barcelona, 1991

Krisen haben Konjunktur – also ein prima Anlass um auf vergangenen Reichtum zurück zu blicken. Auch wenn es die Geschichtsbücher noch nicht wissen: Ich war Berlins letzter Börsendiener. Arbeitszeit von 9 bis 4 – Anzug war Pflicht.

Durch den alten Saal der Berliner Börse waberten stets Küchendüfte – die Kantine war gleich unten und das Essen konnte man sich sogar mit auf die Besuchertribüne hinaufnehmen. Dort standen ein paar Resopaltische, einige Stühle und den Boden bedeckte Nadelfilz – so will es jedenfalls meine Erinnerung. Es kamen auch regelmäßig Besucher, immer die gleichen älteren Herren und die trafen sich dort stets mit dem Chef der Börsenaufsicht, auch ein älterer Herr, mittags zum Bier. Freiberufliche Vermögensberater benutzten die Börsenatmosphäre zum Angeben: einer bestellte sich immer seine Klientel dorthin. Ältere Ehepaare, die ihr Erspartes dem Herrn Soundso anvertraut hatten und nun ihre paar Kröten in der weltweiten Finanzwelt rumflottieren sehen wollten.

Zu dem Job war ich gekommen wie immer: alle meine Arbeitsplätze waren von meinem Freund Hans vermittelt. Der wohnte damals in der Wöhlertstraße in Mitte und unten gab es so ein kleines Zeitarbeitsbüro. Dort gab es einen Aushang mit Stellenangeboten… Ich erinnere mich an einen jungen, dynamischen Kaufmann, der mir jedes Mal ein Ohr abkaute. Die aufmerksame Betreuung durch die Zeitarbeitsfirma ließ eigentlich nur einen Schluss zu: Ich war der einzige Angestellte. Zwar erwähnte der Vermittler manchmal noch eine Frau Soundso, die war aber ständig nur krank. Und ich hatte noch einen Kollegen, einen Frührentner aus Königs Wusterhausen, der half ab und an mal aus. Eigentlich war ich sein Ersatz, aber er hatte irgendwelche Gründe, die ihm zum „kürzertreten“ zwangen.
Meine Arbeitszeit hielt ich handschriftlich auf einem Zeiterfassungsbogen der Firma fest, am Monatsende übergab ich den Zettel an eine Halbtagskraft im Büro in der Wöhlertstraße. Mit der Personalabteilung der Börse hatte ich nichts zu tun. Die waren ganz eingenommen davon, den Börsendiener outgesourct zu haben. Stolz eben, auf der Höhe der Zeit zu sein.

Die Tätigkeit in der Börse bestand hauptsächlich aus dem Tragen eines Anzuges. Daneben gab es eine kleine Messingglocke, mit dieser in der Hand betrat ich dreimal am Tag den Börsensaal, schritt in die Mitte, drehte mich um und bimmelte dann: Handelsbeginn (9h), Mittagspause (12h) und Handelsende (kurz vor 16h). Den Rest der Zeit verbrachte ich lesend, erst die Tageszeitung, dann ein Buch. Im Wesentlichen haben sich mir in dieser Zeit drei Ereignisse eingeprägt:

Es war unheimlich anstrengend, während der Lektüre von „American Psycho“ unterbrochen zu werden – und das nur um die Tür zu öffnen! Ich brauchte einen Moment um in die Realität zurück zu finden – das war nicht leicht, schließlich erschienen manche Anzugtypen doch glatt dem Buch entsprungen. (Angesprochen wurde ich tatsächlich sehr selten, nämlich nur dann, wenn ein Broker seine elektronische Zugangskarte im Saal vergessen hatte. Dann musste ich aufstehen und an die automatische Schiebetür treten, diese öffnete sich dann, wie von Geisterhand… Die Zugangskarte trug ich immer in der Hosentasche)

Einer der Broker telefonierte sogar noch auf dem Klo – mobile Kommunikation war damals noch was neues. (Später las ich von der Verhaftung einiger Händler wegen Betrugs – der Typ war aber leider nicht dabei)

Zur Weiberfastnacht wurde meine Lieblingskrawatte abgeschnitten (so ein 1950er Jahre Kandinskymuster, Grundton hellblau). Ärgerlich, ich hätte ja damit rechnen müssen! Da ich aber an allen anderen Tagen des Jahres von den Börsianern ignoriert worden war, war ich leichtsinnig geworden und vertraute auf meine Unsichtbarkeit, Fehler!

Im alten Börsensaal war ziemlich viel Platz. Es gab eine Anzeigetafel, auf die niemand blickte und in der Mitte des sechseckigen Saals stand ein sechseckiges Podest mit einigen Computern drum herum. Am Rand gab es ein paar zugequalmte Glasboxen, die Büros der Broker. Es war auch ab und zu ein IT-Beauftragter unterwegs, so ein Dicker mit Locken. Der hatte seinen Job im Griff, bei Systemabstürzen war er nie zu sehen, sein ganzes Interesse galt der Neuinstallation und er trank gerne Kaffee auf der Besuchertribüne.

Der neue Börsensaal war dann die übliche Vermisstenliste: kein Platz, kein Parkett, keine Kantine und kein Börsendiener. Also bimmelte ich irgendwann nachmittags das letzte Mal. Dass der Frührentner aus König Wusterhausen danach noch mal kurz einsprang; wenn interessiert’s denn…

[uh]