helsinki, 1990

Finnland 1990

Meine Mutter meinte, ein paar Tage in gesundem Nordseeklima würden mir gut tun. Also wurde meine Großmutter beauftragt, mich als damals 6-jährigen zu meiner Tante auf die Insel Sylt zu begleiten. Ihr Plan beruhte sicher auf einem ganzheitlichem Konzept: Kind und Mutter (bei der wir damals wohnten!) gleichzeitig zur Schwester zu schicken – das klang ganz nach Entspannungsprogramm zuhause. Andrerseits: Wäre ich daheim geblieben, dann ja unter ständiger Verabreichung von Lebertran! Sollte Sylt in der Lage sein, den Lebertran mindestens zeitweise in Vergessenheit geraten zu lassen, sollte mir das nur rechts sein.

Nun soll es echtes Hochseeklima ja nur auf Borkum geben, aber da hatten wir keine Tante. Sylt tat es sicher auch. Mit dem Zug über den Hindenburgdamm anreisend waren wir auch gleich da, meine Tante wohnte direkt gegenüber dem Westerländer Bahnhof. (Der Begriff Hindenburgdamm löste bei mir als Kind eher ungute Gefühle aus. So ein langer Name für ein unscheinbares Bauwerk und: Wo bitte schön war die Burg? Und wäre ich eine gute, stolze Insel, hätte ich mich doch gegen so eine schnöde Landverbindung zur Wehr gesetzt! Meine Oma machte mich darauf aufmerksam, dass vom Damm aus links und rechts nur Wasser zu sehen war. Tatsächlich, an diesem Tag sah man beidseitig nur Grau. Und die Dampfloks, die ich einmal auf einem Foto gesehen hatte, verkehrten längst nicht mehr auf dieser Strecke – nur Diesellokomotiven, die ich sowieso auf jedem Bahnhof sah. Kann sein, dass ich geschmollt habe.)

Meine Tante arbeitete zu dieser Zeit in einer Galerie, die ausschließlich Syltmotive anbot (… mit dem Matterhorn hätte ich es dort auch nicht versucht!). Möglicherweise waren die vielen Dünenbilder auch irgendwo anders entstanden, aber mich faszinierte, wie man so etwas Charakteristisches wie die Keitumer Kirche mit nur zwei markanten, breiten Pinselstrichen herstellen wollte. Irgendwie fand ich das falsch, diese grobe Simplifizierung war für mich nicht akzeptabel. Auf den Seestücken gelang es dem Maler aber immerhin Meer, Wolken, Sand und Schilf unterscheidbar nebeneinander zu stellen. Ich hätte damals einmal den Kopfüber-Test machen sollen – ob die Wolken auch als Wasser getaugt hätten? Alle Bilder hatten gefällige, stoffbezogene Rahmen, die viel neuzeitlicher wirkten als die klassischen goldenen Schnörkelrahmen, in denen röhrende Hirsche eingekeilt waren. Insgesamt, so möchte ich mich erinnern, kamen diese Bilder so nett authentisch daher, sie sollten wohl das neue Deutschland verkörpern.

In Ermangelung geeigneter Schlafmöglichkeiten wurde ich übrigens direkt im Galerieraum einquartiert. Ein dort stehendes Sofa war schnell für mich bezogen. Der starke Geruch von frischer Ölfarbe war penetrant. Anscheinend war der Durchsatz an Gemälden hoch – die Farbe war noch nicht trocken, schon wechselte es den Besitzer. Ob sich mein nächtlicher Aufenthalt in diesen Räumen mit dem gesundheitlichem Anliegen meiner Mutter vertrug, war mehr als fraglich. Aber sicher wollten Großmutter und Tante nur das Beste, denn schließlich mündete diese Erfahrung später in einem Studium der bildenden Kunst.

Aber eine Sache irritiert mich bis heute. Fest in meiner Erinnerung verankert ist der Blick aus dem Galeriefenster auf den Bahnhofsvorplatz. Dort habe ich immer knallbunte Taxis in allen Regenbogenfarben gesehen. Ich meine sogar, mit meiner Oma darüber gesprochen zu haben. Vor ein paar Jahren allerdings traf ich einen gebürtigen Sylter, der mir glaubhaft versicherte, dass es solche bunten Taxen auf Sylt nie gegeben hätte …Waren es nun Öldämpfe oder Butzenscheiben?

[uh]

pomJuli 2009