Schlagzeug ist auch ein Instrument

Obwohl mir die Arbeiten von Martin Städeli bekannt sind und ich vor nichts Unerwartetem stehe, gibt es in der Ausstellung „Produktion ohne Versprechen” doch einen überraschenden Moment. Die Begegnungen mit den Pappmascheefiguren, die Städeli nicht nur optisch, sondern auch in einer erweiterten, fast literarisch zu nennenden Weise ähnlich sind, bergen für einen selbst eine Form von wohligem Überraschtsein, die ziemlich nahe am netten Effekt der Selbstübertölpelung steht. Etwa wie ein alter Lappen in der Garage, den man jetzt schon zum dritten Mal für eine Katze hält. Man ist einen kurzen Moment lang ganz gut bei sich. Um diese Situation in der Ausstellung zu erhalten, hatte ich auch den prompten Wunsch, Städeli nicht inmitten seiner Kunst zu sehen und war ganz froh, dass er sich die überwiegende Zeit in einem Nebenraum aufhielt. Fotos vom Künstler neben seiner Kunst, oder beim Herstellen seiner Figuren sind so auf sympathische Art unvorstellbar.

(Der Einsatz von lebensnah modellierten Figuren erlebt eine gewisse Renaissance in aktuellen Kunstproduktionen, dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Begegnungen mit den Figuren sicherlich auch ganz ursprüngliche Sinneseindrücke bedienen. Das Gruseln eines Elfjährigen in der Geisterbahn oder der lebenslang andauernde Widerstand gegenüber dem Betreten eines Wachsfigurenkabinetts fallen mir da ein.)

Es geht Städeli mit seinen Figuren und Bildern ganz gewiss nicht um spektakuläre Könnerschaft in einem handwerklichen Sinne und auch nicht um die Feststellung von Autorenschaft. Die Figuren halten einen auf dem Abstand, den man auch einer befreundeten Person zubilligt, anders als irgendwelche Detailtreue, die diesem relativen und bewegten Eindruck zuwiderläuft und eher voyeuristisches Interesse anspricht. So ist die aufgemalte „Kleidung”, (schwarze Hose, weißes T-Shirt) ebenso vorstellbar als tatsächliche Bekleidung in diesem besonderen Falle, aber auch, in ihrer mangelnden Spezifizierung, als bloßer Stellvertreter für alle anderen Möglichkeiten des Angezogenseins.

Der Realismus der Figuren erzeugt sich nicht aus der Ähnlichkeit zu einer wirklich existenten Person, sondern entsteht aus der Beziehung des Betrachters zur Figur, die scheinbar selbstverständlich eine sozial determinierte Zone im realen Raum für sich beansprucht. Dabei halten auch die Figuren untereinander respektvollen Abstand ohne in einer signifikanten Relation zueinander zu stehen. Das Zusammenspiel von Figuren und Bildern in der Ausstellung hat schon viele Situationen hinter sich gebracht und kann jetzt fast beziehungslos, so wie einfach abgelegt im Raum erscheinen.

Natürlich ist keine Verdreifachung des Martin Städeli in Sicht, eher verschränken sich verschiedene Räume und Zeitpunkte zu vagen Möglichkeiten. Städeli geht es ja ganz eindeutig um das erweiterte Besprechen dieser Situation, die sich hier beispielsweise in diesem Text fortsetzt und die nicht zwangsläufig mit seiner Ausstellung gleichzusetzen ist, sondern schnell andere Anschlüsse denkbar werden lässt. Dabei muss man den sparsamen Generalismus in der Ausführung, das Malen bis hin an die allgemeinsten Oberflächen schon mögen: diese Art von Kunstproduktion, die halt so gar nicht opulent sein will.

So zieht die gewollte Kargheit auch Missverständnisse an und unwohlmeinende Stimmen hielten sich daran fest, dass sich in Städelis Produktion in den letzten Jahren wenig getan hat. Sogleich ist zu kontern, dass das ja wohl nichts zur Sache tut. Die hält sich kaum bei den hergestellten Dingen auf, sondern ist auch eine Geste von irgendwie Beschäftigtsein. Dabei werden die ganz normalen Alltäglichkeiten, wie etwa Langeweile mal kurz durchgesprochen. Wer im Detail etwas neues und anderes verlangt, unterliegt wohl einem Irrtum im Blick auf die Kunst Städelis, der eben kein Erkenntnisverwalter mit Theorieanbindung sein will.

Hier erhellt sich dann auch der Widerspruch zu einer rein konzeptionellen Kunstidee von beispielsweise weißen Leinwänden. Die Arbeiten haben nicht dieses unabweisbare Analytische, diese Schärfe, die nur bestimmte Deutungsmuster zuließen. Die Sachen wollen das nicht. Obwohl alles als knappe Geste erscheint, ist es nicht diese Art von Reduktion, die andere Möglichkeiten ausschließen würde. Im Gegenteil: Man ist nicht dazu aufgerufen sich ein besonderes Interesse für Malerei oder gar Skulptur abzuringen. Die gewählten, einfachen Farben und Werkstoffe haben zwar etwas zwingendes im naheliegenden Sinn ihrer Verwendung, aber der Gedanke es könnte auch alles ganz anders aussehen stört die Sache nicht. Der Künstler kann da sicherlich einige nette Gespräche mit Ausstellungsbesuchern führen, die bestimmte kunstheoretische Anschlüsse suchen.

Städeli ist ein großer Fan mit enzyklopädischem Interesse an kultureller Produktion. So das man im Gespräch mit ihm im Kurzdurchlauf alle Stufen kultureller Betrachtungsweisen bis hin zur eskapistischen Fürsprache durchziehen kann: „Wahrscheinlich waren die Beach Boys doch die beste Band im vergangenen Jahrhundert”. Kurz gesagt, kleines transzendentes Wölkchen, aber auch kein zwangsläufig lebensgestalterischer Ansatz. Städeli war selbst mal Schlagzeuger. Dieses Instrument mit dem pragmatischen Charakter von: „Sollte man dabei haben, klar, ist unverzichtbar, sicherlich, aber ´mal anders gefragt: Kennen sie einen Schlagzeuger der tolle Stücke schreibt?” Schlagzeuger brachten musikalische Eskapaden als bemitleidenswerte Ersatzhandlungen wie Schlagzeugsoli oder Mastercuts zum Lautsprechertest hervor.

(Das Solo des „Drummers” ist die Zeit zum Trikotwechsel für den Rest der Band. Die halb erschöpften, halb introspektiven Blicke der wartenden Mitmusikanten, während sich da einer abmüht das Publikum zu unterhalten, aber dabei das Wesen von Gemeinsamkeit mit allen da im Raum bitter verschlafen hat, oder je nach Seelenlage routiniert ignorieren kann, ist auch mal einen Bildband wert.)

Bei der Wahl der Instrumente, Waffen, Produktionsmittel fällt die wichtigste Entscheidung: Wie setzt man den eigenen Wunsch nach künstlerischer Beschäftigung um? Will man nicht in die Falle der Selbstverwirklichungsgesten stürzen sind andere Taktiken gefragt. Städelis Pragmatismus und seine puristische Darreichungsform funktioniert gerade deshalb weil er nicht inmitten des Mainstreams daher kommt. Dieser leichte Versatz zum Fokus ist wichtig. Hier sucht niemand nach Ausschlusskriterien, nur um eine scheinbar unanfechtbare Strategie zu behaupten. Es wird sich schon der Mittel der allgemein stattfindenden Produktionen bedient, glücklicherweise kommt das aber immer etwas versetzt an: Warum sollte man mit dem Auto fahren, wenn es doch auch Motorräder gibt

© ulrich heinke