yverdon les bains 2002

yverdon-les-bains, 2002

Im Film Pretty Woman (ich finde, Hollywood ist immer dann am besten, wenn es am verlogensten ist) ist der Hotelmanager Barney Thompson die gute Seele und der verständnisvolle Herbergsvater, der auch mal beide Augen zudrücken kann. Hector Elizondo spielt seine Rolle in Garry Marshalls Film von 1990. Interessanterweise spielt Elizondo in jedem Film von Marshall mit, sei es als Haupt- oder Nebendarsteller oder nur in einem kurzen Cameo-Auftritt. Elizondo gilt für Regisseur Marshall als eine Art Maskottchen oder Glücksbringer – Marshall ist auch für den Spleen bekannt, sich mit jedem Mitglied der Filmcrew fotografieren zu lassen um später daraus ein Fotoalbum zu basteln. So gesehen passt Hector Elizondo perfekt in die Rolle des Managers, bedient er doch die Wünsche des Filmdirektors sogleich auf zweierlei Ebenen: der des Film und der seiner tatsächlichen Produktion, am Set – wo wohl auch der Regisseur selbst gerne den gütigen Hüter über seine Schäfchen gibt…

In Wirklichkeit ist alles ganz anders als in Hollywood, und ein erfolgreicher Hotelmanager ist heute sicherlich nicht mehr derjenige, den man zu sehen bekommt, wenn man „bitte sofort den Direktor zu sprechen wünscht”. Auch der neue Vorsitzende des weltweiten Hotelverbunds The Leading Hotels Of The World Ted Teng hat eher eine Karriere in der Verwaltung hinter sich (er hat u.a. die ADR – average daily rate – einer vom ihm geleiteten Hotelkette im pazifischen Raum in die Höhe getrieben. Die ADR ist übrigens der Wert aus verfügbaren Zimmern geteilt durch die Anzahl der vermieteten Zimmer), trotzdem blickt er auf dem Pressefoto so weise wie eine Buddhafigur: ganz das gütige Herbergsvaterlächeln.

“The Leading Hotels of the World, Ltd. ist eine weltweite Allianz führender Luxushotels. Sie vereint über 440 der besten und renommiertesten Hotels in 80 Ländern der Welt unter einem Markendach und betreibt das Buchungs- und Reservierungsportal www.lhw.com. Seit 1928 verpflichten The Leading Hotels of the World, Ltd. ihre Mitglieder auf ein gemeinsames Qualitätsversprechen. Es wird durch einen Leistungskatalog mit 1500 Kriterien getragen und in regelmäßigen Abständen anonym überprüft.” (aus einem Pressetext, 2008)

Um die Mitgliedschaft bei The Leading Hotels Of The World (LHW) muss sich ein Hotel bewerben; ab fünf Sterne und höher ist das möglich, fünf Sterne superior ist normalerweise die höchste Klassifizierung. Bewertungen mit sechs oder sieben Sternen sind umstritten, zwar beschreibt die Presse das Emirates Palace Hotel und das Burj al Arab in Dubai als 7-Sterne Häuser, offiziell tragen sie aber nur fünf Sterne. Allein die Town House Galleria (was für ein wundervoller, weltumarmender Name!) in Mailand, Mitglied bei lhw, ist das einzig bisher anerkannte 7-Sterne Hotel. Im Grunde handelt es sich bei diesem Hotel um einzelne Wohnungen, denen je ein Butler zugeteilt ist.

Nun hatte dieser Ted Teng einen klassischen Fehlstart, als er zum 1. September diesen Jahres den Vorsitz über den weltweiten Hotelverbund von Paul McManus übernahm. Aber, was war passiert? Warum hängt der Hotelsegen schief bei LHW? Grund ist das 80-jährige Bestehen der Kette und der Wunsch dies gebührend zu feiern.

Die erste Aktion schien glatt gelaufen zu sein: für 500.000 $ p.P. konnte man eine 80-tägige Reise rund um die Welt buchen, und wahrscheinlich hielt sich der Andrang bei dieser Werbemaßnahme in organisierbaren Grenzen. Die zweite Aktion aber, die zum 1. Oktober 2008 starten sollte, hatte es in sich. Der Hotelverbund wollte plötzlich billig werden. Zum Jubiläum sollten Zimmer, die sonst gut und gerne mehr als 500 € kosten, zum Preis von 19.28 $ angeboten werden. 150.000 Interessierte ließen sich registrieren, um sich für ein oder zwei Übernachtungen von insgesamt 6.000 verbilligten Nächten zu bewerben. Dafür wurde eine Buchungsseite im Internet für den 1. Oktober von 13h bis 14h20 eingerichtet. In diesen 80 Minuten brach der Server erwartungsgemäß zusammen und nichts ging mehr. Erklärung seitens lhw.com: angeblich hätten sich auch viele nicht registrierte Benutzer um Plätze bemüht. Das hätte man nun alles unter „halt Pech gehabt” abhaken können, denn nichts ist gewöhnlicher als eine zusammengebrochene Webseite hinter der ein Schnäppchen winkt. Aber in einem seltsamen und mir nicht erklärbaren Anflug von Ehrlichkeit ließen der Hotelverbund und sein neuer Vorsitzender verkünden, dass es wohl niemandem gelungen sei, ein verbilligtes Hotelzimmer zu ergattern. Die Hotelkette stehe nun voll in der Schuld der enttäuschten Kunden und würde alles unternehmen, die Sache zufriedenstellend zu lösen:

“Dear Ulrich Gerd Heinke,
Thank you very much for your continued patience (!) with The Leading Hotels of the World. We are sincerely committed to restoring your faith in our brand (!!) and do not want to risk disappointing you again (!!!). We are working tirelessly to develop a solution that will be fair for you… (?)”
– weitere Mails sollten folgen.

Ich fand, das klang nach einigen Gratisübernachtungen! Ob dieser Bringschuld, die lhw.com da eingegangen war, sah ich mich schon in die weichen, blütenweissen Kissen des New York Palace Boscolo in Budapest fallen, und das ganze für schlappe und sogar noch wechselkursbegünstigte 19.28 $ die Nacht im Doppelzimmer. Ein Wochenende im November hatte ich mir schon freigeschaufelt, den Babysitter schon bestellt. Aber dann das: die Korrektheit in Person, die dieser Ted Teng zu sein scheint, hatte in kürzester Zeit die Feuerwehr an der Hand: Akamai Industries, ein führender Anbieter von Internetdienstleistungen, sollte die Karre möglichst schnell aus dem Dreck ziehen – alle angekündigten Daten sollten Bestand haben. Die dazugehörige Mail verwies auf eine Webseite, auf der alle zukünftigen Updates nachzulesen seien.

Natürlich habe ich dann den zweiten Termin verpasst, und ich überlege mir, eine zornige Mail eines enttäuschten Kunden an lhw.com zu senden, vielleicht auch einen Brief mit meiner „Leaders Club”-Karte – zerschnitten! Aber ein Blick in die Datenbank würde ihnen nur zeigen, dass sie nicht gerade einen Stammkunden verlieren würden …

Das oben abgebildete Motel im schweizerischen Yverdon-Les-Bains hätte natürlich keinerlei Chance auf Aufnahme in den exklusiven Club der Tophotels. Aber wer jemals seinen Koffer direkt vom Kofferraum aus auf den hochflorigen, muffigen Teppichboden eines Motelzimmers werfen durfte, wird solch ein erhebendes Gefühl vollkommener Bequemlichkeit und Lässigkeit nicht mehr missen wollen, oder?

[uh]

pomoktober 2008