grenoble 2004

grenoble, 2004

Nur Litauen erzeugt mehr Strom aus Kernenergie als die Franzosen. An einem Standort sind gleich mehrere Reaktoren versammelt. In Grenznähe zu den Nachbarländern haben sich die umliegenden Gemeinden länderübergreifend zu Interessensgemeinschaften zusammengeschlossen die gemeinsam versuchen, die teils sehr alten Reaktoren zu schließen. Eine Sisyphusarbeit: der französische Staatskonzern EdF rückt erst nach Gerichtsverhandlungen und dann auch nur scheibchenweise mit Informationen raus.

An der Oberfläche versucht französische Technologie nichts zu verstecken. Ein Train à Grande Vitesse (TGV) sieht auch aus wie ein Schnellzug. Während in Deutschland Industriedesign auf die Konsensgesellschaft setzt und alles nach Gutmenschendesign aussieht – die stetige „Verappleung” der Gesellschaft – grinst in Frankreich das Design noch frech benutzerverachtend. Unvergessen die Bilder aus dem Cockpit des TGV bei seiner Rekordfahrt von über 570 km/h auf der Schiene. Die Lokführer grinsten so schön naiv jungenhaft und spitzbübisch, als sie mit ihrem extra hochgetunten Zug über die Strecke rasten. Eine Kamera auf einer Brücke konnte gerade noch so schnell schwenken, dass sie den dahinrasenden Zug überhaupt einfangen konnte.

In Marseille fand ich in einem Berg von Papierabfällen einen ganzen Schwung der französischen Gendarmeriezeitschrift. In der Mitte eines jeden Heftes gab es ein Poster. Frankreich in den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Autobahngendarmerie fuhr Renault Alpine – einen der letzten Sportwagen, den die Franzosen noch bauten. Über dem modernen Polizeigebäude schwebte ein Alouette Hubschrauber, leicht zu erkennen an seiner gerüstartigen Heckkonstruktion. Andere Poster in der Zeitschrift zeigten Fotos, geschossen von ambitionierten Polizei-Hobbyfotografen: Stecknadeln als Makroaufnahmen, Palmen in den Überseegebieten – dort war die Gendarmerie in kurzen Hosen im Einsatz.

In Grenoble fühlte ich mich in das Frankreich der 1970er versetzt: schnurgerade Straße ins Nichts, karger, steppenartiger Bewuchs, eine „Location Video” an der Ausfallstraße, sonntags geschlossen. Filmplakatwerbung , schräg über dem Geschäft, fast wie an einem richtigen Kino. Die Fenster mit kleinen Filmstills zugeklebt. Alle Rollläden sind geschlossen, ein einzelnes Auto fährt auf der Straße, ein gesichtsloser Kombi parkt schräg vor der Tür. Freundliche Parkbuchten zum sofortigen Einparken ohne lästiges Lenkradgekurbel. Tabak- und Presseschild am Strommasten montiert, ein paar Tannenzweige spiegeln sich im Fenster…

[uh]

pomapril 2008