berlin 1989

berlin, 1989

Kleintierfutterplätze im Realkunstseminar

Ende der 1980er Jahre agierte ich als erfolgreicher Musikverleger. Ich betrieb quasi im Alleingang ein florierendes Undergroundcassettenlabel, genannt DEAF EYE. Die nötigen Leerkassetten konnte man damals bei einem Typen mit Oberlippenbart in Tiergarten nahe der großen Möbelgeschäfte in der Kluckstraße kaufen – Cassetten Copy Service – kurz CCS. (Das Geschäft existiert heute noch, nach 29 Jahren, es gibt sogar noch Audiokassetten zu kaufen, was für eine Erfolgsstory!) Die Bänder wurden schon damals auf jede gewünschte Länge geschnitten, von einer bis zu 120 Minuten. Ich liebte die Kassetten aus rauchfarbenen, transparenten Kunststoff. Zuhause kopierte ich die Kassetten mit einem Doppelkassettendeck. Vom Mastertape zur Kopie, natürlich in normaler Geschwindigkeit, Schnellkopien hätten nur der ohnehin lausigen Tonqualität den Rest gegeben.

Zu dieser Zeit war mein zweiter Wohnsitz der Copy-Shop. Covertexte setzte ich mit Letraset (ungemein teure Rubbelbuchstaben), die Cover entstanden aus Fotos und gefundenen Materialien. Manche Kopierläden boten sogar Kopien mit farbigen Toner an. So konnte man z.B. mit Rot auf cremeweißen Karton kopieren und noch einmal Schwarz drüber, das gab schon was her… Transparentpapier und Folien waren auch erste Wahl – bis die ersten Farbkopierer in den Läden auftauchten! Zu Anfang kostete eine Kopie 6 DM – schließlich waren die Geräte teuer und wurden ausschließlich von Fachpersonal bedient, Selbstbedienung kam später. Da wollte jede Kopie gut überlegt sein, oft gab es Auseinandersetzungen mit den Angestellten, ob eventuelle „Testkopien” mit bezahlt werden mussten.

Ich glaube, ich habe so ungefähr 10 verschiedene Musikproduktionen verlegt. Meine eigene Musik firmierte unter der Marke „Mickyblitz Finnkrieg”. Mein Musikerkollege und enger Mitstreiter damals war Henry, er nannte seine Soloprojekte „Henry Hektik”. Die gemeinsamen Produktionen liefen unter dem Bandnamen „Subtle Reign”. Das größte Vergnügen brachten allerdings Compilations, für die man auf der ganzen Welt, per Post, Tondokumente einsammelte. Über manchen in der Undergroundszene bekannten Namen freute man sich besonders, wenn dieser ein Stück für die eigenen Produktionen zur Verfügung stellte.

Henry lernte ich über eine Kleinanzeige im Stadtmagazin „Tip” kennen. Er suchte unter der Rubrik „Musik: Verschiedenes” nach einem Multiinstrumentalisten. Netterweise zählte er dazu ein paar Namen damals einschlägiger Bands auf und ich wusste, er suchte keinen professionellen Musiker, sondern eher einen experimentierfreudigen Nichtskönner, der sich alles zutraute. Henry wohnte in Steglitz, ich in Moabit, also bestens verbunden mit der U-Bahnlinie 9. Wenn es spät wurde bei unseren Übungsabenden, was eigentlich immer passierte, verpasste ich regelmäßig die letzte U-Bahn. Nachtbusfahren dauerte leider die ganze Nacht. Die Verbindungen waren eher ungünstig, so dass ich meistens bis zur ersten U-Bahn morgens um 4 wartete. Dann fuhr ich mit ein paar Leuten, die den Kopf hinter der BZ versteckten, nach Hause – die zur Arbeit, ich ins Bett.

Henry war ein besessener Elektronikbastler, stets am herumlöten auf irgendwelchen Platinen, um seinen Synthesizern ungehörte Klänge zu entlocken. Sein ganzer Stolz war ein selbstgebauter Ringmodulator für den Korg MS-20. Durch Henry lernte ich die Läden wie Atzert und Conrad kennen, dort wo sich Funkamateure die Klinke in die Hand gaben, und man Widerstände, Kondensatoren und Transistoren in Kleinstmengen erwerben konnte. (Digitales) Sampling war damals kaum erschwinglich, wir behalfen uns mit Tonbandschleifen, die je nach Länge das ganze Zimmer umlaufen konnten. Die japanische Firma Casio brachte dann eine Art Spielzeugsampler heraus, das Teil taugte für einen ca. 1 sekündigen Sample in 8bit Qualität. Wir waren total aus dem Häuschen – schließlich waren die ersten Sampler von Fairlight für uns unerschwinglich gewesen – sie taten ihren Dienst anfangs ausschließlich in den Villen von Hollywood Soundtrackproduzenten.

Für die nötige Underground Stimmung bei unseren abendlichen Musikstunden sorgte ein Diaprojektor, Henry rauchte dazu gerne mal einen Joint, ich musste davon husten. Henry hatte „Sans Soleil” von Chris Marker vom Fernsehschirm abfotografiert. Den Film habe ich erst viel später einmal „bewegt” gesehen. Henry trug immer graue Klamotten, oder war es ein ausgewaschenes Schwarz? Er kam aus Aurich, studierte an der TU Kulturwissenschaften. Henry hatte eine Freundin, Samira, die wesentlich älter war als er. Samira hatte eine tiefe, rauchige Stimme, schlief in einem Hochbett und hatte einen 10-jährigen Sohn. Außerdem hatte Henry einen Freund, Ludwig aus Franken, der von Beruf Chemielaborant war. Jemand der arbeitete, im Hochbett schlief, ein Kind hatte, älter war und sogar einen Beruf ausübte, der eine Bezeichnung trug, das war zu exotisch für einen Kunststudenten wie mich – ich lebte halt auf einem sehr kleinen 1-Personen-Planeten damals. Ludwig (Künstlername „Lud Hysteria”) fand unsere Musik toll, den Kassettenvertrieb aber völlig unprofessionell, genau wie Henry, der das Kopieren von Kassetten als sinnloses Zuschussgeschäft abtat – mich nervte dagegen die unprofessionelle Gestaltung seiner Kassettenveröffentlichungen. Ludwig gründete also ein Plattenlabel und veröffentlichte zwei Stücke unserer Band Subtle Reign auf der A-Seite seiner Compilation „Ecstacy by Current”! Ich muss zugeben, dass Henry die Tracks eher im Alleingang produziert hatte, eine Art mechanischer Swing aus Bandschleifen.

Die Kassetten vertrieb ich zu dieser Zeit in alle Welt, besonders in die USA. Die Leute steckten Geld, Briefmarken, oder IRC – International Response Coupons: Gutscheine mit denen man Briefmarken kaufen konnte – in den Umschlag, ich sendete Kassetten zurück. Natürlich waren es meistens Tauschgeschäfte, eine Kassette mit experimenteller, elektronischer Musik, gegen einen andere Kassette mit experimenteller, elektronischer Musik.

Der musikalische Austausch mit den USA führte über Umwege auch zu meinem einzigen Kontakt in die DDR: Jörg T. arbeitete über den Postweg mit einem ehemaligen Musiker von Tangerine Dream zusammen. Er wohnte in der Auguststraße und arbeitete als Hausmeister an einem Institut der Humboldt-Universität, ein typischer Nischenjob. Er war verheiratet und hatte drei Kinder, seine Wohnung hat er mit ein paar Wanddurchbrüchen eigenhändig vergrößert – die DDR hatte ja kein großes Interesse an ihren Altbauten in Stadtmitte. Besuchte ich Jörg, brachte ich Leerkassetten für ihn und Schokolade für die Kinder mit. Sein Studio war der größte Raum in der Wohnung. Während seiner ausgedehnten Sessions kümmerte sich seine Frau um die drei kleinen Kinder. Jörg lebte nicht nur räumlich in einer anderen Welt, auch seine musikalische Arbeit hinterließ mich immer staunend und ein wenig ratlos. (Es lag wohl einfach daran, das ich von Musik eigentlich keine Ahnung hatte.)

Als sich wenig später die Musikproduktion zunehmend computerisierte, fand ich keinen Gefallen mehr daran. Durch Druck auf eine Computertastatur einen infernalistischen Lärm zu erzeugen, da gab es keine Entsprechung mehr zum körperlichen Einsatz. Der Computer als Universalmaschine hatte auch nicht mehr den Charme eines Musikinstrumentes an dem man Knöpfe drehen konnte und über dessen Kompatibilität sich man Sorgen machen musste. Ich verkaufte gleich nach der Wende mein Equipment nach Dresden – in diesen denkwürdigen Zeiten wurden annoncierte Preise glücklicherweise nicht runtergehandelt.

Im Realkunstseminar von Thomas Wulffen an der Kunsthochschule ging es um die Abschaffung der Kunst und deren Auflösung im Alltag. Die Kunst wurde im Hochschulgebäude versteckt: ein falsch angebrachtes Geländer, eine zweite Pförtnerloge. Ich konnte mein Faible für täuschend echt aussehende, nachgeahmte und beschichtete Aufkleber ausleben. Versuche die Kunst abzuschaffen sind halt immer so unheimlich sympathisch! Ich versuchte es mit Kleintierfutterstellen, hat prima geklappt – weg die Kunst, es lebe die Kunst!

[uh]

pomnovember 2008