spanien 1991

barcelona, 1991

„In Almodóvars (…) Film „Alles über meine Mutter” gibt es einen Moment, in dem der Film eine ungeheure Wendung nehmen, wo plötzlich eine radikal neue Geschichte beginnen könnte: die Mutter beobachtet einen Mann, der das Krankenhaus verlässt, einen Mann, in dessen Brust womöglich das Herz ihres tödlich verunglückten Sohnes schlägt, das durch eine Organtransplantation dorthin verpflanzt worden ist. Den sehnsuchtsvollen Blick der Mutter übersetzt Almodóvar in einen Zoom der Kamera auf diese Brust, in einen Zoom, der es dem verpflanzten Organ gleichtun, der in diesen Körper hinein möchte, sich hineinversetzen in ein anderes Leben, das von dem Herzen des toten geliebten Wesens beseelt wird. Mit diesem Zoom bahnt sich eine fundamentale Grenzverrückung an, eine Neudefinition dessen, was das Prinzip der Identifikation für das Melodram bedeutet. Melodramen operieren gewissermaßen mit einem Mechanismus, der einer Herztransplantation gleichkommt.” (Zitat: Wolfgang Lasinger)
Der Beginn des Filmes ist wirklich furios, ich kann mich tatsächlich auch nur an diese Szene erinnern. Der Sohn der Hauptdarstellerin stirbt gleich zu Beginn bei einem Autounfall in Madrid. Sein Herz wird einem jungen Mann in La Coruna transplantiert. Die Mutter reist nach Barcelona um Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen. Das Melodram der Städte: Madrid, das ernsthafte Unglück, La Coruna, die fremd- und unterversorgte Provinz, und Barcelona: die lebendige Stadt mit den vielen Wahrheiten, nicht nur des eigenen Lebens.
Zu Beginn des Films schwebt die Kamera, aus dunklen Wäldern kommend, pathetisch über das beleuchtete Häusermeer Barcelonas ein. 1991 war das Jahr vor den olympischen Spielen. Am neuerbauten Olympiastadion gab es eine hässliche Pferdeskulptur. Das Stadion wirkte auf mich mickrig, kantig, unproportioniert. Die Stadt war hinter Bauzäunen verschwunden. Eine neue Stadtautobahn versperrte den Zugang zum Meer. Am Meer fand sich keine Stadt, nur industrielles Brachland, direkt am Strand ein paar hübsche Palmenhaine.
In Barcelona besuchte ich einen befreundeten finnischen Maler. Der Maler wohnte dort bei seiner finnischen Freundin, die ein Stipendium hatte. Wir teilten uns die Wohnung. Tagsüber ging ich in Schwarzweiß fotografieren, das fand ich damals künstlerisch wertvoller und authentischer als die zufälligen Farben von Kodak oder Fuji … Wir tranken Caffé Coretto zum Frühstück. Barcelona war vollgestellt mit Botero-Skulpturen, fette Kugelkatzen und dicke Kugelmenschen, die Stadt war steinern, ohne Grün, symmetrisch angelegt. Die Altstadt war touristisch, mit Wurzelholztischen und Unmengen an Gestühl im Außenbereich. Die Straßenkreuzungen waren oktagonal abgeschliffen, mit vier abgeschrägten Seiten, Platz für unzählige Kioske.
Barcelona lag im Städtedrama ganz weit vorn, ohne autoritären Verwaltungsapparat wie Madrid und nicht herztransplantiert wie die hinter den Wäldern beginnende Provinz …

[uh]

pommärz 2008