Autobiografia

Gespräch über Biografie

Xenopoulos und Wilson sitzen im Auto, man sieht sie durch die Frontscheibe. (Der Text kann an mehreren Stellen unterbrochen werden. Zwischendurch kann die Wischwaschanlage und/oder der Scheibenwischer betätigt werden. Am Ende des Gesprächs fährt der Wagen rückwärts weg…)

X: … geschriebene Biografien folgen dem Muster der Heldensagen, den sogenannten „monomyths”. Also, diesen Geschichten, in denen der Held eine schwere Herausforderung zu bestehen hat…

W: Diese Erzählungen teilen das Leben in verschiedene Abschnitte ein: In der Jugend bereitet man sich auf seine Aufgabe vor, im frühen Erwachsenenalter stellt man sich dieser Herausforderung, später, wenn man älter geworden ist, geht es darum, das Erreichte zu erhalten.

X: Dabei handelt es sich immer um eine personenbezogene, lineare und fortschreitende Erzählweise, die auf einen bestimmten Höhepunkt zusteuert.

W: Die geschriebene Fassung ist die geläufigste Form, in der wir heute Biografien kennen, als Buch, oder als Fortsetzungsgeschichte in der Tageszeitung. Da werden dann irgendwelche wichtigen Personen des Zeitgeschehens abgehandelt. Diese Schilderungen sind oft prototypisch für eine idealisierte Vorstellung des „good life”.

X: Der Vorbildcharakter dieser Biografien bestimmt das Verhältnis von Autor und Leser, oft erscheint es hierarchisch geordnet: Von Lehrer zu Schüler, von alt zu jung, von machtvoll zu machtlos…

W: Die Autobiografie ist dabei eng mit der Entstehung des Bürgertums verknüpft, mit der Idee des self-made-man: Es ist immer eine Erfolgsstory, vom Tellerwäscher zum Millionär…

X: Dabei ist die geschriebene Autobiografie wohl kaum als Modell für die eigene biografische Erzählung geeignet: Was hast du heute so getan?

W: Ja, der 800-Seiten Wälzer über das Leben eines Industriemagnaten im Frühkapitalismus eignet sich bestimmt nicht als Vorlage für die Schilderungen deiner Alltagserlebnisse: Das wär dein Tag gewesen! Es geht um die Selbstpositionierung im Gespräch: Welche Art der Selbstdarstellung benutzt man in den unterschiedlichen Gesprächssituationen und wie platziert man sich selbst in der eigenen Erzählung? Dauernd bist du dabei dein Selbst in den verschiedenen Situationen neu zu erfinden: „Add some flesh to the skeleton”!

X: Trotzdem wird deine Erzählung nicht frei von literarischen Strukturen sein: Linearität des Zeitablaufs, Betonung der Handlungselemente, Ich-Erzählung, alles aus dem literarischen Themenkatalog …, siehe die Heldensagen.

W: Sicher, der positionierte Sprecher und der soziale Druck auf seine Erzählung und Erzählweise sind notwendige Elemente, um jede Erzählung überhaupt als solche erkennbar werden zu lassen. Das bedingt sich gegenseitig: Keine Erzählung ohne Personen, keine Person ohne erzählerisch organisierte Erinnerung.

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X: Im Zusammenhang mit der Ich-Erzählung tauchen weitere Fragen auf: In welchen Situationen und auf welche Weise machen die Leute Gebrauch von ihren biografischen Erzählungen? Welche Dinge werden als relevant für die persönliche Geschichte betrachtet?

w: Ständig ändert sich der Text deiner Ich-Erzählung. Deine Erinnerung blendet bestimmte Ereignisse aus, ähnliche Geschehnisse werden oft auf unterschiedliche Weise interpretiert. Gedächtnislücken werden mit bloßen Vermutungen aufgefüllt. Jeder scheint sein eigener Historiker zu sein!

X: Ja, dieser Vergleich hat schon zu mancher Missinterpretation geführt: Das „Ich” als totalitärer Geschichtler, das sich selbst im besten Licht präsentiert. Aber die Methoden der Historiker sind doch grundverschieden zu den Bedingungen deiner Ich-Erzählungen.

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W: Wer auf die Erzählung als wesentliches Merkmal der Ich-Konstruktion setzt, tut gut daran, die biografischen Erzählungen nicht auf literarische Beispiele zurück zu führen. Wer aufgrund irgendwelcher literarischen Vorbilder Maßstäbe setzt und so die Ich-Erzählung nach ihrer vermeintlichen Relevanz wertet, setzt nur ein äußeres Reales fest, einen vermeintlichen Standpunkt von dem aus Bewertungen und Einordnungen ausgehen, die nur bestimmte Klischees und Wiederholungen der Ich – Erzählung einschließen: Das erste Rendezvous, eine schwierige Prüfung, usw. …

X: Theorie hat z.B. auch immer eine soziale Repräsentanz, das Wissen über eine Theorie ist gesellschaftlich, das kann auch als Metapher verstanden werden: Eine Person hat verschiedene und wechselnde Erzählungen über sich selbst in den unterschiedlichsten Zusammenhängen, trotzdem wird die Person als Einheit wahrgenommen.

W: Ja, aber die Frage die sich mit der Konstruktion des Ichs durch Erzählung ergibt ist: Wer erzählt die Geschichte eigentlich?

X: Hinter den Ich-Erzählungen steht ein doppeltes und widersprüchliches Konzept des Selbst: Einmal gibt es den Teil der Person, der von anderen beeinflusst, konstruiert und verändert wird, zum anderen scheint ein bewusstes Selbst zu existieren, welches die Ereignisse steuert und beeinflusst. Dabei ist das Bild der persönlichen Identität und Einheit ebenso ein Produkt diskursiver, sozialer Praktiken, wie auch die Annahme der verschiedenen Facetten des Selbst, eben der sozialen Identität…

W: man kommt aber nicht umhin, das Selbst wenigstens als eine theoretische Einheit zu begreifen. Wie jemand sein eigenes Ich erfährt, ist letztlich abhängig vom Gebrauch der eigenen Selbst-Theorie. Jede Person hat ein – wenn auch mehr oder weniger unvollständiges Bild – von den sozialen und individuellen Bedingtheiten seiner Identität. Dieses theoretische Konzept organisiert das Wissen und Handeln dieser Person, hat aber keine andere Referenz als die Person selbst…

X: Du kannst dich auf verschiedene Weise in deine Erzählung einbringen, zum einen kannst du nach einer möglichst objektiven Darstellung deiner Geschichte suchen, in der du selbst nur als ein weiterer Protagonist erscheinst. Du schaffst so eine Distanz zum Erlebten, die nur in einer subjektiveren Schilderung aufgehoben werden kann. Zum anderen zeigst du dich verstrickt mit den Implikationen deiner Geschichte, du scheinst eher den Konsequenzen deines Handelns ausgesetzt zu sein – vergleiche doch mal die Sätze: „Er sagte, ich soll den Zaun reparieren” mit „Er sagte, „Du reparierst den Zaun””.

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© ulrich heinke