vientiane, 2006

Vientiane, 2006

Samstags früh beim Bäcker nehme ich auch immer die Wochenendausgabe einer Tageszeitung mit. Zuhause lese ich zuerst die Autobeilage, hier heißt sie „mobil“. Auf den drei Seiten geht es allerdings ausschließlich um die Mobilität mit Hilfe von Verbrennungsmotoren, also um Autos und Motorräder. Alternativen Antriebsformen kann man sich zwar nicht vollends verschließen, aber Fahrräder oder etwa Fortbewegungsmöglichkeiten abseits des Individualverkehrs haben auf diesen Seiten nichts verloren. Glasnost, Perestroika? Nein, hier nicht.
Die Autoseiten sind meine Beruhigungspillen fürs Wochenende: es gibt dort keine Probleme, die sich nicht (auf technische Art) lösen ließen. Klar, der Zeitgeist weht auch durch diese Seiten, aber immer in Bezug auf das allgegenwärtige Automobil. Die Finanzkrise wird zur „Abwrackprämie“, die CO²-Problematik reduziert sich auf den Faktor Gramm pro Kilometer. Und wenn man sich dann einmal herabgelassen hat, die Klimaerbsen zu zählen, geht es in der nächsten Woche bestimmt wieder um einen „PS-Boliden“, der ökologisch so „herrlich inkorrekt“ ist. Umweltverschmutzung als Ausdruck eines freien Geistes? Na, prima! Schließlich ist man als Motorjournalist immer drauf und dran gleich selbst zur „Knarre“ zu greifen. Bitte kein Leben ohne gefrästen, ölgetränkten Stahl! Spaltenweise erklären die Experten, was demnächst alles besser wird. Überhaupt: Die Wendung zum Guten ist die optimistische Grundstimmung, die sich durch alle Artikel zieht, schließlich ist der technische Fortschritt ja nicht aufzuhalten. Genaugenommen geht es um die Neuheit: „ …gegenüber dem Vorgängermodell ist vieles besser geworden“ – eine Standardformulierung. Es geht voran. Und ausgewogen soll es sein: neben „Traumautos“ gibt es dann auch ein paar praktische Gebrauchtwagentipps für den Durchschnittsleser. Rundherum pures samstägliches Glück!
Autos als Motiv in der Fotografie haben eher einen schweren Stand. Sicher es gibt die Fan-Fotos von tiefergelegten und herausgeputzten Karossen, von Spoilern, Alufelgen, Rennkits und anderen Statussymbolen. Rallyeautos mit Staubfahne, Rennstreckenasphalt mit Ölflecken und schwarzem Reifenabrieb. Die Banalität eines 08/15-Automobils im Bild aber stört den Blick auf ein schmuckes Fachwerkhaus. „Ohne das Auto würde mir das Bild besser gefallen.“ Es könnte auch diskutiert werden, welches Auto ins Bild passt. Bei den neueren Modellen scheint aber sogar der halbwegs wohlgesonnene Betrachter abzuspringen. Beinah kanzerogen beult sich das Blech, und das moderne Automobil scheint das Alien in unserem Alltag zu werden. Während die Umgebung noch ein heterogenes Bild abliefert, ist das singuläre Ereignis Auto immer ein festgelegtes Statement (im Foto).
Nun ist das Automobil als Fortbewegungsmittel in die Krise geraten und als Umweltverschmutzer schon lange in der Kritik. Die Nutzer von Geländewagen, deren Gefährte(n) weit über 300 mg des Klimagiftes CO² pro km in die Umwelt blasen, gelten als Ignoranten und Ewiggestrige. Schon bieten die Hersteller kleinere Modelle zum persönlichen Downsizing und zur Gesichtswahrung an. Und die albernen aufgebockten Sport Utility Vehicles, die wahrscheinlich nie einen Reifenabdruck im Matsch hinterlassen werden, mutieren zu Trägern irgendwelcher Umwelttechnologien, die in kleineren Fahrzeugen wahrscheinlich effizienter und einleuchtender wären – aber wohl leider zu teuer. Immer mehr versprengte Zielgruppen sollen durch das allgegenwärtig trommelnde Marketing erreicht werden, Coupés müssen plötzlich Geländewageneigenschaften haben. Die Quadratur des Kreises – und das Blech muss sich verbiegen.
Skeptisch geworden gegenüber dem eigenen Fortschritt ergehen sich die Gestalter im Retrodesign. An den meisten neueren Karossen entdeckt man ein Stück Blech, welches schon in den 1960ern und 1970ern, dem goldenen Zeitalter des Automobils, so geformt war. Selbst die Elektroautos, die ja einen Neuanfang hinaus posaunen könnten, aalen sich im Gutmenschendesign – wie Apple beschwören sie die harmonische Zweisamkeit von Mensch und Technik. Die Zukunft der Mobilität ist die des Teilens, rudimentär ja schon als „car-sharing“ mäßig erfolgreich. Da bräuchte es dann einen ganz neuen Designansatz von Fahrzeug, Ladestation, Parkplatz und dem Innen und Außen der gemeinsam genutzten Fahrzeuge.
Heutige Autodesigner genießen Starkult, die Chefdesigner der großen Marken sind wichtige Imageträger ihres Konzerns. Mit guter Gestaltung will jeder punkten, nicht nur die klassischen Italiener wie Bertone und Pininfarina, die man ruft, wenn Design und vor allem ein klingender Name gebraucht wird. Heute scheint automobiles Design nie ganz schlecht zu sein. (Vielleicht abgesehen von den koreanischen Ssangyong Geländewagen – da hat man oben und unten, hinten und vorne verwechselt, aber das ist eine eigene Geschichte wert). Schließlich kann man sich gängige Gestaltungselemente aus der (digitalen) Werkzeugkiste holen und in immer neuen Varianten zusammensetzen. Besonders gut zu verkaufen ist „umstrittenes“ Design, da gibt es dann wenigstens eine meist alberne Geschichte von Ecken und Kanten dazu. Kontroverses Design schleppt eine Ideologie mit sich herum, lehnt sich wie z. B. bei BMW, pseudo-intellektuell an die Wissenschaft (hier des Fraktalen) an. Schade, Parfumflakons hätten die Idee doch auch transportieren können, die wären in Badezimmern verschwunden und hätten nicht unser Straßenbild auf Jahrzehnte hinaus optisch kontaminiert.
Das Automobildesign hat sich weltweit angepasst – auch viele asiatische Hersteller lassen heute von Europäern zeichnen, damit die Fahrzeuge bei uns bessere Absatzchancen haben. Die Zeiten als japanische Autos noch merkwürdige, aber immens reizvolle Bullaugen statt hinterer Seitenscheiben hatten, sind wohl leider für immer passé.
In meinen Fotos sind Fahrzeuge oft die Protagonisten. Sie stehen in einem Verhältnis zueinander, sie haben Augen, ein „Happy Face“ und meinetwegen auch einen Hintern. Im In- der-Reihe-stehen sind sie Spitze und einem Foto mit Autos darauf ist anzusehen aus welcher Zeit es ungefähr stammt. Manchmal steht ein Auto auch in direkter Beziehung zur Nachbarschaft und sieht nicht einfach nur hingeparkt aus, aber das ist eher selten. Autos sind doch eigentlich archaische Fortbewegungsmittel, die fossile Brennstoffe durch Explosionen verfeuern und denen immer noch viel zu viele Menschen zum Opfer fallen. Die Zähmung in gefälligen Karosserien wirkt lächerlich, der Blick ist nur geblendet durch die Gewohnheit, eines dieser merkwürdigen Wunder des Alltags eben. Und da jeder weiß, wie ein Auto vorne anfängt und hinten endet, ist es wunderbar geeignet um zum Anschnitt im Foto zu werden. Es weist auf diese Art mit grandioser Geste in den Raum außerhalb des Bildes.

[uh]

pomJuni 2009