stuhr, 1993

stuhr, 1993

Meine Familie lebte damals in der Einflugschneise des Bremer Flughafens. Keine große Sache, Flugbewegungen waren auf diesem Regionalflughafen eher selten. Es gab jedoch höllenlaute Maschinen zu dieser Zeit: die britische BAC 1-11 machte einen infernalen Krach, ein alles zerreißender Sound purer Verbrennung. Nicht dieses gezähmte Geräusch, das heute von den Flugzeugmotoren herunter säuselt. Dieses wohl dosierte mechanische Brummen, wie ein leicht verstärktes Uhrwerk.

Die BAC 1-11 der British Airways wurde von Piloten geflogen, die nach Zigaretten und Whisky rochen, obendrein nach billigem Rasierwasser mit Moschusnote. Der Chefpilot war in Ehren ergraut und stand kurz vorm Ritterschlag. Dem jungen, draufgängerischen Kopiloten sagte man ein kurzes, aber aufregendes Leben voraus. Hoffentlich wird er nicht allzu viele Unschuldige mit in den viel zu frühen Tod reißen – unsere Gedanken sind bei seiner jungen Verlobten. 2006 waren noch 27 Exemplare “der doch extrem lauten One-Eleven“ (wikipedia.de) im Dienst.

„Wie war dein Flug?“ Diese Frage provozierte natürlich die ernüchternde Antwort: „Wie immer!“ Dabei wollte ich doch alles im Detail wissen. Ok, Fliegen ist auch nicht anders als Bus fahren. Nur lauter, teurer und unkomfortabler. Vielleicht kommt ja bald die Bestuhlung raus und alle Klassen fliegen die Langstrecken nur noch liegend in Dreistockbetten – die Tests dazu laufen schon. Kann man „Kabinenforschung“ nicht mittlerweile auch studieren? (Ist schon interessant, wie rigoros das Bordpersonal auf geschlossene Fensterrollos achtet. Damit der Schlaf- und Wachrhythmus ja nicht gestört wird.)

Die schönste Viertelstunde kommt mit dem Bordessen – der einzige Moment an Bord, der tatsächlich wie im Fluge vergeht. Woher kommt nur diese bescheuerte Redensart? Denn was gibt es zäheres als einen Langstreckenflug? Normalerweise bekomme ich von meiner mitreisenden Familie immer etwas von ihrem Bordessen ab. Wenn man etwas vom angebotenen Essen aussortiert, kommt man vielleicht mit dem Rest besser zurecht, schließlich hat man ja eine autonome Entscheidung getroffen und z.B. auf den Schokobrownie verzichtet. Dann kommt die Stewardess, die das Körbchen mit den kleinen Brötchen kunstvoll nach rechts und links schwingt. Mikro-Backwaren, wie es sie nur im Flugzeug geben kann – dort zählt ja jedes Gramm. Sofort nehme ich noch eins und spüle es mit dem Rotwein aus der 0,25l Flasche runter. Das Flugzeugessen besticht durch einen genial hinkomponierten Minimalismus: die Hauptspeise, zu finden in der kleinen, warmgemachten Aluschale, zitiert nur die Zutaten, die es für eine Mahlzeit brauchen würde. Deshalb muss geschickt mit allen Bestandteilen des Essens gearbeitet werden. Wann isst man das Mini-Brötchen? Warum gehört der ganze Frischkäse darauf? Wohin mit dem Pfeffer? Sind das viele Salz und die Butter auf dem kleinen Gebäck nicht furchtbar ungesund? Aber wie soll es anders funktionieren? Schließlich hat man Höhenluft, zigfach gefiltert und staubtrocken. Wer da meint, noch Frau oder Herr seiner Sinne zu sein, hat ein gestörtes Selbstbild. Zum Schluss des Essens folgt das virtuose Wegstapeln des Abfalls, die Becher ineinander stecken und in die leer gegessenen Schälchen legen, dabei nicht allzu hoch bauen, sonst passt das Tablett nicht in die verschrammten Wägelchen, mit denen das Personal durch die Reihen zieht. Das ist dann die letzte Gelegenheit, die kleinen Küchlein zu genießen, verschmäht von den lieben Kleinen, weil da Rosinen als Kindersicherung eingebacken sind. Das Flugzeug ist der einzige Ort, an dem ich den Kaffee mit Zucker trinke.

Katastrophenforscher haben ja ermittelt, dass man einen Absturz sehr wohl überleben kann. Man sollte nur gut darauf vorbereitet sein: also immer angeschnallt, keinen Alkohol (!), die Schuhe anbehalten und die Notausgänge kennen. Halt, Unsinn! Ich denke mal, die Thrombosegefahr ist sehr viel realer als ein drohender Absturz.

Meine Eltern hatten also in der Einflugschneise des Bremer Flughafens ein freistehendes Einfamilienhaus mit der Bezeichnung 90E gekauft. Individuelle Wünsche konnten berücksichtigt werden. Das Haus wurde entgegen der ursprünglichen Pläne um 90 Grad gedreht errichtet, weil meine Mutter die Küche nicht nach Norden hinaus haben wollte. Die Straßen in der Siedlung hießen Lärchenstraße, Tannenstraße, Fichtenstraße und so weiter. Später stiegen die Immobilienpreise, die Grundstücke wurden kleiner und die Randgemeinde verschmolz mit den Ausläufern der Stadt.

Mit dem Fahrrad fuhr ich oft zum Flughafen. Es gab da viele Menschen, die den Flugzeugen beim Starten und Landen zusahen. In Bremen konnte man das vom Deich aus tun. Ich besuchte lieber das Abfertigungsgebäude, die Besucherterrasse war damals ohne Sicherheitskontrollen erreichbar. Wenn Charterflüge ankamen, war dort Hochbetrieb. Kinder saßen auf den Schultern ihrer Väter und suchten das Vorfeld nach Oma und Opa ab, die gerade von Teneriffa zurückkamen. Im Flughafen gab es einen irrsinnig teuren Edeka, wo ich mir manchmal Rauchmandeln kaufte, und einen Zeitungsladen mit ausländischer Presse. Die Zeitschriften dort waren für mich eher unbedeutsam. Der Zeitungskiosk im Bahnhof hatte ein aktuelleres und breiteres Angebot, also versorgte ich mich dort mit dem New Musical Express (immer), dem Melody Maker (manchmal) und anderen Gazetten, die ich damals unbedingt lesen musste.

Kurz nachdem wir in unser Haus eingezogen waren, brannte auf dem Nachbargrundstück ein altes Bauernhaus nieder. Es war reetgedeckt und stand schnell lichterloh in Flammen. Das Haus wurde als „Drogenrehabilitationszentrum“ genutzt, hörte wahrscheinlich auf einen Namen wie „Drops“. Angeblich war jemand mit brennender Zigarette eingeschlafen. Wir waren allein zu Hause, mein Bruder machte Spiegeleier, und wir betrachteten das Feuer von unserer Essecke aus. Die Feuerwehr randalierte auf unserem Grundstück, verfestigte den gerade frisch angelieferten Mutterboden, und meine Eltern waren am nächsten Morgen gar nicht amüsiert. Das Bauernhaus wurde abgerissen und in den Folgejahren entstanden drei große Mietshäuser in hässlicher Klinkerarchitektur mit überdimensionierten Spitzdächern. Neben unserem Haus gab es bald eine lange Strecke Normgaragen aus Beton, an deren blöden Profilputz man sich als Kind prima die Haut abschürfen konnte. Auf einem dieser Garagentore war Pumuckl aufgemalt. Zur besseren Orientierung sicherlich, aber auch die unbändige Lust erzeugend, einfach durchs geschlossene Tor einzufahren zu wollen…

[uh]

pomApril  2009