berlin 1989

berlin, 1989

1989 wohnte ich in Berlin-Moabit, einem Teil von Tiergarten. Wer in Moabit lebte, sagte damals immer, von dort aus käme man überall schnell hin. Und es sei nicht so schlimm wie in Neukölln oder Wedding. Das erklärte man damit, dass Moabit zwar nicht fein aber eben klein sei und somit kein indiskutabeler Malochermoloch. Warum habe ich mich bloß früher als Student für mein soziales Umfeld entschuldigt? Weil ich einem Mittelstandseinfamilienhaus entstammte?

„Diebe aufgepasst! In den Geräten befinden sich nur, für Sie wertlose, Poletten!” Dieses handgeschriebene Schild hing in „meinem” Waschsalon in Moabit. Es wäre nur eine klitzekleine Ungenauigkeit zu sagen, dass sich der Waschsalon unten in meinem Haus befand. Tatsächlich gab es ihn ein Haus weiter, aber man musste nur aus der einen Tür raus und in die andere hinein, fast so wie bei einer Drehtür. Das andere Haus war für einen Waschsalon auch viel passender. Nicht dieser Mietskasernenklotz in dem ich damals lebte, sondern so ein kleiner, mausgrauer 1950er Schuhkarton, der es mangels Baumaterial in den Nachkriegsjahren nicht ganz auf die Berliner Traufhöhe gebracht hatte. Machte ja nichts: gleich daneben an der Straßenecke war ein noch viel flacherer Bollemarkt. Dort kaufte ich damals die Schultheiss-Sixpacks, Einwegflaschen, die waren bequem über den Hausmüll zu entsorgen. Meistens kam das Bier aber vom Dönerimbiss „Yayla”, der florierte damals ganz prächtig, residierte in einer 1980er Betonburg mit gelben Balkongittern und lag nur ein paar Meter über die Straße. (Der Bolle machte ja schon um 18 Uhr zu und war somit aus heutiger Sicht eigentlich immer geschlossen …)

Zurück zum Waschsalon und seinen wertlosen Poletten. O.k., es war klar: die Poletten waren die Wertmarken, die man für sein Hartgeld erhielt und mit denen die Waschmaschinen und Trockner gefüttert wurden. Sechs D-Mark kostete die Wäsche. Trocknen musste auch sein und kostete noch einmal drei D-Mark. Wenn man keine Waschmaschine in der Wohnung hatte, so gab es auch keine Wäscheleine, das war man sich und seiner studentischen Logik schuldig. Meistens stopfte ich eine der großen Waschmaschinen so voll, dass es eh nicht richtig sauber wurde, und im Anschluss auch nicht richtig trocken. Also, in den Waschmaschinen und Trocknern, aufgepasst Diebe, da befanden sich tatsächlich nur diese völlig wertlosen Wertmarken. Bis dahin sah ich auch kein Problem. Aber die Frage, die mich während meiner Waschsalonsitzungen immer wieder beschäftigte war: dort, wo ich in diesem Waschsalon die harte, frei konvertierbare, deutsche Währung in eben diese zweckgebundenen Poletten eintauschte, da in diesen grauen Geldwechselautomaten, da müssten doch eine ganze Menge, auch für Diebe nicht wertlose Münzen drinnen sein, oder? Es gab ja auch kein Schild: Einbruch zwecklos, Gerät wird täglich geleert!

Eigentümer des Waschsalons war ein Ehepaar aus einer „Former Republic of Jugoslavia”, jedenfalls deutet der Name mit den vielen aneinandergereihten Konsonanten, der irgendwann auf -ic endete, auf diese geografische Lage hin. Der Mann fuhr einen Mittelklasse-Daimler, Typ W124, heutzutage legendär wegen der noch überschaubaren Elektrik und seiner technischen Unverwüstlichkeit, damals ein ziemlich schmuckes Auto. Vorteil eines solchen Gefährts: man konnte so ziemlich alles selbst reparieren. Auch der erfolgreiche Betrieb eines Waschsalon setzte voraus, dass man in der Lage war, jede anfallende Reparatur, egal ob defektes Kontrolllämpchen oder Motorschaden, selbst beheben konnte. Das steigerte den Gewinn vor Steuern doch ganz erheblich und man konnte den wadenbeißerischen Kleinaktionärsvereinigungen auf der Hauptversammlung eine ordentliche Dividende versprechen. Der Betreiber des Waschsalons war ein fähiger Handwerker, den ich immer nur im grauen Kittel sah, auch an den Wochenenden. Wenn er mal nicht in seiner Arbeitskleidung erschien, dann war es eine eingeschlagene Scheibe oder ein Wasserschaden, der ihn eilig in den Salon zwang. Seine Frau machte übrigens immer sauber im Salon, die großen Fenster putzen und den Boden wischen.

Der Vorteil für den Servicetechniker in einem Waschsalon ist die recht überschaubare Menge an (Wasch)-Maschinen. Es war, wenn man eine gewisse Reparaturroutine erreicht hatte, möglich, Teile zwischen den Maschinen auszutauschen und sie gegenseitig in Stand zu setzen. Dann waren da ja nur noch die Trockner, der Geldwechsler, ein paar Lichtschalter und das Türschloss. Reparaturen konnten aber trotzdem lange andauern, und für einen Waschsalon, der ja quasi ohne ständige Bewirtschaftung auskommen sollte, war das Personal dieses Waschsalons wirklich sehr ausgiebig vor Ort. Der Mann verschwand in einem schmalen Gang hinter seinen Waschmaschinen, seine Frau reichte ihm von der anderen Seite das Werkzeug heran. (Ein weiterer Tipp in Richtung Profitmaximierung ist es, die Neuinvestitionen in einem überschaubaren Rahmen zu halten: eine neue Waschmaschine habe ich in den langen Jahren meiner Kundenbeziehung zu diesem Salon nie gesehen.

Es kam der Tag, an dem das Geheimnis des echten Geldes und der wertlosen Poletten wenigstens zum Teil gelüftet wurde. Wahrscheinlich saß ich wegen einer Kochwäsche da, die dauerte ewig, jedenfalls viel länger als die angegebene Zeit auf der Tafel mit den handgeschriebenen Anweisungen. Die Heißwäsche brachte die Luftfeuchte auf 99 Prozent und die Scheiben zum beschlagen. Ich sah es als mein Privileg an, dass ich während des langen Waschvorgangs nicht nach oben in die Wohnung ging. Das wäre zwar ohne weiteres möglich gewesen, ich hätte meine Abwesenheit aber als völlig uncool empfunden. Nicht dass zu befürchten gewesen wäre, die Wäsche könnte gestohlen werden, es war eher ein großartiger Luxus von Zeitvergeudung, dort einfach nur so dazusitzen. Ein Buch oder eine Zeitung hatte ich äußerst selten dabei, die wurden in der feuchten Luft immer so schnell unansehnlich. Wenn man allerdings mal schnell zum Dönerladen musste, kam garantiert irgendein Hilfssheriff, der die Wäsche aus der Maschine nahm und in einen der spärlich vorhanden Körbe (handelsübliche Plastikwaschkörbe auf einem selbstgebastelten, fahrbaren Metallgestell) packte, angeblich weil die Maschine gerade die einzig freie war. Besonders niederschmetternd war es, wenn jemand meine Wäsche einfach oben auf der Maschine ablegte – das frustrierte mich so richtig, ich verspürte den Drang, den nassen Wäscheberg aufgeben zu wollen: das Zeug liegen lassen und einfach komplett neu einkleiden. So war es nicht nur purer Luxus, die Zeit im Salon zu verbringen, sondern eben leider auch mit einer gewissen seriösen Aufsichtspflicht verbunden.

An diesem Tag der Tage war es wohl so, dass dieser Geld-in-Poletten-Wechselautomat streikte. Der Waschsalonbesitzer war gezwungen vor meinen Augen die Tür des Geheimnisses zu öffnen. Ich blickte mit angehaltenem Atem und ohne Wimpernschlag in die Eingeweide hinter dieser kleinen Metalltür. Dort sah ich etwas, was ich absolut nicht vermutet hätte: ein langer grüner Gartenschlauch, direkt hinter dem Geldeinwurfschlitz angebracht, führte steil und scheinbar endlos nach unten. Wenn ich Geld in diesen Geldeinwurfschlitz warf, dann rauschte mein Geld wahrscheinlich bis in den Keller hinunter und dort in eine Art Geldspeicher. Es war also tatsächlich kein Geld in diesem Waschsalon! Der Keller dieses unscheinbaren Hauses war voller kleiner Tresorräume. Der Besitzer des Waschsalons ging ab und zu hinunter, hielt den Plastikschlauch wie beim Blumen gießen, schwenkte ihn einfach hinüber in den nächsten Kellerraum, der sich auch bald mit Geld füllen sollte. Ab und zu nahm er sich eine Handvoll Münzen, tankte seinen Daimler auf, und verschwand mit seiner Frau übers Wochenende in einen der früheren Teile Jugoslawiens. Am Montag war er wieder zurück in Berlin-Moabit, Rathenower Straße 45, checkte seine Maschinen und drehte den Geldhahn auf…

(Das Foto zeigt übrigens ein frisch gestrichenes Haus in einer Charlottenburger Randlage. Ähnlichkeiten mit dem Haus vom Waschsalon sind weder zufällig noch beabsichtigt – saubere Lösung, oder?)

[uh]

pomjuli 2008