petit bateau

Xenopoulos lehnte sich mit dem Stuhl nach hinten, schob den Arm über die Brüstung der Veranda, um sich eine Frucht von den im Garten des Hotels stehenden Orangenbäumen zu pflücken. Während er seinen Oberkörper lang streckte, bemerkte er im Moment, dass alle Orangen in Griffweite schon abgeerntet waren. Gleich wandelte sich seine Bewegung in ein ungelenkes Räkeln, dazu riss er zu schnell den Mund auf, eine mäßige Parodie auf locker entspanntes Gähnen. Er ließ sich mit dem Stuhl nach vorne fallen und sprach ein wenig laut zu den beiden am Tisch sitzenden Männern.
„Wissen sie eigentlich, dass…”, er machte eine fahrige Handbewegung in die Richtung wo er im milchigen Weiß des Vormittags den Strand vermutete, „…diese Pfahlbauten im Wasser eine Erfindung der Tourismusindustrie sind, und dass die Einheim…”
Weiter kam er nicht, der Manager? Anwalt? älterer Bruder? seines Auftraggebers ging dazwischen. „Warum haben Sie sich nicht an die Vorgaben gehalten? Diese Fotografien…,” er deutete auf ein paar Abzüge, die jetzt in der Form eines gezackten Sterns vor den dreien auf dem Tisch lagen, „…sind unbrauchbar für unsere Zwecke und haben nichts mit dem Text zu tun. Also: Schaffen Sie uns bis heute Nachmittag neue Bilder heran!”
Xenopoulos beugte sich vor, schob die Fotos zu einem handlichen Stapel zusammen, den er in seiner Umhängetasche verschwinden ließ. Sein Auftraggeber war wie gewöhnlich wortkarg. Xenopoulos meinte zu erkennen, dass er die Augen hinter der Sonnenbrille geschlossen hielt, war sich aber nicht ganz sicher.
„Schaffen Sie das?” Der andere blinzelte ihn aus seinem geröteten Kopf heraus an.
„Keine Sache!” log Xenopoulos und hob die Kamera, die lächerlich vor seiner Brust baumelte, vors Auge. Er fokussierte einen kleinen Vogel, der schon eine ganze Weile mit schnellem Flügelschlag in der Luft stand. Xenopoulos zoomte sich nahe heran, verschloss sich für einen Moment seiner Umgebung und das schwarze, stecknadelgroße Auge des bunten Vogels wurde zu einem ölig glänzendes Meer, in dem sich Xenopoulos ziellos herumwaten sah. Schnell riss Xenopoulos die Kamera herunter, ordnete seine Gedanken auf der weißen Tischplatte vor ihm. Die Sache war besprochen. Er war nicht überzeugend genug, aber anscheinend hatte er auch keine Konkurrenz zu befürchten, also hielt es Xenopoulos mit dem geringsten Widerstand.
„Bis fünf haben Sie die Bilder in Ihrem Hotel.”
„Da säßen wir lieber schon im Flugzeug, aber nach den Erfahrungen müssen wir doch einen Blick darauf werfen!”
„Selbstverständlich!”
Xenopoulos hatte versprochen, dass der Fotoapparat bis halb zwölf wieder im Laden seines Bruders war. Nun war es halb eins, das bedeutete weiteren Ärger. Er verließ das Hotel, um sich draußen am Anleger ein Taxiboot zu schnappen. Eigentlich hatte er fest mit einem Rückflug im Privatheli seines Auftraggebers gerechnet, nun musste er mit dem Eigner des Bootes eine dumme Preisdiskussion führen. Es war der Bootsführer vom Vormittag, der als einziger an der Anlegestelle wartete.
„Ich hatte es Ihnen gesagt, wenn Sie gleich ein Ticket für…”
„Schon gut, freuen Sie sich über den Topverdienst!”
Dreiste Geschäftsvokabeln waren Xenopoulos neue Leidenschaft, besonders in diesen Urlaubsgebieten. Er ließ sich auf die kunstlederbezogene Bank im Heck des Bootes fallen und blickte zu den Gärten der Hotels zurück. Hecken schoben sich als grüne Bänder am Ufer entlang, verzweigten sich, fanden wieder zusammen, liefen scheinbar endlos Richtung Hinterland und verschwanden dort im Dunst, während sich das Boot vom Ufer entfernte. Der Fahrer saß auf einem gut gefederten Stuhl, zwei Finger am Steuerrad. In der Mitte der flachen Windschutzscheibe baumelte ein kleines Verkehrsschild aus Plastik: schwarzes Känguru auf gelbem Grund. Das Boot fuhr langsam, trotzdem schlugen die Wellen ungemütlich unter den Bug. Der Skipper blickte durch den Rückspiegel zu Xenopoulos, der sah in die verspiegelte Brille des Taxifahrers.
„Die sind damit nie zufrieden! Sie hätten sich gar nicht die Mühe machen müssen, mit der geliehenen Kamera, …noch nicht einmal ein Film drin.”
Xenopoulos hatte sich an die scharfe Auffassungsgabe der Einwohner gewöhnt und konterte routiniert, indem er schlicht das Thema wechselte. „Das hat etwas Monströses, wenn die kleine Katze am Ende von diesem Werbespot immer lauter schnurrt. Kennen Sie den? Die Kamera blickt dabei über die Schulter einer Frau…”
„Sie sind nicht von hier! Die dachten wohl, dass ein Fremder mit den Gegebenheiten hier anders umgehen würde.”
„Mein Bruder hat ein Fotogeschäft hier am Ort, deshalb der Job.”
Neben dem Boot schwamm ein Schwarm chromfarbener Fische, die einen zeitlupenartigen Formationswechsel pflegten. So wie ein Pfeifenraucher Kringel herausbläst, bildeten sie immer wieder Ringe, lösten diese aber gleich wieder auf, in dem der Kopf des Schwarmes einfach durch die Mitte der Kreise hindurchschwamm, dann begann das Spiel wieder von neuem. Xenopoulos hatte keinen Blick dafür.
„Wollten die keine Arbeitsproben sehen?”
„Das Wesentliche an Tieren in der Wohnung ist ja, dass sie die Räume anders nutzen. Es ist eine Erweiterung des eigenen Raumgefühls, wenn man eine Katze dabei beobachtet, wie sie immer neue Plätze in der Wohnung besetzt.”
„Ihr Bruder hätte die Kamera, die Sie da um den Hals hängen haben, heute morgen gut verkaufen können, er hatte mehrere Interessenten im Laden.”
Xenopoulos bemerkte, wie die angestrengte Atmosphäre für ihn zur Krise wurde. Plötzlich sah er sich in die Szene eines Marionettentheaters versetzt: Das Meer, in Gestalt wild bewegter Plastikfolie, warf ihn unbarmherzig aus der kleinen Nussschale hinaus. Xenopoulos kniff die Augen zu und fing sich in einer anderen Feststellung. „Ein Ortswechsel bedeutet für die Tiere manchmal einen größeren Stress als der Verlust der Bezugsperson.”
„Ich fahre Sie nicht direkt ans Hotel, sondern bringe Sie zum Hafen, dann können Sie selbst überlegen, ob Sie ihrem Bruder unter die Augen treten wollen. Die Rückfahrt war gratis! Eine gute Nachricht soll Ihnen der Tag doch bringen! Bitte schnell herausspringen, dann muss ich hier nicht extra festmachen.”
Xenopoulos schwang sich hoch, mit zwei geübten Schritten stand er oben auf dem Steg. Er drehte sich um, wollte den Bootsmann verabschieden, doch der hatte schon beigedreht. Xenopoulos sah nur noch seine Fototasche davonfahren.
„Da fährt sie hin!”, die Stimme gehörte seinem Bruder, der plötzlich neben ihm stand, als sei er gerade mit demselben Boot angekommen. „Wie ist es gelaufen? Ich hörte schlecht! Du kannst die Kamera übrigens erst einmal behalten, ich brauche sie im Moment nicht.”
„Denen gefielen die Bilder nicht, nicht grün genug! Jetzt zur Trockenzeit, was erwarten die? Bis heute Nachmittag hätte ich Zeit, aber was soll ich tun? Die Negative einfärben? Die fahren jetzt eh im Boot spazieren.”
Xenopoulos Bruder hatte ein gutgehendes Fotogeschäft in der Innenstadt. Hinter einer großen Schaufensterscheibe standen die Entwickler. Die Bilder kamen in langen Streifen aus den Maschinen und liefen noch ungeschnitten direkt am Fenster entlang. Draußen stand immer eine große Menschenmenge, die sich anhand der Schnappschüsse über das Privatleben auf der Insel informierte. Drinnen überwachten Mitarbeiter in weißen Kitteln den vollautomatisierten Ablauf, ab und zu warfen sie ein paar Filmpatronen nach. Wer wollte bekam die Silhouette einer springenden Katze auf seine Abzüge gedruckt, als Erkennungszeichen und Gewissheit, dass der ganze Ort seine Fotos kannte.
Bei der jährlich stattfindenden Prozession auf der Insel fotografierte Xenopoulos Bruder regelmäßig alle Teilnehmer. Die Bilder zeigte er dann ein paar Tage später in der Halle des Rathauses. Dort versuchten die Leute ihr eigenes Abbild unter Hunderten von Bildern zu entdecken.
Der Bruder rief einen Angestellten zu sich, dann machten sie sich auf den Weg ins Rathaus. In flauer Beleuchtung schritten sie die mit Fotos gespickten Stellwände ab. Sein Bruder hatte alle Bilder vom selben Standpunkt aus gemacht, Reihe für Reihe der Prozession abgelichtet.
„Alle Bilder sehen gleich aus! Na ja, ich kenne ja auch niemanden.” sagte Xenopoulos plump.
„Und? Welche jetzt?” fragte der Bruder mit ungeduldigem Unterton.
Xenopoulos vermutete, sein Bruder wolle jetzt etwas Konkretes hören. Ohne genau hinzusehen diktierte Xenopoulos dem Angestellten. „Die 12A, 18A und 19A, und hier von dieser Wand die 8, 17 und 34.”
Der Bruder blickte zufrieden und legte Xenopoulos die Hand auf die Schulter. Sorgfältig nahm der Angestellte die Bilder von der Wand und schob sie in eine kleine braune Papiertüte. „In zwei Minuten haben deine Auftraggeber die Bilder in ihrem Hotelzimmer!”
Xenopoulos war irritiert, wollte sich aber erleichtert fühlen.
„Jetzt muss ich nur noch die Aufnahmen vom Taxiboot wiederbekommen.”
„Vergiss es, die sind bei dem Mann in guten Händen. Was hast du eigentlich fotografiert?”
„Den versandeten Park an der Düne, zum Trocknen ausgelegte Palmwedel, die künstlichen Felsen vor der…”
„Mit diesem Fang wird der Taxibootfahrer wohl den Neid seiner Kollegen auf sich ziehen,” lachte sein Bruder.
Xenopoulos rang um die Gesprächshoheit. „Da stellt sich noch die Frage nach dem Gegenüber: Man blickt den Tieren tief in die Augen, aber nichts erklärt sich, trotz aller Versuche Anteil zu nehmen. Es ist eine trüb schimmernde, raum- und zeitlose Welt in diesem Schwimmbassin.”

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© ulrich heinke