monariz balneario

mondariz balneario, 2000

Die galicische Küche besticht durch Einfachheit. Ein großer Kupferkessel gefüllt mit Wasser, ein Gasbrenner, eine größtmögliche Krake, etwas Öl und Paprikapulver – so wird Pulpo a feira „auf die Faust“ am Hafen von Vigo serviert. Als Variation gibt es die Krake auch mit gekochten Kartoffeln, dann aber stationär im Restaurant. Natürlich gibt es die Kartoffeln mit etwas Öl und Paprikapulver auch ohne Krake, dass ist dann aber ein anderes Gericht. Eine solche Küche braucht keinen Vergleich zu scheuen. Allein die kräftige rot-orange Färbung des Olivenöls durch das Paprikapulver ist eine Sensation. Klar, dass die Galicier auch die Kartoffeln mit einer Spur Safran kochen.

Spanien ohne Spanischkenntnisse, das klappt ganz hervorragend als Pauschaltourist auf den bekannten Inselgruppen. Auf dem Festland, besonders im Norden, sieht es ohne Spanisch allerdings recht mau aus. Mit den Speisekarten dort kann der Tourist nichts anfangen, keine Bilder in speckigen Hüllen, auf die man mit dem Finger zeigt. Besser man blickt erwartungsvoll ins Gesicht des Kellners, wartet auf seinen kleinen Vortrag und nickt wenn man sich dazu aufgefordert fühlt.
In Mondariz Balneario waren wir in einem Restaurant, das Haus umgeben von viel zu vielen Mäuerchen, zwischendrin plätscherte ein Bach, halb durchs Haus, halb draußen daran vorbei. Im Haus ging man erst ein paar Stufen herunter und saß dann neben dem Bach auf einer Art Terrasse, die aber auch ein Stück aufgebrochener Keller hätte sein können. Die Luft war kühl, ein prima Unterschlupf vor der heißen Mittagssonne. In diesem Ambiente sollte das Essen Stunden dauern, denn was wollte man schon da draußen in der Hitze. Also war ein gemächlicher, aber aufmerksamer Service angesagt, den galicischen Weißwein gab es flaschenweise und ohne Etikett. Nur ein anderer Tisch war im Lokal besetzt, ein älterer Mann und eine jüngere Frau. Zwangsläufig, nachdem man sich schon lange neugierig beäugt hatte, saß man nach ein paar Flaschen Albariño zusammen an einem Tisch. Das ersparte dem Ober einige Wege. Wir versuchten eine Unterhaltung, ohne Englisch, mit ein paar spanischen Substantiven. Wir suchten ein paar Worte, nach denen man einen Anker schmeißen konnte. Der ältere Mann war José Antonio Lorenzo Rodriguez, der Bürgermeister des kleinen Ortes. Er erinnerte mich irgendwie an den Fußballtrainer Jupp Derwall, er hatte auch etwas leicht Eitles, so Typ Goldkettchenträger. Die Frau arbeitete mit ihm in der Verwaltung, sie sprach ein wenig Englisch. Nachdem wir festgestellt hatten, dass wir nicht mehr gerade sitzen konnten, wollten wir es mit laufen versuchen. Wir sollten mit ins Rathaus kommen. Auf dem kurzen Weg dorthin hielt der Bürgermeister an jeder Ecke Hof, parlierte mit seinen Mitbürgern, ließ sich von mir inmitten einer Schar von Schulkindern an der Bushaltestelle fotografieren. Im Rathaus gab es für uns einen Reprint des goldenen Buches aus vergangenen, mondäneren Zeiten und irgendwelche Anstecknadeln. Der Bürgermeister war halt immer im Dienst, flirtete mit seinen Gemeindemitgliedern oder umgarnte uns Touristen.

Mondariz Balneario ist eben kein Ort wie jeder andere, sondern ein alter Kurort mit einem seit dem spanischen Bürgerkrieg leer stehendem Kurhotel – 1973 brannte es dann ab. Im ehemaligen Kurpark gibt es ein altes Schwimmbad in dem heute nur noch die Frösche quaken. Besonders gefiel mir ein zerfallener Minigolfplatz, liebevoll gestaltet mit Ortsbezug. Es gab eine Golfbahn mit einem kleinen Modell jener Kornspeicher, die überall in Galicien herumstehen und als Wahrzeichen der Region gelten.

Der Bürgermeister versicherte mir, dass der Ort bald zu altem Glanz zurückfinden würde. Tatsächlich gab es auch schon ein neues Kurhotel, ein scheußliches neo-klassizistisches Etwas, welches mich an das Hässlichste aller Loire-Schlösser, Chambord, erinnerte. Völlig abgelöst von seiner Umgebung, unzugänglich und verschanzt – die historisierende Fassade endete nach hinten in einer Konstruktion aus Glas und Kunststoff. Hinter beschlagenen Scheiben befand sich die Kuranlage mit Schwimmbad. Der Bürgermeister war arg stolz darauf, dass die Mannschaft von Real Madrid schon einmal im Hotel zu Gast war. Einen Fußballplatz konnte ich in diesem kleinen Ort allerdings nicht entdecken, wahrscheinlich waren die Spieler immer zum Angeln.

Mondariz Balneario hat nur 700 Einwohner, besteht aus ein paar Häusern, dem Hotel und dem alten Kurpark. Ein richtiger Golfplatz ist in der Zwischenzeit hinzu gekommen, ebenso eine merkwürdig einsame Uferpromenade entlang des Flüsschens Tea. Später schrieb ich dem Bürgermeister einmal einen Brief, in Englisch – hätte mir denken können, dass der unbeantwortet bleiben würde. Glaubt man dem Internet, so ist Herr Rodrigez auch 2009 noch Bürgermeister der Gemeinde.

[uh]

pomMärz 2009