sao vicente salamansa 1993

salamansa, 1993

Vielleicht ist ja mal jemand an einer Erdnuss erstickt. Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass an Bord von Flugzeugen keine Nüsschen mehr gereicht werden. Dafür gibt es jetzt fades Salzgebäck, die kleine Packung zugepflastert mit Warnhinweisen: Kann Spuren von Sellerie, Sesam, Senf, Milch, Jakobsmuschelschalen usw. enthalten. Welche Airline möchte schon von einem Allergiker verklagt werden?

Auf dem Flughafen von Sal, einem sandigen Eiland mitten im Atlantik, musste ich einmal stundenlang auf den Abflug warten. Ein paar wichtige Regierungsleute des Inselstaates Cabo Verde wollten unbedingt mit nach Lissabon – die mussten jedoch erst noch von der Hauptinsel eingeflogen werden. Hätte man mir damals nicht die Wartezeit mit abwechselnd Nüsschen und Orangensaft verkürzt, hätte ich das endlose Herumdösen unter Musikberieselung nicht überstanden. Nein, mit Salzgebäck – völlig ausgeschlossen. (Den Flughafen auf Sal „verdankt” Cabo Verde übrigens der Apartheidpolitik des damaligen sudafrikanischen Regimes. Die Staatsfluglinie South African Airlines (SAA) durfte nicht über den afrikanischen Kontinent fliegen und baute sich auf Sal, einer Sanddüne mitten im Atlantik, einen Ausweichflughafen, der auch für Jumbos geeignet war.)

Heute ist Sal ein Surferparadies und profitiert als Pauschalreisedestination vom größten Flughafen der Inselgruppe. Die anderen Inseln erreicht man von dort mit kleinen Propellermaschinen. Zum Kurzsteckenflug wird ein Bonbon gereicht, die Flugziele werden manchmal nach Bedarf angeflogen („Da müssen wir noch zwei aufpicken”). Die Passagiere standen tatsächlich gleich neben der Flugpiste, in ein paar Minuten war der Zwischenstopp erledigt. Spontane Flugumleitungen war ich nicht gewohnt, die Vorstellung nicht planmäßig von A nach B zukommen beunruhigte mich. (Diese kleine Propellerflugzeuge nähern sich immer so verdammt schnell dem Erdboden.)

Auch ein Flug innerhalb der kanarischen Inselgruppe (von Teneriffa nach La Palma) kann sehr kurz sein. Vom Steigflug geht es unmittelbar in den Sinkflug über, gereicht wurde mir die überregionale spanische Tageszeitung El Pais. Mit einer alten Boeing 727 war diese Strecke verdammt fehlbesetzt und Erdnüsse gab es auch keine.

Lao Aviation, der Flagcarrier des südostasiatischen Staates Laos fliegt von Vientiane, der Hauptstadt des Landes, u.a. nach Bangkok. Dort geht die kleine Turbopropmaschine zwischen den Riesenjets dann völlig unter, wird irgendwo auf dem Rollfeld abgestellt. Es folgt eine halbstündige Busfahrt zum Terminal, danach noch ein längerer Fußmarsch, und unweigerlich der Gedanke, man hätte von Vientiane aus auch laufen können. Auf dem Rückflug sitzt man mindestens eine Stunde in einer Kabine und wartet auf den Start, während die Klimaanlage virtuos mit den Extremen spielt: knallheiß oder frostigkalt.

Auf einem der letzten Flüge mit der Interflug von Larnaca nach Berlin gab es eine längere Diskussion mit der Kabinencrew – Zeit genug war dafür: Personal und Passagiere hielten sich zahlenmäßig in etwa die Waage, im Bordprogramm lief ein etwas angestaubter Werbestreifen der Interflug. Ein niedliches kleines Heldenepos vom Interflugpilot, der ein riesiges Schornsteinteil mit dem Helikopter an die richtige Stelle bugsiert – ein bisschen phallisch halt, aber der Zeit angenehm entrückt. Einem Passagier erschien dieser Propagandastreifen, so kurz nach der Wende, dann auch nicht mehr zeitgemäß. Es gab damals wohl eine Übersensibilität bezüglich der Huldigungen an die Arbeiterklasse in der ehemaligen DDR – ein längerer Werbeblock hätte vermutlich keinen gestört.

Haben Sie auch schon so eine Flugzeugkuscheldeckensammlung zuhause? Mit aufgedruckten Eigentumserklärungen: „Property of…”? Nicht zu verwechseln mit: „Ihr persönliches Exemplar zum mitnehmen” – dem Bordmagazin. Da interessiert mich eigentlich immer nur das Streckennetz, aber bei den vielen Codesharing-Verbindungen fliegt ja mittlerweile jede Fluglinie überall hin, und Rückschlüsse auf lokale Bindungen („Aha, nur zwei Flüge nach Südamerika”) lassen sich kaum noch ziehen. Haben die dünnen Deckchen wenigstens noch einen gewissen Nutzwert, beginnt echte Sammelleidenschaft dann bei den kleinen Kärtchen mit den durchgestrichenen Schweinen, die oben auf die Sitze gesteckt werden. Ein zarter Hinweis darauf, dass kein Schwein für das – an diesem Platz zu servierende – Essen sterben musste. Sollte man nicht mal bei der Online-Reservierung anklicken, dass man ein veganischer Trennköstler ist? Die werden doch immer als erstes bedient…

Die meisten Passagiere lassen sich leider die Demonstration der Sicherheitseinrichtungen durch das Kabinenpersonal entgehen. Es ist doch nun wirklich sinnlos, den Kopf hinter dem Wall Street Journal (europäische Ausgabe!) zu verstecken. Keiner kann doch glaubhaft machen, dass er tatsächlich darin liest, oder? Das Ritual der Sicherheitsunterweisung ist nach zig Wiederholungen voller Leerstellen, rudernder Gesten ins Nirgendwo, zwischen Andeutungen – „Hier ziehen!” – und Gurtschlossfunktionserklärungen. Das Umlegen der Schwimmweste beschädigt die Frisur. Man hat Gelegenheit, einen genaueren Blick auf die Bekleidung der an Bord Beschäftigten zu werfen und dabei zu versuchen, eventuell noch vorhandene landestypische Eigenheiten der Kleidung zu erkennen – doch, die gibt es!

Mittlerweile schaffe ich es sogar im Flugzeug zu schlafen. Die Filme auf den kleinen Monitoren liegen unterhalb meiner Aufmerksamkeitsschwelle. Spielfilme werden ja für die Airlines editiert und alle politischen, religiösen, brutalen, witzigen und spannenden Szenen sind herausgeschnitten. Da aber der amerikanische Mainstream weltkompatibel produziert ist, wäre es ein Wunder, wenn man tatsächlich einen Unterschied erkennen würde. Schließlich müsste man sich ja an den Film erinnern können, wenn man ihn ein zweites Mal sieht – an dieser Hürde würden die meisten vermutlich schon scheitern.

Leider erwische ich mich immer noch dabei, wie ich auf die Flugpositionsanzeige blicke. Das ist auch irgendwie verlockend! Wo befinden wir uns gerade? Das Springen zwischen den verschiedenen Kartenmaßstäben: mal nah, scheinbar knapp über den Boden, dann wieder mit Sicht auf die Erdkrümmung: ein scheinbares Nicht-vom-Fleck-kommen. Über allem dieses stilisierte Flugzeugsymbol, wie es sich manchmal abrupt zu Seite dreht und kantig um die Ecke biegt. Und die Städte, die man so unter sich lässt – „Halifax” – kennt doch jeder nur von diesen Inflight-Informationssystemen!

Ich habe auch eine ganze Menge von diesen Tragflächenfotos gemacht. Ich sitze am liebsten so ein kleines Stück vor dem Flügel, die Triebwerke machen aus diesem Blickwinkel immer einen ganz besonders soliden Eindruck. Wer keine Tragfläche auf sein Foto bekommt, verzichtet besser auf das Bild. Sonst herrscht Erklärungsnotstand: Wie bist du denn da oben hingekommen?

[uh]

pomfebruar 2009