luminy 1994

marseille, 1994

Bei meinem Aufenthalt in Marseille war ich als Austauschstudent der dortigen Kunsthochschule in einem Studentenwohnheim in Luminy untergebracht. Luminy lag außerhalb Marseilles in unmittelbarer Nähe der Calanques, der berühmten Kalksandsteinküste zwischen Marseille und dem Ferienort Cassis. Wanderte man durch die Calanques, hörte man plötzlich deutlich Stimmen neben sich, obwohl niemand zu sehen war. Bald stellte sich heraus, dass es sich um die Zurufe von Kletterern handelte die in etwa 100 Meter Entfernung irgendwo in den Felswänden hingen. Ein sehr merkwürdiges akustisches Erlebnis. Überhaupt schienen die Calanques das Mekka der Extremsportler zu sein. Als Fußgänger, ohne eine ausgewiesene funktionsbetonte Kleidung oder ein anderes prothetisch-technisches Gerät, fühlte man sich dort eher fehl am Platz. Am Ende eines Spazierganges durch das karge Gelände erreichte man Cassis, angeblich eine Touristenhochburg, gezwängt in ein schmales Tal, direkt am Mittelmeer gelegen, mit ein paar Hotels und einer kurzen Flaniermeile ausgestattet. Das alles kam mir sehr komprimiert vor, mehr als 50 Touristen sollte man besser nicht gleichzeitig in den Ort lassen, fand ich: wahrscheinlich waren es in der Saison so um die 5.000.

Das Studentenwohnheim in Luminy war in einem Hochhaus aus den 1960ern untergebracht. Fast alles dort war gegen Vandalismus geschützt. Die Kochplatten waren einbetoniert und besaßen gerade mal einen An- und Ausschalter. Das Wasser in den Duschen kam direkt aus der Decke, Brauseköpfe suchte man vergebens. Ein Fahrrad, welches ich mir extra in einem Carrefour Hypermarché (der mit den 100 Kassen in einer Reihe und den Mitarbeitern auf Rollerskates dazwischen) zugelegt hatte, wurde schon nach wenigen Tagen gestohlen. Ich wollte damit den rigiden Busfahrplan umgehen, der die letzte Heimfahrt aus der Stadt gegen 22 Uhr vorsah.

Irgendwo habe ich mal gehört, die Idee des Campus entstamme dem Ende der 1960er Jahre, die Universitäten wurden aufs Land ausgesiedelt, um dem politisch hitzigen Klima der Innenstädte entzogen zu werden. In irgendeinem Gebäude in Luminy fand sich ein Modell der damals geplanten Bauvorhaben. Glücklicherweise war nur ein kleiner Teil davon verwirklicht worden. Das Fußballstadion auf dem Modell suchte ich draußen vergebens. Aber auch so war mächtig hingeklotzt worden dort draußen auf dem kargen Gestein. Neben den Universitätsgebäuden hatten sich eine ganze Menge Unternehmen aus der Pharma- und Biotechbranche ein Plätzchen in der Nähe des Fachkräftenachwuchses gesichert. Die Gebäude standen hingewürfelt in der Landschaft herum, keines war einzigartig, Stahlbeton mit eingefüllten Fensterfronten wiederholte sich ständig. Die Forschung hatte allerdings weniger Fenster als die Verwaltung. Die in rechten Winkeln zwischen den Bauten angelegten Wege hatten alle diagonal führende Abkürzungstrampelpfade.

Meine Kommilitonen suchten sich eine Bleibe in der Stadt. Zimmer in Studenten-WGs wurden an den schwarzen Brettern ständig angeboten. Aber das innerstädtische Leben mit frischen Croissants vom Bäcker im Parterre und der Milchkaffee aus der Bar von schräg gegenüber interessierten mich damals nicht.

[uh]

pommai 2008