Das Ende der Systemgastronomie

Der Blick geht über einen spiegelglatten Bergsee in karger, dürr bewachsener Natur. Plötzlich fliegt von der Seite ein Stein ins Wasser, hüpft ein paar Mal über die Wasseroberfläche und stört das ruhige Spiegelbild. Am Ufer des Sees sitzen vier Personen, zwei sitzen sehr nah beieinander, die anderen stehen mit einigem Abstand zwischen Felsen direkt am Wasser, sie rauchen und schweigen sich an. Die beiden sitzenden Personen unterhalten sich schon eine ganze Weile. Bibi Wach, eine Schriftstellerin, spricht mit Joachim (Jo) Gürtler, einem Autotester, über die bevorstehende Trennung von ihrem Mann Bodo Schönbach, einem TV-Quizmaster. Man möchte im Einvernehmen auseinandergehen.

„Es ist uns beiden klar, dass es einen Schlussstrich geben muss. Die Außenwelt nimmt uns immer noch als Paar wahr, aber das entspricht nicht der Realität. Beziehungen werden stark von deiner Umgebung, den Freunden und den sozialen Umständen bestimmt. Viel mehr, als man es sich eingestehen möchte. Irgendwann hasst du es, wenn die Vorstellungen der Wirklichkeit nicht entsprechen. Du verstellst dich die ganze Zeit. Du bist jemand anderes. Du trägst die Aggressionen in die Beziehung hinein. Alles wird unsäglich kompliziert, eine Zwangsmaschine. Auch die schönsten Momente verpuffen dann, man hat keine Möglichkeit sie zu genießen. Es ist eine totale Sprachlosigkeit. Nach außen drängen nur die Worte, die man selbst schon gar nicht mehr hört: Ja, wir machen alles zusammen, sind heute hier, machen morgen das. Man füllt nur die Lücken aus: Andere Orte, Zeiten, Aufgaben – aber kein Leben.”
Gürtler hat zugehört, hebt wieder einen Stein auf und wirft ihn ins Wasser, er springt viele Male über die Oberfläche, bevor er eintaucht.
Wach blickt zu ihrem Mann hinüber: „Sieh ihn dir an: er und Wilson, es geht immer nur ums Geschäft, immer wieder”, bemerkt Wach.
Gürtler sitzt auf einem Felsen und blickt zu Bibi Wach hinauf. „Weiß Wilson schon, dass ihr euch trennt?”
„Ich denke ja, aber wirst du schlau aus Wilson? Was macht der eigentlich?”
„Geschäfte, aber frag mich nicht was.”
„Ich glaube, der wandert immer auf einem schmalen Grad zwischen legal und verboten. Hat er nicht letztens erst eine Pleite hingelegt?”
„Da bin ich überfragt, er spricht nie über seine Geschäfte. Was macht er mit Schönbach? Planen die etwas Gemeinsames? Die beiden unterhalten sich so aufgeregt, als ob ihnen 1000 Dinge eingefallen wären.”
„Ich mag Wilson, er spielt sich nicht auf, macht seine Sachen, ist offen zu den Leuten. Manchmal denke ich, er hat mit niemanden wirklich ein Problem.”
„Klar, er ist hier der Chef, aber diese Sicherheit, irgendwann ist es langweilig!”
„Das glaube ich nicht, es ist doch schon ein Schritt hier her zu kommen, die Dinge hinter sich zu lassen.” Wach zündet sich eine Zigarette an. „Und…, wie läuft es bei dir in deinem Beruf?”
„Eigentlich wollte ich längst aufhören, aber mein Nachfolger hat, zwei Wochen nachdem er anfing, seinen Führerschein verloren. Stell dir das vor: Als Autotester mit eigener Sendung, ein Desaster. Trunkenheit am Steuer, eine bodenlose Dummheit. Nun bin ich erst mal eingesprungen. Aber ich habe kein Interesse mehr, es hindert mich nur daran etwas neues zu beginnen.”
„Und das Rallye fahren?”
„Im Herbst. Das erste Mal in Argentinien. Ich bin Werksfahrer, jetzt verdiene ich sogar etwas Geld. Schluss mit dem teuren Hobby!”
„Männerschwachsinn!”
„Was? Das Autofahren?”
„Ja, euer ganzes Verhältnis zur Technik. Fühlst du dich sicher darin? Einschätzungen, Urteile über Dinge, diese ganze greifbare Welt um dich herum, alles so qualifiziert!”

•••

Das Restaurant heißt „Sushi and more”. Hinter einer riesigen Schaufensterscheibe steht eine junge Frau und telefoniert mit einem schnurlosen Telefon. Die Scheibe ist von innen beschlagen. Während die Frau spricht, malt sie mit ihren Fingern auf dem Glas. An den unteren Eckpunkten der Fingerzeichnung rinnen Kondenswassertropfen herab. Die Stimme der Frau ist nicht zu hören, von außen sieht man nur die Bewegung ihrer Lippen.
„Wann kommst du endlich her und kümmerst dich um deinen Kram hier? Ich habe ein eigenes Leben! Kannst du dir vorstellen was hier los ist? Und ständig kommen neue Lieferungen mit deinem Plunder. Hast du eigentlich irgendeine Idee, was du mit dem Zeug machen willst?”
Zadie wendet sich von der Schaufensterscheibe des Sushiladens ab und geht zurück in den Gastraum. Sie blickt zornig umher, während ihr Vater am anderen Ende der Leitung spricht. Mit den Augen macht sie der Bedienung Zeichen, an welchen Tisch die Bestellung gebracht werden muss. Durch die Eingangstür tritt ein Kurierfahrer mit einem weiteren Paket von ihrem Vater ein. Sie bedeutet dem Fahrer den Weg durch den Laden hindurch in einen Flur, der schon so vollgestopft ist, dass das Küchenpersonal kaum noch vorbei kommt. Sie geht neben dem Boten mit und spricht in den Hörer.
„Seit 10 Tagen höre ich immer das Gleiche: In zwei Tagen bin ich wieder da. Verstehst du: Ich habe mich zum Examen angemeldet. Ich brauche die Zeit. Wenn du dich bis zum Wochenende nicht hier einfindest, bleibt dein Laden zu!”
Zadie reißt sich den Hörer vom Ohr und ist entsetzt, das sie ihn nicht auf die Gabel knallen kann. Eine Geste, die ihrer Wut eher entsprechen würde. Stattdessen drückt sie in leichter Irritation auf die rote Taste des Handgeräts und ist verwundert über den merkwürdigen Schwung ihres Körpers, als ob sie von einer Schaukel gesprungen wäre. Der Kurierfahrer reicht ihr ein Brett mit Zetteln zur Unterschrift heran. Ein willkommener Ersatz für das fehlende Telefon. Sie knallt das Brettchen auf den Gästetisch, an dem Bibi Wach und eine Freundin sitzen.
„Ich hoffe, es ist alles in Ordnung?” fragt eine leicht erschrockene Wach in Richtung Zadie.
Die murmelt eine Entschuldigung, während sie einen routinierten Kringel auf das Kurierbrettchen malt und daneben ihren Namen in Druckbuchstaben setzt: MARKINSHOLZ.
Wach dreht ihren Kopf um den Namen zu lesen. „Ah, ein Familienbetrieb! Wie geht es dem Papa?”
Zadie blickt ungläubig und ist leise entsetzt. „Wie es ihm geht? Fragen Sie ihn doch selber, wenn Sie ihn kennen! Einfach die Rückruftaste drücken, dann hast du ihn.”
„Ach so, das ist der Grund für die schlechte Stimmung, die können Väter aus dem Nichts zaubern!”
„Hören Sie: Dieses ‘Nichts’ geht mir schon seit zehn Tagen auf die Nerven, dieses ‘Nichts’ um mich herum.” Zadie macht eine ausladende Geste und beschreibt das Lokal. „’Kannst du mal am Wochenende auf das Lokal aufpassen’”, äfft sie ihren Vater nach. „’Schmeiß die Schlüssel in den Briefkasten, ich nehme sie mir am Montag früh raus’. Dienstag früh habe ich den Briefkasten aufgebrochen, seitdem stehe ich hier ununterbrochen im Laden.”
Wachs Freundin mischt sich ein. „Etwas ungewöhnlich für einen Sushiladen, das überbordende Sammelsurium hier.”
„Ungewöhnlich? Es ist der blanke Wahnsinn! Nicht nur der Laden hier, auch der Flur, der Keller, die Wohnung meines Vaters, alles vollgestellt mit Ramsch. Angeblich wertvolle Ausstattungsstücke aus irgendwelchen Filmen:
- Gitarre eines Musikers
- auf der Bühne
- bestimmtes Konzert
- besonderes Lied
- gerissene Saite
oder:
- Hochzeit eines Filmhelden
- Motorradtankkappe
- graviert
- Erinnerungsstück
- einziges Exemplar auf der Welt.
Die Ketten des angeblichen Sinngehalts lassen sich endlos aneinander hängen und ich will damit nichts zu tun haben!”
„Verschenken Sie es doch!” schlägt Wach vor.
„Gut, was wollen Sie haben?” Zadie greift hinter sich, ergattert ein längliches Paket, welches der Bote eben gebracht hatte und schiebt es auf Wachs Tisch.
Wach blickt amüsiert, nimmt das Paket und dreht es einige Male herum. „Hast du Lust, zu mir in die Sendung zu kommen? Wir könnten das Paket zusammen öffnen, wer weiß was drin ist? … und dann reden wir noch ein bisschen über dich! … und deinen Vater.”
Zadie verzieht das Gesicht. „Was für eine Sendung?”
„Also gut, wir reden nur über dich!” sagt Wach und reicht Zadie ihre Visitenkarte.

•••
Xenopoulos schwebt in einem Fensterputzkäfig hoch über den Straßen von Singapur. Der einzige Platz in der Stadt an dem man rauchen darf. Die Plattform schwankt leicht hin und her. Es weht ein warmer Wind. Xenopoulos presst seinen Kopf an eine Scheibe der Hochhausetage, die er gerade putzt. Es ist ein großes Appartementhaus. Die Wohnung in die er hineinblickt scheint nur selten bewohnt zu sein. Die Einrichtung wirkt steril. Keine persönlichen Gegenstände liegen herum. Einige Möbel sind abgedeckt. An den Wänden hängen Bilder, die, wären sie echt, ein Vermögen wert sein müssten. Xenopoulos entschließt sich, die Bilder für täuschend echte, hochwertige Drucke zu halten.
Xenopoulos hört das Piepen des Windmessers. Die Böen sind zu stark geworden, er muss den Käfig wieder hochziehen. Die Arbeit ist für heute erledigt. Es schwankt auch schon unangenehm stark. Xenopoulos entschließt sich Feierabend zu machen, aber gleich kommen ihm wieder Gedanken, wie er in dieser langweiligen Stadt seine Freizeit bestreiten soll. Mit den Kollegen in eine Bar gehen? Das bringt vielleicht zwei Stunden, aber es ist teuer und die zusammengewürfelte Truppe spinnt nur wieder das bekannte Seemannsgarn von abgesoffenen Stapelläufen und nicht bezahlter Heuer. Vor 23 Uhr kann er nicht in sein Billighotel zurückkehren. Er teilt sich dort ein Zimmer mit zwei anderen Wanderarbeitern. Kommt er früher, muss er wieder mitsaufen und dazu fehlt ihm heute die Energie.
Xenopoulos war unter die Jobber geraten, aber unter die elitärste Form von ihnen, jenen, die sich auf der ganzen Welt verdingen. Die Welt, eine einzige Jobbörse, die Leute driften von Land zu Land aus den unterschiedlichsten Motiven. Der Pass muss allerdings in Ordnung sein, sonst sind die Drei-Monats-Visa kaum zu bekommen. Man gibt sich als Malocher, gilt aber als privilegierte Ausgabe von ihnen. Ungezählte Briten, die ungezählte Whiskeys trinken.

•••
Bibi Wach steht im Flur ihrer Vier-Zimmer-Altbauwohnung und telefoniert mit ihrem alten Telefon, diesem grauen mit Wählscheibe. Wach ruft ihre Freundin an, mit der sie auch im Sushiladen von Markinsholz Tochter Zadie war, die eigentlich Sarah heißt, der aber dieser Name nicht mehr so gut gefällt.
„Hi, Margret, dieser Finanzberater, den du mir auf den Hals…”
[...]
„Ja, schon gut, ist ja nicht so schlimm, sag mal, wie heißt der denn noch gleich? Da hat gerade so jemand angerufen, Marksholz oder so ähnlich.”
[...]
„Wie, kann nicht sein? Der stand schon vor der Türe, da hab ich ihm gesagt er soll drüben beim Italiener warten, ich sei gleich da. Du, ich habe gar keine Lust, den zu treffen…”
[...]
„Wie? Kann er nicht sein? Wer denn dann?”
„Das solltest du vielleicht herausfinden.”
„Kommst du Mittwoch ins Studio?”
[...]
Wach verlässt das Haus über einen alten Fahrstuhl im Treppenhaus. Draußen regnet es. Der Italiener ist gleich um die Ecke. Leider ist heute Ruhetag. Markinsholz steht vor der geschlossenen Türe.
Wach kommt auf ihn zu. „Das tut mir leid, ich habe Sie verwechselt. Sind Sie nicht dieser Finanzberater?”
„Nein, nein, wie kommen Sie denn darauf? Ich hätte mich am Telefon wohl klarer ausdrücken sollen. Mein Name ist Markinsholz, ich handele mit Antiquitäten, um es mal so zu sagen.”
„Gehört Ihnen nicht das ‘Sushi and more’?”
„Richtig, woher wissen Sie das?”
„Oh, ich habe Ihre Tochter kennen gelernt, die ist nicht so gut auf Sie zu sprechen, glaube ich.”
„Ja, nun bin ich aber wieder zurück.”
„Weiß sie das denn schon?”
„Nein, bin gerade eben erst angekommen, ich werde mich heute Abend um den Laden kümmern.”
„Sagen Sie, können wir nicht woanders hingehen?” Markinsholz war schon ganz nass geregnet.
„Gehen wir, setzen wir uns in mein Auto.” Wach zieht einen Schlüssel aus der Tasche, die Blinker eines Autos in unmittelbarer Nähe leuchten auf. Die beiden steigen in den Wagen.
„Also, weshalb wollten Sie mich sprechen?”
„Ich war gerade in Italien, habe Ihren Ex-Mann Schönholz und seinen Freund Wilson getroffen.”
„Und?”, Wach ist leicht genervt, als sie diese beiden Namen hört.
„Wissen Sie, ich sammele Antiquitäten, vielmehr nostalgische Dinge, Memorabilia von Stars, besondere Momente und so.”
„Leichenfledderer?”
„Nein, es ist eher historisches Interesse. Kannten Sie Gürtler, den Autotester, ich suche das Fahrzeug, in dem er damals verunglückt ist, ich glaube es steht bei Wilson.”
„Ich kenne Gürtler, aber er ist nicht verunglückt, jedenfalls nicht mit seinem eigenen Wagen, und auch nicht tödlich. Das ist so ein blöder Mythos, dass der Autotester hinter einem Lenkrad zu sterben hat. Gürtler war schon lange nicht mehr im Beruf, als er … aber was geht sie das an?”
„Wissen Sie ob noch ein Wagen existiert, bei Wilson vielleicht?”
„Woher soll ich das wissen, Sie waren doch gerade da, ich bin damals nur einmal dabei gewesen. Wir hatten auch einen kleinen Unfall… Warum hetzen sie diesen ganzen Sachen hinterher? Ihrer Tochter stehlen sie die Zeit, so kurz vor dem Examen. Sie nutzen ihre Geduld aus, um irgendwelchen Phantomen hinterher zu jagen. Übermorgen wird ihre Tochter übrigens in meiner Sendung zu sehen sein, Kanal 18, ab 15h.”

Zurück auf Anfang:

Bibi Wach steht am Telefon im Flur und spricht mit ihrer Freundin Margret.
„Nein, ich brauche keinen Steuerberater!”
[...]
„Wann kommt der?”
[...]
„Heute? Es ist Sonntag!”
Es klingelt. „Na toll, Margret, …Moment.” Bibi Wach geht zur Tür und betätigt die Gegensprechanlage. „Hallo, hören Sie, es passt mir heute gar nicht.”
Vom anderen Ende kommt ein Knistern herüber. „Mein Name ist Markin…”
„Hören sie, ich bin noch nicht so weit, sagen wir in einer halben Stunde, gegenüber beim Italiener.”
„Ja, gut, ich werde dort auf Sie warten”, krächzt es aus der Anlage.
Wach ergreift das Telefon. „Hör zu, Margret, nur dir zu Liebe, aber könntest du mir diese Dinge in Zukunft bitte selbst überlassen?”
[...]
„…Ja, ja ich weiß!”
[...]
„…ist in Ordnung!”
[...]
„Nein, morgen ist Sendung!”
[...]
„Na, die Kleine aus dem Restaurant.”
[...]
„Nein, nein, ich zeichne es auf! Also, hasta la vista, tschau.”
Als Wach ihr Haus verlässt, sieht sie vor dem Italiener Markinsholz im Regen stehen, der Italiener hat Ruhetag.

•••
Xenopoulos blickt auf die Karte:
P A R A S I T E
Jo L. Courier
By-Loads
A Worldwide Agency
Der Taxifahrer schaut in den Rückspiegel. „Also, ich weiß nicht wie ich die Fahrziele zusammen bekommen soll. Der Herr hinter mir fährt jetzt in die ganz falsche Richtung.”
Xenopoulos wendet sich an seinen Nebensitzer. „Sie sagten doch, es würde auf Ihrem Weg liegen!”
Courier antwortet. „Hey, nehmen Sie es leicht, ein kleiner Umweg.”
Xenopoulos blickt auf seine Armbanduhr, den Bürotermin würde er jetzt kaum noch schaffen. Also was soll es. „Ich möchte hier raus, bitte halten Sie sofort an!”
„Das hier ist die Stadtautobahn, unmöglich hier zu halten, warten Sie bis zur nächsten Ausfahrt”, sagt der Taxifahrer, der nervös nach hinten blickt, während Xenopoulos sein Portemonnaie umständlich aus der Gesäßtasche zieht.
„Was kostet das jetzt? Fahren Sie die Nächste raus!”
Plötzlich gerät das Taxi in einen Stau auf der Autobahn. Kurzes Schweigen im Taxi, Xenopoulos blickt nach draußen in den Regen. „Also gut, das dauert mir jetzt zu lange, ich steige hier aus!”
„Das dürfen Sie nicht!”
Xenopoulos hält einen 100 € Schein in Händen. „Kann den jemand wechseln?”
„Wie viel wollen Sie denn zahlen?” fragt Courier.
„Weiß nicht, einen angemessenen Anteil.”
Der Taxifahrer will jetzt nicht wechseln. „Wir fahren ja noch.”
„Ich habe nur Plastikgeld dabei”, bemerkt Courier.
Xenopoulos zögert, schließlich legt er das Geld in die Mitte der Rückbank. Es gießt in Strömen. Xenopoulos öffnet die Tür und lässt das Geld liegen.
„Geben Sie mir ihre Karte, ich schicke Ihnen das Geld zurück!”
Aber Xenopoulos hat schon die Tür geschlossen und steht mitten auf der dritten Spur der Stadtautobahn. Er quält sich durch den Stop-and-Go-Verkehr, erreicht den Standstreifen und läuft in einen höllenlauten Tunnel, bis er eine Notausgangstür erwischt. Durch das dahinterliegende Treppenhaus gelangt er nach oben in die parkähnliche Überbauung der Stadtautobahn. Vor einer großen Ventilatorenschaufel, die die Abgase aus dem Tunnel nach oben treibt, bleibt er stehen und ruft mit dem Handy im Büro an. Er sagt, dass er später kommt.
Eine Stunde später ist Xenopoulos im Büro. Ziemlich gehetzt, läuft er gleich in den Konferenzraum. Dort stellt er fest, dass die Konferenz auf einen späteren Zeitpunkt verlegt wurde.
„Hey Xeno, nicht da rein! Die Konferenz ist verschoben. Wir sind hier die rote Gruppe, Gelb ist erst heute Nachmittag.”
Xenopoulos dreht sich um. „Gibt es einen Grund dafür?”
„Heute kamen zwei Gegendarstellungen, die recht stichhaltig zu sein scheinen. Der Chef tobt jedenfalls.”
Xenopoulos sind diese Zustandsbeschreibungen aus und über die Chefetage eigentlich immer zuwider. Er arbeitet hier, die Anderen tun es auch. Warum soll man sich immer so emotional involvieren lassen? Xenopoulos fragt noch einmal nach.
„Also, um 15h hier unten, ja?”
„Ist korrekt!”
„Okay, danke!”
Ohne weitere Worte zu verlieren schiebt sich Xenopoulos langsam in Richtung Büro. Die Tür ist abgeschlossen. Er erinnert sich, dass sein Schreibtischnachbar für heute einen Auswärtstermin angekündigt hat. Er freut sich auf einen Vormittag ohne belanglose Bürogespräche. Er schliest die Tür auf. Sein Postkörbchen ist leer. Er greift zum Telefon.
„Die Post schon durch?”
[...]
„Ja? Danke.”
Xenopoulos Schreibtisch sieht viel zu aufgeräumt aus, zu leer, zu wenig nach Beschäftigung. Für die nachfolgende Konferenz sollte er sich lieber eine Strategie zurechtlegen, denkt er. Heute geht es um seinen Bereich Biografie. Xenopoulos hat diesen von Markinsholz übernommen, der ein ziemliches Chaos hinterlassen hat. Aber die Zeit, in der das für Xenopoulos eine bequeme Ausrede war, scheint jetzt abgelaufen zu sein. Allerdings ist er nicht so weit, dass er auch nur einen Gedanken hat, wie es weitergehen soll. Markinsholz hat eher die traditionelle Seite bedient, also die Heldengeschichten. Xenopoulos denkt anders darüber. Er will die Sache offen halten, die Biografien nicht so zuspitzen, versuchen mehr ein Forscher in diesen Dingen zu sein. Aber konkrete Projekte hat er nicht zu bieten und jetzt wollen die Leute etwas hören. Xenopoulos sieht sich im Büro um, nichts erinnert ihn an seinen Vorgänger. Er hat auch keine persönlichen Dinge mitgebracht, vor ihm liegt nur eine Art hedonistisches Besteck: Eine Ausgabe von Condé Nast Traveller, ein altes großes Handy und Autoschlüssel mit Lederanhänger aus dem die Markenplakette herausgebrochen war. Xenopoulos sieht sich nicht als Ideenlieferant. Jedenfalls kann er keine Rezepte vorlegen und will das auch gar nicht. Auch möchte er sich nach einem halben Jahr nichts aus den Fingern saugen, weil das eh unprofessionell herüberkommen wird. Xenopoulos steht auf und blickt aus dem Fenster in das trübe Grau des Vormittags. Dann schreitet er die Wand mit den Aktenschränken ab und zieht willkürlich ein paar Schübe auf. Alles leer bis auf ein paar alte Projektmappen von Markinsholz, die dieser aber alle ausgeräumt hat. Xenopoulos schiebt die Akten mit den Fingern auseinander. In einer Akte befnden sich noch ein paar Zettel. Er wirft die Akte auf seinen Schreibtisch. Ein paar ausgeschnittene Zeitungsartikel segeln heraus und landen auf dem Boden. Xenopoulos geht vor den Schreibtisch um ein Papier aufzuheben. Es ist ein Ausschnitt aus einer italienischen Zeitung, zwei Männer sind händeschüttelnd auf einem Foto zu sehen. Ein Mann hält einen Präsentkorb, der andere scheint ein wenig überrumpelt worden zu sein und macht eher gute Mine zum bösem Spiel.
In der Bildunterschrift entdeckt Xenopoulos den Namen Markinsholz, den Text versteht er nicht. Er geht ins Nachbarbüro und fragt nach, ob jemand italienisch kann. Der Typ, der ihn vorhin wegen der Konferenz zurückgepfiffen hat, greift sich den Artikel.
„Um was dreht es sich denn?” Der Kollege tritt ein Stück zurück und deutet auf das Bild. „Das…, den Rechten meine ich, das ist Markinsholz, den anderen kenne ich nicht.”
„Und was steht in dem Text?” möchte Xenopoulos wissen.
„Kann auch nicht so gut italienisch, aber es geht um einen Flughafen.”
„Soviel weiß ich auch schon!” ruppt Xenopoulos los, greift sich die Mappe und geht zurück in sein Büro.
Zurück am Schreibtisch findet er einen anderen Zeitungsausschnitt mit demselben Foto. Doch diesmal ist das Foto seitenverkehrt abgedruckt worden. Xenopoulos legt die beiden Zeitungsausschnitte nebeneinander. Dann geht er die Artikel nach Namen durch. Markinsholz steht da, aber auch ein anderer Name: Amon Barett Wilson. Xenopoulos schreibt die Namen auf ein Blatt und heftet die beiden Zeitungsausschnitte an die Pinnwand in seinem Büro. Die einzige Neuanschaffung, die Xenopoulos im Büro aufgestellt hat. Leider ist die oben angebrachte Lampe defekt und wirft ein flackerndes Licht auf die Tafel.

•••
Keith Barish, Filmproduzent von u.a. „9 1/2 Wochen” ist Mitbegründer der Restaurantkette „Planet Hollywood”. Barish war wohl der erste, der ein neues Werbekonzept für seine Systemrestaurants entwickelte, in dem er seine Idee einfach an ein paar berühmte Hollywoodstars verkaufte: In der Form von Aktienanteilen an seiner Firma. Er selbst hielt sich dabei im Hintergrund, obwohl keiner vermutete, dass Stallone, Schwarzenegger, Willis und Moore tatsächlich etwas mit dem Alltagsgeschäft zu tun hätten. Die Geldquelle der Promikette sind die Mythenwerte der Filmindustrie, die globale Vermarktung der bekanntesten Filmthemen. Teile von Filmausstattungen stehen in den Restaurants herum. Filmausschnitte laufen auf von der Decke hängenden Monitoren. Dazwischen die Pseudointegration der Restaurantbesucher: Karaoke singend sind die Gäste zu sehen, in kurz zuvor aufgezeichneten Videoclips.
Nach einer Pleite wurden die meisten Expansionspläne auf Eis gelegt. Neue Anteilseigner wurden gefunden, unter anderem Ong Ben Seng aus Singapur, der Teile von Planet Hollywood in sein Firmenimperium einbrachte. Zum Vorstand von Planet Hollywood gehört auch Robert Earl, der Mitbegründer der Hard Rock Cafe Kette. Bekannt durch diese T-Shirts, die man als Jugendlicher niemals tragen sollte, weil es total out ist. Allerdings sehen Hemden mit der Aufschrift: „Hard Rock Cafe Bombay” in ihrer kargen, dünnen Baumwollausführung und besonders brüchig gewirkten Stickerei schon wieder recht anziehend aus. Obwohl man aus der Ortsbezeichnung kaum noch einen Witz machen kann, da man die Themenrestaurants eh an jedem Fleck der Erde erwartet.
Natürlich ist es ein kluger Schachzug, Filmidole als Shareholder einzusetzen. Ihr Image transportiert etwas Glamour. Es sieht nicht ganz wie ein abgekartetes Spiel aus, wenn die Stars bei Eröffnungen auflaufen, an denen sie ein Interesse haben teilzunehmen, auch wenn es nur ihrem Aktienpaket auf die Sprünge helfen soll. Nun ist Planet Hollywood mittendrin mal pleite gegangen, aber vom liberalen US-Konkursrecht auch wieder aufgefangen worden. Das Interesse für diese Art von Lokalen scheint allgemein zurückzugehen, zu viele ähnliche Konzepte drängen auf den Markt. Das Ganze sieht nach Ausverkauf aus.
Die Filmimages und Memorabilien im Planet Hollywood haben einen internationalen Charakter, weil die Hollywoodgeschichten universell sind. Aber die Dinge entstammen einem industriellen Prozess und sind, anders als irgendwelche Gitarren und Halstücher von Rockstars, keine wirklichen ehemaligen Besitzstücke. So hat man es mit Filmausstattungsgegenständen zu tun, also weitgehend mit anonymen Produktionsteilen, die in Zeiten der Digitalisierung vielleicht noch nicht einmal real existierten.
Eine Idee wäre es, eine Umkehr dieses Prozesses einzuleiten. Die ehemals künstlich aufgeladenen Gegenstände wieder einer Verwertung zuzuführen. Für Leute, die mit dem kulturellem Raster nichts anfangen können.
Die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse bei Planet Hollywood offenbaren natürlich ganz andere finanzielle Verstrickungen. Eigentümer rund um den Globus, die sich monopolymäßig ein Reich zusammen kaufen und selbst die bizarrsten Geschichten der Vetternwirtschaft produzieren. Da sie sich dabei aber spektakulär nur in lokalen Verhältnissen gerieren, nimmt die Welt daran nicht sonderlich Anteil, siehe OBS und seine Immobiliengeschäfte. Die Entstehung von Planet Hollywood ist natürlich alles andere als eine glamouröse Begebenheit, sondern ein mehr oder weniger solides Geschäft. Gerade kann Planet Hollywood seinen Geist preiswert im Internet auferstehen lassen und präsentiert dort eine Webpage mit trivialen Fragen aus der Filmgeschichte und einigen praktischen Funktionen um junge Leute längerfristig an sich zu binden. Es gibt sicher coolerer Plätze. Trotzdem ist es interessant, wie das Image von Planet Hollywood an solchen Plätzen Wiederauferstehung feiert. Eine Verjüngungskur zur Lightvariante.

Es gibt die Oberfläche der Restaurants mit ihrem Corporate Design und es gibt die Geschichten der Inhaber dahinter, deren oligarchischer Lebensstil vielleicht eine andere Art von Themenrestaurants irgendwann einmal inspirieren wird.

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Paralleluniversum Singapur, die Immobiliengeschichte. Das Haus an dem Xenopoulos die Fenster geputzt hatte, gehörte der Firma Hotel Property Ltd. (HPL). Eigentümer war Ong Ben Seng (OBS). Die Firma hatte also dieses Haus mit dem Namen „Nassim Jade” gebaut, es stand selbstverständlich in der besten Gegend Singapurs. Ein Vorstandsmitglied der HPL aus der Familie Lee bekam eine Wohnung in diesem Haus mit einem kräftigen Rabatt verkauft, was den Anteilseignern der HPL natürlich gar nicht passte, denn die wollten auch alle gerne etwas kaufen, aber der Verkaufsbeginn ließ auf sich warten. Dagegen gab es einen in der Branche nicht unüblichen „soft launch”, d.h. ausgewählte Personen konnten sich vor dem offiziellen Verkaufsstart die besten Stücke schon einmal herauspicken, und das taten Mitglieder der Familie Lee ausgiebig. Die Preise waren exorbitant, die Nachlässe für die Familie Lee allerdings auch. So kosteten die Wohnungen bis zu 4,5 Millionen €, Preisnachlässe gab es bis zu 750.000 €. „Soft Launches” gehen alle in die Firma Involvierten etwas an, so auch die Anteilseigner. Sie hätten darüber informiert werden und auch ein Vorkaufsrecht erhalten müssen. (Später fielen allerdings die Immobilienpreise um etwa die Hälfte.) Auch der stellvertretende Ministerpräsident erwarb über seine Tante eine Immobilie im Nassim Jade und erhielt so 12% Rabatt. Die Appartements wurden schnell wieder mit Gewinn verkauft. Die Anteilseigner protestierten und elf Monate nach den dubiosen Geschäften wollte sich die Leitung von HPL reinwaschen und eine nachträgliche Erlaubnis für ihre Geschäfte bekommen. Nach alledem trat das Mitglied der Familie Lee aus dem Vorstand der Firma HPL aus. Aber einige Fragen sind bis heute unbeantwortet. Wer entschied, dass die Appartements an die Lee Familie verkauft wurden? Wer erlaubte der Tante des stellvertretenden Ministerpräsidenten ihre Wohnung an den Neffen abzugeben? Wie viele Leute haben tatsächlich so hohe Rabatte bekommen? Die Regierung, in Person des Finanzminister hatte die Idee, dass die Familie Lee ihre Rabatte dem Staat erstatten sollte. Die tat das auch, dann kam aber gleich die Frage auf, warum tat sie das? Fühlt sie sich schuldig? Und dann überwies der stellvertretenden Ministerpräsident auch noch Geld an die Lee Brüder zurück, weil er Schwierigkeiten erwartete, wenn er das Geld behalten hätte. Der Premierminister setzte nun eine Kommission ein, die den Fall untersuchen sollte, aber anstatt Leute auszuwählen, die sich mit der Materie auskannten und unabhängig waren, nahm er Leute aus dem Finanzministerium, die nicht ganz so unabhängig schienen. Außerdem sollte eine Parlamentsdebatte stattfinden, allerdings machte der Premier darauf aufmerksam, das jeder, der im Parlament kritische Äußerungen machen würde, sofort von Lee verklagt würde.
„So viel zu einer offenen Debatte”, schrieb ein Beobachter aus Singapur. Später rief Lee OBS dazu auf, eine Pressekonferenz zu halten. Dort erklärte OBS, das es eine gute Werbung für sein Unternehmen sei, wenn Lee bei ihm eine Wohnung kaufen würde. Die Frage blieb, warum dann die ganze Familie etwas erwerben durfte? War das auch wegen des Wettbewerbs? Warum mussten die Preisnachlässe sein, wenn es genug Interessenten für die Wohnungen gab? Außerdem lud OBS nur inländische Presseleute ein, so dass kritische Fragen ausblieben. In der späteren Parlamentsdebatte wurden die Lees und der stellvertretende Premierminister von den Vorwürfen entlastet.
Während einer Parlamentsbefragung sprach Lee über fast alles, nur nicht zu den Fragen rund um die Immobilienaffäre mit HPL. Später sagte ein Politiker der Arbeitspartei, dass die falschen Leute mit der Untersuchung betraut wurden, obwohl es die zuständigen Anti-Korruptionsinstitutionen in Singapur doch geben würde. Daraufhin wurde er von den beiden mit der Aufklärung betrauten Ministern verklagt. Aber der Mann der Arbeitspartei hatte recht mit seinen Zweifeln, niemand der beiden Politiker hatte einen Bericht geschrieben, obwohl die Sache so bedeutungsvoll war. In dem Bericht hätten einige Fragen beleuchtet werden können, z.B. wieso die Lees nichts von der Höhe ihrer Preisnachlässe gewusst haben wollen, obwohl sie im Besitz der Preisliste waren. Warum sie keine Informationen über Lee Saan Yew und seine Frau „Auntie Pamelia” herausließen. Auch über die Käufe der gesamten anderen Lee Familie fanden sich keine Informationen. Das Fehlverhalten von HPL in der Sache, die Nichtanrufung der Anteilseigner: Es fand sich in keinem Bericht. Die Sache wurde großflächig vertuscht. In Singapur wird mit zwei Arten von Recht gehandelt. Lees Familie scheint über dem Recht zu stehen, während Lee selbst nicht zögerte, Leute vor die Antikorruptionskommission zu zerren. Beschuldigte Politiker begingen Selbstmord oder es ereilte sie der Herzinfarkt während des Prozesses.

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„Nein, das habe ich vom Restaurant, da läuft alles in Zeichensprache. Wir müssen dafür sorgen, das es schnell geht”, sagt Zadie zu Wach, als sie über die Flure des Senders laufen. „Was willst du mich eigentlich fragen?”
„Wir packen erst einmal dieses Paket von deinem Vater aus und dann sehen wir weiter… oder wir fangen mit dem Restaurant an! Was du dort machst, so zum locker werden…”
„Ist es etwa live?”
„Nein, wir zeichnen auf, ich kann aber noch nicht sagen, wann es gesendet wird. Ich hoffe gleich morgen.”
„Ich habe deine Sendung, ehrlich gesagt, noch nie gesehen. Wann läuft sie?”
„Wir haben täglich eine Sendung, die ist bis zu drei Stunden lang.”
„Drei Stunden, jeden Tag? Das ist doch Wahnsinn!”
„Na, es ist ein kleiner Sender und die Sendung ist nicht durchgehend live. Vieles ist improvisiert und braucht keine Vorarbeit und ich bin zwar die Gastgeberin, aber mein Dazukommen ist nicht immer zwingend erforderlich.”
„Gibt es in deiner Sendung Momente, wo gar nichts passiert?”
„Schwer zu sagen, es passiert eigentlich immer etwas, das ist aber nicht immer eine Geschichte, es gibt verschiedene Momente, Verfahren…”
„Du, ich glaube ich verstehe deine Sendung nicht!”
Wach lacht. Dann kommen sie in Wachs Studio. Es herrscht keine allzu große Betriebsamkeit.
„Hast du viele Zuschauer?”
Wach will nicht recht antworten, für sie sind diese Zahlen nicht so interessant, man kennt sie halt. Auf ein paar Prozent kommt es ihr nicht an und den Produzentinnen auch nicht, denn das sind ihre Freundin Margret oder sie selbst.
„Die Zahlen schwanken stark, also, über die, die tatsächlich zusehen, aber die Sendung ist bekannt, die Leute reden darüber ohne sie wirklich zu kennen, die Sendung ist in.”
„Aber die Leute reden doch immer über Dinge, die sie nicht verstehen.”
Wach lächelt und hält Ausschau nach einer Aufnahmesituation im Studio. Ein Mitarbeiter mit 100 Metern verheddertem Kabel sagt ihr, dass die meisten Mitarbeiter auf dem Dach sitzen, wegen Mittagspause und Sonnenschein, er werde auch gleich hochkommen, zum Kabel aushängen.
„Weißt du, ich mag diese Studioatmosphäre nicht so besonders, dieses ganze ausgeschlagene und abgewetzte Equipment, die seltsamen Gestalten mit ihren noch seltsameren Fachgebieten, die einem alle Ideen austreiben wegen geht nicht. Ich versuche den Laden klein zu halten.”
Zadie ist schon auf dem Weg zur Treppe, da rät Wach zum Fahrstuhl, etwas lustlos trottet Zadie zurück. Auf dem Dach ist gerade der Kabeltyp angekommen, sonst sitzen dort noch drei Frauen, mit Multifit-Drinks im Plastikbecher und anderen Wellness Produkten.
„Die Chefin will wohl arbeiten?” wirft eine von ihnen in die Runde und schwingt sich schon auf.
„Bibi, wir wollen heute hier auf dem Dach bleiben, wegen der Sonne, ich hole Equipment hoch. Um was geht es? Interview mit der Kleinen hier?”
Zadie blinzelt.
„Wo ist eigentlich das Geschenk, was wir auspacken wollten?” fragt Wach.
„Unten am Eingang bei meinen Sachen.”
„Okay, wir holen das hier hoch.”
„Willst du mich wirklich auf dem Dach interviewen?”
„Wie? Gefällt es dir nicht?”
„Ich finde es affig.”
„Gut, dann gehen wir ins Studio.”

Wach und Zadie treffen in einem riesigen Raum mit vielen Ausstattungsgegenständen ein. Wach erklärt: „Wir benutzen gern Gebrauchtes hier, aus Talk- und Gameshows. Passt farblich nie zusammen, aber es ist abwechslungsreich: Hier die letzte Sportsendung auf einem öffentlichen Kanal, das lief vor zwei Jahren noch bei uns.”
Zadie ist nicht besonders interessiert. „Wo nehmen wir jetzt auf?”
„Die sind jetzt alle auf dem Dach, ich spreche erst mal so mit dir, nimm irgendwo Platz, ich hole dieses Paket.” Wach verschwindet auf einer komischen Treppe nach unten. Auf halber Höhe fragt sie Zadie. „Kennst du diese Treppe noch?”
Die zuckt mit den Schultern.
„Poppy Stairs to Heaven! War das nicht deine Zeit?”
Zadie kuckt verstört. Als Wach zurück kommt, hat sie einen Praktikanten im Schlepptau und das Päckchen in der Hand. „Mats kann uns eben aufzeichnen, kein Problem.”
Mats stellt eine DV auf ein wackliges Stativ. Er beschwert sich grummelnd über das Licht und alle schieben sich umständlich auf die andere Seite. Wach fängt unmittelbar an zu sprechen. Die etwas sperrige Situation soll sich nicht manifestieren. Mats ist nervös, aber Wach winkt ab. Wach beginnt das Gespräch ganz pragmatisch ohne Einleitung.
„Zadie setz dich mal hier auf das Ding.”
Wach deutet auf ein hochliegendes, buntes Teil aus Schaumstoff auf einem Stoß Möbelkartons. Während Zadie bis unter die Decke klettert und den Kopf schon leicht einziehen muss, bleibt Wach unten vor ihr stehen.
„Das dürfte dir bekannt vorkommen, diese Enge!” sagt sie zu Zadie.
Die schweigt.
„Dein Vater war letzten Abend bei mir, hat er sich schon bei dir gemeldet?”
„Was er ist hier?” Zadie springt von ihrem Hochsitz. „Nein, hat sich noch nicht gemeldet! Ist ja toll, und was wollte er von dir?”
Mats humpelt herum, die ersten Bilder werden schon aufgezeichnet.
Wach antwortet. „Dein Vater sammelt ja in aller Ausführlichkeit. Memorabilia, wenn man die Souvenirs von Filmstars und anderen mal so nennen darf.”
Zadie steigt noch nicht ganz ein. „Wenn er in der Stadt ist, kann er was erleben, aber wegen der Fernsehsendung wollte ich heute eh nicht aufsperren, da wollte ich lieber hier Werbung machen!”
„Tut er das schon lange, dieses Sammeln?”
„Seit ich denken kann. Er war ja für diesen Verlag tätig, hatte diesen Beruf, wo es auch um Promis ging.”
„Er war Journalist?”
„Nein, so`ne Art Herausgeber für seinen Bereich, nicht für alles.”
„Was war denn das erste, was dein Vater anschleppte?”
„Das weiß ich nicht mehr, aber bald war in unserem Haus kein Gegenstand mehr, der nicht irgendeine besondere Geschichte hatte. Unser erstes Auto war z.B. ein Amphibienfahrzeug, welches in einem alten, deutschen Film vorkam, weiß nicht mehr welchen.”
„Und? Warst du gleich genervt von dem ganzen Zeug?”
„Nur immer davon, dass er sagte, die Sachen würden irgendwann mal ganz wertvoll. Das war immer der Grund, dass dauernd wieder etwas angeschafft wurde, aber er behielt ja alles, nichts wurde zu Geld gemacht. Ich glaube gar nicht, dass die Dinge etwas wert sind. Gut, wenn sie noch funktionieren, aber die dazugehörige Geschichte kennt doch keiner und wer will sicher sein, dass das alles stimmt.”
„Hat dein Vater immer viele Geschichten auf Lager?”
„Nein, das war immer so ein: Das kommt aus dem und dem Film, so eine kurze Geschichte, damit man wusste was damit war… aber eigentlich war doch gar nichts damit.”
„Als dein Vater bei diesem Verlag aufhörte, dann fing seine Sammelwut aber erst richtig an.”
„Ja, weil er meinte frei zu sein und reisen zu können, aber da hat er dann immer das Restaurant vergessen, in dem ich aber mein Geld verdienen musste. Er verlässt sich immer darauf, das ich aufsperre, wegen des Geldes. Gestern kamen ja auch wieder so viele Sachen an.”
„Gut, das ist das Stichwort.”
Mats mischt sich kurz ein. „Wenn ihr besser alle zu mir Richtung Kamera sprecht, ihr habt kein Mikro angeklemmt.”
Wach legt den länglichen Gegenstand auf den Tisch. „Zadie, willst du auspacken?”
„Wieso”, gibt Zadie zurück. „Das ist doch gar nicht für mich.”
„Also, mach ich das!” sagt Wach und beginnt an dem Teil herumzufummeln. Heraus kommt ein ziemlich neu aussehendes Kaminbesteck.
„Oh”, sagt Zadie. „Das hat er wohl für sich selbst gekauft. Also, er meinte, in unserem Haushalt würde das fehlen…”
„Und, es klebt auch noch ein Preis dran, also hat das wohl keine Geschichte.” Wach muss lachen.
„Aber jetzt hat es eine,” sagt Zadie ganz nett. „Es wurde in deiner Sendung ausgepackt.”
„Stimmt”, Wach lacht weiter.
„Gehst du zurück in den Laden?”
„Nein, nein! Ich versuche ihn zuhause zu erreichen, dann hat er noch die Chance selbst im Laden zu stehen, sonst hat er Pech gehabt.”
Mats blickt hinter der Kamera hervor und will eigentlich Schluss machen, aber er wartet noch auf ein Signal von Wach.
„Willst du eigentlich gar nicht wissen, wieso dein Vater bei mir war?”
Zadie verdreht etwas genervt die Augen und hofft, dass jetzt nicht so ein Erwachsenenzeug kommt.
„Er sucht einen Rennwagen, von jemanden den ich kannte.”
Zadie blickt uninteressiert. „Und?”
Wach lacht. „Wollte ich dir nur sagen, einen Rallyewagen.”
„So, so.” Zadie schiebt sich in ihrem Stuhl vor.

•••
Wach bringt Zadie nach Hause. Die beiden sind mit Wachs Wagen in der Stadt unterwegs.
„Jetzt hast du wieder mehr Zeit für dich, wenn dein Vater da ist und den Laden übernimmt.”
„Abwarten! Ich bin mir gar nicht so sicher, ob er tatsächlich in den Laden kommt. Hat er dich nicht über deinen Mann ausgefragt und diesen Autotester.”
„Ja, aber die hatten eigentlich nie etwas miteinander zu tun. Früher, klar, da kannten sie sich, aber die waren noch nicht einmal richtige Kollegen.”
Wach bremst scharf vor einer Ampel. Hinter ihr hupt eine andere Autofahrerin. Wach blickt in den Spiegel. „Musst du jetzt irgendwohin? Sonst lass uns doch noch etwas essen.”
„Ja, essen kannst du, ich würde gerne etwas trinken.” Zadie streckt sich im Wagen aus.
Wach blickt leicht spöttisch zu ihr hinüber. „Isst du nie?”
„Hab schon, willst du mich jetzt kontrollieren?”
„Ich merke schon, ein heikles Thema.” Hinter Wach hupt es wieder, es ist schon ein paar Sekunden lang grün. „Ja, ja!”
Wach fährt los, nach 20 Metern biegt sie, ohne zu blinken, auf den Parkplatz eines italienischen Restaurants ein. Das wird mit langen Hupen quittiert. Wach grinst. Der Italiener ist in einem 60er Jahre Flachbau an der Ausfallstraße untergebracht.
Zadie blickt skeptisch auf die grün und rot blinkende Leuchtreklame. „Warst du hier schon einmal?”
„Nein, aber oft dran vorbeigefahren.”
Zadie springt zwei Waschbetontreppenstufen hinauf und wirft einen Blick auf die Karte im Aushang.
„Ich dachte, du willst nichts essen.”
Wortlos öffnet Zadie die Tür. Wach folgt ihr. Das Restaurant ist völlig leer. Es ist nachmittags, die beiden bleiben vor den Tischen stehen. Wach entdeckt die Gästeterrasse hinter dem Haus.
„Lass uns doch draußen sitzen.”
Wach und Zadie durchqueren das Restaurant und betreten eine kleine, mit Kübelpflanzen abgegrenzte Fläche. Am anderen Ende des Hofes ist die Ecke mit den Müllcontainern. Ein Ober kommt und bringt die Karte. Er zündet eine gläserne, tropfenförmige Öllampe an, die mit grün gefärbtem Petroleum gefüllt ist.
„Schon etwas zu trinken?”
Wach verlangt eine Weißweinschorle.
Zadie weiß noch nicht. „Ach, auch eine Schorle.”
Wach sieht sich um, legt die Karte erst einmal weg. „Kennst du jemand von den Leuten, die dein Vater da in diesem italienischen Kaff besucht hat?”
„Nein, aber du kennst sie alle!”
„Ja, das ist alles etwas seltsam: Wir treffen uns in eurem Restaurant und dein Vater hat eine Verabredung mit meiner Vergangenheit in diesem Kaff in Oberitalien.”
„Ich glaube, er interessiert sich nicht allzu sehr für die Leute dort. Mein Vater sammelt diese Sachen. Also, er wollte doch dieses Auto von dem Autotester, oder?”
„Ach, das ist so ein Unsinn! Er glaubt, Gürtler wäre in diesem Wagen verunglückt, aber es war völlig anders. Die Unfälle liefen alle sehr glimpflich ab, aber er durfte später, wegen einer Erkrankung, kein Auto mehr fahren.”
„Haben Sie etwas gewählt?” Der Ober steht am Tisch.
Zadie lächelt und hebt beide Hände ausgestreckt Richtung Wach.
„Haben Sie etwas auf der Tageskarte?”
Der Ober will die Karte öffnen und Wach vorlegen, die hat aber keine Lust zu lesen.
„Nudeln?”, fragt Wach. Ihre Hände halten die Karte fest.
Der Kellner zählt drei Gerichte auf. Wach bestellt das eine Gericht mit der Soße vom anderen Gericht und ruft dem Ober noch etwas hinterher. „…und einen kleinen Salat, bitte.” Sie fragt Zadie. „Und du möchtest wirklich nichts?”
Zadie greift sich die Karte. „Vielleicht etwas kleines.”
Wach fährt fort. „Will dein Vater mit den Sachen Geld verdienen?”
„Das behauptet er jedenfalls. Du, warum stellst du eigentlich alle Fragen aus dem Interview noch mal?”
„Oh, habe ich das gefragt? Ich wollte in dem Interview gar nicht nach deinem Vater fragen.”
„Hast du aber, die ganze Zeit!”
Wach versucht es sich ins Gedächtnis zu holen. „Stimmt, das war vielleicht etwas einseitig.”
Der Ober bringt Brot. “Soll es für Sie auch etwas sein?”
„Ja, die 15, bitte.”
Der Ober verschwindet.
„Was ist die 15?”
„Artischockenherzen mit Schafskäse überbacken.”
Eine gewisse Trostlosigkeit macht sich bei Wach für einen Moment lang breit. „Ach, jedenfalls war dein Vater gestern Abend bei mir, deshalb mein frisches Interesse.”
„Das sagtest du schon. Du hättest ihn doch auch in die Sendung zerren können.”
Der gemischte Salat kommt.
„Ich finde ihn ehrlich gesagt nicht so prickelnd.”
„Ich weiß, er ist eine Schlaftablette. Wenn er auf sein Thema kommt, gibt es kein Ende mehr.”
„Dachte ich mir schon.”
„Aber von ihm hättest du vielleicht mehr erfahren.”
„Darum ging es aber nicht.”
„So? Und weshalb fragst du mich die ganze Zeit aus?”
„Sei nicht unfair! Es ging doch um deine Probleme …”
„…mit meinem Vater! Ich hatte das Gefühl, in einer Therapiestunde zu sein.”
Die Nudeln kommen.
„Die Carfiori al Forno dauern noch einen Moment.”
„Ich werde das Interview selbst schneiden. Du bekommst es als erste zu sehen. Du entscheidest, ob es so gesendet wird.”
Zadie trinkt einen Schluck Weinschorle. „Hast du etwas zu rauchen?”
Wach zieht eine Schachtel aus der Jackentasche.
„Du solltest dich selbst um das alles kümmern.”
„Was meinst du?” fragt Wach nach.
„Na, mit den Leuten dort in Italien. Dein Ex-Mann ist doch auch dabei.”
„Ja, und? Die Betonung liegt auf Ex! Um was soll ich mich denn kümmern?” Wach ist etwas ungehalten.
„Ja,” Zadie zögert, „da scheint es doch Konflikte zu geben. Der…, wie heißt er gleich? …Wilson hält doch etwas zurück.”
„Ich glaube, ich weiß gar nicht um was ich mich da kümmern soll.”
Die Artischocken kommen.
„Fahr doch hin, ist bestimmt nett da. Führ´ ein paar Interviews oder mach Urlaub.”
„Ich weiß, ich mag diese uneindeutigen Arbeitsvorgaben.”
„Das Gespräch mit mir ist ja vielleicht auch Banane.”
„Warte doch ab, das weißt du doch noch gar nicht.”
„Ich glaube, …ich war immerhin dabei!”
„Was mich stört an deinem Vater ist dieses distanzlose Interesse an den Dingen. Alles wird über einen Kamm geschert. Der negiert doch seine ganze Persönlichkeit mit dem Krempel über den er dauernd spricht.”
„Alle Männer definieren sich über Dinge, Beruf und so weiter.”
Wachs Pager piepst. Sie zieht ein schwarzes Kästchen aus der Jackentasche. „Ach, das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Komm Zadie, wir müssen weg.”
„Was ist los?”
„Passenderweise gibt es einen Fundus, der heute aufgelöst wird. Dekorationen für meine Sendung. Passt doch zu unserem Thema.”
Wach und Zadie zahlen am Tresen, dann verlassen sie das Restaurant

•••
Xenopoulos fährt mit einem klapprigen JeepTM vor eine große Blechhalle in einem Gewerbegebiet. Er steigt mit einem Mann aus dem Wagen aus. Sie gehen ein paar Schritte zum Gebäude hin. Xenopoulos deutet auf den Eingang, an dem noch die Umrisse einer großen Leuchtreklame zu sehen sind. Dann öffnet er die Heckklappe des JeepsTM und holt einen schweren Werkzeugkasten heraus. Auf dem Weg zur Halle spricht er mit dem Mann neben sich.
„Ich habe es vor zwei Monaten in den Nachrichten gesehen. Sie zeigten Luftaufnahmen von den beiden Restaurants hier unten in Florida. Darunter war in Laufschrift die Nachricht über den Konkursantrag und die Aussetzung der Börsennotierung zu lesen. Der Sprecher nannte die Zahl der arbeitslos gewordenen Mitarbeiter und die weitaus geringere Zahl von Beschäftigten, die in einer anderen Filiale der Kette untergekommen waren.”
An der Tür angelangt, öffnet Xenopoulos mit einen Schraubenzieher ein Siegel. Dann sucht er einen passenden Schlüssel in einer alten Kunstledertasche. Nach mehreren Versuchen öffnet Xenopoulos ein riesiges, verrostetes Tor, das er mit aller Kraft einen halben Meter aufschieben kann. Der Mann wartet nicht lange ab, sondern drängt sich an Xenopoulos vorbei in den überdachten Hof des Gebäudes. Hier lagern Gartenstühle, Bänke und Getränkefässer.
„Alle leer”, ruft Xenopoulos, als der Mann einen prüfenden Blick auf die Fässer wirft. „Die vollen hat die Brauerei wieder abgeholt, auch die noch unbenutzten Gartenmöbel haben sie gleich eingesackt.”
Der Mann tut uninteressiert.
„Ist der Gastraum offen?”
„Die ganz rechte Tür müsste gehen, hier nehmen Sie die Taschenlampe, wenn es Ihnen zu dunkel wird. Die Oberlichter sind jetzt aber freigemacht, die waren abgeklebt.”
Der Mann nimmt die Taschenlampe.
„Und Sie gehen nicht hinein?”
„Bisschen staubig da drin, wenn es nicht unbedingt sein muss …, Sie werden sich zurecht finden, es ist nur ein großer Raum …”
Der Mann verschwindet hinter der Stahltür. Xenopoulos bleibt draußen und blinzelt in die Sonne, er steigt über eine kleine Metallschiene, die das äußere Tor führt. Das Funkgerät in seinem Auto empfängt einen schrillen Signalton. Durch ein Seitenfenster greift Xenopoulos das Sprechgerät und drückt zweimal auf einen Knopf an der Seite, das lästige Piepen hört auf. Am anderen Ende meldet sich die Zentrale der Überwachungsfirma, für die Xenopoulos arbeitet.
„Der Chef will wissen, ob ihr schon das Objekt erreicht habt?”
„Ja, vor drei Minuten.”
„Der Insolvenzverwalter hat noch eine zweite Partei zur Besichtigung eingeladen, die steht jetzt bei uns im Geschäft!”
„Dann muss die jemand herbringen.”
„Das ist die Frage. Wie lange bist du denn noch da?”
„Der Typ ist eben erst hinein gegangen. Wenn sofort jemand herkommt, kann ich noch warten, sonst könnte ich den Schlüssel hier irgendwo hinterlegen!”
„Xenopoulos, dass ist das Problem! Ich habe hier zwar jemanden, der den Mann zu euch raus fahren kann, der hat aber keine Zeit dort zu bleiben und zu warten.”
Xenopoulos blickt über das Dach seines JeepsTM und fixiert einen entfernten Punkt.
„Wenn er gleich losfährt, warte ich.”
„Danke, Xeno, ich schicke den Typen sofort los, der Sohn vom Chef fährt ihn.”
„Hätte ich mir denken können!” spricht Xenopoulos laut, nach dem er das CB-Teil auf den Beifahrersitz hat fallen lassen. Xenopoulos weiß genau, warum diese Sicherheitsfirma nicht sein Fall ist: zuwenig Angestellte, ein Familienbetrieb, da bist du immer nur die zweite Wahl.
Xenopoulos blickt zur Halle hinüber, die vor kurzem noch ein Restaurant einer weltweit agierenden Hamburgerkette beherbergte. Nun war hier nichts mehr. Ein Multiplex lag ein paar hundert Meter entfernt, dazwischen nur Parkplätze. Etwas abseitig vom Kino standen ein paar Autos, sicher von den Angestellten, die nicht direkt vor dem Eingang parken dürfen. Ein Fahrzeug fährt in einen großen Bogen quer über den leeren Platz. An den Absenkungen für die Regenableitung nickt die Motorhaube jedes Mal ein Stück nach unten. Xenopoulos blickt zum Lokal, der Typ ist noch drinnen. Xenopoulos entschließt sich in die Halle zu gehen, einfach um den Mann ein bisschen zu unterhalten, ihn in ein interessantes Gespräch zu verwickeln, die Zeit zu überbrücken.
Als Xenopoulos den Raum betritt, ist es dort stockdunkel. Nur langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit. Der Mann hat die Taschenlampe auf den Tresen gestellt. Der Lichtkegel strahlt matt an die Metalldecke der Halle, von der zwei große, schwarze Lautsprecher herunterhängen. Der Mann hat einen Laptop aufgeklappt. Das Display leuchtet blau in den Raum hinein. Daneben steht ein Stativ, auf dem sich ein schwarzer Kasten dreht. An der Wand sieht Xenopoulos den Lichtstrahl eines Laserstrahls entlang fahren, einen kleinen roten Punkt.
„Können Sie draußen bleiben?” spricht der Mann mit erhobener Stimme ohne sich umzudrehen. Er läuft langsam um das Stativ herum, um nicht selbst eine Fehlmessung auszulösen. „Ich berechne gerade die Raumgröße.”
Xenopoulos tritt wieder aus der Tür hinaus und stellt sich gleich neben den Eingang, draußen ist es sehr grell. „Lassen Sie sich Zeit!” ruft er in die Halle hinein, ohne eine Antwort zu erwarten.
Nach einer Weile hört er den Mann aus der Halle nach ihm rufen. Xenopoulos muss einen Moment lang geträumt haben.
„Wissen Sie, ob die ganzen Filmsachen, also diese Memorabilia, hier noch irgendwo sind? Die Räume sehen ein wenig kahl aus.”
Xenopoulos dreht sich um und stellt sich in den Türrahmen. „Ich glaube, die wurden auf die anderen Restaurants verteilt oder eingelagert.”
„Genauer wissen Sie das nicht?”
„Wir sind hier nur für die Überwachung verantwortlich, was der Kunde mit dem Objekt…, die Interna, da wissen wir auch nur das was in…”
„Schon gut! Danke! Sie können das nicht wissen, vergessen Sie die Frage.” Der Typ klappt seinen Laptop zu und schiebt das Stativ zusammen.
Xenopoulos ruft hinein. „Wollen Sie den Rest, die anderen Räume auch noch sehen?”
„Danke, es ging mir nur um die Größe der Halle hier! Sie können mich jetzt zurückfahren.”
„Haben Sie es eilig?” fragt Xenopoulos. „Ah, Sie haben die Taschenlampe auf dem Tresen stehen lassen. Warten Sie, ich hol sie. Tragen Sie erst mal Ihr Zeug hinaus.”
„Ah, danke!”
Xenopoulos geht in die Halle, gut fünf Meter an dem Typ vorbei. „Schlechte Luft hier, was?”
„Ja, steht etwas.”
Xenopoulos greift die Lampe. Im Hinausgehen leuchtet er die Decke ab. Karge weiße Mauern schließen mit dem Blechdach ab, völlig entkernt das Ganze, fast komplett leergeräumt.
„Ich kannte den Laden nicht, bin selbst neu in der Gegend hier”, sagt Xenopoulos.
„Wegen des Jobs?”
„Ja, musste mal in eine andere Umgebung. Lief zuhause nicht so, wie ich dachte.”
Der Typ hat alles zusammengetragen und im JeepTM verstaut. „So, kann losgehen!”
Xenopoulos blickt auf seine Uhr.
„Wenn es gehen würde…, ich muss noch auf einen Kollegen warten. Es gibt nur diesen einen Schlüssel hier.”
Der Mann blickt irritiert. „Wie lange dauert das?”
„Der müsste gleich da sein, ist vor 20 Minuten in der Zentrale los.”
„Viertelstunde?”
Xenopoulos nickt.
Der Mann hakt nach. „Kann man das noch anders regeln?”
Xenopoulos wartet einen Moment. „Klar, ich kann ihn mal anfunken.”
Xenopoulos steigt in den JeepTM. Der Mann blickt durch das Seitenfenster hinein. Misstrauische Blicke treffen sich kurz. Xenopoulos ist die Sache jetzt unangenehm. „Zorro 12 ruft Zorro 1! Bitte kommen!” Jetzt noch mal mit „melden” denkt Xenopoulos. „Zorro 1 bitte melden, hier Zorro 12!”
Ein Krachen kommt aus dem Lautsprecher. „Was gibt es?”
Xenopoulos dreht sich vom Mann weg, blickt starr durch die Frontscheibe. Das Spiralkabel des klobigen Sprechgeräts spannt sich. „Hier Xenopoulos, wann seid ihr vor Ort?”
„Meinst du eigentlich das Ding hinterm Three Deserts Inn oder das in der Oak Tree Mall?”
„Äh…, Steve, Three Deserts Inn!”
„Shit, Xeno, dann dauert’s noch. Ich fahre nämlich dummerweise gerade in diesem Moment auf den Parkplatz der Oak rauf.”
Xenopoulos spürt eine Hitzewelle in sich aufsteigen. Schweiß läuft in den Kragen seiner schwarzen Uniformjacke. „Das ist jetzt aber sehr ungünstig, Stevo!”
„Ja, toll! Woher soll ich das wissen! Wenn man mir Ex-Planet sagt, dann habe ich zwei Möglichkeiten…”
„Eben!”, denkt Xenopoulos.
„…ich war mir sicher zur Oak, sonst hätte ich noch mal nachgefragt.”
„Wie lange brauchst du jetzt?”
„Ich muss jetzt erst mal tanken, Kaffee wäre auch nicht schlecht. Schwer zu sagen, vielleicht 45 Minuten.”
Xenopoulos überlegt. „Der Mann hier muss seinen Flieger schnappen. Ich schließe zu und fahr los.” Xenopoulos wendet sich zu seinem Mitfahrer um. „Wann geht Ihr Flieger?”
„Ich muss noch den Wagen holen, steht bei Ihnen vorm Büro. Gibt es keinen anderen, den Sie hierher schicken können?”
„Das löst nicht unser Problem, es gibt nur diesen einen Schlüssel.”
„Lassen Sie doch einfach offen.”
„Ich ruf noch mal die Zentrale an, Sekunde, … Zorro 12 an Zentrale, bitte kommen!”
„Hallo Xeno, willkommen in der Nachtschicht!”
Xenopoulos hat es kommen sehen, jetzt auch noch Schichtwechsel, nun darf er alles nochmals erklären. „Ist der Chef noch da?”
„Wünscht du mir keinen guten Abend mehr?”
„Guten Abend! Ist der Chef noch da?”
Kurze Pause.
„Schon weg?”
Der Mann hinter Xenopoulos greift sich das Funkgerät. „Hören Sie! Hallo? Können Sie bitte sicherstellen, dass ich jetzt hier wegkomme.”
„Wer sind Sie denn? Xeno, wer quatscht da?”
„Erich Linkheu, ein Kunde Ihrer Firma, und ich stehe auf einem öden Parkplatz und will zurück in Ihre öde Stadt um schleunigst von ihrem öden Flugplatz zu verschwinden.”
„Xeno, bist du da? Ich weiß nicht, was jetzt gerade das Problem ist.”
Der Mann reicht den Hörer an Xenopoulos zurück. Xenopoulos erkundigt sich.
„Also, ist irgend jemand da, der mir auf halber Strecke zwischen Three Desserts Inn und Zentrale entgegenkommen kann? Und frag jetzt bitte nicht wieso!”
Kurzes Schweigen in der Leitung. „Was hast du denn da für einen Komiker im Schlepptau? Ein richtiges Herzchen! … also gut, Xeno, ich ruf mal rein für dich!”
„Wie lange dauert das jetzt?” fragt Linkheu nach kurzen Zeit.
„Sie ruft gerade rum.”
Das Funkgerät meldet sich.
„Xeno, hör mal: Stevo hat sich gemeldet, er ist auf dem Weg zu dir. In 30 Minuten ist er da, aber das wüsstest du auch schon.”
„Ja, das weiß ich in der Tat!”
„Okay!”
Xenopoulos steigt aus und geht um das Auto herum. Mit wenig Lust Linkheu in die Augen zu blicken spricht er über das Autodach hinweg. „Alles klar, ich schließe ab und dann geht es gleich zurück.”
Linkheu dreht sich zu Xenopoulos und blickt ihm hinterher, der geht schon Richtung Halle, beschleunigt seine Schritte und erreicht das Tor. Er will es nur zuschieben, entscheidet sich aber, eine alte Holzlatte quer über die Riegel zu legen, damit es wenigstens so aussieht, als sei abgesperrt. Er geht zurück zum Wagen. „Steigen Sie wieder ein. Jetzt geht es los!”
Beide schwingen sich zugleich auf ihre Sitze und ziehen ihre Sicherheitsgurte. Xenopoulos wartet mit seiner Gurtschnalle bis sich Linkheu angeschnallt hat. Klick, eine Sekunde vergeht, klick. Xenopoulos startet den Motor und setzt den Wagen in Gang, fährt quer über den Parkplatz zur Einfahrt; als er über den Gehweg auf die Straße einbiegt, schaltet er das Licht ein.
“Was war das Problem?”
Xenopoulos blickt auf die Straße, die Frage war ein Friedensangebot. Er weiß, dass er jetzt ausführlich werden muss. „Ein Mitarbeiter von uns ist mit einem weiteren Interessenten hierher unterwegs und wie gesagt, es gibt nur den einen Schlüssel.”
„Na, Sie haben doch offen gelassen. Die Halle ist sowieso fast leer.”
„Hören Sie! Ich bin bei dieser Firma angestellt, wenn da jemand rein geht und sich die Knochen bricht, habe ich das an der Backe.” Xenopoulos erschrickt sich selbst ein wenig bei dem Gedanken, aber in den nächsten zehn Minuten wird hoffentlich keine unautorisierte Person den Schuppen betreten.
„Können Sie mir verraten, wer der andere Interessent ist?”
„Sie wissen, dass ich das nicht kann.”
„Ist vielleicht nur ein Scout, rufen Sie doch mal durch, das dürfen Sie ruhig.”
„Ich weiß was ich darf!” Xenopoulos schenkt sich weitere Worte. Er überlegt, ob Steve die Hürde mit dem quer steckenden Holzbalken wohl überwinden kann… Ihm fällt ein, dass er den Schlüssel ja auch dort hätte deponieren können, jetzt fährt er ihn in der Jackentasche spazieren.
„Was macht es schon? Warum sollen sie vor der offenen Tür stehen und warten? Ich rufe sie an.” Xenopoulos greift zum Sprechgerät. Wie immer meldet sich Steve beim dritten Anruf.
„Ja, was gibt es denn? Wir sind in 20 Minuten da. Seid ihr noch vor Ort?”
Xenopoulos schielt zu seinem Fahrgast hinüber, der scheint einen Moment lang abgelenkt zu sein. „Nicht mehr,” quetscht Xenopoulos heraus um gleich etwas nachzuschieben. „Der Mann hier fragt nach wie dein Beifahrer heißt. Nur rein interessehalber. Er meint, er kenne viele aus der Branche.”
Es vergehen einige Sekunden. Steve antwortet. „Wilson.”
Sofort fragt Linkheu nach. „Amon Barett Wilson?”
„Mein Mann hier möchte jetzt glaube ich auch mal etwas sagen.” Xenopoulos reicht Linkheu das Mikro.
„Hi, Amon? Hier ist Erich von Teaspoon und Partner.”
Am anderen Ende meldet sich Wilson. „Hallo Linkheu! Wie geht es dir?”
„Ich glaube du bist eine Minute zu spät. Die Kiste habe ich hier abgeräumt.”
„Linkheu, seid wann bist du im Kaufrausch. Ich dachte du bist bei Teaspoon der Bedenkenträger, Controller, oder was sagt ihr dazu?”
Schön, einmal nicht Steves Stimme aus dem Lautsprecher zu hören, denkt sich Xenopoulos. Er projiziert den Satz „ …er spürt, wie sich eine Männerfreundschaftsblase zwischen unbebauten Grundstücken ausdehnt” auf einen hinimaginierten Teleprompter in der Windschutzscheibe. Er macht eine ruckartige Lenkbewegung, um den Ekel abzuschütteln. Hinten rumpelt das Stativ durch den Kofferraum, oder war es der Laptop?
„Hey! Vorsicht Meister! Denken Sie, wir könnten zurückfahren, ich würde dem Herren von der Konkurrenz gerne mal die Hände schütteln.”
Linkheu hat rote Flecken im Gesicht. Xenopoulos schiebt die kleine Frage „Und Ihr Flug?” in ein Gedankenwölkchen über seinen Kopf und hängt ein Fragezeichen dahinter. „Das ist kein Problem, an der nächsten Ausfahrt kann ich wenden. So muss ich jedenfalls die offene Tür nicht erklären.”
Xenopoulos weiß: Jetzt ist ein günstiger Moment um etwas aufs Gas zu drücken. Das ist Kundenorientierung, außerdem will er vor Steve auf dem Parkplatz stehen.
„Darf ich noch mal?” Linkheu deutet auf das Funkgerät.
„Rechts drücken und halten. Und wenn Sie gesprochen haben, das Loslassen nicht vergessen.”
„Fragen Sie den Wilson mal, ob sein Haus in Italien wirklich den Berg heruntergerutscht ist.”
Kurzes Schweigen in der Leitung. „Nein, es war nur der Pool – er erzählt es ihnen gleich.”
Xenopoulos blickt mit Freude auf den leeren Parkplatz, als er wieder vor die „Gewerbeimmobilie in Toplage” fährt. Von Steve ist weit und breit nichts zu sehen. Er schaltet den Motor ab und lässt den JeepTM bis an das Tor heranrollen. Xenopoulos öffnet die Wagentür, steigt aus und schiebt das Holzbrett beiseite. Er schaut sich nach dem Vorhängeschloss um, das er aber nirgends entdecken kann. Hinter ihm biegt Steve auf den Parkplatz ein. Er dreht eine theatralisch große Platzrunde und stoppt mit aufgeblendeten Scheinwerfern vor Xenopoulos JeepTM. Ein großer, untersetzter Typ, braungebrannt, weiße Haare, mit Jeanshemd, steigt durch die hintere Türe aus. Steve bleibt sitzen und lässt den Motor laufen. Er grinst, aber wegen des hellen Scheinwerferlichts kann Xenopoulos ihn kaum erkennen. Steve stoppt die Maschine, die Scheinwerfer funzeln als orange-gelbes Standlicht. Wilson reicht seine Hand durchs Beifahrerfenster und begrüßt Linkheu. Er nickt kurz zu Xenopoulos hinüber, der gerade die Situation zusammen sammelt und feststellt, dass jetzt doch alles gut gelaufen ist und die Sache passt. Die 25 Minuten, die er jetzt schon Feierabend hätte, sind nicht der Rede wert. Wieder eine Stunde Mehrarbeit, die angeblich gar nicht ins Gewicht fällt.
Steve steht mittlerweile neben der Fahrertür. „Hi Xeno, kannst du die beiden Helden zum Flughafen bringen, ich muss für meinen Vater noch ein paar wichtige Dokumente ausliefern.”
Xenopoulos lässt die Fensterscheibe ganz nach unten gleiten, hebt den Arm und sagt ohne auf seine Uhr zu gucken, dass er jetzt schon seit einer halben Stunde Feierabend hat. Er grinst zu Steve hinaus, der sicher um zehn auf irgendeiner Party sein will und sich vorher noch in seinem begehbaren Kleiderschrank umziehen möchte.
„Ich gebe dir 100 $, soviel habe ich noch hier, wenn du die beiden nachher wegbringst.”
So ein großzügiges Angebot überrascht dann doch. Kein blödes Gelaber von „die halbe Schicht übernehmen”, was eh nie klappt. 100 $, einfach so!
“Ja, gut!” antwortet Xenopoulos und hält ein paar Sekunden später den Schein in Händen.
„Danke Xeno, bist ein Kumpel! Wiedersehen die Herren, mein Kollege bringt Sie dann zum Flughafen. Ich wünsche einen angenehmen Nachhauseweg”, sagt Steve und bewegt sich langsam rückwärts gehend auf sein Auto zu. Er winkt noch kurz zu Xenopoulos, den ein unangenehmes Gefühl durchfährt. „War nett Sie alle kennen zulernen.”
Steve dreht sich um und wippt sich mit zwei Schritten in Richtung Fahrertür seines Oldsmobile. Er fährt sofort los und ist schon bald vom riesigen Parkplatz verschwunden. Xenopoulos sieht ihn noch im Verkehr stadteinwärts mitschwimmen. Er starrt kurz auf das lederbezogene Lenkrad vor ihm, dann schiebt er den Hunderter in die Hosentasche, blickt hinaus und sieht die beiden Immobilienspezialisten in die Halle eintreten.
„Die Tür ist offen!” ruft er hinterher. Einen Moment zu spät halt, aber Job ist Job.
Xenopoulos beschließt aus diesem Abend noch etwas zu machen. Er fährt die Scheibe hoch, steigt aus und öffnet den Kofferraum um Werkzeug zu holen. Mit der Fernbedienung verschließt er den Wagen und geht Richtung Halle. Schnell erreicht er die beiden Männer, die sich kurz hinter dem Eingang unterhalten.
„Hallo, ich werde uns da drinnen mal richtig Licht machen. Wollen Sie auch etwas vermessen?” wendet sich Xenopoulos an Wilson.
„Ja, schon” antwortet der etwas missmutig, da er gerade aus dem Kollegengespräch rausgeixt wurde. „Oder ich übernehme deine Ergebnisse, Erich. Du hast sicher alles parat, hab ich Recht?”
„Hast du ein gängiges Speichermedium dabei?” singt Linkheu.
„Wie wäre es mit drahtloser Datenfernübertragung?” pfeift Wilson zurück.
„Genial, ich hole nur schnell den Rechner aus dem Wagen, oder können Sie das kurz für mich erledigen, Herr Xenopoulos?”
Xenopoulos stellt den Werkzeugkoffer ab und geht zurück zum Wagen. „Brauchen Sie sonst noch etwas?” ruft er Linkheu zu.
„Nein!”
Wilson schaltet schon einmal seinen Laptop ein. Linkheu blickt Xenopoulos entgegen, der mit Laptoptasche auf ihn zuläuft. Xenopoulos hat den Eindruck, dass er nur sehr langsam näher kommt, als befände er sich in einem Zug und würde entgegen der Fahrtrichtung laufen. Linkheu nimmt ihm gleich den Laptop aus der Hand.
„Ich sage dir gleich: Der Raum reicht nicht ganz für die normale Warenkonfiguration. Von den drei möglichen Settings passt nichts hundertprozentig. Ich glaube wir werden dem Kunden abraten.”
„Und Sortimentsanpassung?”
„Wollen die nicht, Marktforschung sagt: Hier läuft nur das volle Programm!”
„Ich schau es mir trotzdem einmal an.”
„Dieses Gebäude war bis vor kurzem noch ein Themenrestaurant”, wirft Xenopoulos in die Runde.
„Das vorläufige Ende von Planet H., ich weiß. Die haben auch drei Geschäfte in Florida geschlossen, nur noch Orlando ist offen”, erläutert Wilson. Er hat beim Frühstücksfernsehen heute morgen gut aufgepasst.
„Wo war noch Ihr Kollege? Oak Tree? Haben die auch zugemacht?”
„Ja, ist aber schon wieder vermietet, war gleich weg. Liegt neben einer gut frequentierten Mall.”
„Das dürfte hier draußen schwieriger werden. Das Multiplex läuft auch nicht.”
„Und Ihre Kunden, was suchen die?”
„Ich würde für drei Monate eine Kartbahn reinholen, das bringt die Jahresnettokaltmiete, wenn man das Ding selbst betreibt.”
Xenopoulos möchte etwas mehr hören. „Nein, im Ernst?”
„Das ist schon ernst gemeint, Kollege.” antwortet Linkheu etwas genervt. „Unsere Klienten sind die führenden Einzelhandelsfirmen des Landes. Das Problem hier aber ist, dass die Fläche einfach zu klein ist. Der Anbieter hat, ganz frech, die überdachte Hoffläche dazu gerechnet, aber die ist höchstens für Baumärkte interessant.”
„Wenn die Angaben des Verkäufers in Ordnung gewesen wären, wären wir gar nicht erst hier aufgekreuzt. Stimmt doch, Erich?”
„Korrekt! Kein Wunder, das Planet H. in der Insolvenz steckt, solche Plätze hier, das kann nicht laufen.”
„Die Insolvenz ist in Delaware anhängig, die haben die liberalsten Steuergesetze, weil sonst keiner in den Mückensumpf dort investieren würde. So weit ich wie?, sind zwei ausländische Investoren eingesprungen, 55 Millionen US-Dollar für 70 Prozent. Ein Schnäppchen!”
„Findest du? Ich sehe für das Unternehmen keine Perspektive mehr. Wer sind denn die beiden, die sich auf das Himmelfahrtskommando einlassen?”
„Ong Ben Seng, kurz OBS, ein Hoteltycoon aus Singapur und ein saudi-arabischer Prinz dessen Namen ich jetzt nicht parat habe.”
„Interessieren Sie sich so für Wirtschaft, weil Sie abends als Lokalpolitiker agieren?”
„Nein, reines Freizeitvergnügen, Steckenpferd, aber als Lokalpolitiker hätte ich hier 50 Arbeitsplätze, also 50 potenzielle Wähler verloren.”
„Waren Sie schon einmal in einem solchen Restaurant?”
„Kenne ich aus Singapur. In diesen artifiziellen Innenstädten finden Sie gar nichts anderes als Planet H. oder das Hard Rock Cafe und ein paar lokale Kopien davon. Wo sind eigentlich die ganzen Innendekorationen von hier hingewandert.” fragt sich Wilson.
„Ich habe es Ihrem Kollegen schon erzählt, wahrscheinlich auf die anderen Restaurants verteilt, aber es gibt auch freie Aufkäufer für den Ramsch.” informiert Xenopoulos.
„Ja, so jemanden kenne ich, das kann sehr anstrengend werden. Sie können sich gar nicht vorstellen wie viele Dinge aus irgendeinem Grund gesammelt werden…, aber lassen sie uns jetzt mal reingehen. Ich möchte dieses Schmuckstück jetzt endlich mal von innen sehen. Herr … – wie heißen Sie gleich noch – macht es uns jetzt mal richtig hell hier.”
„…bringt uns die Erleuchtung, haha.”
„Xenopoulos!”
„Das klingt griechisch, bedeutet der Name etwas?”
„Da fragen Sie mich zu viel. Warten Sie mal einen Augenblick, ich gehe erst zum Stromkasten.” Binnen Sekunden hat Xenopoulos das Licht an. Es schaut alles sehr ernüchternd aus. Die beiden Herren treten in die Halle ein.
„Oh je, was für eine Baracke, die Lüftung würde deine Kartbahn aber nicht verkraften.”
„Was wollen wir eigentlich hier, ich habe schon alle nötigen Infos, lasst uns gehen.”
Xenopoulos ist von dem abrupten Schluss etwas irritiert. „Wollen Sie nicht noch mehr sehen?”
„Lassen sie uns lieber etwas essen gehen, ich lade sie ein. Kennen Sie etwas Nettes in der Umgebung?”
Xenopoulos denkt kurz nach, 100 $ und ein Abendessen hat ihm der Arbeitstag jetzt schon eingebracht.
„Es gibt ein, in der Region hier sehr bekanntes Lokal, gleich ein paar Meilen weiter: die Timber Lounge. Sehr rustikal, aber beliebt wegen der guten Steaks. Wir sind schon recht spät dran, da sollte ein Tisch frei geworden sein.”
„Okay, dann nichts wie hin!”
„Und Ihre Rückflüge?”
„Das geht alles auch noch morgen früh.”

•••

Wilson ist mit dem Fottermin im Flughafen ganz zufrieden. Nun steht er bei den Taxis. Ein Bediensteter der Stadt hilft Markinsholz dabei sein Gepäck im Kofferraum zu verstauen. Markinsholz ist unzufrieden mit der Situation. Er erkennt Wilsons Schachzug, der nun seinen Aufenthalt an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Wilson hat veranlasst, dass Markinsholz auf jeden Fall in Wilsons Hotel übernachtet. Er will, das Markinsholz mit Angeboten überschüttet wird. Markinsholz verabschiedet sich kurz von Wilson. Der Stadtangestellte sorgt mit einem Extratrinkgeld beim Taxifahrer dafür, dass dieser seinen Gast auch wirklich in Wilsons Hotel fährt. Wilson winkt, als Markinsholz mit dem Taxi davon fährt. Die Strickjacke mit dem aufgenähten Stadtwappen hat Wilson längst abgelegt. Das Taxi verschwindet in einen Straßentunnel. Der Angestellte schaut zu Wilson herüber, er will wissen ob sein Job erledigt ist. Als Wilson nur kurz nickt, weiß er, dass er in den Feierabend entlassen ist. Wilson geht zurück in das Flughafengebäude. Er ist sich sicher, dass dieser Reporter Xenopoulos mit der Mittagsmaschine aus Frankfurt kommen wird. Wilson mag Mittagstermine auf dem Flughafen. Die Kapazitäten sind mittags bei weitem nicht ausgeschöpft, überall gibt es Leerstellen, Doppel- und Wiedergänger. Leute mit einem Mittagsflug sind nicht all zu gut organisiert. Der Tag ist zerrissen, aus Zwang oder aus Unvermögen. Wilson hat seinen Spaß: da ein leerer Pappbecher Morgenkaffee unter einer Sitzbank, hier die liegengelassene Immobilienbeilage einer überregionalen Zeitung. Ich könnte noch auf ihn warten, denkt Wilson. Aber da Xenopoulos sicher noch einen Mietwagen abholen muss, würde es noch dauern. Wilson will trotzdem einen Blick auf die ankommenden Passagiere werfen. Es dürfte nicht so schwer sein, den richtigen Mann zu erkennen. Wilson blickt auf die Anzeigetafel und stellt fest, dass er noch etwas Zeit hat. Er geht an die nächstgelegene Bar, bestellt einen Espresso und greift sich eine Zeitung vom Tresen. Wilson fällt der geplante Artikel über Markinsholz ein, als er die Zeitung aufschlägt. Er beschließt spontan den zuständigen Redakteur anzurufen.
„Und wie hat es unserem Jubilar gefallen?”
„Er mochte nicht im Rampenlicht stehen, aber er hat sich tapfer in sein Schicksal gefügt.”
„Habt ihr gute Bilder?”
Der Mann von der Zeitung gibt die Frage in den Redaktionsraum weiter. „Sind noch nicht fertig! Der wievielte Passagier soll er denn gewesen sein? Ich möchte so eine ungefähre Zahl, sonst gibt es wohlmöglich Ärger mit der Flughafenverwaltung. Der hunderttausendste?”
„Mach der ‚millionste Passagier’! Markinsholz hat mein Italienisch sowieso nicht verstanden. Lieber zuviel als zuwenig, das schmeichelt den Jungs da. Und schreib alles rein, ‚wohlhabender Antiquitätensammler sucht Raritäten, zahlt Höchstpreise’.”
„Ja, das erwähntest du schon einige Male. Und, was erwartest du dir von dieser Aktion.”
„Ich will, das der Auftritt hier für ihn etwas anstrengender wird und er schnell wieder verschwindet. Markinsholz mag keinen Trubel. Er soll die Dinge, die er hier einsammeln will, nicht zum Dumpingpreis bekommen.”
„Warum machst du dich nicht unverzichtbar, in dem du ihn den wichtigsten Leuten hier vorstellst? Dann hättest du die Kontrolle über ihn, woran dir ja anscheinend so viel liegt.”
„Ich kann mir angenehmere Dinge vorstellen, als Markinsholz Babysitter zu sein. Außerdem ist gerade Schönbach hier und dann kommt noch so ein Journalist heute, der mich sprechen will, auch aus Deutschland. Also, ich muss zum Gate, will den Typen mal in Augenschein nehmen. Bis später.” Wilson legt einige Münzen auf den Tresen, steckt sich die Zeitung ein und bewegt sich Richtung „Ankünfte”.
Die paar Passagiere des Frankfurtfluges haben schon das Gepäckband hinter sich gebracht. Die heimischen Geschäftleute mit Bordcase verschwinden schleunigst in Richtung Taxistand. Gut so, denkt sich Wilson, sonst müsste er sicher wieder jemanden Rede und Antwort stehen. Als nächstes streben die Leute mit Koffern Richtung Bus und Taxen. Nur wenige werden am Gate abgeholt. Wilson meint seinen Kandidaten schon entdeckt zu haben. Xenopoulos fummelt an den Außenfächern seiner Aktentasche herum, um den Mietwagenvertrag hervorzukramen. Er schnappt sich seinen Rollenkoffer und folgt den Piktogrammen mit der stilisierten Autosilhouette und der Unterzeile „car rentals”. Wilson wundert sich über die gigantischen Ausmaße des Rollenkoffers und stellt Vermutungen über Xenopoulos Aufenthaltsdauer an. An der Vermietstation wartet eine lange Schlange. Xenopoulos reiht sich am Ende ein. Wilson geht neben ihm vorbei an den Businessschalter, dort ist es wie ausgestorben.
Ein Angestellter sitzt ziemlich tief hinter dem Schalter, schreibt etwas in Listen und schaut nicht auf.
„Hallo! Können Sie bitte dem Mann mit dem Rollenkoffer ein Upgrade verschaffen. Ich zahle das gleich hier für ihn, mit meiner Bonuskarte.”
Der Mann blickt zu Wilson hoch. „Kein Problem! Kennen Sie den Namen des Mannes? Ich lass ihn dann ausrufen, wenn Sie weg sind, okay?”
„Tadellos.” Wilson hält dem Mann die Karte entgegen.
Dieser zieht die Karte durch ein Lesegerät, blickt kurz auf den Monitor. „Vielen Dank Herr Wilson, Auftrag erledigt.” Der Mann reicht die Karte zurück.
Wilson verabschiedet sich.
„Mr. Xenopoulos arrived from Francfort, please contact the business check-in account of `SchmerzCarsTM´ on the second floor.”
Xenopoulos schiebt sich mit seinem Gepäck an der Schlange vorbei zum Schalter vor. „Xenopoulos, ich wurde aufgerufen.”
„Ah, kommen sie bitte zu mir rüber!”
Xenopoulos freut sich über das kostenlose Upgrade, die windige Erklärung, dass er „Premium-Kunde” sei, akzeptiert er ohne Nachfrage, schließlich wird ihm etwas Positives beschieden und da stellt man keine dummen Fragen.
Glücklich nimmt Xenopoulos den Schlüssel entgegen. Wilson ist längst auf dem Heimweg, als Xenopoulos eine dunkelblaue Limousine der oberen Mittelklasse auf dem Autoparkplatz P4 abholt, während sich hinter ihm eine Boeing in den Himmel hebt.

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© Ulrich Heinke