monaco 1999

monaco, 1994

Monaco, der erstaunlichste Kleinstaat der Welt! 1994 war ich am Wochenende des Formel I Rennens in der Stadt. Monaco ist extrem dicht bebaut. Ständig wird versucht die kleine Landesfläche von nur zwei Quadratkilometern zu erweitern. Neue Stadtteile werden ins Meer hinaus gebaut, der Bahnhof wurde unter die Erde verlegt: die freigewordene Fläche wird gerade mit Hochhäusern zugebaut. Ein gigantischer beweglicher Schiffanleger sollte Kreuzfahrtschiffe anlocken, erwies sich aber als Flop: „So präsentiert sich der Anleger heute als monströser, weitgehend ungenutzter und somit unrentabler grauer Betonklotz, der den alten Hafen und den Schlossfelsen ästhetisch entstellt und ein tiefes Loch in die Staatskasse gerissen hat. Offiziell wird der Anleger gegenüber der Öffentlichkeit allerdings als ökonomischer Erfolg dargestellt.” (aus: wikipedia.de)

Überhaupt ist die Profitgier an jeder Ecke des neu gewonnenen Landes abzulesen. Die neuen Stadtteile wirken entsprechend artifiziell. Höhepunkte sind Gewerbeansiedlungen wie etwa die der Kosmetikfirma Lancaster (im neuen Stadtteil Fontvielle), ein unwirklicher Blick auf die moderne Arbeitswelt, in dem ansonsten so mondän und etwas vergessen wirkenden Stadtstaat. Grünflächen sind dagegen absoluter Luxus und entsprechend klein. Der viel gerühmte Rosengarten zu Ehren von Grace Kelly ist eher mickrig und erinnert an Vorstadtidyllen. „Wir waren auch im Princess Grace Rosengarten, Eintritt frei, ein Park eben mit vielen Rosen.” (zitiert nach: esposa1969 auf ciao.reisen.de). Zoo und Aquarium haben den Charme einer Baumarktabteilung. Die Kiefernholzpaneele im ozeanografischen Museum (war Urgroßvater Fürst Albert I. nicht Anhänger des „wissenschaftlichen Walfangs”?) erinnern an Taubenzüchtervereinsheime im Ruhrpott. Die Hauptsehenswürdigkeiten sind an einem Nachmittag abgegrast.

Das internationale Zirkusfestival scheint auch aus einer längst vergangen Zeit zu stammen: ist ja auch irre schwer einen Fuß in die Tür der Hochkultur zu bekommen. (83% der Weltbevölkerung lehnen Clowns mittlerweile ab, verbinden irgendwelche Kindheitstraumata mit ihnen. Clowndarsteller sind entweder hoffnungslos fundamentalistisch, also tatsächlich todtraurig und total deprimiert, oder halten den schauspielerischen Aufwand schon mit der Schminkerei für erledigt.)

Die Rolls Royce in Monaco sind auch nicht mehr die Neuesten, kein Wunder bei einem gefühlten Straßennetz von fünf Kilometern Länge und dem milden, mediterranen Klima; Verschleiß und Rostfraß werden nicht gerade gefördert. So halten die Karossen ewig und deren Insassen sehen auch irgendwie unverwüstlich aus.

Der AS Monaco spielt mittelmäßig Fußball und Fürst Albert II. hat eine unerklärliche Leidenschaft für den Bobsport. Überhaupt erscheint die ganze Grimaldi Familie nicht mehr ganz so frisch, lebt im Bauwagen, singt schlechte Popchansons, stirbt in Rennbooten (vielleicht nicht ganz so tragisch), bei Autounfällen (sicher extrem tragisch), prügelt sich mit Fotografen, oder macht Entziehungskuren. Fürst Rainier liegt in Sachen Publicity uneinholbar vorn, hat doch die Ehe mit G. Kelly die größtmögliche Publicity für seinen Zwergstaat gebracht. (Grace Kelly wusste immer was sie wollte, sprach mit niemanden darüber und bekam was sie sich wünschte: So habe ich es jedenfalls in einer kürzlich im Fernsehen ausgestrahlten Dokumentation über sie gelernt.)

Klar, Zwergstaaten haben einen schweren Stand: In Andorra verkauft die eine Hälfte der Geschäfte Pastis und Knoblauch, die andere Hälfte versucht es mit Knoblauch und Pastis. Liechtenstein hat Firmen in Briefkästen, eine anziehend liberale Steuergesetzgebung und eine Hauptstadt namens Vaduz. Nur der Vatikanstaat unterliegt als Schutzmarke für Glaubensfragen nicht dem Zwang seine Daseinsberechtigung ständig neu, mit Sinn oder Unsinn aufzufüllen – hat dafür aber kein Formel I-Rennen.

Das Rennen durch die engen Straßen des Mittelmeerstädtchens ist eine wunderbar absurde Vorstellung. Infernaler Lärm, der mir die Tränen in die Augen trieb. Dort wo die Rennwagen durch einen Tunnel fahren, wird der Lärm zur handfesten Körperverletzung. Vor und nach dem Rennen quälen sich die Menschenmassen durch die Stadt, während des Rennens sind die Nebenstraßen wie ausgestorben. Fast alle Plätze auf denen man „für lau” einen Blick auf die Rennstrecke erhalte könnte, sind durch temporäre Metallwände verstellt, um kostenbewusste Motorsportfans abzuschrecken – solch Fußvolk bringt ja auch keinen Umsatz in der Gastronomie. Leute mit Appartements in einen der vielen Hochhäuser haben dafür plötzlich sehr viele Freunde – schließlich hat man von den Balkonen eine tolle Sicht auf das Renngeschehen. Die Restaurants an der Strecke machen in „Formule I-Menus”–12 € fürs Essen, 286 € für den unverstellten Blick auf die Rennstrecke – und sichern sich so die Hälfte des Jahresumsatzes.

Den Bus vom Roten Kreuz (Ortsgruppe Erlangen) fand ich während des Rennens akkurat an den Rand geparkt in einem Wohngebiet. Ich weiß nicht, ob es eine offizielle Abordnung zur Streckensicherung war: „Auf Großveranstaltungen trifft man unsere ehrenamtlichen Helfer als unermüdliche Partner für den Fall der Fälle” (Zitat: Webseite Deutsches Rotes Kreuz). Oder ob der Bus fürs Wochenende privat ausgeliehen war. „Chef, können wir mal kurz….?”

[uh]

pomfebruar 2008