik widmen – die meisten Spezialisten beschäftigen sich mit Funk-Musik und lassen den Discostil höchstens als Fußnote zu – hat Discomusik etwas zu Leichtfertiges an sich. Sie bleibt eine Randerscheinung, erscheint zweckgebunden, dient sie doch allein dazu den Tanzboden zu füllen. Eine Art rhythmisierter Muzak, der zum Tanzen zwingt.

Disco-Musik als Gebrauchsmusik hinter der keine Musikerpersönlichkeit steckt? Wir wären bei den „One Hit Wondern“ angekommen. So nennt man Bands, die nur einen Hit hatten und dann schnell wieder in der Versenkung verschwanden, z.B. die schwedische Band Alcazar mit „Crying at the Discoteque“. Außer der wunderbaren, wichtigtuerischen Schreibweise von „Discoteque“, bleibt da nicht viel Erwähnenswertes…

Die Mutter aller „One Hit Wonders“ ist sicherlich die Gruppe Opus mit ihrem (Rock-)Song „Live is Life“. Einer der besten Songtitel überhaupt! Selbstreferentialität im Titel setzt natürlich immer auf den Zusammenhang mit Musik: „Listen To The Music“(toll: denn was sollten wir gerade auch anderes tun?), „Rhythm Is A Dancer“ (klingt gut, aber was soll es bedeuten?), „Music Is My Life“ (hört sich nach persönlichen Statement an, ist aber doch austauschbar…). Opus stammen aus Österreich und da ist „Live Is Life“ so besonders schön dahingesagt und toll profan, weil das englische „Is“ ja ein umgangssprachliches „is“ im Deutschen ist. Also Einfachheit, Sturheit, Blödheit, Banalität, unvermeidliche, dummdreiste Wahrheit usw. Ich denke bei Opus an Großraumdiskotheken in alten Bauernställen, mit dunkelbraun lasierten Holzbalken an der Decke und klebrigen Bierglasringpfützen auf Resopalplatten an der Getränkeausgabe. Leider bietet die Webseite von Opus nichts außer solide gemachter Langeweile. Professionelle Konzertfotos einer Rockband auf der Bühne unter bunten Spots, komplett austauschbar. Man erfährt immerhin, dass das österreichische Bundesland Steiermark die Band mit merkwürdigen Auszeichnungen (Wehrdiensterinnerungsmedaille, Ehrenzeichen des Landes Steiermark usw.) versorgt hat. Der Song „Live Is Life“ wird besonders herausgestellt. Er führt längst ein Eigenleben, Insider sprechen kurz von „L=L“! Ein verdammt verwaltungstechnisch klingender Terminus für eine Sternstunde der Rockmusik, nicht wahr? Ende des Jahres steht im übrigen eine Aufführung des Songs mit Symphonieorchester an.

Die slowenische Konzeptrockband Laibach brillierte einmal mit ihrer eigenen, noch stupideren „Live Is Life“-Version: Ein Konzert, eine Stunde lang: „Live Is Life“! Danach musste das entnervte Publikum auf Deutsch „Leben heißt leben“ als (unverlangte) Zugabe in einer Marschmusikvariante ertragen, sicher vielen eine Spur zu intellektuell …

Herbie Hancock hat einmal das Künstlerschicksal auf exemplarische Weise vorgeführt. In einem Konzert vor handverlesenen Musikjournalisten auf einer Musikmesse in Las Vegas spielte er bekannte Popsongs als Coverversionen. Das Ganze war eine gut bezahlte Auftragsarbeit. Völlig unmotiviert und desinteressiert improvisierte sich Hancock durch die Stücke. Für diejenigen, die das Original seiner Coversongs vielleicht nicht erkannt hatten, spielte er jeweils zum Schluss noch einmal kurz das bekannte Melodiechen auf seinem Klavier an. In allen Details steckt hier eine waghalsige Aufführung von Entfremdung. An diese, für mich faszinierend zwiespältige Geschichte denke ich oft. Irgendwann einmal in der Spex gelesen, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Hancock hat neue Musikstile stets mitgenommen, ist auf jeder Welle mitgeritten. Wahrscheinlich gefällt mir diese kühle, heimatlose Genialität… Wer einmal die wunderbare Coverversion des Hits „I Thought It Was You“ (aus Hancocks Funk-Electro-Breakdance-Vocoder-Phase) von Sex-O-Sonique gehört hat (da hätten wir wieder dieses exaltierte –que!), liebt diese kurze Geschichte umso mehr: Hancocks Musik, Ihrer selbst enthoben klingt mit einem Mal so lieblich und vertraut…

Ist nicht die französische Popmusik die eigentlich legitime Nachfolgerin der schillernden Discoära? Jedenfalls evoziert der Pop von Daft Punk und Co. immer ebenso elegante wie leicht hysterische Bilder in meinen Kopf: Eine trashige Lichtorgel-Buntheit verbindet sich mit der technophilen französischen Gesellschaft. Ein Bild von einer Blumenwiese mit Atomkraftwerk im Hintergrund. Eine Musik dazu, die immer den Ausdruck eines eloquenten, gestenreichen, doch irgendwie unsympathischen und unrasierten Kettenrauchers mit sich herumträgt, eine Electropop-Band auf Tour, gestrandet im bretonischen Quimper, mit einer blonden Sängerin im silbernen Paillettenkleid, die der Liebe wegen diese Stadt nicht mehr verlassen will, und genervte aber lethargische Bandkollegen, die dies alles nicht wahrhaben wollen. (Diese Geschichte hätte man mit Daryl Hannah verfilmen sollen …)

pomSeptember 2009