trieste, 1999

Trieste 1999

In einer Zeit als man Hotels noch nicht im Internet reservierte, machte ich mich direkt nach meiner Ankunft in Triest auf die Suche nach einer preiswerten Unterkunft. Meine Wahl fiel auf ein zentral gelegenes Hotel in der Innenstadt. Das Hotel war so günstig, dass alle Zimmer langfristig vermietet waren. Da der Inhaber des Hotels mich nur ungern abweisen wollte, brachte er mich in einer Kammer unter, die sonst nur als Abstellraum genutzt wurde. Jedenfalls hatte ich die Auswahl zwischen mehreren Betten, Tischen und jeder Menge Stühlen, die allerdings alle eng zusammengestapelt waren.
Die Triester Innenstadt bestand aus einen recht gradlinig angelegtem Geflecht von Einbahnstraßen, die schnelles Autofahren offensichtlich begünstigten. Nur gestört von einer Ampel unter meinem Hotelfenster, die den Verkehr abrupt zum Stillstand zwang (mit kreischenden Bremsen) und ihn dann ebenso eilig wieder in Bewegung setzte (mit quietschenden Reifen). In der Nacht herrschte Stille, einzig unterbrochen von gelegentlichem, infernalen Mopedlärm, der sich an den Häuserwänden empor echote. Die Häuser in der Innenstadt waren von den Abgasen schwarz geworden, die Bürgersteige so schmal, dass man auf die Straße ausweichen musste, wenn einem jemand entgegen kam.

Trieste wartet auf diesem Photo mit einer Idealverteilung von Kraftfahrzeugen und Personen auf. Vielleicht ist es ein Montagmorgen, auf jeden Fall ein Werktag, aber fernab jeder Hektik. Die Rollerfahrer scheinen eins mit ihren Gefährten geworden zu sein, während die Autofahrer steif und aufrecht wie Brettspielfiguren hinter ihren Lenkrädern hocken. Es gibt einen alten Fiat 500, sogar in schwarz, ahnungslos, dass einmal der Retroschick über ihn hereinbrechen wird. Der Motorroller dahinter verliert durchs Bremsen eine Menge kinetischer Energie, heutzutage würde sich der verlorene Schwung wahrscheinlich in einer Lithiumbatterie wiederfinden. Die Kreuzung selbst bildet eine Senke, scheint die Umgebung aufzusaugen. Der Asphalt fließt bis an die Häuser und die einmündenden Straßen wirken großzügig, bieten Platz zum in dritter Reihe parken und für einen Markt auf der gegenüber liegenden Seite. Die breiten Fußgängerüberwege wirken provisorisch, kommen sie doch ganz ohne hochgebaute Verkehrsinseln aus. Die kleinen Ampeln machen ein bisschen auf Großstadt. Ob sie den Verkehr maßgeblich beeinflussen, will ich mal dahin gestellt lassen. Überhaupt einen befreiende Abwesenheit von Planung und Normung.

(Zuviel Planung und Lenkung kann den Verkehrsteilnehmer auch einlullen und in falscher Sicherheit wiegen: Bei einer Abendfahrt über die Stadtautobahn in Zürich kam ich einmal auf kurzer Strecke an mindestens drei Unfällen vorbei. Dabei schien alles so gut geregelt auf dieser Straße: Fahrbahnbegrenzung, Geschwindigkeitsregelung, Ortbeschilderung, alles perfekt. Wahrscheinlich ist ein wenig Chaos einfach besser, hält es doch die Aufmerksamkeit bei der Stange. Die Unfälle in Zürich wirkten recht surreal: ein paar Blaulichter dramatisierten die Situation, die mit ihren banalen Blechschäden doch so geerdet aussah.)

Trieste hatte wenig von von einem Masterplan, es gab zwar moderne Ecken mit Hochstraßen, die die Autos erst über die Stadt hievten, nur um sie dann ins enge Altstadtstraßenlabyrinth zu entlassen. Dagegen gab es breite, überdimensionierte Straßen in der Hafengegend auf denen kaum ein Wagen verkehrte.
Überhaupt: ähnlich wie im nordspanischen Vigo hatte man immer den Eindruck: die Musik spielt woanders. In Vigo war es die viel kleinere Provinzhauptstadt Pontevedra, die sich mit Calatrava Brücke und Skulpturenboulevard wichtig machte. Der Gegenpart vom schlafmützigen Trieste hieß Monfalcone. Dort überragten die Kräne der allgegenwärtigen Fincantieri-Werft die Gebäude der Stadt. Alles wie aufgestellt für die überzeugende Behauptung: Seht alle her: hier wird das Geld verdient!
Vigo und Trieste haben als Hafenstädte etwas überholtes, da in den relativ kleinen Häfen keine moderne Warenwirtschaft mit Containerschifffahrt aufzuziehen ist. Triest verlor nach dem Beitritt Sloweniens zur EU wenigstens seine frühere geographische Randposition. Geld verdient man mit einer Erdölanlage, deren angeschlossene Pipeline Öl über die Alpen pumpt. In Vigo setzt man auf die Fischerei, mittlerweile ist es der bedeutendste Fischereihafen der Welt. Vigo wurde im Jahre 2005 Sitz der europäischen Fischereiaufsichtsagentur. Wahrscheinlich ein bürokratisches, autarkes Monstrum, aber wenigsten spiegelt sich ein wenig Lokalkolorit darin wider. Etwas anderes halt wie zum Beispiel die globale Marke des Guggenheimmuseum, das nun mal in Bilbao steht, aber bitte schön was mit Bilbao zu tun hat?

[uh]

pomAugust 2009