berlin, 1989

Berlin, 1989

Um mir einen „Flashback“ aller Jahre zu verschaffen, die ich in Berlin verbracht habe, genügt ein heißer, trockener Sommertag. Ich besuche dann einen der großen Wohnbezirke mit der typischen Mischung aus Mietskaserne und Wiederaufbauprogramm. Das tue ich an einem Samstagmittag, so kurz vor 14h. Ich kann mir sicher sein, dass die Straßen in der Mittagshitze menschenleer sind. Ich erinnere mich: es ist wie alle Jahre in Berlin, ein Gefühl von Zeitlosigkeit stellt sich ein, nur die parkenden Autos und ein paar Werbeplakate lassen einen ungefähren Rückschluss auf den tatsächlichen Moment zu. Blende ich das aus – nicht schwierig im gleißenden Sommerlicht – bleibt nur dieses diffuse Gefühl für die Stadt. Ich kann durch gesichtslose Straßen im Wedding laufen, durch die immer gleiche Mischung aus Spätkauf, Eckkneipe und Lottoladen. Wann bin ich von zuhause losgegangen? Vor einer Stunde, heute morgen oder vor ein paar Jahren? Ist dieses Zuhause in Moabit, in Wilmersdorf oder gar schon in Treptow.

Der Berliner Bürgersteig besteht aus unterarmbreiten Bordsteinen, handlichem, fast zierlichen Kleinpflaster, großen, fast quadratischen Granitplatten oder in der neueren Sparversion: Rautenmuster, gelegt aus ganz normalen Betonfliesen, abgeschlossen wiederum mit Pflastersteinen. In den Wohnbezirken macht dies die Straßen verschwenderisch breit, dort wo Gastronomie und Geschäft auf die Straße hinauswachsen, erscheint es nur passend. Der Blick wandert bis an die Hauswände, unterbrochen von einigen Baulücken mit hinterliegendem Gewerbe oder einem Spielplatz darin. Die Stadt ist grün, aber die Bäume spenden keinen Schatten. Die Autoscheiben sind von Pollen verklebt. Sublime Abwechslung bieten die gepflasterten Einfahrten mit den auf Straßenniveau abgesenkten Bordsteinen. Nicht wegzudenken sind die mit groben Bauholz gesicherten Dauerbaustellen. Alte Baugruben sind provisorisch mit Asphalt verfüllt. Selbst der Soundtrack stimmt: Rockmusik klingt mittellaut aus einer Wohnung in den oberen Stockwerken, natürlich seit Jahren immer der gleiche Song: Bob Seeger´s „Still The Same“.

Discomusik hat einen schweren Stand. Die Musik existiert nur noch als steter Wiedergänger. Compilations bringen immer wieder dieselben bekannten Stücke heraus, schütteln nur die Reihenfolge etwas durcheinander. Discomusik, ein abgeschlossenes Sammelgebiet, so wie DDR-Briefmarken oder Pfennigmünzen. Nennenswerte Aufarbeitung gibt es kaum, zwei Filme sind mir bekannt: „Studio 54“: den Film habe ich mangels Interesse noch nicht gesehen und „The Last Days of Disco“ (Whit Stillman, USA,1998) mit Chloë Sevigny. Von diesen Film habe ich etwa die letzte dreiviertel Stunde im Fernsehen geguckt, ohne zu wissen um welchen Film es sich tatsächlich handelte. Wahrscheinlich habe ich nur wegen Sevigny nicht ausgeschaltet. Der Film schien mir ziemlich ziellos, wahrscheinlich sollte es eine Aufsteigergeschichte sein, und die Discoszene sollte darin subversiv wirken. Es war aber nur ein Gastronomen-Yuppie-Epos, eine Ode auf die Selbstständigkeit, halt irgendwie F.D.P.. Die „Disco Demolition Night“ von Chicago wurde zwar zum Schluss des Films mit viel Dokumentarmaterial als Rebellion verkauft, sicher sympathisch, aber doch nur grobe Geschichtsfälschung.
Chloë Sevigny war stets gut angezogen und genoss die Art von Problemen, die man selber gerne hätte.

[uh]

pommai 2009