Kleine Warenkunde im Zeitalter des Software Updates –
Was kann dein Lieblingsgegenstand?

Dinge die da waren

Das Glücksversprechen hat einen neuen Platz gefunden. Früher setzte die “Kritik der Warenästhetik” noch am gemütlichen Glimmen der Gegenstände selbst an: “Aura”, wir erinnern uns. Das alles konnten wir bis zu Jeff Koons und dem Ende der 1980er weiterverfolgen – obwohl uns künstlerische Affirmations- und Entwertungsstrategien sicher nie ganz verlassen werden. Jetzt werden die Gegenstände zu buddymäßigen Begleitern, die sich nicht mehr aus würdevoller Distanz zeigen: touch screens, scroll dials – alles will berührt werden. Das Design verspricht hohe Funktionalität, das Außen geht nur noch als Retrozitat. Alles Dinge um die man sich kümmern muss, wie um einen Tamagotchi – ziemlich handgreiflicher Witz, aber Prototyp aller neuen Produktbeziehungen. Man kauft keine Dinge mehr, man schließt Verträge ab. Die Hardware wird einem von den Vertriebsabteilungen hinterher subventioniert. Die Ausbaumöglichkeit der Produkte schafft neue Konsumbeziehungen, plötzlich kann sich Kundentreue wieder lohnen, ist ein Upgrade günstiger als die Neuinstallation, simple Erziehungsmaßnahme, wo doch gerade jeder zur billigsten Telefongesellschaft gerannt ist. Der Gegenstand bleibt nicht mehr derselbe, Software lässt sich draufladen, das Ding hat Potenzial: Man umgibt sich mit programmiertem Mangel, der sich später (mit mehr oder weniger fatalen Folgen) im Gebrauch zeigen wird. Verbesserungsmöglichkeiten gehören zur Marketingstrategie, aus Trust wird Trust Plus, noch mehr Vertrauen.
Die Annäherung an die neuen Zustände ist herzergreifend banal: Man fragt wieder nach den bürgerlichen Etiketten: Freundlichkeit, Qualität und Effizienz. Warum ist wohl die Pünktlichkeitstafel aus den 1960ern wieder bei der Bundesbahn aufgetaucht? Ratgeberzeitschriften boomen, die Welt organisiert sich als Tippgemeinschaft: Wo ist etwas billiger, schneller, ertragreicher. Die lustigen Werbespots von Focus, immer dran denken: Dienstleistung auf dem Weg ins Konkrete, die Welt als Datenbank: Wo ist das Wasser im Mittelmeer am saubersten, stetes Misstrauen und Prinzipienfragen.
Verkauft wird aus einem Fluss von Informationen, die Berufsbilder reichen vom Investmentbanker bis zum DJ. Stets bemüht man sich um kulturelle Einbindung und Traditionsentwürfe, ob nun ein Eskimo Reifenspuren erkennt oder die dicksten Fische aus dem Wasser zieht, immer geht es um handgreifliche Vorstellungen: grandioses Gelärme, nach der Orchesterprobe klingeln die Ohren immer noch weiter.
Zum Ende des Gegenstands siehe auch den Niedergang der “Consumer Electronics” (früher: Unterhaltungselektronik). Kannte man als 15jähriger auf dem Schulhof noch jedes Feature – welches Cleaningtuch für welchen Lautsprecher und welches Handtuch hinterher – ist das Zeug mittlerweile zur biederen Abspielstätte verkommen, mit einem schlappen Versprechen von Kompatibilität, systemabhängige und soziale, Dubbing, Surrounding, überspielt und umgeben. Nichts ist so langweilig wie high end. Wirklich am Ende angekommen, schon die Vorstellung vom “besonderen Hörgenuss” generiert Bilder von portioniertem Kulturkonsum, der gefälligst Zufälle ausschließt und im dünnen Mäntelchen des Überlegenheitsgefühl daher kommt. Zielorientierte Begeisterung, nicht so entspannt unausgedacht wie, “den guck ich mir noch mal als Video an,” eben schlimmer, weil alles andere ausgeschlossen bleibt: “die beste Position ist genau in der Mitte zwischen dem Lautsprecherpaar.” Folgerichtig letzter Hoffnungsträger: implementiertes Hifi in Automobilen, immerhin die Simulation der eigenen Beweglichkeit. Übergeben und umspielt.

Text auf Technik

Die USA sind das Land der Produkthaftungsprozesse, gerade so, dass sich für die Konzerne die interessante Notwendigkeit ergibt, zwischen den Kosten für technologische Verbesserungen und Entschädigungen wegen Fahrlässigkeit abzuwägen, zwischen zynisch und folgerichtig. Die Rechtssprechung kreiert Hinweise direkt auf die Dinge, Texte, die in ihrem trockenen Realismus so unwiderstehlich sind: “Objects in mirror are closer than they appear!”, herrlich eingeätzt oder gar in den Rückspiegel gesandstrahlt? “Caution: The beverage you’re going to enjoy is extremly hot”, hier wird schon etwas werbewirksamer getextet. Mark Leyner hat in seinen Romanen den unbekannten Copywriter personifiziert, vor der Toilettentür stehend wird Bilanz gezogen: “Und Sie haben `men´ geschrieben?” “Yeah!” “Und `women`?” “Oh, ich wünschte, dass wäre von mir…” Aber es gibt immer wieder sentimental gefärbte Rückfälle, wenn Rockmusiker behaupten, “Objects in the rear view mirror may appear closer than they are!” wie neulich eine Galerieausstellung titelte: sentimentale Abkehr, Händeschüttler.
Technologie, als angepasste Maske, erzeugt Hoffnungen schon aus Prinzip, weil sie als Megatanker im Mainstream anerkannter Problemlösungsstrategien daherkommt. Immer neue Vermutungen ihrer Funktionsweisen werden bestimmt und für Utopien freigeschaufelt. Dabei hält sich populäre Technologiekritik gerne mit Erklären auf. Meinungsforschung wird für Firmenseminare aufgearbeitet und bietet jene Dosis Erkenntnisgewinn, die allseits Befriedigung schafft. Die Lieblingsvokabel lautet “Vorurteile abbauen”: Wenn ich besser informiert bin, ist alles nur noch halb so schlimm. Bescheidwissende Gesichtsausdrücke vom kurz mal in den Abgrund schauen, der eigene (emotionale) Einsatz wird als originärer Beitrag “habe mich damit auseinandergesetzt” verbucht, das Problem wird zum nächsten durchgereicht.
Im selbstverhandelten Umfeld, gerne am Rande des Dancefloors, findet die progressivere Variante der Medienkritik Gehör und fühlt sich bemüßigt, ihr Modell von möglicher Einflussnahme zu verbreiten: Technik vom Ursprung ihrer Bestimmung lösen, anders gebrauchen. Gerade immer dies zäh verteidigte Stück Vorsprung, welches einem die (temporäre) Begriffshoheit sichert. Bei denen, die beruflich in technische Abläufe involviert sind, steht die Ausblendung der Inhalte zwecks Selbstschutzes ganz vorne an. Die eigene Position bleibt unvermittelt, weil dieser Kanal läuft ja gerade sowieso. Die ökonomische Situation, “davon leben können” wird selbstverständlicher Maßstab, die selbst geschaffenen Strukturen des Geldverdienens taugen nicht als Verhandlungssache. Medientheorie reduziert das Soziale auf heiteres Berufe raten. SuSe Linux shoots Lara Croft. Was interessiert mich das Handarbeitsmuseum, für das ich hier gerade die Webseiten bastle? Richtig, aber entschuldigen tut man sich dafür immer noch, kommt so, als müsste sich Ron Sommer für die Inhalte von Telefongesprächen verantwortlich fühlen.
Gewiss, alles bleibt Verhandlungssache, wie auf der Schreibtischplatte einer Autoleasingfirma, die einen gebrauchten Porsche für die unverstehbare Summe von 1343.18 Euro? im Monat raushaut. (Es ist eine nicht zu unterschätzende Kunst, Preise jenseits eines interpretatorischen Gehalts zu ermitteln.) Kunststofffurnier und randvolle Aschenbecher, sinnfällige Firmennamen, wie die Titel von Gute Laune Swingalben, vielleicht von jener Bigband, deren Bandleader seinen Schwager beim Autoschrauben in der Garage überfuhr, weil er vom Bremspedal gerutscht war. Der Richter gab Freispruch, weil Strafe genug…, aber das ist eine andere Geschichte. Hans Last, ja, die konnten noch saufen, einen ganzen Pianodeckel voller Jack Danielsflaschen. Wir gehen nach da, wie die Welle laOla.

An die Rezeption abgegeben

Es war ein ziemlich langer Weg vom Insiderwissen über die Vorabveröffentlichung (Glaubensfrage) bis zu Consumers Notes im elektronischen Versandhandel, aufrufbar als Kurznotiz mit Punktewertung: Urteilsfähigkeit an alle weitergereicht. Die Kritiken waren der Motor von Geschmacksfragen, funktionierten als haltungsgenerierendes Wissen. Es ging um die Pflege des zeitweise blinden Flecks, mit der Hoffnung auf hierarchielose, weil im Moment (semantisch) befreite Zonen. Aber, das “ist jetzt anders hörbar”, holte gleich wieder dumpfes und altes ins Boot zurück. Ein Konzept von Insiderhaltung, das sich hierarchisch hält, wie der hochgeschlagene Kragen, dieser leicht nach vorne stolpernde Raumauftritt, der auf so unangenehme Art destabilisiert. Immer neue Hosen und Turnschuhe, und ihre pädagogisch angeleimte Doppelung: dieser Gesichtsausdruck von: macht doch nichts.
Geht einher mit jener blanken Boshaftigkeit, welche den Aufenthaltsort verleugnet, immer hinter die Bühne geht, sich den Verletzlichkeiten, der gewollten Interpretation entzieht, woanders stattfindet. Nicht als Pausenfüller- oder Aktionismus, sondern nur als spottendes Beobachten und ungelenke Bilder, auf denen man wenig erkennt, weil über alles die gleiche Soße fließt, ein Zugepixel in kontinuierlicher Bildschirmschonerqualität, von wegen cooles Monitor-Branding: “Ihre Geheimzahl bitte.” Produktion, die immer nur kleine Variationen zulässt und dann den Kragen hochschlägt, wertlose Muster vom unbeteiligt sein. “Wall of Production”, gesichertes Lager, in dem der Überblick noch möglich erscheint. Ein unerfreuliches Dahinter, wo man sich auf die Schultern klopft, sich die Hände gibt und die Lederjacke über die Thonetstuhllehne hängt, kleine Verzweifelung am Marmortischchen, mit abgezupftem Zellophan und Lichtenstein-Notizbüchlein. Irgendwo hingegossen zu Professorenstellen, schlechten Abbildungen und Bindestrich – Rezensorenkürzeln. Zigaretten kann man auch schon mal auf der Fußsohle ausdrücken.
Selbstinterpretierendes Zubehör
Aber werden wir freundlicher und betreten einen lichten Raum. Sinnbild für Austausch, man bemüht sich ja, wie z.B. im Spandauer ICE Bahnhof, freundliche Übernahme mit Freibier und Buletten. Kein großer Unterschied mehr zwischen Handy, Bahnhof und Titanic: Der Erziehungseffekt des Hollywoodkinos besteht ja nicht zuletzt im Auftauchen und in Funktion nehmen von Gegenständen, Sinnstiftung, lebensrettende Devices. Wie die Shopping Mall hat auch der Film seinen Anteil am imaginierten Reichtum: Systemgastronomie trifft Special Effects.
Es ist kein gutes Angebot mehr, etwas so zu verstehen, dass es eventuell doch ganz gut sein könnte, nur weil es früher noch schlechter war. Man braucht eine gewisse ignorante Rigorosität; bloß keinen Hollywoodfilm gut finden, nur weil wegen oder trotz Hollywood eine vermeintliche Grenze gefallen ist. Diese Art Grenzfälle, auf die man immer wartet, weil man sich längst einen Erkenntnisvorsprung zugebilligt hat und gönnerhaft den Nachzüglern zuschaut. Eigene Großzügigkeit trifft 40-Mio-Produktion. Auflösung des Standpunkts, aber darin das eigene Interesse erkennen bleibt ein schwieriges Unterfangen. Welche Mechanismen mit diesem Interesse einher gehen? Doch nur Projektionen auf irgendwas, wo man die Erwiderung nicht befürchtet und nicht erwartet? Die Phantasie des Übergriffs, der sich im Realen nicht vollzieht.
Lieber nichts einordnen und auf den Kaminsims der Bedeutungshaftigkeiten stellen, das Rathaus zum Museum machen. Rezeption, als Form von Wissens- und Haltungsgeneration, so Struktur bringend, hält es nur noch schwer mit dem Zustand der Dinge aus. Das wird zum wilden Geschäftsgebaren in all seiner Ausführlichkeit. Selbstrepräsentanz, das “an einer Idee hängen” zum Ideal gemacht, als wünschenswerte Vorstellung an jeden verkauft. Wie diese Pappschablone von Jamiroquai, gefüllt mit Baumästen im Wind. Kräheneinsamkeit, aber so was von stilisiert, wie ein Wikingermännchen, mit guten, sprühenden Ideen, bis der Funkenflug die Sprinkleranlage auslöst und all die Leasingnehmer in total loss of their duties führt.

© ulrich heinke

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