Learn To Live In Yellow

Weder gibt es die Zeitung „Camera Suisse”, noch fand das Gespräch zwischen dem Kunsttheoretiker Gerd Piertza und dem Fotografen Erich Linkheu tatsächlich statt. Der Ort des Gesprächs, ein Hotel „Fried” in Wolfsburg existiert ebenso wenig, wie der „Sony Walkman” mit dem das Gespräch aufgezeichnet wurde.

Piertza: „Eines der Fotos, die Sie mir vorhin zeigten, halte ich für besonders typisch für Ihren Umgang mit Fotografie: Auf dem Bild ist eine Holzhütte zu sehen, daneben steht ein urwüchsiger Weidenbaum. Das Foto könnte ein ganz gewöhnlicher, touristischer Schnappschuss sein, nur breitet sich hinter der Hütte kein glühendes Alpenpanorama aus, sondern eine Metallwand ragt in die Höhe, der Ausblick ist verstellt. Ich vermute, die Wand gehört zu einer Fabrikhalle, die runden Lüftungsschächte sehen aus, wie überdimensionierte Bullaugen. Das Metall ist in zwei Farben gestrichen und scheint einen künstlichen Horizont zu beschreiben… Welche Art von Wahrnehmung verbirgt sich hinter einer solchen Aufnahme?”

Linkheu: „Interessant, Sie sagen etwas sei auf dem Bild zu sehen, ebenso gut könnte man davon sprechen, dass etwas im Bild enthalten sei…”

Piertza: „…im Bilde sein…”

Linkheu: „Also, das Bild welches Sie eben beschrieben haben, stammt aus einer umfangreichen Serie von Architekturaufnahmen. Wichtig ist mir dabei die große Differenz der abgebildeten Objekte: Vom Punkthochhaus in Barcelona, bis zu den zwei Papphäuschen in einem Schaufenster eines Heimwerkermarktes in Helsinki.”

Piertza: „Schön, das Sie sich so gut erinnern…, aber ist Fotografie nicht sehr indifferent, läuft sie nicht der tatsächlichen Differenz der Dinge zuwider?”

Linkheu: „Ja, die Fotografie ist in ihrer Ausschnitthaftigkeit, ihrer Entmaterialisierung geradezu obszön. Die Fotografie separiert Welt in konsumierbare Häppchen und macht so Unvergleichliches, weil räumlich und zeitlich voneinander Getrenntes vergleichbar. Selbstverständlich unter völliger Verwandlung und Entstellung von Realität. Wenn ich nun Pappmodelle fotografiere, wenn ich also die Künstlichkeit ins Bild hole, sage ich zugleich etwas über die Fotografie. Künstlerische Arbeit sollte auch den Diskurs über ihr Medium führen, die Mittel transparent machen.”

Piertza: „Könnten Sie Ihre Arbeitsweise, Sie fotografieren ja fast ausschließlich in der Stadt, ein wenig näher beschreiben?”

Linkheu: „Nun, da ist zuerst die technische Seite der Unternehmung. Ich fotografiere immer mit einer kleinen Sucherkamera, mit feststehendem 35mm Objektiv. Diese Brennweite ist ja auch im Amateurbereich weit verbreitet. Es geht mir nicht um eine künstlerische Bildgestaltung, zum Beispiel mit unterschiedlichen Brennweiten. Viel eher steht die gesamte Vorgehensweise im Blickpunkt: Das Durchschreiten der Stadt, die Sensibilisierung der Wahrnehmung gemäß dem Motto ‘Learn To Live In Yellow’ …”

Piertza: „Wie bitte?”

Linkheu: „Ja, da muss ich jetzt ein bisschen weiter ausholen. `Learn To Live In Yellow ´ ist ein Slogan, den ich in einem amerikanischen Waffenmagazin aufgeschnappt habe. Wenn ich mich recht entsinne ging es dabei um die Aufmerksamkeit, die ein Bodyguard oder Polizist seiner Umgebung entgegenbringen sollte. Dabei wurden die verschiedenen Grade der Wachsamkeit in einem Farbencode standardisiert. Die mit der Farbe Weiß bezeichnete unterste Stufe des Codes gilt es für den Aufpasser tunlichst zu vermeiden: Sie bedeutet schlicht totale Unaufmerksamkeit. Gelb dagegen bedeutet eine ständige, aber auch entspannte Aufmerksamkeit seiner Umgebung gegenüber. Bei Orange hat man eine potentielle Gefahr ausgemacht. Rot zwingt dann zur Handlung. Ein ‘Ready, Steady, Go!’ Prinzip, wenn man so will. ‘Learn To Live In Yellow’ meint, auf die Kunst bezogen, eine spezielle, weil vordergründig ästhetische Wahrnehmung der Umgebung zu erlernen.”

Piertza: „Worin liegt für Sie nun der besondere Reiz des Umherschreitens und welche Rolle spielt die Fotografie dabei?”

Linkheu: „Ich empfinde die ständige Bewegung, den Wechsel der Umgebung und das Sammeln neuer Eindrücke als entspannend und anregend zugleich. Die Fotografie kann dieses Erleben aber sicher nur unzureichend wiedergeben, Die Fotos sind ja nur separate Momentaufnahmen, während der Vorgang des Durchschreitens der Stadt von einer fließenden Dynamik gekennzeichnet ist. Oft lässt mich die Umgebung zu Beginn der Aktion eher kalt, später ändert sich die Situation und in manchen Momenten kann dann plötzlich das ganze Drumherum irgendwie bemerkenswert erscheinen. Die dabei entstandenen Fotos sind nur ein unzureichendes Derivat der Aktion und lassen das Erlebte oft nur erahnen. Aber eine Arbeitsweise, die sich nur im Atelier abspielt ist für mich uninteressant. Alles ist schon da, und auf eine bestimmte Weise auch verfügbar, das nutze ich aus.”

Piertza: „Welche Aufnahmen verwenden Sie später in Ihrer Arbeit, wie treffen Sie eine Auswahl?”

Linkheu: „Nach der Begehung des Stadtraumes folgt die Auswertung der entstandenen Fotografien. Es ist eine Katalogisierung, eine Sammlung. Das Sammeln ist so ein natürlicher Umgang mit Erfahrung. Die Fotosammlung unterliegt einem ständigen Veränderungsprozess. Schwerpunkte, Interessen finden sich und werden wieder aufgelöst. Das Sortieren der Bilder, das Vergleichen der Aufnahmen ist für mich ein kontemplativer Akt, eine Nachbereitung des Erfahrenen, dessen Ergebnisse auch in den nachfolgenden ‘Umherschweifexperimenten’ ihren Niederschlag finden. Die Sammlung der Fotos folgt keinem logischen, stringenten Prinzip, sondern Doppelbesetzungen und Mangel sind Programm. Oft ergibt sich ein neuer Blick auf das Alte, wenn plötzlich ein neuer Aspekt auftaucht, der aber schon versteckt und unerkannt in manch älteren Aufnahmen vorhanden war.”

Piertza: „Im Katalog zu Ihrer Ausstellung in Augsburg schrieb Jutta Reggentin zu den Themen Ihrer Fotografie, Ich zitiere: ‘Straßen (seien für Sie) Nicht – Orte, tote Flächen der Bewegung, die die Städte zerschneiden und an deren Ufern die Menschen leben. Straßen sind aber auch Zeichen beständigen Austauschs durch Bewegung und stehen als Gleichnis zum Lebensweg, beispielhaft ihre Mystifizierung in den amerikanischen Roadmovies, als endlos fortgesetzte Linie selbstbestimmter, anarchischer Lebenshaltung, aber auch als Ort ständigen Selbstverlustes durch zunehmende Gleichgültigkeit und Indifferenz wie in Pynchons ‘Die Enden der Parabel’, wo sich der Protagonist Slothrop zur Straßenkreuzung auflöst.’ Weiter unten im Text, heißt es dann noch zum Thema Garagen: ‘Es sind End- oder Startpunkte der Reise, Orte des Stillzulegenden, unbewohnte Räume als Synonym kultureller Minderwertigkeit (‘Garagenpunk’)…’ und so weiter. Verträgt sich eigentlich ein solcher Text mit Ihrem Image als, ich will mal sagen: ‘Low – Profile – Künstler’ ?”

Linkheu: „Also, zum einen schätze ich die Arbeit von Frau Reggentin sehr, zum anderen: Wenn Sie schon eine Schublade für mich bereithalten, wäre diese Art von Text ja inkonsequent in bezug auf meine Arbeit, aber Inkonsequenz würde einem ‘Low – Profile – Künstler’ doch gut zu (seinem nicht vorhandenen) Gesicht stehen.”

Piertza: „Zuletzt: Stört es Sie eigentlich nicht, nur als fiktive Person existent zu sein?”

Linkheu: „Ach wissen Sie, die Realität ist doch nur eine Variante ungezählter Möglichkeiten. Warum sollte ausgerechnet sie besonders interessant sein?”

Camera Suisse, Heft 3/90

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© ulrich heinke