In Steilkurven braucht man nicht zu lenken,
man fährt eigentlich immer nur geradeaus …

Unter all den Aktenbergen, die ich aus dem Büro trug, befand sich auch eine Liste mit Namen. Markinsholz hatte alle seine Projekte fein säuberlich dokumentiert. Die Liste war nach den Möglichkeiten der Realisierung geordnet, einige Namen waren unter „aussichtslos” vermerkt, es gab auch ein „völlig aussichtslos”. Ein paar Dinge hatte Markinsholz schon erledigt, ich kannte einige seiner Buchtitel: „Ella Greene – Jazzsängerin aus Passion”, ein Buch, dessen Inhalt mit „unverbindliches Geplauder” geradezu dramatisch beschrieben ist. Es liegt wie Blei in den Regalen, aber der Verlag traut sich was und verschickt die Remittenden zu Weihnachten an Geschäftsfreunde. Dann gibt es noch „Fred Pfann – Live, Love and Dynamite”, ein verunglückter biographischer Versuch über das bizarre Leben eines englischen Stuntman in den 1960ern. Textprobe: „30 Jahre war er mit seinem Motorrad in der Steilwandzentrifuge gefahren, gehalten nur durch mächtige Gravitationskräfte, die Frauen liebten seine Bodenständigkeit.” Ein Name war in Markinsholz Liste gar nicht kategorisiert, auf einer einzelnen Seite stand nur: Amon Barett Wilson. Der Name sagte mir gar nichts. Auch ein Aktendeckel mit diesem Namen befand sich unter Markinsholz Papieren, er enthielt Zeitungsseiten in italienischer Sprache, offenbar aus einem Lokalblatt: Entweder waren diese Seiten ganz zufällig in der Akte gelandet, oder aber Markinsholz, in seiner typischen Detailversessenheit, hatte ein sehr spezielles Thema aufgetan. Mir fiel auf, dass die Bildunterschriften unter einigen Pressefotos herausgeschnitten waren. Ich ging ins Büro nebenan und fragte nach.
„Wie hat Markinsholz eigentlich ausgesehen? Ist er hier auf den Fotos mit drauf?” Ich deutete auf die Zeitungsausschnitte.
Tatsächlich konnte das Nachbarbüro Markinsholz auf zwei Bildern ausmachen. Markinsholz war mit einer anderen Person abgebildet, einem Bartträger in weißem Hemd, offenen Kragen und einem Blazer mit aufgenähtem Wappen. Vielleicht war es ja jener Wilson. Die beiden Aufnahmen waren völlig identisch, bis auf einen, allerdings gravierenden, Unterschied: Eines der Bilder war seitenverkehrt abgedruckt worden. Ich befestigte die Zeitungsausschnitte an meiner Pinnwand, der einzigen Anschaffung, die ich mir für mein Büro geleistet hatte. Das Bord wurde von einer eigenen Neonlampe beleuchtet, leider war die Röhre defekt, so dass die angehefteten Seiten jedes Mal weiß aufblitzten, wenn das Flackern der Lampe über sie zuckte.
Die Fotos an der Wand waren schon fast vergessen, als in einer Redaktionskonferenz die weitere Zukunft meines Bereiches „Biographien” besprochen wurde. Allgemein wurde festgestellt, das Markinsholz die Karre in den Dreck gefahren hatte. Ich hätte bisher nicht das nötige Profil gezeigt, so dass nicht erkennbar sei in welche Richtung sich der Bereich weiterentwickeln würde. Man sprach davon, „Bio” einzustellen und mich in die Abteilung von „Wie funktioniert das?” zu versetzen. Ich lehnte energisch ab, kurz begründet mit der Aussage, dass ich Querschnittzeichnungen, egal ob von Mensch, Tier oder Technik, schlicht obszön fände. Nach einem Konzept für die Biographieabteilung gefragt, war ich gerade nicht in der Stimmung mir etwas aus der Nase ziehen zu lassen oder mit einer plumpen Lüge zu kommen. Ich sagte erst einmal, dass ich schlicht keines hätte. Nach Schweigen mit Augenstarre kam dann das übliche Motivationsgezeter: Nach einem halben Jahr sollten Sie schon etwas vorweisen können…! Machen Sie sich Gedanken über eine berufliche Neuorientierung…! Ich ließ das Gespräch laufen. Plötzlich packte es Boznerwachs, den Versandleiter: Markinsholz hätte zum Schluss auch so einen deprimierten Eindruck gemacht, aber dazu hätte es bei ihm immerhin 20 Jahre Betriebszugehörigkeit gebraucht, dass es bei mir schon nach sechs Monaten so weit sei, nannte er erschreckend. Ich sagte trotzig, dass ich nicht deprimiert sei, und überhaupt, ich hätte ein interessantes Projekt in Norditalien:
„Transpersonale Biographieforschung …” – wenn das jetzt alle mal verstehen würden – „…, außerdem muss ich jetzt sofort weg: ein unaufschiebbarer Abendtermin.”
Missbilligende Blicke.
„Das kann man halt nicht mehr so wie Markinsholz handhaben,” bemühte ich mich noch einmal, während ich meine Unterlagen, bestehend aus Condé Nast Traveller, Handy und Autoschlüsseln, zusammensuchte. „Tolle Menschen machen tolle Sachen – Biographien als Referenzstrecke für die Persönlichkeitsplanung – das interessiert mich nicht.”
Ich streckte mein Bein weit unter den Tisch, Richtung heruntergefallenes Handy, mit dem Kopf halb unter der Tischkante, das Kinn auf den Brustkorb gepresst, schob ich ein paar schwach modulierte Sätze nach. „Wie wäre es mit einer Veränderung: weg von diesen Hochglanzvorlagen, diesen Selbstbestätigungsphantasien von: ich erzähl dir etwas, was du zwar ohnehin schon weißt, aber was du, zur allgemeinen Beruhigung, ein zweites Mal verdauen darfst, sozusagen deine Eintrittskarte fürs kollektive Gedächtnis … Also, ich würde die betreffenden Leser für besessen halten, jedenfalls zu interessiert an Marginalien, …versteht mich jemand?” quälte ich mit der letzten Atemluft heraus.
Immerhin: Das Handy hatte ich wieder. Keiner hob den Finger, aber Wrasenberg, der Bereichsleiter „Bücher zum Hören” zog mich zurück auf den Stuhl. Das Desaster nahm seinen Lauf, die Worte schwebten träge auf mich zu wie herabsinkende Seifenblasen, die sprühend auf meinem Gesicht zerplatzten. Innerlich kündigte ich, formulierte Anschreiben. „Liebe Freunde, mir schwebt vor …, nein ich will, ganz bestimmt … jetzt hier raus!”
Auf dem Weg zum Fahrstuhl versuchte ich mit ausgestreckten Armen die Flurwände links und rechts zu berühren, dabei stürzte ein Glasrahmen herab. Es war eine Urkunde für innovative Buchgestaltung. Ich ließ es etwas ruhiger angehen. Jemand aus der Sitzung überholte mich rechts und schnitt mir den Weg ab, es war Wrasenberg. Er sagte, dass er das mit der „transpersonalen Biographieforschung” gar nicht so uninteressant fand, und wollte wissen, was es denn damit genau auf sich hätte.
Meine Laune war immer noch auf dem Nullpunkt. „Sagen Sie’s mir doch!”
Wrasenberg schien aber ein freundlicher, aufgeschlossener Typ zu sein, ging er doch glatt über meine Bemerkung hinweg. „Markinsholz hat mir auch mal eine Norditaliengeschichte aufgetischt,” sagte er, „dass klang ähnlich obskur wie bei Ihrem Auftritt vorhin. Markinsholz ist auch ein paar Mal selbst hingefahren.”
„Hab´ ich von gehört,” sagte ich kurz. Jetzt wusste ich wieder, weshalb mir vorhin Norditalien eingefallen war.
„Markinsholz ist immer ziemlich aufgekratzt zurückgekommen, zu mir hat er mal gesagt: `Wrasenberg, ich sehe jetzt ganz andere Dimensionen, … was das Schreiben betrifft – er hat dort wohl interessante Kontakte gemacht.”
„Markinsholz kann man ja nun leider nicht mehr fragen,” sagte ich.
Wrasenberg blickte betroffen. „Ist wahrscheinlich zu vage um damit etwas anzufangen.”
„Bestimmt zu vage!” erwiderte ich und bog in mein Büro ab.
Meine Aktenmappe lag noch hinter der Tür, dort wo ich sie am Morgen abgelegt hatte. Die Hand schon am Lichtschalter, fiel mein Blick auf die Zeitungsausschnitte: Markinsholz und dieser Clubjackenträger. Vielleicht war es ein kurzes Nachbild, ein negativer Blitz, der sich kurz, aber eindringlich in meinem Kopf festsetzte, als ich den Lichtschalter umdrehte. Plötzlich dachte ich an eine Dienstreise, getarnt als letztes Aufbäumen, das würde man sicher gerne von mir sehen, ein wenig Engagement. Am nächsten Tag bekam ich die Reise sofort genehmigt. Ich hatte mir extra einen Text im Kopf zurecht gelegt, wegen des Reisegrunds und so weiter, aber anscheinend legte man auf meine Begründungen seit der gestrigen Sitzung keinen Wert mehr.
•••
Wilson wohnte rustikal. Die Zufahrt zu seinem Haus lag in einer Kurve. Ich fuhr dreimal daran vorbei, ehe ich die Einfahrt fand. Der unbefestigte Weg führte auf ein ausgedehntes Grundstück. In der Mitte stand ein riesiger, in Fertigbauweise errichteter- kastenförmiger Bau, dessen mit Wein überwucherte Fassade jedoch für die- dem Landstrich angemessene Rustikalität sorgte. Das Gelände glich einem unaufgeräumten Bauhof. Verrostete Container standen herum, abgekippter Bauschutt war längst mit Unkraut überwachsen. Der Boden war holprig und von tiefen Reifenspuren durchzogen, die offensichtlich von schwerem Gerät stammten. Ich parkte den Wagen vorsichtshalber gleich hinter der Einfahrt und ging zu Fuß Richtung Haus. In der äußersten hinteren Ecke des Anwesens sah ich drei Männer: Während zwei neben einem auf die Seite gekippten Autowrack standen, versuchte ein dritter mit Hilfe eines Gabelstaplers, das Wrack von der Längsseite aus vorwärts zuschieben. Als ich die Szene erreichte, drohte der Blechhaufen gerade umzustürzen. Es gab ein wildes Geschrei, die beiden Männer neben dem Autowrack versuchten verzweifelt das Umkippen des Wagens zu verhindern. Der Fahrer des Gabelstaplers brüllte Befehle heraus. Schließlich gelang es den dreien, das Wrack im rechten Winkel an ein anderes umgekipptes Fahrzeug zu schieben. Mit dem letzten Schwung riss der Stapler dann ausgerechnet die Ölwanne des Wracks auf, ein Schwall schwarzen Altöls ergoss sich über die beiden daneben stehenden Helfer. Vor Schreck setzte der Staplerfahrer plötzlich ein Stück zurück, ich rettete mich mit einem beherzten Sprung in eine ölig schimmernde Pfütze. Der Mann auf dem Stapler würgte den Motor ab und blickte zu mir herab.
„Alles in Ordnung?”
Ich nickte und deutete auf seine Mithelfer, die es schlimmer erwischt hatte.
Der Typ ignorierte die beiden und sprang vom Stapler. “Sie sind Markinsholz Nachfolger!”
„Kann man so sagen, aber ich verfolge ganz andere Pläne als er, sein Vorgehen ist mir, ehrlich gesagt, zuwider! … Und sie sind sicher Wilson?”
„Richtig, aber Ihren Namen kenne ich trotzdem noch nicht.”
„Ach, ja, Entschuldigung, Xenopoulos ist mein Name.”
„Schauen Sie, extra zu Ihrer Begrüßung”, Wilson zeigte auf die Altautos, „die Nachbarn haben mir geholfen.”
Die beiden Typen lächelten gequält, während sie versuchten, sich das Öl mit den Ärmeln ihrer Blaumänner aus den Gesichtern zu wischen.
„…und was bedeutet dieser Aufbau?” fragte ich.
„Ein Windschutz für die Sitzecke.” Wilson wandte sich zu den Nachbarn. „…holt doch bitte mal Stühle und Tische aus der Küche.”
Die zwei schoben ab in Richtung Haus.
„Nette Leute, vielleicht etwas stumm,” bemerkte ich.
„Die Nachbarn? Das macht die Gegend hier”, antwortete Wilson.
Von der Straße kam ein Radfahrer in mörderischen Tempo angerast. Ein älterer Mann, der in seinem neonfarbenen Profitrikot schwer nach erdrückender Selbstdisziplin aussah.
„Kennen Sie Schönbach?” fragte mich Wilson.
„Doch nicht etwa dieser Talkmaster René Schönbach!”
Wilson verkündete mit Stolz: „Gast hier seit fast dreißig Jahren!”
Schönbach stoppte neben Wilson und hielt sich an dessen Schulter fest. „Neue Bestzeit, Amon! Eine Stunde 21!”
Die stummen Nachbarn kamen mit vier Monoblocs und einem runden Plastiktisch zurück. Die beiden verteilten die Stühle, nickten Wilson kurz zu und verschwanden wortlos. Wilson bat uns Platz zunehmen, er würde nur schnell den Kaffee holen.
„Wilson ist nicht so besonders nett zu seinen Nachbarn”, begann ich ein Gespräch.
Schönbach pellte sich seine Rennfahrerhandschuhe von den Fingern und fuhr mich an. „Nett zu denen!? Das sind doch nur elende Spitzel!”
„Spitzel?” Meine erstaunte Nachfrage blieb ohne Antwort.
Wilson kam mit einer Thermoskanne und drei Bechern zurück. Er drehte am Verschluss der Kanne und schenkte etwas zu schwungvoll ein. Pechschwarzer Kaffee schwappte in hohem Bogen aus dem Becher. „Sorry,” entschuldigte sich Wilson, „die Feinmotorik klappt noch nicht so ganz, nach all der Schufterei heute.”
Schönbach blickte auf die Autowracks. „Ist schön geworden, Amon,” sagte er, „aber Gürtler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, was du mit seinem alten BMW gemacht hast.”
„Wer ist Gürtler?”, fragte ich.
Schönbach blickte mich an. „Wie sagt man so schön: Gürtler hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, er war Rallyefahrer, später im Zivilberuf Autotester. Ein detailversessener Tüftler, der es immer ein bisschen zu genau nahm.”
Schönbach fummelte umständlich an einem Kondensmilchdöschen herum. „Amon, erinnerst du dich an seine minutiösen Schilderungen zum Benzinverbrauch, mit notarieller Beflissenheit sprach er von Durchflussmessgerät, Spezialtank und geeichtem Streckenzähler – mit seiner buchhalterischen Pingeligkeit hat er den Zuschauern den letzten Nerv geraubt.”
„Richtig”, übernahm Wilson, „Gürtler hatte immer panische Angst davor, einmal mit leerem Tank liegen zu bleiben. Es ist ihm ein einziges Mal bei einer Rallye in Argentinien passiert. Ein Buschfeuer hielt ihn auf, die Hitze war so stark, dass die Reifen seines Wagens dahin schmolzen, er wäre beinahe am Qualm erstickt. Der Rauch sei durch die Lüftungsschlitze des Wagens eingedrungen, die feinen, aufsteigenden Rauchfäden hätten schon die Sätze seines Nachrufs generiert, den er wie den Rolltext eines Filmabspanns an der Innenseite der Windschutzscheibe lesen konnte. Als er endlich mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht wurde, versetzten ihn die flirrenden Lichtreflexe der Rotorblätter in einen tranceartigen Zustand. Die Ärzte stellten eine schwache, eigentlich harmlose Form von Epilepsie fest. Gürtler fuhr trotzdem nie wieder Rallyes. Später machte er dann eine kurze, aber steile Karriere mit Industriebeteiligungen, ausgerechnet mit Auto-Schrottpressen und Viehbetäubungsmunition. Dann kam er noch einmal kurz zum Fernsehen zurück, sein Nachfolger hatte den Führerschein wegen Alkohol am Steuer verloren.”
„Und, was macht er heute?” schob ich Interesse vor.
Innerlich war ich in einer ziemlichen Anspannung, schließlich hatte ich noch immer keine Ahnung, was Markinsholz hier eigentlich vor gehabt hatte. Dass er eine Biographie über Wilson schreiben wollte, erschien mir im Moment als die unwahrscheinlichste Variante. Und was hatte es mit diesen angeblichen Spitzeln auf sich?
•••
Wilson bat mich ihn mit dem Auto mitzunehmen. Gestern sei er sehr lange aus gewesen und hätte seinen Wagen stehen lassen müssen. Die Tour ging an den Stadtrand. Es war Samstag, früher Nachmittag. Wir bogen in ein Gewerbegebiet ab und hielten vor einer Halle. Die öde Stahlblechfassade wurde nur durch den mit einer roten Markise überspannten Eingang unterbrochen, darüber schob sich eine Leuchtreklame über die Dachkante hinaus in den Himmel. Wilson machte eine abfällige Bemerkung über den Namen der Diskothek: Aquarius. Auf dem Parkplatz standen einige Autos verstreut zwischen großen Regenpfützen. Wilson deutete mit Besitzerstolz auf einen älteren weißen Lancia, allerdings war ihm so, dass er ihn gestern an andere Stelle abgestellt hätte. Der Clubbesitzer sei auch da, jedenfalls sein Auto, wir sollten auf ein Bier hinein gehen, schlug Wilson vor. Drinnen war es stockdunkel, Wilson zog mich am Jackenärmel hinter sich her. Plötzlich standen wir vor der Bar. Ich stolperte gegen einen Hocker, der polternd einige Stufen hinab auf den Tanzboden fiel.
„Bin ja schon da”! Ein Typ kam mit einer Sackkarre quer über die Tanzfläche gefahren. Scherzhaft rempelte er Wilson mit der Karre an.
Wilson stellte ihn vor. „Equinox Gromer, der In-Wirt in der Südstadt.”
Der Barkeeper schob die Pappkartons von der Sackkarre. „…der in der was? Ihr könnt gleich mithelfen Sektgläser zusammen zustecken.” Gromer stellte die Kartons auf die Bar. „Heute Abend ist ein Empfang, 350 Gäste, ich würde sonst die normalen Gläser nehmen, aber die reichen nicht!”
„Gutes Geschäft für die Gegend hier!” wollte ich ins Gespräch kommen, aber all meine Versuche, verbindlich zu sein, führten in letzter Zeit nur zu drastischen Reaktionen.
Gromer nahm sich meine Äußerung sehr zu Herzen. „Was soll das? Meinen Sie etwa, ich hätte hier Marktanalysen betrieben? Was ist schlecht an dieser Gegend? Das Geschäft läuft völlig normal, hier gibt es keine umsatzfördernde, seminargeschulte Gesprächsführung an der Bar, das habe ich gar nicht nötig”.
„Ähm, das war doch nun wirklich eine ganz harmlose Bemerkung, meinerseits.” wendete ich mich hilfesuchend an Wilson, aber Gromer war nicht zu bremsen.
„Harmlos? Sie haben doch von Markt und Gegend gesprochen. Hier ist alles echt: die Gäste, die Unterhaltungen. Was glauben Sie? Einmal, und nur einmal, ist hier so ein Kommunikationstheoretiker rein gekommen, so ein Institutsmensch, der hat mir ein 35-prozentiges Umsatzplus versprochen, wenn ich eine Gesprächsschulung in seinem Institut mitmachen würde: `Host to guest interactive face to face business communication improvement seminar, kurz htgi – ftf – bcis, oder so… Ich habe den achtkant rausgeschmissen.”
„Rustikale Antwort”, bemerkte ich, „da sind Sie aber schon in der ersten Lektion durchgefallen.”
Wilson versuchte zu beruhigen. „Das heißt doch nicht, dass Gromer kein Konzept hätte, ich finde das wichtig, man muss sich `cosy´ einrichten in dem was man tut, den Kopf auf die Schulter legen, mit dem Kinn über den Kaschmirsweater streicheln und leise zu sich flüstern: `Alles ist ganz nah´. Noch Fragen?”
Es funktionierte, Gromer und ich blickten uns stumm an.
„Ja, ja,” fasste sich Gromer an den Kopf, „der juristische Begriff lautet Unzurechnungsfähigkeit: Man muss Wilson schon öfter mal die Autoschlüssel wegnehmen, immer fährt er betrunken. Einmal ist er schon auf dem Parkplatz gescheitert. Er lag die ganze Nacht halb ausgezogen über den Vordersitzen, die Polizei musste ihn aus seiner…”
„Ich weiß wann ich noch fahren kann.” unterbrach ihn Wilson.
Gromer schob die Karre an ihm vorbei. „Sicher! Hier sind die Schlüssel. Ich hatte mir übrigens deinen Wagen ausgeliehen, ich konnte ja fahren.”
Wilson sagte, er hätte sich schon beinahe wundern wollen. „Gib uns ein Bier, aber lass uns bitte hinausgehen, hier riecht es so säuerlich.”
„Ja, ja, ich bringe euch was raus.” Gromer verschwand wieder nach hinten.
Wilson und ich gingen nach draußen, mittlerweile schien die Sonne, wir blieben im Schatten unter dem Eingangsüberdachung stehen. Auf einem Flyway rollte der Verkehr über unsere Köpfe hinweg, die Autos warfen Lichtreflexe auf den hellgrauen Schotter. Ich fragte Wilson, ob er hier Stammgast sei.
Gromer kam mit drei Bierflaschen aus dem Laden und übernahm die Antwort. „Wilson ist jeden Abend hier. Nur leider haben wir montags und dienstags geschlossen, da habe ich ihn nicht unter Kontrolle.”
Wilson spazierte zwischen den Autos herum. „Alles fahruntüchtige Gäste, ja? Haben die auch mit deinen Erziehungsmaßnahmen zu rechnen?”
„Nein, nein, das sind doch die einsichtigen Leute.”
„Müssen Frauen denn immer noch ihre betrunkenen Männer nach Hause fahren?” fragte ich.
Gromer sah mich einen Moment lang an, dann wandte er sich an Wilson. „Was will dein Cowboy hier eigentlich? Erst Marktforschung, jetzt so´n Soziologenzeugs.”
„Ja, Gromer, das war heute morgen der große Lacher am Frühstückstisch!” erzählte Wilson über ein Autodach hinweg, „er möchte eine Biographie über mich schreiben!”
„Über dich, Wilson? Was gab es denn so wichtiges in deinem Leben?”
Wilson lachte: „Ich bin auch schon ganz gespannt”.
„Also, auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen oder hier vorzeitig die Luft raus zu lassen: Ich kann nur sagen, das Wilson die letzten 20 Jahre hier Stammgast war! Wer bezahlt Sie denn eigentlich für diese Expedition?” fragte mich Gromer.
„Mein Verlag.”
„Wilson, hast du ihm von diesem anderen Typen erzählt?”
Wilson musterte mich. „Markinsholz? Ich glaube, das ist nicht nötig. Unser Cowboy hat die Fährte schon längst aufgenommen. Was ist eigentlich mit Markinsholz, ist er tot?”
„Schlimmer,” antwortete ich, „er ist zur Konkurrenz gegangen! Vorher hat er sich noch einige sensible Datensätze von den Firmencomputern gezogen.”
„Und? Gehört das mittlerweile nicht zum normalen Geschäftsgebaren?” Wilson studierte das Etikett seiner Bierflasche.
„Kann schon sein,” antwortete ich, „belangen kann man ihn wahrscheinlich nicht: Sein neuer Arbeitgeber hat ausgeflaggt und veröffentlicht seine Bücher jetzt in Liberia.”
„…und was wollte Markinsholz von dir, Amon?” hakte Gromer nach.
Wilson leerte sein Bier, dann schmiss er die Flasche auf das Hallendach. „Zuerst einen Pool für sein Ferienhaus, daraus wurde aber nichts. Als er dann Gürtlers BMW in meinem Schuppen entdeckte, begann er mir Löcher in den Bauch zu fragen.” Wilson steckte sich eine Zigarette an und tätschelte die Motorhaube seines Lancia. „Erinnert ihr euch an die Zeit, als Autos noch eine signifikante Seitenwindabweichung hatten?”
•••
„Markinsholz war, ganz zufällig, der 150.000ste Passagier auf unserem Regionalflughafen. Damals half ich für kurze Zeit in der Bezirksverwaltung aus. Die Kreisreform führte zur Fusion mit der Nachbargemeinde, sie suchten jemand als Lückenfüller für den Übergang, ohne besondere Ambitionen auf eine weitere politische Karriere. Ich hatte gerade einen Prozess wegen mangelhafter Bauausführung verloren und brauchte dringend etwas Geld. Also war ich es, der Markinsholz einen Präsentkorb mit hiesigen Spezialitäten überreichen durfte. Obwohl das Pressefoto am nächsten Tag völlig eindeutig war – was die Verteilung der Rollen betraf – war die Bildunterschrift falsch. Zwar war der Name `Markinsholz´ völlig korrekt geschrieben, aber ich stand auf der rechten Seite, nicht auf der linken, wie es die Bildunterschrift vermerkte. Markinsholz war es peinlich. Ich konnte das nicht verstehen, ein kleines Lokalblatt, eine lapidare Meldung, doch Markinsholz bestand auf Richtigstellung. Also druckte die Zeitung das Bild ein weiteres mal ab, mit einer kleinen Entschuldigung auf der letzten Seite des Lokalteils. Der Text unter dem Foto war korrigiert, nur leider war die Abbildung seitenverkehrt in die Zeitung gerutscht, alles umsonst, wieder falsch. Markinsholz konnte das nicht begreifen. Ich hielt ihn mit Mühe von weiteren Beschwerden ab. Markinsholz riss sich die beiden Seiten aus und legte sie auf den Tisch in seinem Zimmer. Irgendwann betrachtete ich sie und sah, dass er die Bildunterschriften herausgeschnitten hatte. Leider hatte er in der zweiten Ausgabe einen Artikel über den Schadensersatzprozess gegen meine Firma entdeckt und dick angestrichen. Jetzt wusste ich, warum es mit dem Pool nicht mehr so eilig war.
Schönbach und Gürtler kannten sich schon lange, als sie damals zum ersten Mal in meinem Haus Urlaub machten. Gürtler hatte ständig neue Autos, schließlich war er Autotester. Die beiden betrachteten die Fahrzeuge aus allen Blickwinkeln, fachsimpelten stundenlang herum oder starteten zu ausgedehnten Spritztouren. Einmal fuhren Schönbachs Frau Bibi und ich auch mit. Es war eine längere Fahrt zum damals gerade wieder eröffneten Simplonpass geplant. Mit aufwändigen Baumaßnahmen hatte man die Strecke ganzjährig befahrbar gemacht. Massive Betonüberdachungen auf weiten Teilen der Strecke schützen die Straße vor Schneefall und Lawinenabgängen. Wir verbrachten den Tag auf der Passhöhe, aßen zu Mittag und machten einen kleinen Spaziergang bei strahlendem Sonnenschein zu einem nahegelegenem See. Auf der Rückfahrt passierte es. Gürtler verlor bei der Abfahrt vom Berg plötzlich das Bewusstsein. Glücklicherweise griff Schönbach, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß, geistesgegenwärtig ins Lenkrad und verhinderte das Schlimmste. Er lenkte den Wagen zur Bergseite, wir schrammten seitlich an einer Felswand entlang, Funken flogen, es quietschte und krachte furchtbar, nach einer halben Ewigkeit kam der Wagen endlich zu stehen. Gürtler hatte von all dem nichts mitgekriegt und konnte sich an nichts erinnern. Als er den völlig demolierten Wagen sah, erlitt er einen Schock. In der Folgezeit gab es dort mehrere Unfälle, obwohl der Streckenabschnitt nicht besonders gefährlich schien, passierte alles nach dem gleichem Muster: Ohnmacht, Kontrollverlust, Unfall. Man kam der Ursache auf die Spur als sich herausstellte, dass die Unfälle immer bei starker Sonneneinstrahlung passierten. Die schnelle Fahrt durch die tunnelartigen Lawinensicherungen- löste einen permanenten Wechsel zwischen hell und dunkel aus, eine Art Stroboskopeffekt, Lichtblitze, die wahrscheinlich bei den Fahrern zu einer Art Hypnose/Kurzschlaf führten. Man entschärfte das Problem mit zusätzlicher Beleuchtung und Reflektoren, die man zwischen den Betonsäulen der Überbauungen einsetzte. Der Effekt faszinierte mich. Ich sammelte die Unfallberichte und galt bald als Fachmann für solche Fälle. Sicher, nicht offiziell vor Gericht, aber die Medien wurden auf mein etwas skurriles Hobby aufmerksam und brachten ein paar Stories. Seitdem erhalte ich immer noch Briefe, in denen ich um Stellungnahme gebeten werde, dabei geht es keineswegs nur um Trancezustände, hervorgerufen durch pulsierende Lichtreflexe, auch Gedächtnisverluste und Thermodysplasien sind Themen der Anfragen.
Vielleicht haben Sie schon einmal vom Fall `Guardini´ gehört. Professor Guardini und sein Institut kamen Mitte der 1970er in die Schlagzeilen. Nach einer bakteriologischen Untersuchung von Fertigtiramisu- hatte Guardini die beanstandeten Proben als `chemische Kampfstoffe ´ bezeichnet. (Das versetzte der damals noch in den Kinderschuhen steckenden Tiefkühlnahrungsmittelindustrie einen herben Rückschlag, von dem sich die Branche erst Mitte der 1980er Jahre wieder erholte, nachdem auf einem G7-Gipfel ein Diner zubereitet nur aus Tiefkühlkost – Büsumer Krabbensuppe, Fischfilet mit Spinat und Rösti, Kasseler in Blätterteig und Cassata – serviert worden war.) Guardini wurde aus seinem eigenen Institut gemobbt, welches immerhin den Namen seines Onkels trug. Der Professor trat die Flucht nach vorne an und gründete eine kritische Verbraucherzeitschrift, die er zwei Jahre später wegen angeblich nicht beglichener Steuerschulden einstellen musste. Guardini war noch einige Jahre als Sachverständiger in Produkthaftungsprozessen tätig, in der Öffentlichkeit geriet sein Name in Vergessenheit. Später stellte sich heraus, dass er Jahre lang mit einem Computerprogramm experimentiert hatte, welches den medialen Fluss von Nachrichten untersuchen sollte. Man gab sozusagen einen Begriff ein, dazu ein paar Eigenschaften des Begriffs, und konnte verschiedene Veröffentlichungswege bestimmen, konservative Presse, privates Hitradio, kirchliche Mitteilungsblätter, eine ziemliche umfassende Mischung. Guardini wollte herausfinden, ob und inwieweit damals feine Nuancen seiner Aussagen zum Tiramisu-Skandal- die Reaktionen der Öffentlichkeit verändert hätten. Er stellte fest, wenn er statt `chemischer Kampfstoff´ einen weniger drastischen Begriff gewählt hätte, wie zum Beispiel: `gesundheitsgefährdende Substanz ´, und der Veröffentlichungsweg nicht bei einer überregionalen, konservativen Tageszeitung begonnen hätte, sondern bei einem internationalen Nachrichtensender in englischer Sprache, hätte die Sache niemals solche Wellen geschlagen. Später versuchte Guardini seine theoretischen Erfahrungen praktisch zu nutzen, indem er vorsätzlich Falschmeldungen in die Welt setzte, dabei vergaß er allerdings, dass er mehr als ein initiales Gerüst hätte bieten müssen. Er dachte nicht daran, entsprechend nuancierte Nachrichten nachzuschieben. Also erzielte er ein hohes Anfangsinteresse, aber es gab kein Steuerungselement, keine weiteren Informationen mehr. Guardini wurde sogar vorübergehend festgenommen und ausführlich von den Behörden befragt. Aber er konnte das Knäuel seiner Gerüchteküche selbst nicht mehr auflösen. Teilweise hatten seine Presseenten zu einer Art Gleichschaltung der Medien geführt, denn die Nachbearbeitungen produzierten überall dieselben Leerstellen und Fachleutefloskeln. Guardini flüchtete in eine Art Gedächtnisverlust, verwechselte Tatsachen – ob absichtsvoll oder zufällig, ließ sich nicht feststellen. Jedenfalls war aus Guardini nichts herauszuholen. Pleiten bei einigen mittelgroßen Zeitungen wurden später dem Guardini-Effekt zugeschrieben.”
„Hier”, Wilson zog einen Umschlag hervor, „gestern bekam ich diesen Brief von einem Angestellten eines Autozulieferbetriebes in Padua, er schreibt, dass sein Chef ständig behauptet hätte, der gerade frisch gebrühte Kaffee käme immer kalt aus dem Automaten. Nachdem sich der Chef mehrmals ernsthafte Verbrennungen zugezogen hatte, wurde der Automat kurzerhand stillgelegt, seitdem (Zitat): `gibt es hier nur noch zuckerhaltige Softdrinks.´ Der Mann braucht meine Hilfe.”

© ulrich heinke

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