ulrich heinke http://erich.linkheu.de erich linkheus fotos Sat, 31 Aug 2013 11:53:02 +0000 en-US hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.6 2013 norwegen http://erich.linkheu.de/?p=737 http://erich.linkheu.de/?p=737#comments Sat, 31 Aug 2013 11:52:26 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=737 06-stavanger-norway

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2012 franken http://erich.linkheu.de/?p=730 http://erich.linkheu.de/?p=730#comments Sat, 31 Aug 2013 11:43:23 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=730 09-nuernberg-germany

nürnberg germany

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2012 schweiz http://erich.linkheu.de/?p=724 http://erich.linkheu.de/?p=724#comments Thu, 29 Aug 2013 08:34:11 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=724 07-bern-swizerland

bern switzerland

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2011 italien http://erich.linkheu.de/?p=694 http://erich.linkheu.de/?p=694#comments Tue, 23 Aug 2011 17:46:08 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=694 cagliari, italy

cagliari, italy

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august 2010 http://erich.linkheu.de/?p=685 http://erich.linkheu.de/?p=685#comments Fri, 22 Oct 2010 16:37:49 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=685 marseille, 1994

Marseille 1994

Am Küchentisch sprachen meine älteren Geschwister ständig über den „Tod aus dem Kaufhaus“. Diese Formulierung brachten sie in jedem passenden oder unpassenden Zusammenhang. Sie hatten ihr Mantra in der Zeitschrift der Stiftung Warentest aufgeschnappt – Schlauchboote waren getestet und eklatante Mängel festgestellt worden. Die Stiftung bestand damals erst wenige Jahre und manche Testergebnisse waren so spektakulär „mangelhaft“, dass die Tagespresse die Themen aufgriff – diese Art des Verbraucherschutzes war damals etwas völlig Neues. Ich kann mich sogar noch an den Test erinnern: Es ging um Schlauchboote mit Außenbordmotor, brachial motorisiert hatten sie das Potenzial zum spektakulären Unfall.

Als mein großer Bruder dann wenig später mit mir in unserem eigenen Schlauchboot (mit Paddeln, aber ohne Motor) auf der Fulda „in See stach“, war der Ärger natürlich vorprogrammiert. Ich konnte als Fünfjähriger kaum über den Bootsrand hinaus gucken, sah aber interessiert ans Ufer, denn dort liefen meine Eltern entlang: wild gestikulierend und rufend. Ich glaube, meine Eltern hielten die Wasserstrudel an der nahen Eisenbahnbrücke, deren Pfeiler mitten im Fluss standen, für gefährlich. Meinen Bruder gelang es aber, das Schlauchboot vor der Brücke ans Ufer zu lenken, dort wurde er dann von meinem Vater aufs herzlichste in Empfang genommen.

Ich erinnere mich noch an ein weiteres solches Erlebnis mit meinen Eltern. Auf Mallorca schwamm ich einmal ziemlich weit eine langgezogene Bucht hinaus, und hatte dann am Ende der Bucht, kurz vor dem offenen Meer, Gelegenheit an Land zu klettern. Beim Zurücklaufen am felsigen Ufer entlang sah ich auf der anderen Seite der Bucht meine Mutter nach mir suchen, die mich immer noch im Wasser, oder Schlimmeres, vermutete. Ich machte dann bald mit Rufen auf mich aufmerksam, was mir sicher etwas peinlich war. Vermisst und dann gesucht zu werden, brachte mir kurz das Gefühl, nicht auf dem Planeten zu verweilen – als viel zu kurz empfand ich es hinterher.

Bei einem Frankreichurlaub mit meiner Familie tankte mein Vater immer bei den „Fina“- Tankstellen. Für eine bestimmte Menge Benzin gab es Sammelmarken, die man in ein Heft einkleben konnte. War ein Heft voll, konnte man sich eine Prämie aussuchen. Da mein Vater einen spritfressenden Ford mit V6 Motor fuhr, füllte sich das Heft entsprechend schnell. In einem kurzen Entscheidungsfindungsprozess, maßgeblich beeinflusst von meinen großen Geschwistern, wählte ich für mich ein kleines Schlauchboot aus. Das Boot war in den Farben des Fina-Konzerns gehalten, den französischen Nationalfarben entsprechend Rot-Weiß-Blau. (Das Unternehmen Petrofina war zwar ursprünglich belgisch, fusionierte aber 1999 mit dem französischen Konkurrenten Total zu Totalfina, nur um wenig später mit ElfAquitaine zu TotalElfFina zu werden, seit 2003 wieder Total.)

Ganz vorne auf dem Boot stand „Fina-Mix“. Der Clou war jedoch die aufgedruckten Instrumente: ein Geschwindigkeitsmesser und noch anderes technisches Zeug, das ich nicht kannte. Obwohl sich natürlich kein einziger Zeiger der „Instrumente“ bewegte, starrte ich doch immer ganz fasziniert darauf. Es waren auch einige Warnhinweise aufgedruckt, denn das Boot war nur knapp einen Meter lang und taugte gewiss nicht zum Hochseeangeln. Eigentlich bot sich für einen Einsatz nur der Nichtschwimmerbereich eines bewachten, öffentlichen Schwimmbads an. Trotzdem verbrachte ich damit einige Zeit im Salzwasser, um mich bei höheren Wellen mehr oder weniger kontrolliert zum Kentern zu bringen. Der Einsatz außerhalb der eigentlichen Bestimmung zeigte dann schnell Spuren: der Boden des Bootes, nur eine dünne Folie, war schnell ausgetreten und das Boot tauchte fortan nur noch als Schwimmreifen im heimischen Freibad.

pomAugust 2010

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2010 juli http://erich.linkheu.de/?p=680 http://erich.linkheu.de/?p=680#comments Thu, 01 Jul 2010 13:49:31 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=680 barcelona, 1991

barcelona 1991

Eine Zeit lang habe ich immer gleich einen neuen Schlauch für mein Fahrrad gekauft. Ich dachte, flicken macht eh keinen Sinn. Schließlich sind die Misserfolge vorprogrammiert: das Loch ist zu groß zum Flicken, das Loch ist zu nahe am Ventil, der Flicken hält nicht oder der „unbekannte spitze Gegenstand“ steckt weiterhin im Fahrradreifen und sorgt bald für das nächste Loch. (Gut, beim letzterem Problem hilft auch der neue Schlauch nur wenig.)

Seit einiger Zeit bin ich aber wieder mit einem „Fahrradreparaturset“ ausgerüstet. Eine kleine grüne Box im Rallyestreifendesign mit einem Fitzelchen Schmirgelpapier drinnen. (… um nur die Highlights zu nennen! Selbstverständlich befinden sich auch ein paar Flicken und eine kleine Tube wohlriechender Klebstoff darin.) Beim Flicken des Schlauchs geht man den Dingen so ziemlich auf dem Grund, finde ich. Es kommt ja nicht mehr so oft vor, dass man etwas aufschraubt, um mal hineinzugucken. Eben auf der Suche nach einer offensichtlichen Lappalie, die man gerade noch selbst beheben kann. Auch dem Fahrradhändler ist es mittlerweile verwehrt eine Nabenschaltung zu reparieren – das Teil muss an den Hersteller eingeschickt werden, Ersatzteile sind nicht erhältlich. Eine Welt aus Fertigteilen voller unbekannter „Black Boxes“.

Zurück zu meinem Fahrrad: den Reifen demontiert, dann den Mantel (oder wie der Fahrradhändler sagt: die Decke) von der Felge gezogen. Zumeist mit einem ungeeigneten Schraubendreher, denn der steht im Verdacht weitere Löcher hinein zu reißen. Den Schlauch zur Anamnese kurz aufgepumpt, wenn einem dann nicht schon die „Gummiluft“ aus dem Loch entgegenströmt, den Schlauch kurz ins gefüllte Waschbecken halten, irgendwo steigen dann tatsächlich ein paar Bläschen aus dem Wasser auf.

Das Flicken des Gummis soll ja etwas mit „Vulkanisieren“ zu tun haben. Ich finde, dass klingt so toll nach Hochofen, nach guter alter Schwerindustrie: „Still mal alle hier! Volle Konzentration, ich vulkanisiere gerade etwas!“ Vielleicht muss man deshalb vor dem Kleben des Flickens den Schlauch aufrauen, der Kleber vulkanisiert dann den Flicken mit dem Reifen aufs Unzertrennlichste zusammen.
Die Vulkanisierung wurde übrigens von Herrn Goodyear 1839 erfunden. Ein Verfahren „bei dem Kautschuk unter Einfluss von Zeit, Temperatur und Druck gegen atmosphärische und chemische Einflüsse sowie gegen mechanische Beanspruchung widerstandsfähig gemacht wird.“ (wikipedia.de) Man baut ein paar „Schwefelbrücken“ und macht so das Gummi geschmeidig. Porös und brüchig wird es dann im Laufe der Zeit, wenn Sauerstoff die Schwefelbrücken ersetzt.

Im Internet ist die verzweifelte Suche einer Firma dokumentiert, die Kranreifen vulkanisieren lassen möchte. Nicht zu finden – wahrscheinlich ein Größenproblem. Die Atmosphäre in einer Vulkanisieranstalt? Ich muss raten: so wie in der Galvanisierungsanstalt? Den Handwerksbetrieb als Anstalt zu bezeichnen ist schon furchteinflößend genug: „Na, dann zeigen Sie mal her was Sie da haben? Ne, Kranreifen machen wir nicht, wird zu selten nachgefragt!“ Der inhärente Wissensvorsprung des ausgebildeten Personals und der Laie vor dem Tresen. „Also reicht Ihnen das zu nächster Woche Freitag? Vorher geht’s eh nicht!“

pomJuli 2010

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2010 schottland http://erich.linkheu.de/?p=667 http://erich.linkheu.de/?p=667#comments Sun, 13 Jun 2010 11:04:10 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=667 aberdeen, scotland

aberdeen

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juni 2010 http://erich.linkheu.de/?p=676 http://erich.linkheu.de/?p=676#comments Sat, 05 Jun 2010 15:02:41 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=676 berlin, 1989

berlin 1989

Die Unterbrechung der Kühlkette macht mich nervös. Kaufe ich eine Packung Speiseeis im Supermarkt, ziehe ich immer die aktuelle Außentemperatur in meine Kaufentscheidung mit ein. Ich bin eigentlich erst mit mir im Reinen, wenn auch draußen mindestens -18° herrschen und ich die Packung auf dem Nachhauseweg mit den Füßen vor mir her kicken kann. Als Alternative wäre noch eine Autofahrt mit geöffneten Fenstern vorstellbar. Fern liegt mir der Gedanke, dass das Eis bei -18° in der Truhe liegt und damit von seiner optimalen Verzehrtemperatur noch ein ganzes Stück weit entfernt ist. Ich bin eigentlich der Kandidat für eine dieser schmucken silberfarbenen isolierenden Kühltüten, die man sich im Supermarkt dazukaufen kann. Meist ist eine stilisierte Schneeflocke auf der Tragetasche abgebildet. Das halte ich für eine plausible Botschaft – das chemische Zeichen für Stickstoff („N“) würde mich allerdings noch mehr überzeugen.

Vorausschauendes Handeln (hier: der Tütenkauf) finde ich aber immer sehr ernüchternd und daher unattraktiv. Ich würde z.B. auch nie die Windschutzscheibe meines Autos über Nacht mit einer silberfarbenen Folie bedecken, nur damit ich am Morgen kein Eis kratzen muss. Erlebnisreicher ist es, die Scheibe nur oberflächlich vom Eis zu befreien und auf die langsam einsetzende Wirkung des Warmluftgebläses zu warten. Ich fahre also schon los, lege den Kopf zur Seite und schaue durch den schmalen Streifen, den die warme Luft zuerst im unteren Drittel der Windschutzscheibe freigelegt hat. Schön zu sehen, wie sich die heiße Luft in Form einer kurzen Schwingungskurve nach oben arbeitet. Der angetaute Rauhreif lässt sich später mechanisch mit den Wischern von der Scheibe kratzen.

Mein Unbehagen gegenüber unterbrochenen Kühlketten ist letztlich nicht rational begründbar. Tiefkühlkost ist gar nicht das kritische Material, dem man Aufmerksamkeit widmen sollte, sondern es sind die nur leicht gekühlten Dinge, wie z.B. Hackfleisch. Tatsächlich kann man frisch gekauftes Hack am besten zwischen 3-4 Packungen Tiefkühlgemüse in einer Thermotüte nach Hause bringen. Die deutsche Hackfleischverordnung schreibt übrigens vor, dass durchgedrehtes Hack nur zwei Stunden lang in der gekühlten Verkaufstheke bei max. 4° liegen darf, danach muss es entsorgt werden (um als Bulette wieder aufzuerstehen?)

Nehme ich zu Hause ein eiskaltes Bier aus dem Kühlschrank, denke ich sofort an den nun unweigerlich in Gang gesetzten Prozess der Erwärmung. Die bildliche Entsprechung dafür finde ich in der bekannten Steuerschuldenuhr des Bundes der Steuerzahler in Berlin. Links bewegt sich kaum eine Ziffer, aber je weiter man nach rechts schaut, desto schneller rasen die roten Zahlen, es endet in einem flimmernden Stakkato in dem längst keine einzelnen Zeichen mehr erkannt werden können – auch wenn man noch so sehr versucht mit den Augen dagegen zu blinzeln. Ich muss das Bier also sofort trinken. Unser Kühlschrank sieht übrigens in seiner Getränkezone eine Temperatur von 7° (!) vor. Bin ich denn ein Bierbrauer, der sein Bier bevorzugt bei Raumtemperatur trinkt? Jeder weiß doch, dass zumindest ein amerikanisches Bier bei 0° getrunken werden muss. Also liegen die Biere zu Hause immer im Gemüsefach, dort sollen angeblich die halbwegs kalten 0° herrschen. Trotzdem trinke ich mein gerade noch kaltes Bier immer mit den rasenden Zahlen der Steuerzahleruhr vor Augen.

Nochmal die Kühlkette: Irgendwie vermute ich da mafiöse Strukturen, schließlich darf die Kette nicht unterbrochen werden und in nicht wenigen Industriegebieten hört man nachts das Brummen der Kühlaggregate auf den LKWs. Eine Tiefkühlmenü-Firma musste vor einigen Jahren ihr Quartier in Kreuzberg räumen, da sich Anwohner über den nächtlichen Lärm der Kühlanlagen beschwerten. Die Kühlung ist etwas für die Außenbezirke. Das Brummen im Stillstand hat etwas. Es macht das Kühlfahrzeug zu einer Art lauerndem Wesen.

Dann gibt es diese Tiefkühlfirmen wie Eismann oder Bofrost. Sie suchen permanent nach selbstständigen Fahrern, die die überteuerten Kühlwaren an den Endverbraucher bringen. Auf dem Heck der Eismann Fahrzeuge prangt eine Dauerwerbung: Kollege gesucht. Wahrscheinlicher ist aber, dass man statt Kollege eher ein Einzelkämpferschicksal führt, mit einer fahrbaren Kühltruhe und einer Menge Schulden im Rücken und mit einem hochglänzenden Verkaufskatalog mit wirklich gesalzenen Preisen. (Salz ist übrigens auch eine Form der Konservierung.)

Vor dauerhaft plakatierten Stellenanzeigen sei jedenfalls gewarnt. Damals auf dem Schützenfest in unserem Dorf klemmte immer ein Pappschild im Kassenhäuschen vom Autoskooter. Dort stand jedes Jahr wieder: „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“. Geschickt wurde im Text das Wort „Arbeit“ vermieden. Auch die Handschrift auf Pappe hatte so etwas befreit Improvisiertes und Spontanes. Aber als treuer Käufer von Autoskooterwertmünzen über die Jahre, („1 für 2 DM, 3 für 5 DM“) wusste ich es natürlich besser.
pomJuni 2010

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mai 2010 http://erich.linkheu.de/?p=663 http://erich.linkheu.de/?p=663#comments Sat, 01 May 2010 10:34:45 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=663 lausanne, 2002

lausanne, schweiz 2002

Keine Frage – bei uns im Restaurant kriegt man kaum mal einen Glückskeks. Glückskekse gibt es im 10er-Karton im Asia-Markt oder manchmal beim Discounter zu kaufen – als pfiffigen Gag fürs Asia-Dinner mit den besten Freundinnen. So wie man es in der Frauenzeitschrift gelesen hat, aber das Essen bitte nicht zu scharf.

Der Glückskeks kennt keine negative Voraussage, die Frage ist, ob er überhaupt voraussagt. Eigentlich begnügt er sich mit profanen Sprüchen, die Gutwillige für asiatische Weisheiten halten könnten. Der wichtigste Glückskeksspruch steht sowieso auf der Verpackung: „Bitte entnehmen Sie den Papierstreifen vor dem Verzehr.“

Japanische oder chinesische Einwanderer erfanden den Glückskeks Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA, in Asien sind Glückskekse dagegen bis heute fast unbekannt. Aber natürlich gibt es eine historische Herleitung: Chinesische Rebellen hätten im 13. und 14. Jahrhundert Nachrichten in sogenannte Mondkuchen eingebacken und so ihre Aktionen koordiniert, die Mongolen in die Flucht geschlagen und die Ming-Dynastie begründet. Aber die Geschichte von eingebackenem Allerlei gibt es in jeder Kultur. Ein Standardwitz ist die im Kuchen versteckte Feile, mit der man die Gitterstäbe seiner Gefängniszelle durchtrennt und alsdann in die Freiheit schreitet.

Die Heimat des Glückskeks liegt in den China-Restaurants Nordamerikas, wo er millionenfach konsumiert wird. So haben sich viele Rituale im Umgang mit dem Glückskeks ergeben: zuerst lesen, dann essen? Erst essen, dann lesen? Kekse mit negativen Voraussagen (ja, gibt es die überhaupt?) bloß nicht essen! Kekse mit dem Nachbarn tauschen. Immer den Cookie nehmen, der auf mich zeigt. Dem Cookie-Spruch die Endung „im Bett“ anfügen …

Es gibt verschiedene Inhalte und Sprüche auf Glückskeksen: die Lottozahlen für die nächsten Ziehung, dreistellige „Glückszahlen“, Übersetzungen ins Chinesische, teils satirisch: „You smell = you stin ki pu.“ Gegen Prophezeihungen wie: „Sie werden zu Geld kommen!“ hat wohl keiner etwas, und: „Wende Dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter Dich!“ gefällt dem Fotografen in mir.

Der größte Hersteller von Glückskeksen in den USA ist Wonton Food in Brooklyn, New York City. Möchte man mehr als 10.000 Cookies, solle man anrufen, darunter gilt eine feste Preisstaffel: Minimum 100 Stück, 40 Cent pro Cookie. Natürlich können die Cookies personalisiert werden, sortiert oder unsortiert verschickt werden. „Fun Fun 3 Fortune Cookies“ versammeln die 3 Geschmacksrichtungen Vanille, Schokolade und Zitrone in einem Cookie…

Vielleicht wurden die Fortune-Cookies aber auch das erste Mal in einem japanischen Teehaus in San Francisco serviert, um den Gästen etwas mitzugeben, damit sie sich an das Teehaus erinnern. Ein Urenkel des damaligen Erfinders Makato Hagiwara betreibt eine Webseite mit der „True Story“ über den Glückskeks. Allerdings ist die chinesische Variante der Geschichte ähnlich, und zum Sushi wird heutzutage zu selten ein Keks serviert, als das man ihn „japanese fortune cookie“ nennen könnte.

pomMai 2010

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april 2010 http://erich.linkheu.de/?p=650 http://erich.linkheu.de/?p=650#comments Thu, 01 Apr 2010 08:59:21 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=650 berlin, 1993

Berlin 1993

Damals bin ich mindestens einmal täglich am Bahnhof Zoo gewesen. Ich kam mit der U-Bahnlinie 9, an der Rolltreppe und den Treppenaufgängen stauten sich die Leute. Oben stand man dann auf dem Hardenbergplatz. Zur 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin befand sich dort ein merkwürdiges Ensemble von grau marmorierten BVG-Buden, in denen man Fahrkarten erwerben konnte. Eine recht prosaische Funktion für einen Platz, an dessen anderem Ende sich immerhin der Eingang des Berliner Zoos versteckte.

Der Bahnhof Zoo hat heute an Bedeutung verloren. Fernzüge passieren die Station ohne Halt, die Berlinale ist längst an den Potsdamer Platz gezogen, windige Investoren versprachen ein Riesenrad am Zoo, prellten aber die Anleger um Millionen, und für die darbenden Warenhäuser am Tauentzien werden dringend Geldgeber gesucht – dabei war die Gegend einst das Aushängeschild des schillernden West-Berlins.

Die hübscheste Ikone dieser Zeit verschwand ziemlich unbeobachtet im letzten Jahr. Es war der beleuchtete Reklamekasten des Chinarestaurants „Tai-Tung”. Der auffällige Leuchtkasten auf Straßenniveau war nötig, denn das „Tai Tung” lag im ersten Stock des „Bikini”-Hochhauses an der Budapester Straße und konnte so von Passanten leicht übersehen werden. Auf einem Foto strahlte uns dort der Schauspieler Harald Juhnke entgegen. Vor ihm eine ganze Ente „kross”, die Juhnke hoffentlich nicht mit den Stäbchen, die er in der Hand hielt, verzehren wollte. Juhnkes Gesicht glänzte ebenso fett wie die knusprige Haut der Ente. Juhnke sah lässig aus: weißes Hemd mit abgerundeten Kragenecken, einfach gebundene dunkle Strickkrawatte und ein hellgelber Pullunder mit tiefem V-Ausschnitt, so wie ihn auch Genscher immer trug. Juhnke war alkoholkrank, seine Abstürze gingen regelmäßig durch die Presse, später im Alter litt er an Demenz. Ich kam ziemlich oft an dem Plakat mit Juhnke vorbei. Er veränderte sich nie auf diesem Foto, blieb immer schön derselbe, wenn doch seine eigene Welt stets zusammenbrach. Auch seinem Tod im Jahr 2005 blieb die Reklame noch hängen, verschwand auch nach der Schließung des Lokals nicht sofort, sondern schien die Zeit zu überdauern. Wie wurde Juhnke zur Reklamefigur eines China-Restaurants?

„Juhnke hatte sich 1971 in dritter Ehe mit der Tochter des Restaurantgründers, Susanne Hsiao, vermählt. (…) Der Vorgänger des Restaurants mit gleichem Namen war noch 1944 in der Meinekestraße von Martin Liu gegründet worden. Nach dem Krieg (1957) eröffnete Yunlai Hsiao, später Juhnkes Schwiegervater und wie Liu ebenfalls Akademiker, das Tai-Tung in diesem neu errichteten Gebäude zwischen Zoologischem Garten und Breitscheidplatz. Durch die gehobene Küche und das gediegene Ambiente lockte es vor allem in den 1960er Jahren Prominente wie Hildegard Knef und den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt an.”
(aus: Monika Thiemen und Dagmar Yu-Dembski „China in Charlottenburg”, Kiezspaziergang, 2007, Webseite des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf)

Auf der Webseite des „Tai Tung” heißt es, dass das Lokal seit dem 15.1.2009 wegen Gebäudesanierung geschlossen ist. Die Wiedereröffnung ist äußerst ungewiss.
In Deutschland servierte man jahrelang eine sehr angepasste Chinaküche, nicht zu scharf und mit viel brauner Soße. Der Unterschied zum deutschen Essen bestand zum Großteil nur darin, dass alles schon kleingeschnitten auf dem Teller lag und bequem mit der Gabel in den Mund geschoben werden konnte. Mit Stäbchen kam der Deutsche nicht zurecht, und den Reis in der Schale fand man zu trocken und ließ ihn kalt werden. Der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder bringt es auf den Punkt: „Das China-Lokal ist der letzte Hort der bürgerlichen (deutschen) Küche, nur mit Folklore verpackt.” Eine völlige Neuinterpretation asiatischen Essens also. Der chinesische Künstler Ai Weiwei erinnert sich an einen Restaurantbesuch in Kassel: „Es schmeckte wie aus dem Weltall”.

Natürlich sind die China-Restaurants auch eine anrührende Einwanderergeschichte. Manche Läden in Berlin hatten Tradition, die Restaurants der ersten Stunde sind aber meist verschwunden, zugunsten von Sushi oder Erlebnisgastronomie mit angeklebten Pagoden und Koikarpfenteich. Die ersten Restaurants mit chinesischer Küche eröffneten in den 1930er Jahren rund um die Kantstraße. Nach dem Krieg waren es vor allem Akademiker, die nach ihrem Studium in Deutschland blieben und mangels beruflicher Perspektive zu Gastwirten wurden. Die chinesische Küche musste freilich den westeuropäischen Geschmäckern angepasst werden.

Gegenüber dem „Tai Tung” lag übrigens das „Lingnan”. Die Inneneinrichtung stammte vom Scharoun Schüler Chen Kuen-Lee, der auch Hochhäuser für das Märkische Viertel entwarf. Im „Lingnan” wurde das „aspekte” Kulturmagazin zur Berlinale produziert. Das ZDF mietete das Lokal zu dieser Zeit komplett, und man hatte in den Gesprächsrunden einen tollen Blick auf den Zoopalast. Das Schimmelpfenghaus mit dem markanten Riegel über die Kantstraße hinweg – dort lag das „Lignan” im ersten Stock – wurde vor kurzen abgerissen. Gerade wird dort ein neues Hochhaus errichtet, das „Zoofenster”, unter anderem mit einer Filiale des New Yorker „Waldorf Astoria” Hotels, einer Marke des Hilton Konzerns.

pomApril 2010

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märz 2010 http://erich.linkheu.de/?p=640 http://erich.linkheu.de/?p=640#comments Fri, 05 Mar 2010 12:10:57 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=640 villa opicina, 1999

villa opicina, 1999

Am 10. Juni 2007 lief in den USA die letzte Folge der amerikanischen Mafia-Serie „The Sopranos“ über die Bildschirme. Ich habe mich jetzt bis zur letzten Staffel durchgearbeitet, zögere aber, mir die letzten Folgen anzusehen. Schließlich birgt es ja ein gewisses Risiko, eine Fernsehserie bis zum Ende durchzuhalten. Man verlässt eine Welt, in der man auch selbst ein Stück heimisch geworden ist.

Und dann erzählte mir auch noch jemand von einem „sehr unbefriedigenden Ende“ der Serie. Dieser Bekannte, ein ausgewiesener TV-Serienkenner, interessiert sich nun nicht sonderlich für die Sopranos. „Eine Fernsehserie für Leute, die Fernsehen eigentlich nicht mögen.“ Glaubt man den Theoretikern der Pop-Kultur, so liegen TV-Serien, was die gesellschaftliche Relevanz betrifft, ganz weit vorne, als die Spiegelbilder unserer (Alltags-)Kultur. Da scheint auch etwas dran zu sein, sind doch fast alle großen Kino-Erfolge der letzten Jahre Fantasy- oder Science-Fiction(Katastrophen)-Filme gewesen, während sich die TV-Serien dem wahren amerikanischen Leben widmen.

Also, am Ende der letzten Soprano-Staffel werde ich 86-mal den Vorspann gesehen haben. Tony Soprano, das Familienoberhaupt, fährt mit seinem Jeep von New Jork raus nach New Jersey. Der Vorspann besteht aus 60 einzelnen Einstellungen, die rasant hinter einander geschnitten sind. Alles scheint sich in dieselbe Richtung zu bewegen. Nur ein paar Takes sind gegenläufig geschnitten, einmal fährt so die Kamera an einem schmalen Haus mit der Aufschrift „Pizzaland“ vorbei.

Dieses „Pizzaland“ existiert tatsächlich. Und es hat so seine Probleme mit seiner plötzlichen Popularität. Fast trotzig wird auf der Webseite darauf hingewiesen, dass es die Serie erst seit 1999, das Pizzaland jedoch schon seit 1965 gebe. Seine Entstehung ist die typische Einwanderergeschichte: der italienische Arbeiter Fred DiPiazza träumt vom eigenen Business, gewinnt ein Grundstück beim Kartenspiel (!) und stellt dort diese Pizzabude drauf. Als Alleinstellungsmerkmal gilt fortan ein original sizilianisches Familienrezept, welches über Generationen hinweg auf dem Sterbebett weiter gegeben wird. Der Gründer verstarb 1991, sein handgefertigtes Eingangsschild hängt immer noch über der Tür. Es gibt also schon eine Geschichte vor den Sopranos.

Die Webseite wirkt erfrischend selbstgebastelt, die Fotos der Pizzen scheinen mal eben mit dem Handy geknipst worden zu sein. Eine Ausweitung des Angebots erfolgte augenscheinlich nicht – Pizza rules o.k.! Ein weiteres Beispiel für die Bürde des Ruhms: eine Pizza „Tony Pepperoni“ oder „Carmela Mozzarella“ hat man sich verkniffen. Wenigstens hängt ein gerahmtes Bild der Hauptdarsteller der Serie im Lokal, versehen mit den originalen Unterschriften der Schauspieler, besonderer Wert aber wird auf das an der gegenüberliegenden Wand hängende Bild der Corleones gelegt – man fühlt sich eben niemanden verpflichtet bei Pizzaland. Ambivalent ist das Verhältnis dann doch: ruft man die Webseite auf, dudelt die ganze Zeit die Vorspannmusik der Sopranos (A3 – „Woke Up This Morning“), und ein paar Klicks weiter kann man sogar „Pizzaland“-T-Shirts bestellen, mit den Sopranos als Schattenriss. Das Geschäft hat sicherlich Aufschwung genommen, schließlich versendet man nun tiefgefrorene, vorgebackene Pizzen in „dry ice or gel packs“ landesweit, man solle nur bitte seine Adresse exakt angeben und bloß keine Postfachadresse nennen.

Auf meine Mail, ob die T-Shirts auch nach Übersee verschickt würden, bekam ich tatsächlich schon nach wenigen Stunden Antwort. Ein gewisser Todd meinte, dies sei kein Problem. Nach Deutschland für 20 $ Versandkosten, zwei Shirts könne ich auf diesem Wege bestellen. Ich war schier entgeistert von diesem Wirklichkeitseinbruch, die Sopranos bei mir zuhause! Also, ich überleg’s mir noch, mit den T-Shirts …

pomMärz 2010

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februar 2010 http://erich.linkheu.de/?p=632 http://erich.linkheu.de/?p=632#comments Sat, 06 Feb 2010 20:12:24 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=632 berlin, 1989

berlin 1989

Es gibt sie noch, die Orgel beim Eishockey! Alle vier Jahre vielleicht, zuletzt bei den olympischen Spielen, schaue ich mir ein Eishockeyspiel im Fernsehen an. Durchblicken tue ich aber so gut wie nichts, das Spiel ist zu schnell, der Puck viel zu klein. Und tatsächlich: zu Beginn gibt es diese Orgelmelodie! Die Tonleiter rauf und runter, erst langsam dann immer schneller. Der Musikeinsatz folgt einer gewissenhaften Dramaturgie. Dabei ist die klassische Orgelmelodie nur noch ein Teilchen des Ganzen. Oft wird Musik vom Band abgespielt. In jedem Eishockeystadion und für jede Mannschaft gibt es natürlich eine eigene Musikauswahl, nur eines scheint immer gleich zu sein: bei gegnerischen Toren wird nichts gespielt.

Ein traditionsreicher Hockeyverein (in Ländern wo vorzugsweise Eishockey gespielt wird, spricht man einfach von Hockey, die nordamerikanische Profiliga heißt auch nur kurz NHL „National Hockey League“) leistet sich natürlich einen eigenen Organisten. Für die Boston Bruins ist es Ron Poster. Auf seiner Webseite kann man sich den „Official Theme Song“ der Bruins anhören. Der Song heißt „Paris“, beginnt mit Orgel und Akkordeon. Dem Auftakt nach zu urteilen, soll man an die Stummfilmzeit erinnert werden: ein Filmschwenk über die Seine, ein Schiff fährt unter den Brücken hindurch, ein zerkratztes, ausgeblichenes Stück Film – dann jedoch kommt ein schneller Schlagzeugbeat hinzu, die Orgel wimmert plötzlich wie eine Gitarre und alles endet in einem ekligen Stakkato. Weggewischt ist die Assoziation vom Paris der Vorkriegszeit, eher denke ich an Bier in Plastikbechern, Zigarettenrauchschwaden und zugige Hallengänge – Absturz in die Realität in nur 30 Sekunden. Diese Stimmungsmusik, zu Hause am PC gehört, ist ein Höllenritt. Schließlich überfällt mich die zwanghaft gute Laune geradezu rücklings. Nun erst verstehe ich, warum der Typ von gegenüber immer die ganze Nachbarschaft mit seiner Stimmungsmusik beschallt! Allein gehört stürzt sie einen in Depressionen, da hilft nur das gemeinsame Erlebnis – auch wenn es erzwungen wirkt: hinwegprosten kann man sich den Zwang zur guten Laune nur im Kollektiv.

Also immerhin 75 % der Clubs im nordamerikanischen Hockey beschäftigen noch Organisten. Hervorzuheben ist der Live-Charakter der Musik: die Musiker können direkt auf Spielsituationen eingehen, sie fühlen sich als Teil des Teams. Der beste Platz für den Organisten ist hoch über dem Publikum, am besten auf der Spielfeldseite mit dem Tor, auf das die Heimmannschaft zwei Spieldrittel lang spielt. Die Koordination von Orgelmusik, Musik vom Band, Videoeinspielungen und Licht erfordert den Einsatz eines Regisseurs, der meist von der Pressetribüne herab agiert. Paul Cartier, von Beruf Fluglotse und nebenbei Organist für die „New York Islanders“ hat den Wandel mitbekommen: in den 1980er Jahren spielte er noch 15-20 Songs an einem Abend: „…that doesn’t happen anymore. It’s all recorded, no dead space allowed. Now I’ll play two or three songs, tops. The only time I get to play a full song is when someone gets injured.” ( aus „Devils’ Organist Remains Part of Arena’s Rhythm“, by Jeff Z. Klein, New York Times, 05.02.2010)

pomFebruar 2010

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januar 2010 http://erich.linkheu.de/?p=621 http://erich.linkheu.de/?p=621#comments Tue, 02 Feb 2010 19:06:45 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=621 antwerp

antwerpen, 2009

Unter den vielen nicht gedrehten Filmen fehlt mir unter anderen dieser hier: Eine französische Elektropopband tingelt Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch die Provinz. Auf der Bühne zwei introvertierte junge Männer, die sich hinter ihren Gerätschaften verstecken, im Vordergrund eine ziemlich exaltierte Sängerin.

Seriöse Filmkritik würde jetzt nicht die Liebesdreiecksgeschichte rausklauben sondern eher die Individuen sezieren: „…und auch Ryan wird sich darüber klar, dass in ihm ein ebenso unkalkulierbares wie unzerstörbares Restbedürfnis nach menschlicher Nähe und Zuwendung ruht.“ (aus Meilen und mehr, Anke Westphal, Berliner Zeitung vom 02.02.2010)

Die Band ist unterwegs zwischen Brest und Quimper durch die Bretagne. Regen peitscht gegen die Scheiben des Tourbusses. Die Jungs klopfen mit den Fingern auf die Armaturentafel und drücken Bierdosen zusammen. Die Sängerin schläft. Ihr Bruder fährt den Bandbus, er ist das Mädchen für alles (Berufswunsch: Musikmanager). Vorgestern waren sie noch bei den Hinkelsteinen in Menec und haben Fotos gemacht. Der Wind riss immer wieder die Wolkendecke auf und die Sonne kam zum Vorschein. Sie witzelten über das Cover von Mike Oldfields „Tubular Bells“ und planten eine Persiflage für ihr nächstes Album, mit einer Art „Tubular Bells“ Piktogramm als Sticker auf dem Cover. „WARNING: CONTAINS ELECTRONICAL MUSIC WITHOUT PROFOUND THOUGHTS“

Die Sängerin betritt in silbernem, paillettenbesetzten Blazer und weißen Jeans die Bühne. Die beiden Jungs tragen Hose schwarz, Rolli schwarz, zwei rote Hemden sind auch im Koffer, als „Kraftwerk“ Zitat, aber keiner mag sie so recht anziehen.

Daryl Hannah hätte damals für die weibliche Hauptrolle gewonnen werden können, nach „Attack Of The 50 Ft. Woman“ besaß sie schon Kultstatus. Später wurde sie bei einer Bergkuppenbesetzung gegen ein Kohleabbauvorhaben festgenommen und gilt seitdem als politisch korrekt.

Entnervt von den Liebesgeständnissen ihrer Bandkollegen kehrt die Sängerin in ihre Wohnung in einer Pariser Vorstadt zurück. Die Aufnahmen für eine neue CD schwänzt sie und fliegt nach Saint-Martin. Da lässt der Remix der ersten Single durch einen Techno DJ die Verkäufe plötzlich ansteigen. Die Band möchte schnell einen Hit nachschieben, aber Daryl Hannah lässt die Anrufe ihres Bruders unbeantwortet. Einer der Jungs überlegt ernsthaft, sich ein „Tubular Bells“ Tattoo stechen zu lassen.

Die Idee der Paralleluniversen setzt sich in der Physik immer weiter durch. Kritiker warnen noch vor der Theorie, sie sei zu spekulativ, nicht zu beweisen, die Wissenschaft käme durch sie zu einem deprimierenden Ende. „So lässt sich’s leben!“ belächeln einige diese Problematik und bestellen einen weiteren Drink an der Bar.

In einer letzten Einstellung sieht man den Bruder der Sängerin auf einer Straßenkreuzung, wild gestikulierend wegen eines Bagatellunfalls mit einem fahrenden Marktstand für Grillhühner, irgendwo in der bretonischen Provinz.
pomJanuar 2010

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dezember 2009 http://erich.linkheu.de/?p=617 http://erich.linkheu.de/?p=617#comments Fri, 08 Jan 2010 12:24:10 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=617 luzern, 2002

Schweiz 2002

Der Hund war so groß wie ein Zirkuspony. Erst dachte ich, jetzt kommt gleich die scheppernde Sammelbüchse fürs Winterfutter, aber der Mann war tatsächlich mit einem irischen Wolfshund oder einer anderen zotteligen Bestie unterwegs…

Zirkus ist wirklich ein schwieriges Thema. Im Normalfall gastiert immer irgendein Minizirkus ein paar Straßen weiter auf einer öden Brachfläche. Glühbirnen an der Kette funzeln über einem vorzugsweise gelb-roten Zelt. Einzig der Kassenwagen und das beleuchtete Eingangsportal sind herausgeputzt, weiter hinten stehen altersschwache Zugmaschinen, ein paar Tiere sind draußen im Nieselregen angepflockt und haben ihr kleines Terrain längst rundherum platt getreten. Die Satellitenschüsseln auf den vergilbten „Tabbert“ Wohnwagen recken sich empfangsbereit gen Himmel. Morgens pilgern ein paar Kindergartengrüppchen zur Frühvorstellung, nachmittags müssen Oma und Opa mit dem Enkel hin. In den Geschäften rings herum liegen Zettel aus, die Rabatte für die Nachmittagsvorstellungen versprechen. Der Name des Minizirkus ähnelt merkwürdigerweise immer einem der wenigen noch übrig gebliebenen Großbetriebe der Branche, statt Williams dann William, oder Crone statt Krone – vom Zirkus Busch sollen auch vier oder fünf Betriebe durch die Republik tingeln.

Die Zirkusbetriebe sind längst ins Fadenkreuz der Tierschützer geraten, Stichwort: nicht artgerechte Haltung. Diese kann im Zirkus kaum besser sein als im Zoo – für kranke und altersschwache Tiere wird die Unterbringung in einem Tierpark gefordert, wohl als eine Art Altersruhesitz. Die Tierschützer sind gut vernetzt und zeigen auf ihren Webseiten z.B. Videos einer an Arthrose erkrankten Elefantendame, die symptomatisch ihr rechtes Hinterbein nachzieht. Es gibt tatsächlich die Internetplattform „Zirkus-ohne-Tiere“, spontan fällt mir dazu „Wald ohne Bäume“, oder „Haus ohne Dach“ ein, aber wahrscheinlich werden diese Aktivisten schon Recht haben. Die Vorstellung „ohne Tiere“ ist zwar irgendwie trostlos, die Tiere im Zirkus sind es aber eben auch.

Die spontan befragten Zirkusbesucher sind selbstverständlich der Meinung, ohne Tiere kein Zirkus. Und die Raubtierdompteuse sieht 4-5000 Arbeitsplätze in Gefahr, falls der tierfreie Zirkus kommt, schließlich würde dann ja alles den Bach runter gehen. Tierdressur ist doch ein seltsames Metier: 2542 mal springt der Tiger durch den brennenden Reifen, beim 2543. Versuch haut er dem Dompteur eins mit der Pranke runter: halt unberechenbar diese Wildtiere! Siegfried und Roy versuchten verzweifelt ihre Marke zu retten, nachdem Roy durch einen Tiger schwer verletzt worden war. (Roy erlitt einen Schlaganfall auf der Bühne, seiner Aussage nach wollte der Tiger ihn dann retten, erreichte mit einem Biss in den Nacken aber genau das Gegenteil) Beim nächsten öffentlichem Auftritt sah man dann, dass Roy zwar tapfer lächelte, aber doch irgendwie ziemlich fertig aussah. Und Siegfried ohne Roy, das geht ja gar nicht…

Ohne die Tiere wäre da noch der Clown, der traurige Clown, den wir von kitschigen Ölgemälden her kennen. Den Clown, um mal persönlich zu werden, den ertrag ich nicht. Der Clown ist nie lustig, weil sein merkwürdiges Gebaren immer der gleichen, peinlichen und langweiligen Choreographie folgt – groteske Kullertränchen halt. Eventuell war ja Oliver Hardy der einzig große Clown, mit seinem immerwährendem Scheitern, quasi einem Naturgesetz folgend und dieser unvergesslich griesgrämigen Grimasse. Diese Grimasse bot aber mehr als Unzufriedenheit, der Blick ging direkt in die Kamera und schien voller Weisheit um den ewigen Weltschmerz zu sein. Aber der Clown, der die Welt nur ein wenig lustiger und erträglicher machen möchte, dazu noch mit sedierten und mildtätigen Blick, der endet als Werbefigur einer Schnellrestaurantkette. Komische Werbeikone, nebenbei bemerkt, denn schließlich haben so viele Kinder Angst vorm Clown, dass es dafür sogar einen Namen gibt: Coulrophobie!

Erinnert sich noch jemand an „Dr. Muffels Telebrause“, diese geniale Satiresendung der „Neuen Frankfurter Schule“ in den Dritten Programmen der ARD, vor gefühlten 100 Jahren? Da gab es das „Kirgisische Nationalballett“, die in albernen Kostümen Kunststücke aufführten, die keine waren, z.B. den Sprung über einen Stuhl. Eine Art Straßenversion vom Deutschrussen „Ivan Rebroff“ (geboren als Hans Rudolf Rippert in Berlin Spandau). Immer total aufgeblasen und dann die Landung im Nichts, betretenes Schweigen am Ende, um schon den nächsten Blödsinn auszuhecken? Das war einfach großartige An-Artistik.

Wie steht es eigentlich mit Staatszirkussen? Gibt es die noch, vielleicht in Nordkorea? Sollten wir wieder welche einführen? In der DDR gab es den „Volkseigenen Betrieb Zentralzirkus“, da sieht man mal welch hübsche Namen entstehen, wenn das Marketing keine Rolle spielt. Heute heißt alles so ähnlich wie „Winterzauberzirkus“ oder „Sommertraumzirkus“ usw., wie Marmelade halt.

pomDezember 2009

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november 2009 http://erich.linkheu.de/?p=611 http://erich.linkheu.de/?p=611#comments Mon, 09 Nov 2009 18:54:26 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=611 luzern, 2002

Schweiz 2002

Seifenblasen zerplatzen, weil sie verdunsten. Während ihre Hülle immer dünner wird, verlieren sie auch zunehmend an Farbe, da sich das Licht nicht mehr so stark an ihnen brechen kann. „Der Traum zerplatzte wie eine Seifenblase!“ Besser man hält sich seine Seifenblase im Einweckglas, die lebt länger …

Die Homepage des insolventen Versandhauses „Quelle“ ist zum finalen Abverkauf mit einigen Seifenblasen verziert. Vielleicht waren die Seifenblasen ja schon immer dort und brachten am Ende die Blase zum platzen?

Ich habe den Verdacht, die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Zeit der Seifenblasen! Etwas Leichtes, Fragiles und Dezentes lag in der Luft zu dieser Zeit. Kann es sein, dass damals das Individuum mal wieder neu entdeckt wurde? Ein unbeschriebenes, nettes Wesen, dem man weniger Vorschriften machen wollte, sondern einen Baukasten von Möglichkeiten an die Hand gab, siehe hier: „Dries Van Noten zieht es vor, seine Mode “Stück für Stück” zu kreieren, was seinen Kunden mehr Raum für Individualität lässt, anstatt sklavisch um eine Silhouette oder ein einziges Thema herum zu entwerfen.“ (aus elle.de) Van Noten schuf in den Neunzigern einen braven Anorak, dessen Muster wie eine Wolke aus Seifenblasen aussah.

Der Schimpanse von Michael Jackson heißt „Bubbles“, Jeff Koons ließ „Bubbles“ und Jackson als hohle Porzellanfigur anfertigen. „Heute lebt Bubbles in einem Tierreservat in Florida (Jackson hatte sich schon zu Lebzeiten von ihm getrennt). „‘Bubbles’ ist nun Mitglied einer sechsköpfigen Schimpansenfamilie, liebt Süßkartoffeln und Gitarrenmusik. Im Reservat kann der Affe endlich auch sein ganz eigenes Talent ausleben: Er malt!“ (aus gala.de). Koons hat ja selbst diese überdimensionalen Hüllen anfertigen lassen, wie bonbonfarbenes Geschenkpapier, in dem sich alles so hübsch bunt spiegelt. Auch Schnittblumen werden ja oft in Cellophan verpackt verschenkt – ein Sauerstoffzelt für einen hoffnungslosen Fall. Das Leben in einer Seifenblase gehört ja auch zu den härtesten Prüfungen …

Auf Kleinkunstfestivals treten „Gaukler“ mit grausam riesigen Seifenblasen auf, sie sehen aus wie gigantische Geschwüre. Eine dunkle Schwere liegt über solchen Veranstaltungen, der Boden färbt sich unter der zerplatzten Wasserlast schnell dunkel. Die Seifenblase ist hier völlig falsch verstanden, da man sie zu einem unförmigen Giganten aufbläst! Die Seifenblase ist ein natürlich schwärmerisches Wesen, in klein und in Massen am schönsten – alleine schon durch die simultane Bewegung, gemeinsam vom Wind getragen.

Es gibt natürlich auch Seifenblasenmaschinen, simple mechanische Konstruktionen, in denen sich ein Rad mit Ringen dran durch die Seifenlauge dreht und von einem Ventilator angeblasen wird. Sogar „Profimaschinen“ wie die „F.A.L Bubble Machine PF265“ sind für unter 30 € zu haben, so billig ist der Einstieg in professionelles Bühnenequipment!

Das „Pustefix“ aus meiner Kindheit gibt es übrigens immer noch, brutal angegangen von schreienden, neonfarbenen Billigprodukten, die nur kleine, dünne, hässlich graue Blasen produzieren, die sofort zerplatzen.

pomNovember 2009

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oktober 2009 http://erich.linkheu.de/?p=605 http://erich.linkheu.de/?p=605#comments Sat, 03 Oct 2009 14:43:35 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=605 salzburg, 1997

Österreich, 1997

Es sah beinahe so aus, als hätte der kanadische Buchhändler den Truck mit den asiatischen Lebensmitteln verfolgt, um möglichst viele Photos von chinesischen Restaurants in Grand Rapids, Minnesota schießen zu können. Auf Nachfrage stellte er allerdings klar, dass es reiner Zufall gewesen sei. Es sei aber doch ernüchternd gewesen zu sehen, dass fast alle Restaurants in der Stadt vom gleichen Großhändler mit Tiefkühlkost beliefert wurden. Egal ob es ein „All You Can Eat“-Buffet in einer Shopping Mall oder ein unscheinbares, kleines Lokal in der Innenstadt war.

Das widersprach der romantischen Vorstellung des Buchhändlers: “The cook’s assistant going to the post office to pick up the monthly packet of ginger (brown paper, tied up in string) from his third cousin in San Francisco.”

Mit „homemade“ habe ich so meine Erfahrungen. Die „hausgemachten“ Fleischbällchen bei „Monsieur Vuong“ sehen genauso aus, wie die tiefgefrorenen Dinger aus Frankreich, die wir ab und an für unsere Nudelsuppe kaufen.

Betrat man das indonesische Restaurant in Moabit als erster Gast, lief immer ein privater Musiksender, dann wurde schnell die Kassette mit Gamelan-Musik eingelegt. Ich kann mich noch an die zu kleinen Vulkankegeln geformten Reisportionen erinnern; dass jedes Gericht irgendetwas mit Erdnüssen zu tun hatte, und dass wir eigentlich immer die einzigen Gäste waren.

Asiatisches Essen ist „Fancy Food“ und kein Sattmacher. Kleine Snacks, die man am besten mit Freunden, Bier und Schnaps genießt. Die Snacks kauft man auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, in einer Garküche an der Straße. Natürlich nicht von einer x-beliebigen Küche, sondern immer dort wo es das Beste der Stadt von was auch immer gibt. Allerdings gilt das Gesetz, dass es die beste Nudelsuppe niemals in der direkten Nachbarschaft gibt, sondern immer am anderen Ende der Stadt, allein schon um der Mobilität zu frönen und um die Vorfreude zu steigern. So läuft man kaum Gefahr, die Nachbarn im Lokal gegenüber zu treffen – wenn man denn selber hingehen würde… Später, kurz vorm zu Bett gehen, wenn die Freunde längst zu Hause sind, hockt man alleine in der Küche und isst verstohlen eine Schale Reis zum satt werden.

Dass über den Tag auch die Orte wechseln, an dem es angesagtes Essen gibt, macht die Sache der Essensbeschaffung zu einer eigenen Wissenschaft. Während man am Vormittag noch an einer Ausfallstraße auf furchtbar kleinen Plastikstühlen seine Suppe geschlürft hat, ist dort am Nachmittag niemand mehr zu sehen. Alle Utensilien der Garküche sind gut verzurrt in einem Hauseingang abgestellt, um am nächsten Morgen wie ein Origami wieder auseinandergefaltet zu werden.

Der Köchin oder der Koch einer Garküche sind immer Spezialisten, bieten sie doch nur ein Gericht an. Die Spezialität des Hauses, preiswert, frisch und gut, immer gleich zubereitet, immer einzigartig. Hat man erst einmal seine Lieblingsküchen innerlich kartografiert, kann man tagtäglich nach kleinsten Geschmacksnuancen entscheiden – wonach einem halt gerade so ist…

Das hiesige China-Restaurant ist die Aufführungsstätte einer besonders fatalen Interpretation der asiatischen Küche. Ein komplettes Tellergericht mit Beilage ist eine geschmackliche Monokultur, die jegliche Überraschung vermeidet, um Gewohnheit zu erzeugen. Paniertes Hühnerbrustfilet mit süß-saurer Soße gleicht in der Erwartung dem Hamburger im Schnellimbiss: man kennt sich. Bequem ist es im Chinalokal, schließlich ist alles schon kleingeschnitten und man kann es barrierefrei mit der bloßen Gabel in sich hineinschaufeln. (Eigentlich wäre eine kleingeschnittene Rindsroulade das perfekte Gericht im chinesischen Lokal.) Klar, die asiatische Küche hat sich verändert, längst schwimmt nicht mehr alles in einer mit Tapiokamehl verdickten, braunen Soße, aber der Einsatz von Mononatriumglutamat ist nach wie vor immens. Befriedigt der Geschmacksverstärker doch unseren fünften Geschmackssinn (neben süß, sauer, salzig und bitter): Unami! Das ist japanisch und bedeutet soviel wie fleischig, herzhaft und wohlschmeckend, es signalisiert dem Körper, das nun proteinreiche Nahrung gereicht wird: Fleisch.

pomOktober 2009

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September 2009 http://erich.linkheu.de/?p=597 http://erich.linkheu.de/?p=597#comments Tue, 01 Sep 2009 20:13:21 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=597 marseille, 1994

Marseille 1994

Die Discomusik der 70er Jahre meine absolute Lieblingsmusik? Das kann nicht gut gehen! Dabei möchte ich nicht einmal behaupten, dass ich mich wirklich auskennen würde.

Geht man ins Plattengeschäft, fallen einen ständig neue Disco-Compilations in die Hände. Aber meistens sind es nur wohlbekannte Evergreens aus den 70ern, beispielsweise „It’s Raining Men“ von den Weather Girls, oder „High Energy“ von Evelyn Thomas, die zwar auf jeder Compilation zu finden sind, mit Disco-Musik aber nicht viel zu tun haben. Für die paar weniger bekannten Stücke auf solch einer Zusammenstellung möchte man sein Geld halt nicht ausgeben. Ein echter Fan würde versuchen, Original 12’’ aus dieser Zeit zu bekommen. Ich versorge mich ab und zu mit CDs vom Flohmarkt, die landen dann als komprimierte Datei auf der Festplatte. Uninteressante Stücke werden sofort gelöscht, große Konzepte haben sowieso keine Chance mehr. Die Discomusik ist ein abgeschlossenes Sammelgebiet, so wie DDR-Briefmarken …

Discomusik sehe ich im Zusammenhang mit männlicher Hysterie. Mir fällt dabei Sylvester ein, ein US-amerikanischer Sänger, der sich mit hoher Stimme durch seine temporeichen, sich überschlagenden Stücke hechelte. (Hysterie, Sentimentalität und Hedonismus sind die besten Zutaten für künstlerisches Außenseitertum.) Auf einem anderen Planeten spielte die pure Eleganz der Bassläufe und Gitarrenriffs von Bernhard Edwards und Nile Rodgers von Chic, aber diese Klangkunst ging sicherlich weit über das Genre Discomusik hinaus. Anfang der 90er gab es ein Disco Revival. „House“-Musik war das passende rhythmische Korsett für kurze Samples aus klassischen Discosongs.

Es gibt sogar ein deutsches Discomusikforum im Netz, der letzte Eintrag stammt von 2006. Der Betreiber der Webseite hat ein Bild von sich online gestellt, mit weißem Hemd, Brille und Lockenkopf sieht er so schön harmlos aus. Die Gestaltung der Seite baut auf Clip-Art der 80er Jahre auf – das wirkt authentisch. Wir werden mit den gesamten Billboard Dance Charts aus dieser Epoche versorgt. Hitlisten, so ausdifferenziert, dass eigentlich keine Plattenveröffentlichung dieser Ära dort fehlen sollte. Will man sich mit Ernsthaftigkeit der Musik widmen – die meisten Spezialisten beschäftigen sich mit Funk-Musik und lassen den Discostil höchstens als Fußnote zu – hat Discomusik etwas zu Leichtfertiges an sich. Sie bleibt eine Randerscheinung, erscheint zweckgebunden, dient sie doch allein dazu den Tanzboden zu füllen. Eine Art rhythmisierter Muzak, der zum Tanzen zwingt.

Disco-Musik als Gebrauchsmusik hinter der keine Musikerpersönlichkeit steckt? Wir wären bei den „One Hit Wondern“ angekommen. So nennt man Bands, die nur einen Hit hatten und dann schnell wieder in der Versenkung verschwanden, z.B. die schwedische Band Alcazar mit „Crying at the Discoteque“. Außer der wunderbaren, wichtigtuerischen Schreibweise von „Discoteque“, bleibt da nicht viel Erwähnenswertes…

Die Mutter aller „One Hit Wonders“ ist sicherlich die Gruppe Opus mit ihrem (Rock-)Song „Live is Life“. Einer der besten Songtitel überhaupt! Selbstreferentialität im Titel setzt natürlich immer auf den Zusammenhang mit Musik: „Listen To The Music“(toll: denn was sollten wir gerade auch anderes tun?), „Rhythm Is A Dancer“ (klingt gut, aber was soll es bedeuten?), „Music Is My Life“ (hört sich nach persönlichen Statement an, ist aber doch austauschbar…). Opus stammen aus Österreich und da ist „Live Is Life“ so besonders schön dahingesagt und toll profan, weil das englische „Is“ ja ein umgangssprachliches „is“ im Deutschen ist. Also Einfachheit, Sturheit, Blödheit, Banalität, unvermeidliche, dummdreiste Wahrheit usw. Ich denke bei Opus an Großraumdiskotheken in alten Bauernställen, mit dunkelbraun lasierten Holzbalken an der Decke und klebrigen Bierglasringpfützen auf Resopalplatten an der Getränkeausgabe. Leider bietet die Webseite von Opus nichts außer solide gemachter Langeweile. Professionelle Konzertfotos einer Rockband auf der Bühne unter bunten Spots, komplett austauschbar. Man erfährt immerhin, dass das österreichische Bundesland Steiermark die Band mit merkwürdigen Auszeichnungen (Wehrdiensterinnerungsmedaille, Ehrenzeichen des Landes Steiermark usw.) versorgt hat. Der Song „Live Is Life“ wird besonders herausgestellt. Er führt längst ein Eigenleben, Insider sprechen kurz von „L=L“! Ein verdammt verwaltungstechnisch klingender Terminus für eine Sternstunde der Rockmusik, nicht wahr? Ende des Jahres steht im übrigen eine Aufführung des Songs mit Symphonieorchester an.

Die slowenische Konzeptrockband Laibach brillierte einmal mit ihrer eigenen, noch stupideren „Live Is Life“-Version: Ein Konzert, eine Stunde lang: „Live Is Life“! Danach musste das entnervte Publikum auf Deutsch „Leben heißt leben“ als (unverlangte) Zugabe in einer Marschmusikvariante ertragen, sicher vielen eine Spur zu intellektuell …

Herbie Hancock hat einmal das Künstlerschicksal auf exemplarische Weise vorgeführt. In einem Konzert vor handverlesenen Musikjournalisten auf einer Musikmesse in Las Vegas spielte er bekannte Popsongs als Coverversionen. Das Ganze war eine gut bezahlte Auftragsarbeit. Völlig unmotiviert und desinteressiert improvisierte sich Hancock durch die Stücke. Für diejenigen, die das Original seiner Coversongs vielleicht nicht erkannt hatten, spielte er jeweils zum Schluss noch einmal kurz das bekannte Melodiechen auf seinem Klavier an. In allen Details steckt hier eine waghalsige Aufführung von Entfremdung. An diese, für mich faszinierend zwiespältige Geschichte denke ich oft. Irgendwann einmal in der Spex gelesen, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Hancock hat neue Musikstile stets mitgenommen, ist auf jeder Welle mitgeritten. Wahrscheinlich gefällt mir diese kühle, heimatlose Genialität… Wer einmal die wunderbare Coverversion des Hits „I Thought It Was You“ (aus Hancocks Funk-Electro-Breakdance-Vocoder-Phase) von Sex-O-Sonique gehört hat (da hätten wir wieder dieses exaltierte –que!), liebt diese kurze Geschichte umso mehr: Hancocks Musik, Ihrer selbst enthoben klingt mit einem Mal so lieblich und vertraut…

Ist nicht die französische Popmusik die eigentlich legitime Nachfolgerin der schillernden Discoära? Jedenfalls evoziert der Pop von Daft Punk und Co. immer ebenso elegante wie leicht hysterische Bilder in meinen Kopf: Eine trashige Lichtorgel-Buntheit verbindet sich mit der technophilen französischen Gesellschaft. Ein Bild von einer Blumenwiese mit Atomkraftwerk im Hintergrund. Eine Musik dazu, die immer den Ausdruck eines eloquenten, gestenreichen, doch irgendwie unsympathischen und unrasierten Kettenrauchers mit sich herumträgt, eine Electropop-Band auf Tour, gestrandet im bretonischen Quimper, mit einer blonden Sängerin im silbernen Paillettenkleid, die der Liebe wegen diese Stadt nicht mehr verlassen will, und genervte aber lethargische Bandkollegen, die dies alles nicht wahrhaben wollen. (Diese Geschichte hätte man mit Daryl Hannah verfilmen sollen …)

pomSeptember 2009

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august 2009 http://erich.linkheu.de/?p=585 http://erich.linkheu.de/?p=585#comments Mon, 03 Aug 2009 20:06:45 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=585 trieste, 1999

Trieste 1999

In einer Zeit als man Hotels noch nicht im Internet reservierte, machte ich mich direkt nach meiner Ankunft in Triest auf die Suche nach einer preiswerten Unterkunft. Meine Wahl fiel auf ein zentral gelegenes Hotel in der Innenstadt. Das Hotel war so günstig, dass alle Zimmer langfristig vermietet waren. Da der Inhaber des Hotels mich nur ungern abweisen wollte, brachte er mich in einer Kammer unter, die sonst nur als Abstellraum genutzt wurde. Jedenfalls hatte ich die Auswahl zwischen mehreren Betten, Tischen und jeder Menge Stühlen, die allerdings alle eng zusammengestapelt waren.
Die Triester Innenstadt bestand aus einen recht gradlinig angelegtem Geflecht von Einbahnstraßen, die schnelles Autofahren offensichtlich begünstigten. Nur gestört von einer Ampel unter meinem Hotelfenster, die den Verkehr abrupt zum Stillstand zwang (mit kreischenden Bremsen) und ihn dann ebenso eilig wieder in Bewegung setzte (mit quietschenden Reifen). In der Nacht herrschte Stille, einzig unterbrochen von gelegentlichem, infernalen Mopedlärm, der sich an den Häuserwänden empor echote. Die Häuser in der Innenstadt waren von den Abgasen schwarz geworden, die Bürgersteige so schmal, dass man auf die Straße ausweichen musste, wenn einem jemand entgegen kam.

Trieste wartet auf diesem Photo mit einer Idealverteilung von Kraftfahrzeugen und Personen auf. Vielleicht ist es ein Montagmorgen, auf jeden Fall ein Werktag, aber fernab jeder Hektik. Die Rollerfahrer scheinen eins mit ihren Gefährten geworden zu sein, während die Autofahrer steif und aufrecht wie Brettspielfiguren hinter ihren Lenkrädern hocken. Es gibt einen alten Fiat 500, sogar in schwarz, ahnungslos, dass einmal der Retroschick über ihn hereinbrechen wird. Der Motorroller dahinter verliert durchs Bremsen eine Menge kinetischer Energie, heutzutage würde sich der verlorene Schwung wahrscheinlich in einer Lithiumbatterie wiederfinden. Die Kreuzung selbst bildet eine Senke, scheint die Umgebung aufzusaugen. Der Asphalt fließt bis an die Häuser und die einmündenden Straßen wirken großzügig, bieten Platz zum in dritter Reihe parken und für einen Markt auf der gegenüber liegenden Seite. Die breiten Fußgängerüberwege wirken provisorisch, kommen sie doch ganz ohne hochgebaute Verkehrsinseln aus. Die kleinen Ampeln machen ein bisschen auf Großstadt. Ob sie den Verkehr maßgeblich beeinflussen, will ich mal dahin gestellt lassen. Überhaupt einen befreiende Abwesenheit von Planung und Normung.

(Zuviel Planung und Lenkung kann den Verkehrsteilnehmer auch einlullen und in falscher Sicherheit wiegen: Bei einer Abendfahrt über die Stadtautobahn in Zürich kam ich einmal auf kurzer Strecke an mindestens drei Unfällen vorbei. Dabei schien alles so gut geregelt auf dieser Straße: Fahrbahnbegrenzung, Geschwindigkeitsregelung, Ortbeschilderung, alles perfekt. Wahrscheinlich ist ein wenig Chaos einfach besser, hält es doch die Aufmerksamkeit bei der Stange. Die Unfälle in Zürich wirkten recht surreal: ein paar Blaulichter dramatisierten die Situation, die mit ihren banalen Blechschäden doch so geerdet aussah.)

Trieste hatte wenig von von einem Masterplan, es gab zwar moderne Ecken mit Hochstraßen, die die Autos erst über die Stadt hievten, nur um sie dann ins enge Altstadtstraßenlabyrinth zu entlassen. Dagegen gab es breite, überdimensionierte Straßen in der Hafengegend auf denen kaum ein Wagen verkehrte.
Überhaupt: ähnlich wie im nordspanischen Vigo hatte man immer den Eindruck: die Musik spielt woanders. In Vigo war es die viel kleinere Provinzhauptstadt Pontevedra, die sich mit Calatrava Brücke und Skulpturenboulevard wichtig machte. Der Gegenpart vom schlafmützigen Trieste hieß Monfalcone. Dort überragten die Kräne der allgegenwärtigen Fincantieri-Werft die Gebäude der Stadt. Alles wie aufgestellt für die überzeugende Behauptung: Seht alle her: hier wird das Geld verdient!
Vigo und Trieste haben als Hafenstädte etwas überholtes, da in den relativ kleinen Häfen keine moderne Warenwirtschaft mit Containerschifffahrt aufzuziehen ist. Triest verlor nach dem Beitritt Sloweniens zur EU wenigstens seine frühere geographische Randposition. Geld verdient man mit einer Erdölanlage, deren angeschlossene Pipeline Öl über die Alpen pumpt. In Vigo setzt man auf die Fischerei, mittlerweile ist es der bedeutendste Fischereihafen der Welt. Vigo wurde im Jahre 2005 Sitz der europäischen Fischereiaufsichtsagentur. Wahrscheinlich ein bürokratisches, autarkes Monstrum, aber wenigsten spiegelt sich ein wenig Lokalkolorit darin wider. Etwas anderes halt wie zum Beispiel die globale Marke des Guggenheimmuseum, das nun mal in Bilbao steht, aber bitte schön was mit Bilbao zu tun hat?

[uh]

pomAugust 2009

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2009 belgien http://erich.linkheu.de/?p=567 http://erich.linkheu.de/?p=567#comments Sat, 04 Jul 2009 13:18:22 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=567 06-antwerp-belgium.jpg

antwerp, 2009

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juli 2009 http://erich.linkheu.de/?p=571 http://erich.linkheu.de/?p=571#comments Wed, 01 Jul 2009 20:45:36 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=571 helsinki, 1990

Finnland 1990

Meine Mutter meinte, ein paar Tage in gesundem Nordseeklima würden mir gut tun. Also wurde meine Großmutter beauftragt, mich als damals 6-jährigen zu meiner Tante auf die Insel Sylt zu begleiten. Ihr Plan beruhte sicher auf einem ganzheitlichem Konzept: Kind und Mutter (bei der wir damals wohnten!) gleichzeitig zur Schwester zu schicken – das klang ganz nach Entspannungsprogramm zuhause. Andrerseits: Wäre ich daheim geblieben, dann ja unter ständiger Verabreichung von Lebertran! Sollte Sylt in der Lage sein, den Lebertran mindestens zeitweise in Vergessenheit geraten zu lassen, sollte mir das nur rechts sein.

Nun soll es echtes Hochseeklima ja nur auf Borkum geben, aber da hatten wir keine Tante. Sylt tat es sicher auch. Mit dem Zug über den Hindenburgdamm anreisend waren wir auch gleich da, meine Tante wohnte direkt gegenüber dem Westerländer Bahnhof. (Der Begriff Hindenburgdamm löste bei mir als Kind eher ungute Gefühle aus. So ein langer Name für ein unscheinbares Bauwerk und: Wo bitte schön war die Burg? Und wäre ich eine gute, stolze Insel, hätte ich mich doch gegen so eine schnöde Landverbindung zur Wehr gesetzt! Meine Oma machte mich darauf aufmerksam, dass vom Damm aus links und rechts nur Wasser zu sehen war. Tatsächlich, an diesem Tag sah man beidseitig nur Grau. Und die Dampfloks, die ich einmal auf einem Foto gesehen hatte, verkehrten längst nicht mehr auf dieser Strecke – nur Diesellokomotiven, die ich sowieso auf jedem Bahnhof sah. Kann sein, dass ich geschmollt habe.)

Meine Tante arbeitete zu dieser Zeit in einer Galerie, die ausschließlich Syltmotive anbot (… mit dem Matterhorn hätte ich es dort auch nicht versucht!). Möglicherweise waren die vielen Dünenbilder auch irgendwo anders entstanden, aber mich faszinierte, wie man so etwas Charakteristisches wie die Keitumer Kirche mit nur zwei markanten, breiten Pinselstrichen herstellen wollte. Irgendwie fand ich das falsch, diese grobe Simplifizierung war für mich nicht akzeptabel. Auf den Seestücken gelang es dem Maler aber immerhin Meer, Wolken, Sand und Schilf unterscheidbar nebeneinander zu stellen. Ich hätte damals einmal den Kopfüber-Test machen sollen – ob die Wolken auch als Wasser getaugt hätten? Alle Bilder hatten gefällige, stoffbezogene Rahmen, die viel neuzeitlicher wirkten als die klassischen goldenen Schnörkelrahmen, in denen röhrende Hirsche eingekeilt waren. Insgesamt, so möchte ich mich erinnern, kamen diese Bilder so nett authentisch daher, sie sollten wohl das neue Deutschland verkörpern.

In Ermangelung geeigneter Schlafmöglichkeiten wurde ich übrigens direkt im Galerieraum einquartiert. Ein dort stehendes Sofa war schnell für mich bezogen. Der starke Geruch von frischer Ölfarbe war penetrant. Anscheinend war der Durchsatz an Gemälden hoch – die Farbe war noch nicht trocken, schon wechselte es den Besitzer. Ob sich mein nächtlicher Aufenthalt in diesen Räumen mit dem gesundheitlichem Anliegen meiner Mutter vertrug, war mehr als fraglich. Aber sicher wollten Großmutter und Tante nur das Beste, denn schließlich mündete diese Erfahrung später in einem Studium der bildenden Kunst.

Aber eine Sache irritiert mich bis heute. Fest in meiner Erinnerung verankert ist der Blick aus dem Galeriefenster auf den Bahnhofsvorplatz. Dort habe ich immer knallbunte Taxis in allen Regenbogenfarben gesehen. Ich meine sogar, mit meiner Oma darüber gesprochen zu haben. Vor ein paar Jahren allerdings traf ich einen gebürtigen Sylter, der mir glaubhaft versicherte, dass es solche bunten Taxen auf Sylt nie gegeben hätte …Waren es nun Öldämpfe oder Butzenscheiben?

[uh]

pomJuli 2009

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juni 2009 http://erich.linkheu.de/?p=559 http://erich.linkheu.de/?p=559#comments Mon, 01 Jun 2009 10:19:42 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=559 vientiane, 2006

Vientiane, 2006

Samstags früh beim Bäcker nehme ich auch immer die Wochenendausgabe einer Tageszeitung mit. Zuhause lese ich zuerst die Autobeilage, hier heißt sie „mobil“. Auf den drei Seiten geht es allerdings ausschließlich um die Mobilität mit Hilfe von Verbrennungsmotoren, also um Autos und Motorräder. Alternativen Antriebsformen kann man sich zwar nicht vollends verschließen, aber Fahrräder oder etwa Fortbewegungsmöglichkeiten abseits des Individualverkehrs haben auf diesen Seiten nichts verloren. Glasnost, Perestroika? Nein, hier nicht.
Die Autoseiten sind meine Beruhigungspillen fürs Wochenende: es gibt dort keine Probleme, die sich nicht (auf technische Art) lösen ließen. Klar, der Zeitgeist weht auch durch diese Seiten, aber immer in Bezug auf das allgegenwärtige Automobil. Die Finanzkrise wird zur „Abwrackprämie“, die CO²-Problematik reduziert sich auf den Faktor Gramm pro Kilometer. Und wenn man sich dann einmal herabgelassen hat, die Klimaerbsen zu zählen, geht es in der nächsten Woche bestimmt wieder um einen „PS-Boliden“, der ökologisch so „herrlich inkorrekt“ ist. Umweltverschmutzung als Ausdruck eines freien Geistes? Na, prima! Schließlich ist man als Motorjournalist immer drauf und dran gleich selbst zur „Knarre“ zu greifen. Bitte kein Leben ohne gefrästen, ölgetränkten Stahl! Spaltenweise erklären die Experten, was demnächst alles besser wird. Überhaupt: Die Wendung zum Guten ist die optimistische Grundstimmung, die sich durch alle Artikel zieht, schließlich ist der technische Fortschritt ja nicht aufzuhalten. Genaugenommen geht es um die Neuheit: „ …gegenüber dem Vorgängermodell ist vieles besser geworden“ – eine Standardformulierung. Es geht voran. Und ausgewogen soll es sein: neben „Traumautos“ gibt es dann auch ein paar praktische Gebrauchtwagentipps für den Durchschnittsleser. Rundherum pures samstägliches Glück!
Autos als Motiv in der Fotografie haben eher einen schweren Stand. Sicher es gibt die Fan-Fotos von tiefergelegten und herausgeputzten Karossen, von Spoilern, Alufelgen, Rennkits und anderen Statussymbolen. Rallyeautos mit Staubfahne, Rennstreckenasphalt mit Ölflecken und schwarzem Reifenabrieb. Die Banalität eines 08/15-Automobils im Bild aber stört den Blick auf ein schmuckes Fachwerkhaus. „Ohne das Auto würde mir das Bild besser gefallen.“ Es könnte auch diskutiert werden, welches Auto ins Bild passt. Bei den neueren Modellen scheint aber sogar der halbwegs wohlgesonnene Betrachter abzuspringen. Beinah kanzerogen beult sich das Blech, und das moderne Automobil scheint das Alien in unserem Alltag zu werden. Während die Umgebung noch ein heterogenes Bild abliefert, ist das singuläre Ereignis Auto immer ein festgelegtes Statement (im Foto).
Nun ist das Automobil als Fortbewegungsmittel in die Krise geraten und als Umweltverschmutzer schon lange in der Kritik. Die Nutzer von Geländewagen, deren Gefährte(n) weit über 300 mg des Klimagiftes CO² pro km in die Umwelt blasen, gelten als Ignoranten und Ewiggestrige. Schon bieten die Hersteller kleinere Modelle zum persönlichen Downsizing und zur Gesichtswahrung an. Und die albernen aufgebockten Sport Utility Vehicles, die wahrscheinlich nie einen Reifenabdruck im Matsch hinterlassen werden, mutieren zu Trägern irgendwelcher Umwelttechnologien, die in kleineren Fahrzeugen wahrscheinlich effizienter und einleuchtender wären – aber wohl leider zu teuer. Immer mehr versprengte Zielgruppen sollen durch das allgegenwärtig trommelnde Marketing erreicht werden, Coupés müssen plötzlich Geländewageneigenschaften haben. Die Quadratur des Kreises – und das Blech muss sich verbiegen.
Skeptisch geworden gegenüber dem eigenen Fortschritt ergehen sich die Gestalter im Retrodesign. An den meisten neueren Karossen entdeckt man ein Stück Blech, welches schon in den 1960ern und 1970ern, dem goldenen Zeitalter des Automobils, so geformt war. Selbst die Elektroautos, die ja einen Neuanfang hinaus posaunen könnten, aalen sich im Gutmenschendesign – wie Apple beschwören sie die harmonische Zweisamkeit von Mensch und Technik. Die Zukunft der Mobilität ist die des Teilens, rudimentär ja schon als „car-sharing“ mäßig erfolgreich. Da bräuchte es dann einen ganz neuen Designansatz von Fahrzeug, Ladestation, Parkplatz und dem Innen und Außen der gemeinsam genutzten Fahrzeuge.
Heutige Autodesigner genießen Starkult, die Chefdesigner der großen Marken sind wichtige Imageträger ihres Konzerns. Mit guter Gestaltung will jeder punkten, nicht nur die klassischen Italiener wie Bertone und Pininfarina, die man ruft, wenn Design und vor allem ein klingender Name gebraucht wird. Heute scheint automobiles Design nie ganz schlecht zu sein. (Vielleicht abgesehen von den koreanischen Ssangyong Geländewagen – da hat man oben und unten, hinten und vorne verwechselt, aber das ist eine eigene Geschichte wert). Schließlich kann man sich gängige Gestaltungselemente aus der (digitalen) Werkzeugkiste holen und in immer neuen Varianten zusammensetzen. Besonders gut zu verkaufen ist „umstrittenes“ Design, da gibt es dann wenigstens eine meist alberne Geschichte von Ecken und Kanten dazu. Kontroverses Design schleppt eine Ideologie mit sich herum, lehnt sich wie z. B. bei BMW, pseudo-intellektuell an die Wissenschaft (hier des Fraktalen) an. Schade, Parfumflakons hätten die Idee doch auch transportieren können, die wären in Badezimmern verschwunden und hätten nicht unser Straßenbild auf Jahrzehnte hinaus optisch kontaminiert.
Das Automobildesign hat sich weltweit angepasst – auch viele asiatische Hersteller lassen heute von Europäern zeichnen, damit die Fahrzeuge bei uns bessere Absatzchancen haben. Die Zeiten als japanische Autos noch merkwürdige, aber immens reizvolle Bullaugen statt hinterer Seitenscheiben hatten, sind wohl leider für immer passé.
In meinen Fotos sind Fahrzeuge oft die Protagonisten. Sie stehen in einem Verhältnis zueinander, sie haben Augen, ein „Happy Face“ und meinetwegen auch einen Hintern. Im In- der-Reihe-stehen sind sie Spitze und einem Foto mit Autos darauf ist anzusehen aus welcher Zeit es ungefähr stammt. Manchmal steht ein Auto auch in direkter Beziehung zur Nachbarschaft und sieht nicht einfach nur hingeparkt aus, aber das ist eher selten. Autos sind doch eigentlich archaische Fortbewegungsmittel, die fossile Brennstoffe durch Explosionen verfeuern und denen immer noch viel zu viele Menschen zum Opfer fallen. Die Zähmung in gefälligen Karosserien wirkt lächerlich, der Blick ist nur geblendet durch die Gewohnheit, eines dieser merkwürdigen Wunder des Alltags eben. Und da jeder weiß, wie ein Auto vorne anfängt und hinten endet, ist es wunderbar geeignet um zum Anschnitt im Foto zu werden. Es weist auf diese Art mit grandioser Geste in den Raum außerhalb des Bildes.

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pomJuni 2009

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mai 2009 http://erich.linkheu.de/?p=545 http://erich.linkheu.de/?p=545#comments Tue, 26 May 2009 18:14:32 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=545 berlin, 1989

Berlin, 1989

Um mir einen „Flashback“ aller Jahre zu verschaffen, die ich in Berlin verbracht habe, genügt ein heißer, trockener Sommertag. Ich besuche dann einen der großen Wohnbezirke mit der typischen Mischung aus Mietskaserne und Wiederaufbauprogramm. Das tue ich an einem Samstagmittag, so kurz vor 14h. Ich kann mir sicher sein, dass die Straßen in der Mittagshitze menschenleer sind. Ich erinnere mich: es ist wie alle Jahre in Berlin, ein Gefühl von Zeitlosigkeit stellt sich ein, nur die parkenden Autos und ein paar Werbeplakate lassen einen ungefähren Rückschluss auf den tatsächlichen Moment zu. Blende ich das aus – nicht schwierig im gleißenden Sommerlicht – bleibt nur dieses diffuse Gefühl für die Stadt. Ich kann durch gesichtslose Straßen im Wedding laufen, durch die immer gleiche Mischung aus Spätkauf, Eckkneipe und Lottoladen. Wann bin ich von zuhause losgegangen? Vor einer Stunde, heute morgen oder vor ein paar Jahren? Ist dieses Zuhause in Moabit, in Wilmersdorf oder gar schon in Treptow.

Der Berliner Bürgersteig besteht aus unterarmbreiten Bordsteinen, handlichem, fast zierlichen Kleinpflaster, großen, fast quadratischen Granitplatten oder in der neueren Sparversion: Rautenmuster, gelegt aus ganz normalen Betonfliesen, abgeschlossen wiederum mit Pflastersteinen. In den Wohnbezirken macht dies die Straßen verschwenderisch breit, dort wo Gastronomie und Geschäft auf die Straße hinauswachsen, erscheint es nur passend. Der Blick wandert bis an die Hauswände, unterbrochen von einigen Baulücken mit hinterliegendem Gewerbe oder einem Spielplatz darin. Die Stadt ist grün, aber die Bäume spenden keinen Schatten. Die Autoscheiben sind von Pollen verklebt. Sublime Abwechslung bieten die gepflasterten Einfahrten mit den auf Straßenniveau abgesenkten Bordsteinen. Nicht wegzudenken sind die mit groben Bauholz gesicherten Dauerbaustellen. Alte Baugruben sind provisorisch mit Asphalt verfüllt. Selbst der Soundtrack stimmt: Rockmusik klingt mittellaut aus einer Wohnung in den oberen Stockwerken, natürlich seit Jahren immer der gleiche Song: Bob Seeger´s „Still The Same“.

Discomusik hat einen schweren Stand. Die Musik existiert nur noch als steter Wiedergänger. Compilations bringen immer wieder dieselben bekannten Stücke heraus, schütteln nur die Reihenfolge etwas durcheinander. Discomusik, ein abgeschlossenes Sammelgebiet, so wie DDR-Briefmarken oder Pfennigmünzen. Nennenswerte Aufarbeitung gibt es kaum, zwei Filme sind mir bekannt: „Studio 54“: den Film habe ich mangels Interesse noch nicht gesehen und „The Last Days of Disco“ (Whit Stillman, USA,1998) mit Chloë Sevigny. Von diesen Film habe ich etwa die letzte dreiviertel Stunde im Fernsehen geguckt, ohne zu wissen um welchen Film es sich tatsächlich handelte. Wahrscheinlich habe ich nur wegen Sevigny nicht ausgeschaltet. Der Film schien mir ziemlich ziellos, wahrscheinlich sollte es eine Aufsteigergeschichte sein, und die Discoszene sollte darin subversiv wirken. Es war aber nur ein Gastronomen-Yuppie-Epos, eine Ode auf die Selbstständigkeit, halt irgendwie F.D.P.. Die „Disco Demolition Night“ von Chicago wurde zwar zum Schluss des Films mit viel Dokumentarmaterial als Rebellion verkauft, sicher sympathisch, aber doch nur grobe Geschichtsfälschung.
Chloë Sevigny war stets gut angezogen und genoss die Art von Problemen, die man selber gerne hätte.

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pommai 2009

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april 2009 http://erich.linkheu.de/?p=539 http://erich.linkheu.de/?p=539#comments Fri, 10 Apr 2009 12:50:46 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=539 stuhr, 1993

stuhr, 1993

Meine Familie lebte damals in der Einflugschneise des Bremer Flughafens. Keine große Sache, Flugbewegungen waren auf diesem Regionalflughafen eher selten. Es gab jedoch höllenlaute Maschinen zu dieser Zeit: die britische BAC 1-11 machte einen infernalen Krach, ein alles zerreißender Sound purer Verbrennung. Nicht dieses gezähmte Geräusch, das heute von den Flugzeugmotoren herunter säuselt. Dieses wohl dosierte mechanische Brummen, wie ein leicht verstärktes Uhrwerk.

Die BAC 1-11 der British Airways wurde von Piloten geflogen, die nach Zigaretten und Whisky rochen, obendrein nach billigem Rasierwasser mit Moschusnote. Der Chefpilot war in Ehren ergraut und stand kurz vorm Ritterschlag. Dem jungen, draufgängerischen Kopiloten sagte man ein kurzes, aber aufregendes Leben voraus. Hoffentlich wird er nicht allzu viele Unschuldige mit in den viel zu frühen Tod reißen – unsere Gedanken sind bei seiner jungen Verlobten. 2006 waren noch 27 Exemplare “der doch extrem lauten One-Eleven“ (wikipedia.de) im Dienst.

„Wie war dein Flug?“ Diese Frage provozierte natürlich die ernüchternde Antwort: „Wie immer!“ Dabei wollte ich doch alles im Detail wissen. Ok, Fliegen ist auch nicht anders als Bus fahren. Nur lauter, teurer und unkomfortabler. Vielleicht kommt ja bald die Bestuhlung raus und alle Klassen fliegen die Langstrecken nur noch liegend in Dreistockbetten – die Tests dazu laufen schon. Kann man „Kabinenforschung“ nicht mittlerweile auch studieren? (Ist schon interessant, wie rigoros das Bordpersonal auf geschlossene Fensterrollos achtet. Damit der Schlaf- und Wachrhythmus ja nicht gestört wird.)

Die schönste Viertelstunde kommt mit dem Bordessen – der einzige Moment an Bord, der tatsächlich wie im Fluge vergeht. Woher kommt nur diese bescheuerte Redensart? Denn was gibt es zäheres als einen Langstreckenflug? Normalerweise bekomme ich von meiner mitreisenden Familie immer etwas von ihrem Bordessen ab. Wenn man etwas vom angebotenen Essen aussortiert, kommt man vielleicht mit dem Rest besser zurecht, schließlich hat man ja eine autonome Entscheidung getroffen und z.B. auf den Schokobrownie verzichtet. Dann kommt die Stewardess, die das Körbchen mit den kleinen Brötchen kunstvoll nach rechts und links schwingt. Mikro-Backwaren, wie es sie nur im Flugzeug geben kann – dort zählt ja jedes Gramm. Sofort nehme ich noch eins und spüle es mit dem Rotwein aus der 0,25l Flasche runter. Das Flugzeugessen besticht durch einen genial hinkomponierten Minimalismus: die Hauptspeise, zu finden in der kleinen, warmgemachten Aluschale, zitiert nur die Zutaten, die es für eine Mahlzeit brauchen würde. Deshalb muss geschickt mit allen Bestandteilen des Essens gearbeitet werden. Wann isst man das Mini-Brötchen? Warum gehört der ganze Frischkäse darauf? Wohin mit dem Pfeffer? Sind das viele Salz und die Butter auf dem kleinen Gebäck nicht furchtbar ungesund? Aber wie soll es anders funktionieren? Schließlich hat man Höhenluft, zigfach gefiltert und staubtrocken. Wer da meint, noch Frau oder Herr seiner Sinne zu sein, hat ein gestörtes Selbstbild. Zum Schluss des Essens folgt das virtuose Wegstapeln des Abfalls, die Becher ineinander stecken und in die leer gegessenen Schälchen legen, dabei nicht allzu hoch bauen, sonst passt das Tablett nicht in die verschrammten Wägelchen, mit denen das Personal durch die Reihen zieht. Das ist dann die letzte Gelegenheit, die kleinen Küchlein zu genießen, verschmäht von den lieben Kleinen, weil da Rosinen als Kindersicherung eingebacken sind. Das Flugzeug ist der einzige Ort, an dem ich den Kaffee mit Zucker trinke.

Katastrophenforscher haben ja ermittelt, dass man einen Absturz sehr wohl überleben kann. Man sollte nur gut darauf vorbereitet sein: also immer angeschnallt, keinen Alkohol (!), die Schuhe anbehalten und die Notausgänge kennen. Halt, Unsinn! Ich denke mal, die Thrombosegefahr ist sehr viel realer als ein drohender Absturz.

Meine Eltern hatten also in der Einflugschneise des Bremer Flughafens ein freistehendes Einfamilienhaus mit der Bezeichnung 90E gekauft. Individuelle Wünsche konnten berücksichtigt werden. Das Haus wurde entgegen der ursprünglichen Pläne um 90 Grad gedreht errichtet, weil meine Mutter die Küche nicht nach Norden hinaus haben wollte. Die Straßen in der Siedlung hießen Lärchenstraße, Tannenstraße, Fichtenstraße und so weiter. Später stiegen die Immobilienpreise, die Grundstücke wurden kleiner und die Randgemeinde verschmolz mit den Ausläufern der Stadt.

Mit dem Fahrrad fuhr ich oft zum Flughafen. Es gab da viele Menschen, die den Flugzeugen beim Starten und Landen zusahen. In Bremen konnte man das vom Deich aus tun. Ich besuchte lieber das Abfertigungsgebäude, die Besucherterrasse war damals ohne Sicherheitskontrollen erreichbar. Wenn Charterflüge ankamen, war dort Hochbetrieb. Kinder saßen auf den Schultern ihrer Väter und suchten das Vorfeld nach Oma und Opa ab, die gerade von Teneriffa zurückkamen. Im Flughafen gab es einen irrsinnig teuren Edeka, wo ich mir manchmal Rauchmandeln kaufte, und einen Zeitungsladen mit ausländischer Presse. Die Zeitschriften dort waren für mich eher unbedeutsam. Der Zeitungskiosk im Bahnhof hatte ein aktuelleres und breiteres Angebot, also versorgte ich mich dort mit dem New Musical Express (immer), dem Melody Maker (manchmal) und anderen Gazetten, die ich damals unbedingt lesen musste.

Kurz nachdem wir in unser Haus eingezogen waren, brannte auf dem Nachbargrundstück ein altes Bauernhaus nieder. Es war reetgedeckt und stand schnell lichterloh in Flammen. Das Haus wurde als „Drogenrehabilitationszentrum“ genutzt, hörte wahrscheinlich auf einen Namen wie „Drops“. Angeblich war jemand mit brennender Zigarette eingeschlafen. Wir waren allein zu Hause, mein Bruder machte Spiegeleier, und wir betrachteten das Feuer von unserer Essecke aus. Die Feuerwehr randalierte auf unserem Grundstück, verfestigte den gerade frisch angelieferten Mutterboden, und meine Eltern waren am nächsten Morgen gar nicht amüsiert. Das Bauernhaus wurde abgerissen und in den Folgejahren entstanden drei große Mietshäuser in hässlicher Klinkerarchitektur mit überdimensionierten Spitzdächern. Neben unserem Haus gab es bald eine lange Strecke Normgaragen aus Beton, an deren blöden Profilputz man sich als Kind prima die Haut abschürfen konnte. Auf einem dieser Garagentore war Pumuckl aufgemalt. Zur besseren Orientierung sicherlich, aber auch die unbändige Lust erzeugend, einfach durchs geschlossene Tor einzufahren zu wollen…

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pomApril  2009

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märz 2009 http://erich.linkheu.de/?p=425 http://erich.linkheu.de/?p=425#comments Sun, 29 Mar 2009 13:27:26 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=425 monariz balneario

mondariz balneario, 2000

Die galicische Küche besticht durch Einfachheit. Ein großer Kupferkessel gefüllt mit Wasser, ein Gasbrenner, eine größtmögliche Krake, etwas Öl und Paprikapulver – so wird Pulpo a feira „auf die Faust“ am Hafen von Vigo serviert. Als Variation gibt es die Krake auch mit gekochten Kartoffeln, dann aber stationär im Restaurant. Natürlich gibt es die Kartoffeln mit etwas Öl und Paprikapulver auch ohne Krake, dass ist dann aber ein anderes Gericht. Eine solche Küche braucht keinen Vergleich zu scheuen. Allein die kräftige rot-orange Färbung des Olivenöls durch das Paprikapulver ist eine Sensation. Klar, dass die Galicier auch die Kartoffeln mit einer Spur Safran kochen.

Spanien ohne Spanischkenntnisse, das klappt ganz hervorragend als Pauschaltourist auf den bekannten Inselgruppen. Auf dem Festland, besonders im Norden, sieht es ohne Spanisch allerdings recht mau aus. Mit den Speisekarten dort kann der Tourist nichts anfangen, keine Bilder in speckigen Hüllen, auf die man mit dem Finger zeigt. Besser man blickt erwartungsvoll ins Gesicht des Kellners, wartet auf seinen kleinen Vortrag und nickt wenn man sich dazu aufgefordert fühlt.
In Mondariz Balneario waren wir in einem Restaurant, das Haus umgeben von viel zu vielen Mäuerchen, zwischendrin plätscherte ein Bach, halb durchs Haus, halb draußen daran vorbei. Im Haus ging man erst ein paar Stufen herunter und saß dann neben dem Bach auf einer Art Terrasse, die aber auch ein Stück aufgebrochener Keller hätte sein können. Die Luft war kühl, ein prima Unterschlupf vor der heißen Mittagssonne. In diesem Ambiente sollte das Essen Stunden dauern, denn was wollte man schon da draußen in der Hitze. Also war ein gemächlicher, aber aufmerksamer Service angesagt, den galicischen Weißwein gab es flaschenweise und ohne Etikett. Nur ein anderer Tisch war im Lokal besetzt, ein älterer Mann und eine jüngere Frau. Zwangsläufig, nachdem man sich schon lange neugierig beäugt hatte, saß man nach ein paar Flaschen Albariño zusammen an einem Tisch. Das ersparte dem Ober einige Wege. Wir versuchten eine Unterhaltung, ohne Englisch, mit ein paar spanischen Substantiven. Wir suchten ein paar Worte, nach denen man einen Anker schmeißen konnte. Der ältere Mann war José Antonio Lorenzo Rodriguez, der Bürgermeister des kleinen Ortes. Er erinnerte mich irgendwie an den Fußballtrainer Jupp Derwall, er hatte auch etwas leicht Eitles, so Typ Goldkettchenträger. Die Frau arbeitete mit ihm in der Verwaltung, sie sprach ein wenig Englisch. Nachdem wir festgestellt hatten, dass wir nicht mehr gerade sitzen konnten, wollten wir es mit laufen versuchen. Wir sollten mit ins Rathaus kommen. Auf dem kurzen Weg dorthin hielt der Bürgermeister an jeder Ecke Hof, parlierte mit seinen Mitbürgern, ließ sich von mir inmitten einer Schar von Schulkindern an der Bushaltestelle fotografieren. Im Rathaus gab es für uns einen Reprint des goldenen Buches aus vergangenen, mondäneren Zeiten und irgendwelche Anstecknadeln. Der Bürgermeister war halt immer im Dienst, flirtete mit seinen Gemeindemitgliedern oder umgarnte uns Touristen.

Mondariz Balneario ist eben kein Ort wie jeder andere, sondern ein alter Kurort mit einem seit dem spanischen Bürgerkrieg leer stehendem Kurhotel – 1973 brannte es dann ab. Im ehemaligen Kurpark gibt es ein altes Schwimmbad in dem heute nur noch die Frösche quaken. Besonders gefiel mir ein zerfallener Minigolfplatz, liebevoll gestaltet mit Ortsbezug. Es gab eine Golfbahn mit einem kleinen Modell jener Kornspeicher, die überall in Galicien herumstehen und als Wahrzeichen der Region gelten.

Der Bürgermeister versicherte mir, dass der Ort bald zu altem Glanz zurückfinden würde. Tatsächlich gab es auch schon ein neues Kurhotel, ein scheußliches neo-klassizistisches Etwas, welches mich an das Hässlichste aller Loire-Schlösser, Chambord, erinnerte. Völlig abgelöst von seiner Umgebung, unzugänglich und verschanzt – die historisierende Fassade endete nach hinten in einer Konstruktion aus Glas und Kunststoff. Hinter beschlagenen Scheiben befand sich die Kuranlage mit Schwimmbad. Der Bürgermeister war arg stolz darauf, dass die Mannschaft von Real Madrid schon einmal im Hotel zu Gast war. Einen Fußballplatz konnte ich in diesem kleinen Ort allerdings nicht entdecken, wahrscheinlich waren die Spieler immer zum Angeln.

Mondariz Balneario hat nur 700 Einwohner, besteht aus ein paar Häusern, dem Hotel und dem alten Kurpark. Ein richtiger Golfplatz ist in der Zwischenzeit hinzu gekommen, ebenso eine merkwürdig einsame Uferpromenade entlang des Flüsschens Tea. Später schrieb ich dem Bürgermeister einmal einen Brief, in Englisch – hätte mir denken können, dass der unbeantwortet bleiben würde. Glaubt man dem Internet, so ist Herr Rodrigez auch 2009 noch Bürgermeister der Gemeinde.

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pomMärz 2009

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Adultnessinteresse http://erich.linkheu.de/?p=230 http://erich.linkheu.de/?p=230#comments Thu, 26 Mar 2009 11:29:29 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=230 Adultnessinteresse

über die freundliche Übernahme der Partizipationsmodelle des Mainstreams

Eintrittskarte ist hier heute eine Form des delirierenden Schreibens, so ein Gegen-die Scheibe-klopfen, um dann fröhlich erkannt hineinzuwinken. Die Lust alles noch einmal zu sagen, um erst einmal eine wohlige Bekanntheit einzurichten. Aber auch der Wunsch eine gewisse fragile Form von Körperlichkeit, Bewegung und diese merkwürdige Zuneigung zu den Phänomenen des Mainstreams beschreiben zu können. Es sind Momentaufnahmen, kleine Störungen im Betriebsablauf: Einnicken, Unwohlsein… , die exakten Schilderungen körperlichen Einsatzes. Gefragt ist eine reflexhafte Wehrhaftigkeit, wie das Wegschlagen einer Fliege, wenn man gerade ein bisschen döst.

Adultness könnte soviel bedeuten wie nicht ganz erwachsen zu sein, aber als Wortschöpfung zielt sie eher auf einen anderen Bereich: den riesigen schwarzen Fleck, den die Kultur des Mainstreams hinterlässt. In ihrer Betrachtung steckt der Versuch, die eigene Teilnahmefähigkeit auszuloten, sich selbst zur Verfügung zu stellen. Forschung an einem Phänomen, dem man viel abgelenkte Aufmerksamkeit entgegenbringt und ganz nebenbei das kleine Sezierbesteck auf dem Operationstischchen ausrollt. Das eigene Interesse blickt knapp am Gegenstand vorbei, es geht weniger um den erkenntnistheoretischen Zugewinn: Man biegt selbst, bei bester Laune und schönstem Wetter, zähnebleckend auf die Pseudoerkenntnisautobahn des Allgemeinen ein.

Adultnessinteresse ist nicht zu verwechseln mit einer Betrachtung von Alltagskultur, die Filzpantoffeln und Kakteensammlungen zu Devotionalien einer vertrottelten Ehrlichkeit verklärt und der nur bleischwer beim Bierdeckel-bekritzeln beizukommen ist. Es geht nicht um irgendeine Fürsprache, keine vorgeschobenen Verständigungsbemühungen, weil sich doch längst jedes Uniseminar gegen kulturpessimistische Aussagen wendet und der angenommenen Minderwertigkeit von populären Phänomenen wie z.B. Fankultur widerspricht.

Adultnessinteresse fragt, ganz die freundliche Übernahme, nach den Regeln der kulturellen Partizipationsmodelle des sogenannten Mainstreams. Es stellt die Beteiligten und ihre Handlungen, ob Pressekonferenzen, Interviews, Schönheitswettbewerbe* oder Stellvertreterkriege – alles was gerade einmal hübsch ist – vor und legt übertrieben gönnerhaft einen Arm um die Bedingungen unter denen künstlerische Produktionen stattfinden. Gesucht wird nicht nach einer Handlungsanleitung um Verständnis erzeugen zu wollen oder Abgrenzungen vorzunehmen – es soll einfach Bekanntschaft geschlossen werden, mit der Absicht, abseits eines strategischen Hypes gewisse Funktionen offen zu legen. Wie an einem hellgraubehimmelten Nachmittag in der Hotellobby: Spitzendesign, endloser Raum, Kilometer bis zum nächsten Tisch, aber die Füße scharren schon nervös im Dunkeln. Die eigene Vorstellungskraft zum Möbelrücken verwenden und dabei ganz ungelenk an vergangene Ereignisse denken: Wie war ich? Es folgen lange Gesprächspausen, Zigarette-inhalieren und Am-Nasenflügel-kratzen.

*Der Begriff „beauty contest” bedeutet in wirtschaftlichen Zusammenhängen ein „so tun als ob”. Gemeint sind Preisabsprachen und andere abgekartete Spiele. Die diskriminierende Umdeutung aller möglichen Begriffe für das Wirtschaftsleben, hier trifft es einen aus der Unterhaltungsbranche – ist Indiz für die Dominanz der Ökonomie über den Rest gemeinschaftlicher Imaginationen.

Wo findet Adultness statt? Man muß sie nicht in den schieren Machtverhältnissen suchen. Das Rumwitzeln von Vorstandsvorsitzenden auf Fusionspressekonferenzen ruft nur wenig Deutungsphantasien hervor. Es braucht zwar diese dezent abgelenkte Aufmerksamkeit, die aber nicht besonders sophisticated daherkommen muss. Es geht um die ständige Erweiterung: Unschärfe sorgt immer für lebendige Begriffsubstanz, die vielfältig einsetzbar ist. Plattes Labeling stört da nur. Also, nix nachdenkliches Bartkraulen, sondern mit dem Wollfäustling nett, aber unbeholfen darüber patschen.

Guided Tour (I): Pressekonferenz
Tief in den Sessel gesunken – die viel zu langen Arme rudern erklärungsheischend durch die Luft – geht nur Vorformuliertes über den Tresen: Eine Schallplatte über das Autofahren*, dabei etwas Luftschlagzeug spielen, das freut einen natürlich. Schließlich ist die hergetragene Entspanntheit imagebildend und gleich schwirren diese „Larger Than Life” – Phantasien als innere slide show an einem vorbei. Dabei verdunkelt sich die Projektionsfläche des Autofahrens schnell wieder. Der oberflächige Reiz ist immer derselbe: eine Art Erkenntnisgewinn, herausgekitzelt als vermeintliche Tat einer hedonistischen Lebensweise bleibt halt sich selbst überlassen, als Selbstbeschreibung und Gleich-wieder-Eingefangenes. Das Potenzial erledigt sich von selbst, da nicht weiter nachgefragt wird. Eine abgelöste Handlung ohne Anfang und Ende – diese hat nichts mit dem unterstellten Hedonismus zu tun, denn der kann einfach nicht nur blöd nach Sonnenschirm, Swimmingpool und Longdrink aussehen.

*Auf Chris Reas Webseite fliegt ein Auto zu fernen Planeten. Als Betrachter schaut man über das Lenkrad hinweg auf vorbeiziehende Galaxien…

Später folgen die üblichen Ansagen über die eingefahrenen sozialen Beziehungen: seit x Jahren glücklich verheiratet, endlich ein neues Album, tolles Team, flache Hierarchien. Aber die Namen auf dem Plakat sind so groß geschrieben, dass man sich gleich fragt, was hier neu sein kann: Vorschusslorbeeren zum Gleich-darauf-ausruhen.

Was passiert da im Moment? Gerade wenn der Vorgang noch so inszeniert erscheint, immer wartet man auf ein Zeichen, welches die Oberfläche auflöst und einem gravitätische Erkenntnismuster erschließt. Eine ganze Armada von Realitäten, die nach außen dringen wollen. Bücher füllend, weil die Erkenntnis mächtig zu sein scheint: viel mehr lesen können als die anderen, nicht im Text verloren zu gehen, sich einflechten in ein Netz der kleinen Störungen und Nebenbetrachtungen. Aber die omnipotenten Überblicksphantasien sind längst im Mainstream angekommen und beherrschen die Choreografien der Szenen. Eine zu Ende gerittene Erkenntnis in diesen Situationen ist die übliche Einbahnstraßen-Sarkasmusquelle.* Schulterklopfen als allzeit kompatibles Sich- Verstehen. Diese Berührungen bedeuten etwas, aber die Hand segelt vorbei, generiert ein fades Bild von unbestätigten Projektionen.

*Hollywoodregisseur Paul Verhoeven bedient in seinen Filmen und Interviews diese Erwartungen: z. B. er selbst als Prototyp des erfolgreichen Einwanderers aus Europa – der das Klischee vom Neid auf die Erfolgreichen in der alten Welt pflegt – dieser Neid hätte ihn quasi zur Flucht gezwungen. In seinen Produktionen gibt es dann die kalkulierten Grenzüberschreitungen (Freigabediskussionen), die ihn als Kritiker am System Hollywood erscheinen lassen. Zynische Statements als angebliche Wahrheiten gegen Hollywood – Ideologien.

Zuständigkeitsfloskeln sind dem Unterhaltungswert von Pressekonferenzen abträglich. Gerade Musiker verstecken sich hintern Fachmanngesicht: „Die Plattenfirma will es so, ich bin eigentlich nur Musiker.” Mit wem wird also debattiert? Die Verhältnisse lösen sich so schnell auf, wie sie auch wieder rekonstruiert werden können: Ein Flipchart, eine Hinweisflut – wenn man sie nur lesen möchte. Also, ruhig in der Mitte sitzen bleiben und es weiter aus sich heraussprechen lassen, in Funktion bleiben.

Guided tour (II): Interviews
Some sweet reactions aus der Interviewwelt. Auf dem Weg zum Swimmingpool eines für die nächsten Tage angemieteten Hauses. Peter Bogdanovich in Hollywood, im Jeanshemd den Unabhängigen geben, mit straighter Bauernschläue sein Texas heraushängen lassen und sich darin bewegen. Die fortlaufende Rede galoppiert meilenweit gegen die Realitäten an und formt unvergessliche Schlusssätze: „…hat allein schon mehr gekostet, als Sie je in ihrem Leben verdienen werden.” (Aerosmith Sänger Steve Tyler über seinen neuen Swimmingpool) Die Erzählung als gut genutztes Vehikel für Fremdheit. Das Gegenteil von sich zur Verfügung stellen, vielmehr der Wunsch, die eigene Einzigkeit ein bisschen nett abzubilden. Nicht in Beziehung treten, sondern den Projektionen einen munteren Stand geben, Kritik mit zu kurz gedachten Einsichten zum Stolpern bringen.

Guided Tours (III): Stellvertreterkriege
Die Darstellung von privatem und öffentlichem Leben im Film ist längst in der Katastrophe angekommen*, die zeitgemäßen kulturellen Produkte scheinen bestimmen zu wollen, wie es mit der eigenen Teilnahmefähigkeit aussieht. Private Missgriffe, so die Vorgabe, formen das öffentliche Handeln.

*In P.T. Andersons Film „Magnolia”, eine Art verfilmter Katastrophentourismus durch diverse seelische Abgründe, sind die Verhältnisse von privat und öffentlich untrennbar aneinander gekettet. Die Überschreitungen sind die genreüblichen Extremfälle: Ein todkranker Übervater ist der Produzent einer Fernsehshow, in der die Generationen unheilvoll aufeinander treffen. Dabei wirkt der Zusammenbruch eines Showmasters mitten in einer Live-Sendung merkwürdig unaufgeregt. Eine bekannte, schläfrige Routine spielt gegen die auf Peak getrimmten Verhältnisse des Filmes an. Dem sichtbaren Bemühen eine intensive, dichte Erzählung zu schaffen, steht die reduzierte Botschaft des Films gegenüber: Ein sich an Vaterbeziehungen klammernder Wunsch nach authentischer Gefühlswelt: „Verschiebe nicht auf morgen, was du heute kannst besorgen.”

In der vorgeblichen Zerstörung gesellschaftlicher Masken sind die Formen der Partizipation fest abgesteckt und die Schlüssel abgelegt. Dahinter stehen alte Bekannte: Geschlecht, Herkunft, Mut und Talent – eben die ganze virtuose Gestenmalerei. So wenn Männer zusammenstehen und die Welt begreifen wollen: diese Entscheidungssprünge in aufgereizter Stimmung, das Einbringen von Ideen als reine Selbstvergewisserungsstrategie, sich selbst zum funktionieren bringen.

Die Abgrenzung gegen den Mainstream kommerzieller Kulturproduktion ist längst zur lästigen Floskel geworden. Der Vorbehalt gegenüber Hollywood produziert eine anhaltende Strukturdebatte, die präzise an den Inhalten der eigenen Produkte vorbei geht. Die Inhalte abseits Hollywoods werden nicht besprochen, dafür wimmelt es nur so von unberührbaren Nachtgestalten: Der Bonus der eigenen Authentizität wird dabei sofort gutgeschrieben. Fragt man Regisseure nach ihrer Arbeitsweise, fallen allerdings neoliberale Vokabeln wie „tolles Team, flache Hierarchien” und andere Füllwörter, die man aus den Stellenanzeigen der Tageszeitungen vom Wochenende her kennt. Zwischen der künstlerischen Bewertung und den ökonomischen Wahrheiten kultureller Produktion klafft eine Wahrnehmungslücke. Die Autonomie der eigenen Produkte wird behauptet, obwohl sich die Herstellungsbedingungen immer in der Nähe zur Durchschnittlichkeit des Geldeinsatzes bewegen.

Dabei bieten die wirtschaftlichen Umstände genug Szenerien, zum Beispiel die Erzählung vom Pittoresk-pleite-sein: The hamster is dead, but the wheel is still turning. Das finanzielle Debakel war absehbar und ist längst real, es steht eine ganze Weile neben einem. Man kann es in Ruhe betrachten, es wedelt mit dem Schwanz. Nie erreicht einen der Glaube, es könnte einen wirklich die Beine weghauen, schließlich ist das Ganze schwer kommunizierbar – auch die Pleite sprengt nicht die Autorität unverständlicher Fachtermini.

Die grinsende Gemütlichkeit eines Jeff Bridges in Last Picture Show/Texasville, festgezurrt über dem Abgrund. Das Darüber-hinweg-reden der anderen, die Einsamkeit in den wirtschaftlichen Realitäten. Das Verschwinden der materiellen Welt zwischen Ratenzahlungen. Kreditkarten und Offenbarungseiden. Der gesellschaftliche Fortschritt dokumentiert sich dort auf T-Shirts: „A womans place is in the mall.”

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© ulrich heinke

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Autobiografia http://erich.linkheu.de/?p=240 http://erich.linkheu.de/?p=240#comments Thu, 26 Mar 2009 08:35:52 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=240 Autobiografia

Gespräch über Biografie

Xenopoulos und Wilson sitzen im Auto, man sieht sie durch die Frontscheibe. (Der Text kann an mehreren Stellen unterbrochen werden. Zwischendurch kann die Wischwaschanlage und/oder der Scheibenwischer betätigt werden. Am Ende des Gesprächs fährt der Wagen rückwärts weg…)

X: … geschriebene Biografien folgen dem Muster der Heldensagen, den sogenannten „monomyths”. Also, diesen Geschichten, in denen der Held eine schwere Herausforderung zu bestehen hat…

W: Diese Erzählungen teilen das Leben in verschiedene Abschnitte ein: In der Jugend bereitet man sich auf seine Aufgabe vor, im frühen Erwachsenenalter stellt man sich dieser Herausforderung, später, wenn man älter geworden ist, geht es darum, das Erreichte zu erhalten.

X: Dabei handelt es sich immer um eine personenbezogene, lineare und fortschreitende Erzählweise, die auf einen bestimmten Höhepunkt zusteuert.

W: Die geschriebene Fassung ist die geläufigste Form, in der wir heute Biografien kennen, als Buch, oder als Fortsetzungsgeschichte in der Tageszeitung. Da werden dann irgendwelche wichtigen Personen des Zeitgeschehens abgehandelt. Diese Schilderungen sind oft prototypisch für eine idealisierte Vorstellung des „good life”.

X: Der Vorbildcharakter dieser Biografien bestimmt das Verhältnis von Autor und Leser, oft erscheint es hierarchisch geordnet: Von Lehrer zu Schüler, von alt zu jung, von machtvoll zu machtlos…

W: Die Autobiografie ist dabei eng mit der Entstehung des Bürgertums verknüpft, mit der Idee des self-made-man: Es ist immer eine Erfolgsstory, vom Tellerwäscher zum Millionär…

X: Dabei ist die geschriebene Autobiografie wohl kaum als Modell für die eigene biografische Erzählung geeignet: Was hast du heute so getan?

W: Ja, der 800-Seiten Wälzer über das Leben eines Industriemagnaten im Frühkapitalismus eignet sich bestimmt nicht als Vorlage für die Schilderungen deiner Alltagserlebnisse: Das wär dein Tag gewesen! Es geht um die Selbstpositionierung im Gespräch: Welche Art der Selbstdarstellung benutzt man in den unterschiedlichen Gesprächssituationen und wie platziert man sich selbst in der eigenen Erzählung? Dauernd bist du dabei dein Selbst in den verschiedenen Situationen neu zu erfinden: „Add some flesh to the skeleton”!

X: Trotzdem wird deine Erzählung nicht frei von literarischen Strukturen sein: Linearität des Zeitablaufs, Betonung der Handlungselemente, Ich-Erzählung, alles aus dem literarischen Themenkatalog …, siehe die Heldensagen.

W: Sicher, der positionierte Sprecher und der soziale Druck auf seine Erzählung und Erzählweise sind notwendige Elemente, um jede Erzählung überhaupt als solche erkennbar werden zu lassen. Das bedingt sich gegenseitig: Keine Erzählung ohne Personen, keine Person ohne erzählerisch organisierte Erinnerung.

•••

X: Im Zusammenhang mit der Ich-Erzählung tauchen weitere Fragen auf: In welchen Situationen und auf welche Weise machen die Leute Gebrauch von ihren biografischen Erzählungen? Welche Dinge werden als relevant für die persönliche Geschichte betrachtet?

w: Ständig ändert sich der Text deiner Ich-Erzählung. Deine Erinnerung blendet bestimmte Ereignisse aus, ähnliche Geschehnisse werden oft auf unterschiedliche Weise interpretiert. Gedächtnislücken werden mit bloßen Vermutungen aufgefüllt. Jeder scheint sein eigener Historiker zu sein!

X: Ja, dieser Vergleich hat schon zu mancher Missinterpretation geführt: Das „Ich” als totalitärer Geschichtler, das sich selbst im besten Licht präsentiert. Aber die Methoden der Historiker sind doch grundverschieden zu den Bedingungen deiner Ich-Erzählungen.

•••

W: Wer auf die Erzählung als wesentliches Merkmal der Ich-Konstruktion setzt, tut gut daran, die biografischen Erzählungen nicht auf literarische Beispiele zurück zu führen. Wer aufgrund irgendwelcher literarischen Vorbilder Maßstäbe setzt und so die Ich-Erzählung nach ihrer vermeintlichen Relevanz wertet, setzt nur ein äußeres Reales fest, einen vermeintlichen Standpunkt von dem aus Bewertungen und Einordnungen ausgehen, die nur bestimmte Klischees und Wiederholungen der Ich – Erzählung einschließen: Das erste Rendezvous, eine schwierige Prüfung, usw. …

X: Theorie hat z.B. auch immer eine soziale Repräsentanz, das Wissen über eine Theorie ist gesellschaftlich, das kann auch als Metapher verstanden werden: Eine Person hat verschiedene und wechselnde Erzählungen über sich selbst in den unterschiedlichsten Zusammenhängen, trotzdem wird die Person als Einheit wahrgenommen.

W: Ja, aber die Frage die sich mit der Konstruktion des Ichs durch Erzählung ergibt ist: Wer erzählt die Geschichte eigentlich?

X: Hinter den Ich-Erzählungen steht ein doppeltes und widersprüchliches Konzept des Selbst: Einmal gibt es den Teil der Person, der von anderen beeinflusst, konstruiert und verändert wird, zum anderen scheint ein bewusstes Selbst zu existieren, welches die Ereignisse steuert und beeinflusst. Dabei ist das Bild der persönlichen Identität und Einheit ebenso ein Produkt diskursiver, sozialer Praktiken, wie auch die Annahme der verschiedenen Facetten des Selbst, eben der sozialen Identität…

W: man kommt aber nicht umhin, das Selbst wenigstens als eine theoretische Einheit zu begreifen. Wie jemand sein eigenes Ich erfährt, ist letztlich abhängig vom Gebrauch der eigenen Selbst-Theorie. Jede Person hat ein – wenn auch mehr oder weniger unvollständiges Bild – von den sozialen und individuellen Bedingtheiten seiner Identität. Dieses theoretische Konzept organisiert das Wissen und Handeln dieser Person, hat aber keine andere Referenz als die Person selbst…

X: Du kannst dich auf verschiedene Weise in deine Erzählung einbringen, zum einen kannst du nach einer möglichst objektiven Darstellung deiner Geschichte suchen, in der du selbst nur als ein weiterer Protagonist erscheinst. Du schaffst so eine Distanz zum Erlebten, die nur in einer subjektiveren Schilderung aufgehoben werden kann. Zum anderen zeigst du dich verstrickt mit den Implikationen deiner Geschichte, du scheinst eher den Konsequenzen deines Handelns ausgesetzt zu sein – vergleiche doch mal die Sätze: „Er sagte, ich soll den Zaun reparieren” mit „Er sagte, „Du reparierst den Zaun””.

[PDF]

© ulrich heinke

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Bad Company http://erich.linkheu.de/?p=244 http://erich.linkheu.de/?p=244#comments Thu, 26 Mar 2009 05:38:47 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=244 Bad Company – In schlechter Gesellschaft

„No Clients – no Company” heißt es in der Einleitung. Eine simple und gleichzeitig bestechende Logik. Mehr gibt es eigentlich auch nicht zu sagen, aber … zu lesen und zu lernen.
aus einer Kundenrezension, (amazon.de, August 2002)

In den ersten Minuten des Films „The Godfather” (USA, 1972, Regie: F.F. Coppola, User Rating bei imdb.com: 9.0 von10, 120861 votes), wird das Geschäftsmodell der Mafia entwickelt. Ein Kunde erscheint bei Don Vito Corleone im Büro und fragt eine Dienstleistung (Rache an einem Verbrechen gegen seine Tochter) an. Dafür möchte er den Paten bezahlen. Aber der Pate qualifiziert den Kunden weiter, er erklärt die Regeln. Geld helfe da nicht, sondern er erwarte Freundschaft und Respekt. Die Kunden werden in Abhängigkeit gezwungen, und erst diese angeeignete und kulminierte Macht bringt die Mafia in Position für ihr Dienstleistungsangebot: Schutz. Der Kunde willigt in die Geschäftsbedingungen ein: er verpflichtet sich, ohne Rücktrittsrecht und ohne jegliche Geldzahlung, welche ihn in bequemer Unabhängigkeit belassen hätten.

Der Mafiakunde muss seine eigenen Dienste in das Geschäftsmodell einbringen: er ist Prototyp des arbeitenden Kunden. Die Integration der Kunden schreitet auch in anderen Geschäftsfeldern voran:

„Die Kommunikationsplattform des Internets zerbricht die Informationsbarriere zwischen „Reach” und „Richness” (kleine und unqualifizierte Informationsmengen an viele Kunden bzw. große und qualifizierte Informationsmengen an wenige Kunden). Damit ist es möglich, dem Kunden alle für sein Verständnis der (…) Produkte nötigen Informationen kostengünstig zu übermitteln. (…) Arbeiten können somit direkt an den durch das Web informierten Kunden ausgelagert werden.” (www.e4life.ch)

In „The Godfather” wird zu Beginn des Film das singende und tanzende Patenkind (Künstler) des Mafiabosses aus einem Knebelvertrag mit der Musikindustrie herausgeholt – nach Mafiamethoden :„Entweder sehen wir hier deine Tinte oder dein Gehirn auf diesem Vertrag!”

Anders als das Mafiathema in „The Godfather” ist in Be Cool (USA, 2005, Regie: F.G.Gray, User Rating: 5.5 von 10, 3046 votes),das Thema Musikindustrie nur Kulisse für ironische Distanz zur Kulturproduktion: Talent, Ehrgeiz und Kreativität – darüber spricht keiner ernsthaft. Auch hier befreit Chili Palmer (John Travolta) gleich zu Beginn des Films eine talentierte Soulsängerin aus einem Vertrag mit unfähigen Musikagenten , (nur um Sie dann später mit Steven Tyler von Aerosmith in einem Duett auftreten zu lassen).

KünstlerInnen als KundInnen: gewöhnlich unfähig in geschäftlichen Zusammenhängen zu denken, dienen sie als Support für die Geschäftswelt. Künstler werden in einer Art doppelter Befreiung aus ihrer Kundenposition herausgeholt, als Künstler liefern sie ihre Kreativität dem Geld aus, wer ihre Integrität wieder herstellt erreicht selbst eine erhabene Funktion, er setzt sich über die monetäre Zwänge hinweg und erklärt sich zum sympathischen Freigeist.

© ulrich heinke

[PDF]

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©ontact http://erich.linkheu.de/?p=337 http://erich.linkheu.de/?p=337#comments Wed, 25 Mar 2009 22:02:56 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=337 Please write to
mail@linkheu.de

v.i.s.d.p. ulrich heinke, akeleiweg 50b, 12487 berlin

all photos and texts © ulrich heinke. No reproduction without permission, thank you.

web: tigerworx.de

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vita http://erich.linkheu.de/?p=334 http://erich.linkheu.de/?p=334#comments Wed, 25 Mar 2009 21:51:28 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=334 geboren in Kassel
1989-95 Studium HdK Berlin bei Anna Oppermann
1995-96 Nafög-Stipendium (Nachwuchsförderungsgesetz des Landes Berlin)
1997-00 Atelierstipendium Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur
2003 Arbeitsstipendium Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur
2005 Mitglied im deutschen Künstlerbund

Ausstellungen

1992 größe bitte angeben, allgirls gallery, Berlin
1994 bald von hier, allgirls gallery, Berlin
1995 Singer/Songwriter, Galerie Neu, Berlin (m. Florian Zeyfang)
1997 Bandwagon, Kino Balasz, Berlin, (m. Alexander Schröder)
1998 Professionalität wieder besucht, Forum Stadtpark, Graz
professionalism revisited, MWMWM Gallery, New York
2004 Stipendiatenausstellung Kunstbank, Berlin (m. Axel J. Wieder)
2005 Rotterdam, 2nd hand holidays, allgirls gallery, Berlin (m. Astrid Küver)
2007 Film Beleuchter Streik Letztes Jahrhundert Hollywood, allgirls gallery, Berlin (m. Florian Zeyfang)

Ausstellungsbeteiligungen

1992 Sport, Kaos Galerie, Köln
37 Räume, Kunstwerke, Berlin
Tina Friedrich Art Collection, Transit Galerie, Leuven
1993 Ehen & Wohngemeinschaften, Westwerk e.V., Hamburg,
Ambulance, Le Faubourg, Strasbourg
Simone Löffler, Künstlerhaus e.V., Göttingen
Botschaft e.V., Goethe Institut, Beirut
1995 The First Seven Hours, Independent Art Space, London
dagegen/dabei, Kunstverein Hamburg
close up, Städtische Galerie im Buntentor, Bremen
The Friendly Village, Art Institute, Milwaukee
1996 Rocktexte schreiben, Studio Hellerau, Dresden
Hardmoderne, Neue Literatur in der Informationgesellschaft, Berlin
1999 weekend, Atelierhaus Käuzchensteig, Berlin
2000 Mysliwska, Kunstamt Kreuzberg, Berlin
2002 The RAIN Project, Fotofest, Houston
2003 A-Clip, Berlin
2004 Space Debris, Büro DC, Köln
2005 Starthelfer #1, Deutscher Künstlerbund, Berlin
Die neue (Un)-Sicherheit? Taktiken der Ver(un)sicherung ,
Badischer Kunstverein, Karlsruhe (Videoprogramm)

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Das Ende der Systemgastronomie http://erich.linkheu.de/?p=248 http://erich.linkheu.de/?p=248#comments Wed, 25 Mar 2009 17:41:36 +0000 admin http://erich.linkheu.de/?p=248 Das Ende der Systemgastronomie

Der Blick geht über einen spiegelglatten Bergsee in karger, dürr bewachsener Natur. Plötzlich fliegt von der Seite ein Stein ins Wasser, hüpft ein paar Mal über die Wasseroberfläche und stört das ruhige Spiegelbild. Am Ufer des Sees sitzen vier Personen, zwei sitzen sehr nah beieinander, die anderen stehen mit einigem Abstand zwischen Felsen direkt am Wasser, sie rauchen und schweigen sich an. Die beiden sitzenden Personen unterhalten sich schon eine ganze Weile. Bibi Wach, eine Schriftstellerin, spricht mit Joachim (Jo) Gürtler, einem Autotester, über die bevorstehende Trennung von ihrem Mann Bodo Schönbach, einem TV-Quizmaster. Man möchte im Einvernehmen auseinandergehen.

„Es ist uns beiden klar, dass es einen Schlussstrich geben muss. Die Außenwelt nimmt uns immer noch als Paar wahr, aber das entspricht nicht der Realität. Beziehungen werden stark von deiner Umgebung, den Freunden und den sozialen Umständen bestimmt. Viel mehr, als man es sich eingestehen möchte. Irgendwann hasst du es, wenn die Vorstellungen der Wirklichkeit nicht entsprechen. Du verstellst dich die ganze Zeit. Du bist jemand anderes. Du trägst die Aggressionen in die Beziehung hinein. Alles wird unsäglich kompliziert, eine Zwangsmaschine. Auch die schönsten Momente verpuffen dann, man hat keine Möglichkeit sie zu genießen. Es ist eine totale Sprachlosigkeit. Nach außen drängen nur die Worte, die man selbst schon gar nicht mehr hört: Ja, wir machen alles zusammen, sind heute hier, machen morgen das. Man füllt nur die Lücken aus: Andere Orte, Zeiten, Aufgaben – aber kein Leben.”
Gürtler hat zugehört, hebt wieder einen Stein auf und wirft ihn ins Wasser, er springt viele Male über die Oberfläche, bevor er eintaucht.
Wach blickt zu ihrem Mann hinüber: „Sieh ihn dir an: er und Wilson, es geht immer nur ums Geschäft, immer wieder”, bemerkt Wach.
Gürtler sitzt auf einem Felsen und blickt zu Bibi Wach hinauf. „Weiß Wilson schon, dass ihr euch trennt?”
„Ich denke ja, aber wirst du schlau aus Wilson? Was macht der eigentlich?”
„Geschäfte, aber frag mich nicht was.”
„Ich glaube, der wandert immer auf einem schmalen Grad zwischen legal und verboten. Hat er nicht letztens erst eine Pleite hingelegt?”
„Da bin ich überfragt, er spricht nie über seine Geschäfte. Was macht er mit Schönbach? Planen die etwas Gemeinsames? Die beiden unterhalten sich so aufgeregt, als ob ihnen 1000 Dinge eingefallen wären.”
„Ich mag Wilson, er spielt sich nicht auf, macht seine Sachen, ist offen zu den Leuten. Manchmal denke ich, er hat mit niemanden wirklich ein Problem.”
„Klar, er ist hier der Chef, aber diese Sicherheit, irgendwann ist es langweilig!”
„Das glaube ich nicht, es ist doch schon ein Schritt hier her zu kommen, die Dinge hinter sich zu lassen.” Wach zündet sich eine Zigarette an. „Und…, wie läuft es bei dir in deinem Beruf?”
„Eigentlich wollte ich längst aufhören, aber mein Nachfolger hat, zwei Wochen nachdem er anfing, seinen Führerschein verloren. Stell dir das vor: Als Autotester mit eigener Sendung, ein Desaster. Trunkenheit am Steuer, eine bodenlose Dummheit. Nun bin ich erst mal eingesprungen. Aber ich habe kein Interesse mehr, es hindert mich nur daran etwas neues zu beginnen.”
„Und das Rallye fahren?”
„Im Herbst. Das erste Mal in Argentinien. Ich bin Werksfahrer, jetzt verdiene ich sogar etwas Geld. Schluss mit dem teuren Hobby!”
„Männerschwachsinn!”
„Was? Das Autofahren?”
„Ja, euer ganzes Verhältnis zur Technik. Fühlst du dich sicher darin? Einschätzungen, Urteile über Dinge, diese ganze greifbare Welt um dich herum, alles so qualifiziert!”

•••

Das Restaurant heißt „Sushi and more”. Hinter einer riesigen Schaufensterscheibe steht eine junge Frau und telefoniert mit einem schnurlosen Telefon. Die Scheibe ist von innen beschlagen. Während die Frau spricht, malt sie mit ihren Fingern auf dem Glas. An den unteren Eckpunkten der Fingerzeichnung rinnen Kondenswassertropfen herab. Die Stimme der Frau ist nicht zu hören, von außen sieht man nur die Bewegung ihrer Lippen.
„Wann kommst du endlich her und kümmerst dich um deinen Kram hier? Ich habe ein eigenes Leben! Kannst du dir vorstellen was hier los ist? Und ständig kommen neue Lieferungen mit deinem Plunder. Hast du eigentlich irgendeine Idee, was du mit dem Zeug machen willst?”
Zadie wendet sich von der Schaufensterscheibe des Sushiladens ab und geht zurück in den Gastraum. Sie blickt zornig umher, während ihr Vater am anderen Ende der Leitung spricht. Mit den Augen macht sie der Bedienung Zeichen, an welchen Tisch die Bestellung gebracht werden muss. Durch die Eingangstür tritt ein Kurierfahrer mit einem weiteren Paket von ihrem Vater ein. Sie bedeutet dem Fahrer den Weg durch den Laden hindurch in einen Flur, der schon so vollgestopft ist, dass das Küchenpersonal kaum noch vorbei kommt. Sie geht neben dem Boten mit und spricht in den Hörer.
„Seit 10 Tagen höre ich immer das Gleiche: In zwei Tagen bin ich wieder da. Verstehst du: Ich habe mich zum Examen angemeldet. Ich brauche die Zeit. Wenn du dich bis zum Wochenende nicht hier einfindest, bleibt dein Laden zu!”
Zadie reißt sich den Hörer vom Ohr und ist entsetzt, das sie ihn nicht auf die Gabel knallen kann. Eine Geste, die ihrer Wut eher entsprechen würde. Stattdessen drückt sie in leichter Irritation auf die rote Taste des Handgeräts und ist verwundert über den merkwürdigen Schwung ihres Körpers, als ob sie von einer Schaukel gesprungen wäre. Der Kurierfahrer reicht ihr ein Brett mit Zetteln zur Unterschrift heran. Ein willkommener Ersatz für das fehlende Telefon. Sie knallt das Brettchen auf den Gästetisch, an dem Bibi Wach und eine Freundin sitzen.
„Ich hoffe, es ist alles in Ordnung?” fragt eine leicht erschrockene Wach in Richtung Zadie.
Die murmelt eine Entschuldigung, während sie einen routinierten Kringel auf das Kurierbrettchen malt und daneben ihren Namen in Druckbuchstaben setzt: MARKINSHOLZ.
Wach dreht ihren Kopf um den Namen zu lesen. „Ah, ein Familienbetrieb! Wie geht es dem Papa?”
Zadie blickt ungläubig und ist leise entsetzt. „Wie es ihm geht? Fragen Sie ihn doch selber, wenn Sie ihn kennen! Einfach die Rückruftaste drücken, dann hast du ihn.”
„Ach so, das ist der Grund für die schlechte Stimmung, die können Väter aus dem Nichts zaubern!”
„Hören Sie: Dieses ‘Nichts’ geht mir schon seit zehn Tagen auf die Nerven, dieses ‘Nichts’ um mich herum.” Zadie macht eine ausladende Geste und beschreibt das Lokal. „’Kannst du mal am Wochenende auf das Lokal aufpassen’”, äfft sie ihren Vater nach. „’Schmeiß die Schlüssel in den Briefkasten, ich nehme sie mir am Montag früh raus’. Dienstag früh habe ich den Briefkasten aufgebrochen, seitdem stehe ich hier ununterbrochen im Laden.”
Wachs Freundin mischt sich ein. „Etwas ungewöhnlich für einen Sushiladen, das überbordende Sammelsurium hier.”
„Ungewöhnlich? Es ist der blanke Wahnsinn! Nicht nur der Laden hier, auch der Flur, der Keller, die Wohnung meines Vaters, alles vollgestellt mit Ramsch. Angeblich wertvolle Ausstattungsstücke aus irgendwelchen Filmen:
- Gitarre eines Musikers
- auf der Bühne
- bestimmtes Konzert
- besonderes Lied
- gerissene Saite
oder:
- Hochzeit eines Filmhelden
- Motorradtankkappe
- graviert
- Erinnerungsstück
- einziges Exemplar auf der Welt.
Die Ketten des angeblichen Sinngehalts lassen sich endlos aneinander hängen und ich will damit nichts zu tun haben!”
„Verschenken Sie es doch!” schlägt Wach vor.
„Gut, was wollen Sie haben?” Zadie greift hinter sich, ergattert ein längliches Paket, welches der Bote eben gebracht hatte und schiebt es auf Wachs Tisch.
Wach blickt amüsiert, nimmt das Paket und dreht es einige Male herum. „Hast du Lust, zu mir in die Sendung zu kommen? Wir könnten das Paket zusammen öffnen, wer weiß was drin ist? … und dann reden wir noch ein bisschen über dich! … und deinen Vater.”
Zadie verzieht das Gesicht. „Was für eine Sendung?”
„Also gut, wir reden nur über dich!” sagt Wach und reicht Zadie ihre Visitenkarte.

•••
Xenopoulos schwebt in einem Fensterputzkäfig hoch über den Straßen von Singapur. Der einzige Platz in der Stadt an dem man rauchen darf. Die Plattform schwankt leicht hin und her. Es weht ein warmer Wind. Xenopoulos presst seinen Kopf an eine Scheibe der Hochhausetage, die er gerade putzt. Es ist ein großes Appartementhaus. Die Wohnung in die er hineinblickt scheint nur selten bewohnt zu sein. Die Einrichtung wirkt steril. Keine persönlichen Gegenstände liegen herum. Einige Möbel sind abgedeckt. An den Wänden hängen Bilder, die, wären sie echt, ein Vermögen wert sein müssten. Xenopoulos entschließt sich, die Bilder für täuschend echte, hochwertige Drucke zu halten.
Xenopoulos hört das Piepen des Windmessers. Die Böen sind zu stark geworden, er muss den Käfig wieder hochziehen. Die Arbeit ist für heute erledigt. Es schwankt auch schon unangenehm stark. Xenopoulos entschließt sich Feierabend zu machen, aber gleich kommen ihm wieder Gedanken, wie er in dieser langweiligen Stadt seine Freizeit bestreiten soll. Mit den Kollegen in eine Bar gehen? Das bringt vielleicht zwei Stunden, aber es ist teuer und die zusammengewürfelte Truppe spinnt nur wieder das bekannte Seemannsgarn von abgesoffenen Stapelläufen und nicht bezahlter Heuer. Vor 23 Uhr kann er nicht in sein Billighotel zurückkehren. Er teilt sich dort ein Zimmer mit zwei anderen Wanderarbeitern. Kommt er früher, muss er wieder mitsaufen und dazu fehlt ihm heute die Energie.
Xenopoulos war unter die Jobber geraten, aber unter die elitärste Form von ihnen, jenen, die sich auf der ganzen Welt verdingen. Die Welt, eine einzige Jobbörse, die Leute driften von Land zu Land aus den unterschiedlichsten Motiven. Der Pass muss allerdings in Ordnung sein, sonst sind die Drei-Monats-Visa kaum zu bekommen. Man gibt sich als Malocher, gilt aber als privilegierte Ausgabe von ihnen. Ungezählte Briten, die ungezählte Whiskeys trinken.

•••
Bibi Wach steht im Flur ihrer Vier-Zimmer-Altbauwohnung und telefoniert mit ihrem alten Telefon, diesem grauen mit Wählscheibe. Wach ruft ihre Freundin an, mit der sie auch im Sushiladen von Markinsholz Tochter Zadie war, die eigentlich Sarah heißt, der aber dieser Name nicht mehr so gut gefällt.
„Hi, Margret, dieser Finanzberater, den du mir auf den Hals…”
[...]
„Ja, schon gut, ist ja nicht so schlimm, sag mal, wie heißt der denn noch gleich? Da hat gerade so jemand angerufen, Marksholz oder so ähnlich.”
[...]
„Wie, kann nicht sein? Der stand schon vor der Türe, da hab ich ihm gesagt er soll drüben beim Italiener warten, ich sei gleich da. Du, ich habe gar keine Lust, den zu treffen…”
[...]
„Wie? Kann er nicht sein? Wer denn dann?”
„Das solltest du vielleicht herausfinden.”
„Kommst du Mittwoch ins Studio?”
[...]
Wach verlässt das Haus über einen alten Fahrstuhl im Treppenhaus. Draußen regnet es. Der Italiener ist gleich um die Ecke. Leider ist heute Ruhetag. Markinsholz steht vor der geschlossenen Türe.
Wach kommt auf ihn zu. „Das tut mir leid, ich habe Sie verwechselt. Sind Sie nicht dieser Finanzberater?”
„Nein, nein, wie kommen Sie denn darauf? Ich hätte mich am Telefon wohl klarer ausdrücken sollen. Mein Name ist Markinsholz, ich handele mit Antiquitäten, um es mal so zu sagen.”
„Gehört Ihnen nicht das ‘Sushi and more’?”
„Richtig, woher wissen Sie das?”
„Oh, ich habe Ihre Tochter kennen gelernt, die ist nicht so gut auf Sie zu sprechen, glaube ich.”
„Ja, nun bin ich aber wieder zurück.”
„Weiß sie das denn schon?”
„Nein, bin gerade eben erst angekommen, ich werde mich heute Abend um den Laden kümmern.”
„Sagen Sie, können wir nicht woanders hingehen?” Markinsholz war schon ganz nass geregnet.
„Gehen wir, setzen wir uns in mein Auto.” Wach zieht einen Schlüssel aus der Tasche, die Blinker eines Autos in unmittelbarer Nähe leuchten auf. Die beiden steigen in den Wagen.
„Also, weshalb wollten Sie mich sprechen?”
„Ich war gerade in Italien, habe Ihren Ex-Mann Schönholz und seinen Freund Wilson getroffen.”
„Und?”, Wach ist leicht genervt, als sie diese beiden Namen hört.
„Wissen Sie, ich sammele Antiquitäten, vielmehr nostalgische Dinge, Memorabilia von Stars, besondere Momente und so.”
„Leichenfledderer?”
„Nein, es ist eher historisches Interesse. Kannten Sie Gürtler, den Autotester, ich suche das Fahrzeug, in dem er damals verunglückt ist, ich glaube es steht bei Wilson.”
„Ich kenne Gürtler, aber er ist nicht verunglückt, jedenfalls nicht mit seinem eigenen Wagen, und auch nicht tödlich. Das ist so ein blöder Mythos, dass der Autotester hinter einem Lenkrad zu sterben hat. Gürtler war schon lange nicht mehr im Beruf, als er … aber was geht sie das an?”
„Wissen Sie ob noch ein Wagen existiert, bei Wilson vielleicht?”
„Woher soll ich das wissen, Sie waren doch gerade da, ich bin damals nur einmal dabei gewesen. Wir hatten auch einen kleinen Unfall… Warum hetzen sie diesen ganzen Sachen hinterher? Ihrer Tochter stehlen sie die Zeit, so kurz vor dem Examen. Sie nutzen ihre Geduld aus, um irgendwelchen Phantomen hinterher zu jagen. Übermorgen wird ihre Tochter übrigens in meiner Sendung zu sehen sein, Kanal 18, ab 15h.”

Zurück auf Anfang:

Bibi Wach steht am Telefon im Flur und spricht mit ihrer Freundin Margret.
„Nein, ich brauche keinen Steuerberater!”
[...]
„Wann kommt der?”
[...]
„Heute? Es ist Sonntag!”
Es klingelt. „Na toll, Margret, …Moment.” Bibi Wach geht zur Tür und betätigt die Gegensprechanlage. „Hallo, hören Sie, es passt mir heute gar nicht.”
Vom anderen Ende kommt ein Knistern herüber. „Mein Name ist Markin…”
„Hören sie, ich bin noch nicht so weit, sagen wir in einer halben Stunde, gegenüber beim Italiener.”
„Ja, gut, ich werde dort auf Sie warten”, krächzt es aus der Anlage.
Wach ergreift das Telefon. „Hör zu, Margret, nur dir zu Liebe, aber könntest du mir diese Dinge in Zukunft bitte selbst überlassen?”
[...]
„…Ja, ja ich weiß!”
[...]
„…ist in Ordnung!”
[...]
„Nein, morgen ist Sendung!”
[...]
„Na, die Kleine aus dem Restaurant.”
[...]
„Nein, nein, ich zeichne es auf! Also, hasta la vista, tschau.”
Als Wach ihr Haus verlässt, sieht sie vor dem Italiener Markinsholz im Regen stehen, der Italiener hat Ruhetag.

•••
Xenopoulos blickt auf die Karte:
P A R A S I T E
Jo L. Courier
By-Loads
A Worldwide Agency
Der Taxifahrer schaut in den Rückspiegel. „Also, ich weiß nicht wie ich die Fahrziele zusammen bekommen soll. Der Herr hinter mir fährt jetzt in die ganz falsche Richtung.”
Xenopoulos wendet sich an seinen Nebensitzer. „Sie sagten doch, es würde auf Ihrem Weg liegen!”
Courier antwortet. „Hey, nehmen Sie es leicht, ein kleiner Umweg.”
Xenopoulos blickt auf seine Armbanduhr, den Bürotermin würde er jetzt kaum noch schaffen. Also was soll es. „Ich möchte hier raus, bitte halten Sie sofort an!”
„Das hier ist die Stadtautobahn, unmöglich hier zu halten, warten Sie bis zur nächsten Ausfahrt”, sagt der Taxifahrer, der nervös nach hinten blickt, während Xenopoulos sein Portemonnaie umständlich aus der Gesäßtasche zieht.
„Was kostet das jetzt? Fahren Sie die Nächste raus!”
Plötzlich gerät das Taxi in einen Stau auf der Autobahn. Kurzes Schweigen im Taxi, Xenopoulos blickt nach draußen in den Regen. „Also gut, das dauert mir jetzt zu lange, ich steige hier aus!”
„Das dürfen Sie nicht!”
Xenopoulos hält einen 100 € Schein in Händen. „Kann den jemand wechseln?”
„Wie viel wollen Sie denn zahlen?” fragt Courier.
„Weiß nicht, einen angemessenen Anteil.”
Der Taxifahrer will jetzt nicht wechseln. „Wir fahren ja noch.”
„Ich habe nur Plastikgeld dabei”, bemerkt Courier.
Xenopoulos zögert, schließlich legt er das Geld in die Mitte der Rückbank. Es gießt in Strömen. Xenopoulos öffnet die Tür und lässt das Geld liegen.
„Geben Sie mir ihre Karte, ich schicke Ihnen das Geld zurück!”
Aber Xenopoulos hat schon die Tür geschlossen und steht mitten auf der dritten Spur der Stadtautobahn. Er quält sich durch den Stop-and-Go-Verkehr, erreicht den Standstreifen und läuft in einen höllenlauten Tunnel, bis er eine Notausgangstür erwischt. Durch das dahinterliegende Treppenhaus gelangt er nach oben in die parkähnliche Überbauung der Stadtautobahn. Vor einer großen Ventilatorenschaufel, die die Abgase aus dem Tunnel nach oben treibt, bleibt er stehen und ruft mit dem Handy im Büro an. Er sagt, dass er später kommt.
Eine Stunde später ist Xenopoulos im Büro. Ziemlich gehetzt, läuft er gleich in den Konferenzraum. Dort stellt er fest, dass die Konferenz auf einen späteren Zeitpunkt verlegt wurde.
„Hey Xeno, nicht da rein! Die Konferenz ist verschoben. Wir sind hier die rote Gruppe, Gelb ist erst heute Nachmittag.”
Xenopoulos dreht sich um. „Gibt es einen Grund dafür?”
„Heute kamen zwei Gegendarstellungen, die recht stichhaltig zu sein scheinen. Der Chef tobt jedenfalls.”
Xenopoulos sind diese Zustandsbeschreibungen aus und über die Chefetage eigentlich immer zuwider. Er arbeitet hier, die Anderen tun es auch. Warum soll man sich immer so emotional involvieren lassen? Xenopoulos fragt noch einmal nach.
„Also, um 15h hier unten, ja?”
„Ist korrekt!”
„Okay, danke!”
Ohne weitere Worte zu verlieren schiebt sich Xenopoulos langsam in Richtung Büro. Die Tür ist abgeschlossen. Er erinnert sich, dass sein Schreibtischnachbar für heute einen Auswärtstermin angekündigt hat. Er freut sich auf einen Vormittag ohne belanglose Bürogespräche. Er schliest die Tür auf. Sein Postkörbchen ist leer. Er greift zum Telefon.
„Die Post schon durch?”
[...]
„Ja? Danke.”
Xenopoulos Schreibtisch sieht viel zu aufgeräumt aus, zu leer, zu wenig nach Beschäftigung. Für die nachfolgende Konferenz sollte er sich lieber eine Strategie zurechtlegen, denkt er. Heute geht es um seinen Bereich Biografie. Xenopoulos hat diesen von Markinsholz übernommen, der ein ziemliches Chaos hinterlassen hat. Aber die Zeit, in der das für Xenopoulos eine bequeme Ausrede war, scheint jetzt abgelaufen zu sein. Allerdings ist er nicht so weit, dass er auch nur einen Gedanken hat, wie es weitergehen soll. Markinsholz hat eher die traditionelle Seite bedient, also die Heldengeschichten. Xenopoulos denkt anders darüber. Er will die Sache offen halten, die Biografien nicht so zuspitzen, versuchen mehr ein Forscher in diesen Dingen zu sein. Aber konkrete Projekte hat er nicht zu bieten und jetzt wollen die Leute etwas hören. Xenopoulos sieht sich im Büro um, nichts erinnert ihn an seinen Vorgänger. Er hat auch keine persönlichen Dinge mitgebracht, vor ihm liegt nur eine Art hedonistisches Besteck: Eine Ausgabe von Condé Nast Traveller, ein altes großes Handy und Autoschlüssel mit Lederanhänger aus dem die Markenplakette herausgebrochen war. Xenopoulos sieht sich nicht als Ideenlieferant. Jedenfalls kann er keine Rezepte vorlegen und will das auch gar nicht. Auch möchte er sich nach einem halben Jahr nichts aus den Fingern saugen, weil das eh unprofessionell herüberkommen wird. Xenopoulos steht auf und blickt aus dem Fenster in das trübe Grau des Vormittags. Dann schreitet er die Wand mit den Aktenschränken ab und zieht willkürlich ein paar Schübe auf. Alles leer bis auf ein paar alte Projektmappen von Markinsholz, die dieser aber alle ausgeräumt hat. Xenopoulos schiebt die Akten mit den Fingern auseinander. In einer Akte befnden sich noch ein paar Zettel. Er wirft die Akte auf seinen Schreibtisch. Ein paar ausgeschnittene Zeitungsartikel segeln heraus und landen auf dem Boden. Xenopoulos geht vor den Schreibtisch um ein Papier aufzuheben. Es ist ein Ausschnitt aus einer italienischen Zeitung, zwei Männer sind händeschüttelnd auf einem Foto zu sehen. Ein Mann hält einen Präsentkorb, der andere scheint ein wenig überrumpelt worden zu sein und macht eher gute Mine zum bösem Spiel.
In der Bildunterschrift entdeckt Xenopoulos den Namen Markinsholz, den Text versteht er nicht. Er geht ins Nachbarbüro und fragt nach, ob jemand italienisch kann. Der Typ, der ihn vorhin wegen der Konferenz zurückgepfiffen hat, greift sich den Artikel.
„Um was dreht es sich denn?” Der Kollege tritt ein Stück zurück und deutet auf das Bild. „Das…, den Rechten meine ich, das ist Markinsholz, den anderen kenne ich nicht.”
„Und was steht in dem Text?” möchte Xenopoulos wissen.
„Kann auch nicht so gut italienisch, aber es geht um einen Flughafen.”
„Soviel weiß ich auch schon!” ruppt Xenopoulos los, greift sich die Mappe und geht zurück in sein Büro.
Zurück am Schreibtisch findet er einen anderen Zeitungsausschnitt mit demselben Foto. Doch diesmal ist das Foto seitenverkehrt abgedruckt worden. Xenopoulos legt die beiden Zeitungsausschnitte nebeneinander. Dann geht er die Artikel nach Namen durch. Markinsholz steht da, aber auch ein anderer Name: Amon Barett Wilson. Xenopoulos schreibt die Namen auf ein Blatt und heftet die beiden Zeitungsausschnitte an die Pinnwand in seinem Büro. Die einzige Neuanschaffung, die Xenopoulos im Büro aufgestellt hat. Leider ist die oben angebrachte Lampe defekt und wirft ein flackerndes Licht auf die Tafel.

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Keith Barish, Filmproduzent von u.a. „9 1/2 Wochen” ist Mitbegründer der Restaurantkette „Planet Hollywood”. Barish war wohl der erste, der ein neues Werbekonzept für seine Systemrestaurants entwickelte, in dem er seine Idee einfach an ein paar berühmte Hollywoodstars verkaufte: In der Form von Aktienanteilen an seiner Firma. Er selbst hielt sich dabei im Hintergrund, obwohl keiner vermutete, dass Stallone, Schwarzenegger, Willis und Moore tatsächlich etwas mit dem Alltagsgeschäft zu tun hätten. Die Geldquelle der Promikette sind die Mythenwerte der Filmindustrie, die globale Vermarktung der bekanntesten Filmthemen. Teile von Filmausstattungen stehen in den Restaurants herum. Filmausschnitte laufen auf von der Decke hängenden Monitoren. Dazwischen die Pseudointegration der Restaurantbesucher: Karaoke singend sind die Gäste zu sehen, in kurz zuvor aufgezeichneten Videoclips.
Nach einer Pleite wurden die meisten Expansionspläne auf Eis gelegt. Neue Anteilseigner wurden gefunden, unter anderem Ong Ben Seng aus Singapur, der Teile von Planet Hollywood in sein Firmenimperium einbrachte. Zum Vorstand von Planet Hollywood gehört auch Robert Earl, der Mitbegründer der Hard Rock Cafe Kette. Bekannt durch diese T-Shirts, die man als Jugendlicher niemals tragen sollte, weil es total out ist. Allerdings sehen Hemden mit der Aufschrift: „Hard Rock Cafe Bombay” in ihrer kargen, dünnen Baumwollausführung und besonders brüchig gewirkten Stickerei schon wieder recht anziehend aus. Obwohl man aus der Ortsbezeichnung kaum noch einen Witz machen kann, da man die Themenrestaurants eh an jedem Fleck der Erde erwartet.
Natürlich ist es ein kluger Schachzug, Filmidole als Shareholder einzusetzen. Ihr Image transportiert etwas Glamour. Es sieht nicht ganz wie ein abgekartetes Spiel aus, wenn die Stars bei Eröffnungen auflaufen, an denen sie ein Interesse haben teilzunehmen, auch wenn es nur ihrem Aktienpaket auf die Sprünge helfen soll. Nun ist Planet Hollywood mittendrin mal pleite gegangen, aber vom liberalen US-Konkursrecht auch wieder aufgefangen worden. Das Interesse für diese Art von Lokalen scheint allgemein zurückzugehen, zu viele ähnliche Konzepte drängen auf den Markt. Das Ganze sieht nach Ausverkauf aus.
Die Filmimages und Memorabilien im Planet Hollywood haben einen internationalen Charakter, weil die Hollywoodgeschichten universell sind. Aber die Dinge entstammen einem industriellen Prozess und sind, anders als irgendwelche Gitarren und Halstücher von Rockstars, keine wirklichen ehemaligen Besitzstücke. So hat man es mit Filmausstattungsgegenständen zu tun, also weitgehend mit anonymen Produktionsteilen, die in Zeiten der Digitalisierung vielleicht noch nicht einmal real existierten.
Eine Idee wäre es, eine Umkehr dieses Prozesses einzuleiten. Die ehemals künstlich aufgeladenen Gegenstände wieder einer Verwertung zuzuführen. Für Leute, die mit dem kulturellem Raster nichts anfangen können.
Die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse bei Planet Hollywood offenbaren natürlich ganz andere finanzielle Verstrickungen. Eigentümer rund um den Globus, die sich monopolymäßig ein Reich zusammen kaufen und selbst die bizarrsten Geschichten der Vetternwirtschaft produzieren. Da sie sich dabei aber spektakulär nur in lokalen Verhältnissen gerieren, nimmt die Welt daran nicht sonderlich Anteil, siehe OBS und seine Immobiliengeschäfte. Die Entstehung von Planet Hollywood ist natürlich alles andere als eine glamouröse Begebenheit, sondern ein mehr oder weniger solides Geschäft. Gerade kann Planet Hollywood seinen Geist preiswert im Internet auferstehen lassen und präsentiert dort eine Webpage mit trivialen Fragen aus der Filmgeschichte und einigen praktischen Funktionen um junge Leute längerfristig an sich zu binden. Es gibt sicher coolerer Plätze. Trotzdem ist es interessant, wie das Image von Planet Hollywood an solchen Plätzen Wiederauferstehung feiert. Eine Verjüngungskur zur Lightvariante.

Es gibt die Oberfläche der Restaurants mit ihrem Corporate Design und es gibt die Geschichten der Inhaber dahinter, deren oligarchischer Lebensstil vielleicht eine andere Art von Themenrestaurants irgendwann einmal inspirieren wird.

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Paralleluniversum Singapur, die Immobiliengeschichte. Das Haus an dem Xenopoulos die Fenster geputzt hatte, gehörte der Firma Hotel Property Ltd. (HPL). Eigentümer war Ong Ben Seng (OBS). Die Firma hatte also dieses Haus mit dem Namen „Nassim Jade” gebaut, es stand selbstverständlich in der besten Gegend Singapurs. Ein Vorstandsmitglied der HPL aus der Familie Lee bekam eine Wohnung in diesem Haus mit einem kräftigen Rabatt verkauft, was den Anteilseignern der HPL natürlich gar nicht passte, denn die wollten auch alle gerne etwas kaufen, aber der Verkaufsbeginn ließ auf sich warten. Dagegen gab es einen in der Branche nicht unüblichen „soft launch”, d.h. ausgewählte Personen konnten sich vor dem offiziellen Verkaufsstart die besten Stücke schon einmal herauspicken, und das taten Mitglieder der Familie Lee ausgiebig. Die Preise waren exorbitant, die Nachlässe für die Familie Lee allerdings auch. So kosteten die Wohnungen bis zu 4,5 Millionen €, Preisnachlässe gab es bis zu 750.000 €. „Soft Launches” gehen alle in die Firma Involvierten etwas an, so auch die Anteilseigner. Sie hätten darüber informiert werden und auch ein Vorkaufsrecht erhalten müssen. (Später fielen allerdings die Immobilienpreise um etwa die Hälfte.) Auch der stellvertretende Ministerpräsident erwarb über seine Tante eine Immobilie im Nassim Jade und erhielt so 12% Rabatt. Die Appartements wurden schnell wieder mit Gewinn verkauft. Die Anteilseigner protestierten und elf Monate nach den dubiosen Geschäften wollte sich die Leitung von HPL reinwaschen und eine nachträgliche Erlaubnis für ihre Geschäfte bekommen. Nach alledem trat das Mitglied der Familie Lee aus dem Vorstand der Firma HPL aus. Aber einige Fragen sind bis heute unbeantwortet. Wer entschied, dass die Appartements an die Lee Familie verkauft wurden? Wer erlaubte der Tante des stellvertretenden Ministerpräsidenten ihre Wohnung an den Neffen abzugeben? Wie viele Leute haben tatsächlich so hohe Rabatte bekommen? Die Regierung, in Person des Finanzminister hatte die Idee, dass die Familie Lee ihre Rabatte dem Staat erstatten sollte. Die tat das auch, dann kam aber gleich die Frage auf, warum tat sie das? Fühlt sie sich schuldig? Und dann überwies der stellvertretenden Ministerpräsident auch noch Geld an die Lee Brüder zurück, weil er Schwierigkeiten erwartete, wenn er das Geld behalten hätte. Der Premierminister setzte nun eine Kommission ein, die den Fall untersuchen sollte, aber anstatt Leute auszuwählen, die sich mit der Materie auskannten und unabhängig waren, nahm er Leute aus dem Finanzministerium, die nicht ganz so unabhängig schienen. Außerdem sollte eine Parlamentsdebatte stattfinden, allerdings machte der Premier darauf aufmerksam, das jeder, der im Parlament kritische Äußerungen machen würde, sofort von Lee verklagt würde.
„So viel zu einer offenen Debatte”, schrieb ein Beobachter aus Singapur. Später rief Lee OBS dazu auf, eine Pressekonferenz zu halten. Dort erklärte OBS, das es eine gute Werbung für sein Unternehmen sei, wenn Lee bei ihm eine Wohnung kaufen würde. Die Frage blieb, warum dann die ganze Familie etwas erwerben durfte? War das auch wegen des Wettbewerbs? Warum mussten die Preisnachlässe sein, wenn es genug Interessenten für die Wohnungen gab? Außerdem lud OBS nur inländische Presseleute ein, so dass kritische Fragen ausblieben. In der späteren Parlamentsdebatte wurden die Lees und der stellvertretende Premierminister von den Vorwürfen entlastet.
Während einer Parlamentsbefragung sprach Lee über fast alles, nur nicht zu den Fragen rund um die Immobilienaffäre mit HPL. Später sagte ein Politiker der Arbeitspartei, dass die falschen Leute mit der Untersuchung betraut wurden, obwohl es die zuständigen Anti-Korruptionsinstitutionen in Singapur doch geben würde. Daraufhin wurde er von den beiden mit der Aufklärung betrauten Ministern verklagt. Aber der Mann der Arbeitspartei hatte recht mit seinen Zweifeln, niemand der beiden Politiker hatte einen Bericht geschrieben, obwohl die Sache so bedeutungsvoll war. In dem Bericht hätten einige Fragen beleuchtet werden können, z.B. wieso die Lees nichts von der Höhe ihrer Preisnachlässe gewusst haben wollen, obwohl sie im Besitz der Preisliste waren. Warum sie keine Informationen über Lee Saan Yew und seine Frau „Auntie Pamelia” herausließen. Auch über die Käufe der gesamten anderen Lee Familie fanden sich keine Informationen. Das Fehlverhalten von HPL in der Sache, die Nichtanrufung der Anteilseigner: Es fand sich in keinem Bericht. Die Sache wurde großflächig vertuscht. In Singapur wird mit zwei Arten von Recht gehandelt. Lees Familie scheint über dem Recht zu stehen, während Lee selbst nicht zögerte, Leute vor die Antikorruptionskommission zu zerren. Beschuldigte Politiker begingen Selbstmord oder es ereilte sie der Herzinfarkt während des Prozesses.

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„Nein, das habe ich vom Restaurant, da läuft alles in Zeichensprache. Wir müssen dafür sorgen, das es schnell geht”, sagt Zadie zu Wach, als sie über die Flure des Senders laufen. „Was willst du mich eigentlich fragen?”
„Wir packen erst einmal dieses Paket von deinem Vater aus und dann sehen wir weiter… oder wir fangen mit dem Restaurant an! Was du dort machst, so zum locker werden…”
„Ist es etwa live?”
„Nein, wir zeichnen auf, ich kann aber noch nicht sagen, wann es gesendet wird. Ich hoffe gleich morgen.”
„Ich habe deine Sendung, ehrlich gesagt, noch nie gesehen. Wann läuft sie?”
„Wir haben täglich eine Sendung, die ist bis zu drei Stunden lang.”
„Drei Stunden, jeden Tag? Das ist doch Wahnsinn!”
„Na, es ist ein kleiner Sender und die Sendung ist nicht durchgehend live. Vieles ist improvisiert und braucht keine Vorarbeit und ich bin zwar die Gastgeberin, aber mein Dazukommen ist nicht immer zwingend erforderlich.”
„Gibt es in deiner Sendung Momente, wo gar nichts passiert?”
„Schwer zu sagen, es passiert eigentlich immer etwas, das ist aber nicht immer eine Geschichte, es gibt verschiedene Momente, Verfahren…”
„Du, ich glaube ich verstehe deine Sendung nicht!”
Wach lacht. Dann kommen sie in Wachs Studio. Es herrscht keine allzu große Betriebsamkeit.
„Hast du viele Zuschauer?”
Wach will nicht recht antworten, für sie sind diese Zahlen nicht so interessant, man kennt sie halt. Auf ein paar Prozent kommt es ihr nicht an und den Produzentinnen auch nicht, denn das sind ihre Freundin Margret oder sie selbst.
„Die Zahlen schwanken stark, also, über die, die tatsächlich zusehen, aber die Sendung ist bekannt, die Leute reden darüber ohne sie wirklich zu kennen, die Sendung ist in.”
„Aber die Leute reden doch immer über Dinge, die sie nicht verstehen.”
Wach lächelt und hält Ausschau nach einer Aufnahmesituation im Studio. Ein Mitarbeiter mit 100 Metern verheddertem Kabel sagt ihr, dass die meisten Mitarbeiter auf dem Dach sitzen, wegen Mittagspause und Sonnenschein, er werde auch gleich hochkommen, zum Kabel aushängen.
„Weißt du, ich mag diese Studioatmosphäre nicht so besonders, dieses ganze ausgeschlagene und abgewetzte Equipment, die seltsamen Gestalten mit ihren noch seltsameren Fachgebieten, die einem alle Ideen austreiben wegen geht nicht. Ich versuche den Laden klein zu halten.”
Zadie ist schon auf dem Weg zur Treppe, da rät Wach zum Fahrstuhl, etwas lustlos trottet Zadie zurück. Auf dem Dach ist gerade der Kabeltyp angekommen, sonst sitzen dort noch drei Frauen, mit Multifit-Drinks im Plastikbecher und anderen Wellness Produkten.
„Die Chefin will wohl arbeiten?” wirft eine von ihnen in die Runde und schwingt sich schon auf.
„Bibi, wir wollen heute hier auf dem Dach bleiben, wegen der Sonne, ich hole Equipment hoch. Um was geht es? Interview mit der Kleinen hier?”
Zadie blinzelt.
„Wo ist eigentlich das Geschenk, was wir auspacken wollten?” fragt Wach.
„Unten am Eingang bei meinen Sachen.”
„Okay, wir holen das hier hoch.”
„Willst du mich wirklich auf dem Dach interviewen?”
„Wie? Gefällt es dir nicht?”
„Ich finde es affig.”
„Gut, dann gehen wir ins Studio.”

Wach und Zadie treffen in einem riesigen Raum mit vielen Ausstattungsgegenständen ein. Wach erklärt: „Wir benutzen gern Gebrauchtes hier, aus Talk- und Gameshows. Passt farblich nie zusammen, aber es ist abwechslungsreich: Hier die letzte Sportsendung auf einem öffentlichen Kanal, das lief vor zwei Jahren noch bei uns.”
Zadie ist nicht besonders interessiert. „Wo nehmen wir jetzt auf?”
„Die sind jetzt alle auf dem Dach, ich spreche erst mal so mit dir, nimm irgendwo Platz, ich hole dieses Paket.” Wach verschwindet auf einer komischen Treppe nach unten. Auf halber Höhe fragt sie Zadie. „Kennst du diese Treppe noch?”
Die zuckt mit den Schultern.
„Poppy Stairs to Heaven! War das nicht deine Zeit?”
Zadie kuckt verstört. Als Wach zurück kommt, hat sie einen Praktikanten im Schlepptau und das Päckchen in der Hand. „Mats kann uns eben aufzeichnen, kein Problem.”
Mats stellt eine DV auf ein wackliges Stativ. Er beschwert sich grummelnd über das Licht und alle schieben sich umständlich auf die andere Seite. Wach fängt unmittelbar an zu sprechen. Die etwas sperrige Situation soll sich nicht manifestieren. Mats ist nervös, aber Wach winkt ab. Wach beginnt das Gespräch ganz pragmatisch ohne Einleitung.
„Zadie setz dich mal hier auf das Ding.”
Wach deutet auf ein hochliegendes, buntes Teil aus Schaumstoff auf einem Stoß Möbelkartons. Während Zadie bis unter die Decke klettert und den Kopf schon leicht einziehen muss, bleibt Wach unten vor ihr stehen.
„Das dürfte dir bekannt vorkommen, diese Enge!” sagt sie zu Zadie.
Die schweigt.
„Dein Vater war letzten Abend bei mir, hat er sich schon bei dir gemeldet?”
„Was er ist hier?” Zadie springt von ihrem Hochsitz. „Nein, hat sich noch nicht gemeldet! Ist ja toll, und was wollte er von dir?”
Mats humpelt herum, die ersten Bilder werden schon aufgezeichnet.
Wach antwortet. „Dein Vater sammelt ja in aller Ausführlichkeit. Memorabilia, wenn man die Souvenirs von Filmstars und anderen mal so nennen darf.”
Zadie steigt noch nicht ganz ein. „Wenn er in der Stadt ist, kann er was erleben, aber wegen der Fernsehsendung wollte ich heute eh nicht aufsperren, da wollte ich lieber hier Werbung machen!”
„Tut er das schon lange, dieses Sammeln?”
„Seit ich denken kann. Er war ja für diesen Verlag tätig, hatte diesen Beruf, wo es auch um Promis ging.”
„Er war Journalist?”
„Nein, so`ne Art Herausgeber für seinen Bereich, nicht für alles.”
„Was war denn das erste, was dein Vater anschleppte?”
„Das weiß ich nicht mehr, aber bald war in unserem Haus kein Gegenstand mehr, der nicht irgendeine besondere Geschichte hatte. Unser erstes Auto war z.B. ein Amphibienfahrzeug, welches in einem alten, deutschen Film vorkam, weiß nicht mehr welchen.”
„Und? Warst du gleich genervt von dem ganzen Zeug?”
„Nur immer davon, dass er sagte, die Sachen würden irgendwann mal ganz wertvoll. Das war immer der Grund, dass dauernd wieder etwas angeschafft wurde, aber er behielt ja alles, nichts wurde zu Geld gemacht. Ich glaube gar nicht, dass die Dinge etwas wert sind. Gut, wenn sie noch funktionieren, aber die dazugehörige Geschichte kennt doch keiner und wer will sicher sein, dass das alles stimmt.”
„Hat dein Vater immer viele Geschichten auf Lager?”
„Nein, das war immer so ein: Das kommt aus dem und dem Film, so eine kurze Geschichte, damit man wusste was damit war… aber eigentlich war doch gar nichts damit.”
„Als dein Vater bei diesem Verlag aufhörte, dann fing seine Sammelwut aber erst richtig an.”
„Ja, weil er meinte frei zu sein und reisen zu können, aber da hat er dann immer das Restaurant vergessen, in dem ich aber mein Geld verdienen musste. Er verlässt sich immer darauf, das ich aufsperre, wegen des Geldes. Gestern kamen ja auch wieder so viele Sachen an.”
„Gut, das ist das Stichwort.”
Mats mischt sich kurz ein. „Wenn ihr besser alle zu mir Richtung Kamera sprecht, ihr habt kein Mikro angeklemmt.”
Wach legt den länglichen Gegenstand auf den Tisch. „Zadie, willst du auspacken?”
„Wieso”, gibt Zadie zurück. „Das ist doch gar nicht für mich.”
„Also, mach ich das!” sagt Wach und beginnt an dem Teil herumzufummeln. Heraus kommt ein ziemlich neu aussehendes Kaminbesteck.
„Oh”, sagt Zadie. „Das hat er wohl für sich selbst gekauft. Also, er meinte, in unserem Haushalt würde das fehlen…”
„Und, es klebt auch noch ein Preis dran, also hat das wohl keine Geschichte.” Wach muss lachen.
„Aber jetzt hat es eine,” sagt Zadie ganz nett. „Es wurde in deiner Sendung ausgepackt.”
„Stimmt”, Wach lacht weiter.
„Gehst du zurück in den Laden?”
„Nein, nein! Ich versuche ihn zuhause zu erreichen, dann hat er noch die Chance selbst im Laden zu stehen, sonst hat er Pech gehabt.”
Mats blickt hinter der Kamera hervor und will eigentlich Schluss machen, aber er wartet noch auf ein Signal von Wach.
„Willst du eigentlich gar nicht wissen, wieso dein Vater bei mir war?”
Zadie verdreht etwas genervt die Augen und hofft, dass jetzt nicht so ein Erwachsenenzeug kommt.
„Er sucht einen Rennwagen, von jemanden den ich kannte.”
Zadie blickt uninteressiert. „Und?”
Wach lacht. „Wollte ich dir nur sagen, einen Rallyewagen.”
„So, so.” Zadie schiebt sich in ihrem Stuhl vor.

•••
Wach bringt Zadie nach Hause. Die beiden sind mit Wachs Wagen in der Stadt unterwegs.
„Jetzt hast du wieder mehr Zeit für dich, wenn dein Vater da ist und den Laden übernimmt.”
„Abwarten! Ich bin mir gar nicht so sicher, ob er tatsächlich in den Laden kommt. Hat er dich nicht über deinen Mann ausgefragt und diesen Autotester.”
„Ja, aber die hatten eigentlich nie etwas miteinander zu tun. Früher, klar, da kannten sie sich, aber die waren noch nicht einmal richtige Kollegen.”
Wach bremst scharf vor einer Ampel. Hinter ihr hupt eine andere Autofahrerin. Wach blickt in den Spiegel. „Musst du jetzt irgendwohin? Sonst lass uns doch noch etwas essen.”
„Ja, essen kannst du, ich würde gerne etwas trinken.” Zadie streckt sich im Wagen aus.
Wach blickt leicht spöttisch zu ihr hinüber. „Isst du nie?”
„Hab schon, willst du mich jetzt kontrollieren?”
„Ich merke schon, ein heikles Thema.” Hinter Wach hupt es wieder, es ist schon ein paar Sekunden lang grün. „Ja, ja!”
Wach fährt los, nach 20 Metern biegt sie, ohne zu blinken, auf den Parkplatz eines italienischen Restaurants ein. Das wird mit langen Hupen quittiert. Wach grinst. Der Italiener ist in einem 60er Jahre Flachbau an der Ausfallstraße untergebracht.
Zadie blickt skeptisch auf die grün und rot blinkende Leuchtreklame. „Warst du hier schon einmal?”
„Nein, aber oft dran vorbeigefahren.”
Zadie springt zwei Waschbetontreppenstufen hinauf und wirft einen Blick auf die Karte im Aushang.
„Ich dachte, du willst nichts essen.”
Wortlos öffnet Zadie die Tür. Wach folgt ihr. Das Restaurant ist völlig leer. Es ist nachmittags, die beiden bleiben vor den Tischen stehen. Wach entdeckt die Gästeterrasse hinter dem Haus.
„Lass uns doch draußen sitzen.”
Wach und Zadie durchqueren das Restaurant und betreten eine kleine, mit Kübelpflanzen abgegrenzte Fläche. Am anderen Ende des Hofes ist die Ecke mit den Müllcontainern. Ein Ober kommt und bringt die Karte. Er zündet eine gläserne, tropfenförmige Öllampe an, die mit grün gefärbtem Petroleum gefüllt ist.
„Schon etwas zu trinken?”
Wach verlangt eine Weißweinschorle.
Zadie weiß noch nicht. „Ach, auch eine Schorle.”
Wach sieht sich um, legt die Karte erst einmal weg. „Kennst du jemand von den Leuten, die dein Vater da in diesem italienischen Kaff besucht hat?”
„Nein, aber du kennst sie alle!”
„Ja, das ist alles etwas seltsam: Wir treffen uns in eurem Restaurant und dein Vater hat eine Verabredung mit meiner Vergangenheit in diesem Kaff in Oberitalien.”
„Ich glaube, er interessiert sich nicht allzu sehr für die Leute dort. Mein Vater sammelt diese Sachen. Also, er wollte doch dieses Auto von dem Autotester, oder?”
„Ach, das ist so ein Unsinn! Er glaubt, Gürtler wäre in diesem Wagen verunglückt, aber es war völlig anders. Die Unfälle liefen alle sehr glimpflich ab, aber er durfte später, wegen einer Erkrankung, kein Auto mehr fahren.”
„Haben Sie etwas gewählt?” Der Ober steht am Tisch.
Zadie lächelt und hebt beide Hände ausgestreckt Richtung Wach.
„Haben Sie etwas auf der Tageskarte?”
Der Ober will die Karte öffnen und Wach vorlegen, die hat aber keine Lust zu lesen.
„Nudeln?”, fragt Wach. Ihre Hände halten die Karte fest.
Der Kellner zählt drei Gerichte auf. Wach bestellt das eine Gericht mit der Soße vom anderen Gericht und ruft dem Ober noch etwas hinterher. „…und einen kleinen Salat, bitte.” Sie fragt Zadie. „Und du möchtest wirklich nichts?”
Zadie greift sich die Karte. „Vielleicht etwas kleines.”
Wach fährt fort. „Will dein Vater mit den Sachen Geld verdienen?”
„Das behauptet er jedenfalls. Du, warum stellst du eigentlich alle Fragen aus dem Interview noch mal?”
„Oh, habe ich das gefragt? Ich wollte in dem Interview gar nicht nach deinem Vater fragen.”
„Hast du aber, die ganze Zeit!”
Wach versucht es sich ins Gedächtnis zu holen. „Stimmt, das war vielleicht etwas einseitig.”
Der Ober bringt Brot. “Soll es für Sie auch etwas sein?”
„Ja, die 15, bitte.”
Der Ober verschwindet.
„Was ist die 15?”
„Artischockenherzen mit Schafskäse überbacken.”
Eine gewisse Trostlosigkeit macht sich bei Wach für einen Moment lang breit. „Ach, jedenfalls war dein Vater gestern Abend bei mir, deshalb mein frisches Interesse.”
„Das sagtest du schon. Du hättest ihn doch auch in die Sendung zerren können.”
Der gemischte Salat kommt.
„Ich finde ihn ehrlich gesagt nicht so prickelnd.”
„Ich weiß, er ist eine Schlaftablette. Wenn er auf sein Thema kommt, gibt es kein Ende mehr.”
„Dachte ich mir schon.”
„Aber von ihm hättest du vielleicht mehr erfahren.”
„Darum ging es aber nicht.”
„So? Und weshalb fragst du mich die ganze Zeit aus?”
„Sei nicht unfair! Es ging doch um deine Probleme …”
„…mit meinem Vater! Ich hatte das Gefühl, in einer Therapiestunde zu sein.”
Die Nudeln kommen.
„Die Carfiori al Forno dauern noch einen Moment.”
„Ich werde das Interview selbst schneiden. Du bekommst es als erste zu sehen. Du entscheidest, ob es so gesendet wird.”
Zadie trinkt einen Schluck Weinschorle. „Hast du etwas zu rauchen?”
Wach zieht eine Schachtel aus der Jackentasche.
„Du solltest dich selbst um das alles kümmern.”
„Was meinst du?” fragt Wach nach.
„Na, mit den Leuten dort in Italien. Dein Ex-Mann ist doch auch dabei.”
„Ja, und? Die Betonung liegt auf Ex! Um was soll ich mich denn kümmern?” Wach ist etwas ungehalten.
„Ja,” Zadie zögert, „da scheint es doch Konflikte zu geben. Der…, wie heißt er gleich? …Wilson hält doch etwas zurück.”
„Ich glaube, ich weiß gar nicht um was ich mich da kümmern soll.”
Die Artischocken kommen.
„Fahr doch hin, ist bestimmt nett da. Führ´ ein paar Interviews oder mach Urlaub.”
„Ich weiß, ich mag diese uneindeutigen Arbeitsvorgaben.”
„Das Gespräch mit mir ist ja vielleicht auch Banane.”
„Warte doch ab, das weißt du doch noch gar nicht.”
„Ich glaube, …ich war immerhin dabei!”
„Was mich stört an deinem Vater ist dieses distanzlose Interesse an den Dingen. Alles wird über einen Kamm geschert. Der negiert doch seine ganze Persönlichkeit mit dem Krempel über den er dauernd spricht.”
„Alle Männer definieren sich über Dinge, Beruf und so weiter.”
Wachs Pager piepst. Sie zieht ein schwarzes Kästchen aus der Jackentasche. „Ach, das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Komm Zadie, wir müssen weg.”
„Was ist los?”
„Passenderweise gibt es einen Fundus, der heute aufgelöst wird. Dekorationen für meine Sendung. Passt doch zu unserem Thema.”
Wach und Zadie zahlen am Tresen, dann verlassen sie das Restaurant

•••
Xenopoulos fährt mit einem klapprigen JeepTM vor eine große Blechhalle in einem Gewerbegebiet. Er steigt mit einem Mann aus dem Wagen aus. Sie gehen ein paar Schritte zum Gebäude hin. Xenopoulos deutet auf den Eingang, an dem noch die Umrisse einer großen Leuchtreklame zu sehen sind. Dann öffnet er die Heckklappe des JeepsTM und holt einen schweren Werkzeugkasten heraus. Auf dem Weg zur Halle spricht er mit dem Mann neben sich.
„Ich habe es vor zwei Monaten in den Nachrichten gesehen. Sie zeigten Luftaufnahmen von den beiden Restaurants hier unten in Florida. Darunter war in Laufschrift die Nachricht über den Konkursantrag und die Aussetzung der Börsennotierung zu lesen. Der Sprecher nannte die Zahl der arbeitslos gewordenen Mitarbeiter und die weitaus geringere Zahl von Beschäftigten, die in einer anderen Filiale der Kette untergekommen waren.”
An der Tür angelangt, öffnet Xenopoulos mit einen Schraubenzieher ein Siegel. Dann sucht er einen passenden Schlüssel in einer alten Kunstledertasche. Nach mehreren Versuchen öffnet Xenopoulos ein riesiges, verrostetes Tor, das er mit aller Kraft einen halben Meter aufschieben kann. Der Mann wartet nicht lange ab, sondern drängt sich an Xenopoulos vorbei in den überdachten Hof des Gebäudes. Hier lagern Gartenstühle, Bänke und Getränkefässer.
„Alle leer”, ruft Xenopoulos, als der Mann einen prüfenden Blick auf die Fässer wirft. „Die vollen hat die Brauerei wieder abgeholt, auch die noch unbenutzten Gartenmöbel haben sie gleich eingesackt.”
Der Mann tut uninteressiert.
„Ist der Gastraum offen?”
„Die ganz rechte Tür müsste gehen, hier nehmen Sie die Taschenlampe, wenn es Ihnen zu dunkel wird. Die Oberlichter sind jetzt aber freigemacht, die waren abgeklebt.”
Der Mann nimmt die Taschenlampe.
„Und Sie gehen nicht hinein?”
„Bisschen staubig da drin, wenn es nicht unbedingt sein muss …, Sie werden sich zurecht finden, es ist nur ein großer Raum …”
Der Mann verschwindet hinter der Stahltür. Xenopoulos bleibt draußen und blinzelt in die Sonne, er steigt über eine kleine Metallschiene, die das äußere Tor führt. Das Funkgerät in seinem Auto empfängt einen schrillen Signalton. Durch ein Seitenfenster greift Xenopoulos das Sprechgerät und drückt zweimal auf einen Knopf an der Seite, das lästige Piepen hört auf. Am anderen Ende meldet sich die Zentrale der Überwachungsfirma, für die Xenopoulos arbeitet.
„Der Chef will wissen, ob ihr schon das Objekt erreicht habt?”
„Ja, vor drei Minuten.”
„Der Insolvenzverwalter hat noch eine zweite Partei zur Besichtigung eingeladen, die steht jetzt bei uns im Geschäft!”
„Dann muss die jemand herbringen.”
„Das ist die Frage. Wie lange bist du denn noch da?”
„Der Typ ist eben erst hinein gegangen. Wenn sofort jemand herkommt, kann ich noch warten, sonst könnte ich den Schlüssel hier irgendwo hinterlegen!”
„Xenopoulos, dass ist das Problem! Ich habe hier zwar jemanden, der den Mann zu euch raus fahren kann, der hat aber keine Zeit dort zu bleiben und zu warten.”
Xenopoulos blickt über das Dach seines JeepsTM und fixiert einen entfernten Punkt.
„Wenn er gleich losfährt, warte ich.”
„Danke, Xeno, ich schicke den Typen sofort los, der Sohn vom Chef fährt ihn.”
„Hätte ich mir denken können!” spricht Xenopoulos laut, nach dem er das CB-Teil auf den Beifahrersitz hat fallen lassen. Xenopoulos weiß genau, warum diese Sicherheitsfirma nicht sein Fall ist: zuwenig Angestellte, ein Familienbetrieb, da bist du immer nur die zweite Wahl.
Xenopoulos blickt zur Halle hinüber, die vor kurzem noch ein Restaurant einer weltweit agierenden Hamburgerkette beherbergte. Nun war hier nichts mehr. Ein Multiplex lag ein paar hundert Meter entfernt, dazwischen nur Parkplätze. Etwas abseitig vom Kino standen ein paar Autos, sicher von den Angestellten, die nicht direkt vor dem Eingang parken dürfen. Ein Fahrzeug fährt in einen großen Bogen quer über den leeren Platz. An den Absenkungen für die Regenableitung nickt die Motorhaube jedes Mal ein Stück nach unten. Xenopoulos blickt zum Lokal, der Typ ist noch drinnen. Xenopoulos entschließt sich in die Halle zu gehen, einfach um den Mann ein bisschen zu unterhalten, ihn in ein interessantes Gespräch zu verwickeln, die Zeit zu überbrücken.
Als Xenopoulos den Raum betritt, ist es dort stockdunkel. Nur langsam gewöhnen sich seine Augen an die Dunkelheit. Der Mann hat die Taschenlampe auf den Tresen gestellt. Der Lichtkegel strahlt matt an die Metalldecke der Halle, von der zwei große, schwarze Lautsprecher herunterhängen. Der Mann hat einen Laptop aufgeklappt. Das Display leuchtet blau in den Raum hinein. Daneben steht ein Stativ, auf dem sich ein schwarzer Kasten dreht. An der Wand sieht Xenopoulos den Lichtstrahl eines Laserstrahls entlang fahren, einen kleinen roten Punkt.
„Können Sie draußen bleiben?” spricht der Mann mit erhobener Stimme ohne sich umzudrehen. Er läuft langsam um das Stativ herum, um nicht selbst eine Fehlmessung auszulösen. „Ich berechne gerade die Raumgröße.”
Xenopoulos tritt wieder aus der Tür hinaus und stellt sich gleich neben den Eingang, draußen ist es sehr grell. „Lassen Sie sich Zeit!” ruft er in die Halle hinein, ohne eine Antwort zu erwarten.
Nach einer Weile hört er den Mann aus der Halle nach ihm rufen. Xenopoulos muss einen Moment lang geträumt haben.
„Wissen Sie, ob die ganzen Filmsachen, also diese Memorabilia, hier noch irgendwo sind? Die Räume sehen ein wenig kahl aus.”
Xenopoulos dreht sich um und stellt sich in den Türrahmen. „Ich glaube, die wurden auf die anderen Restaurants verteilt oder eingelagert.”
„Genauer wissen Sie das nicht?”
„Wir sind hier nur für die Überwachung verantwortlich, was der Kunde mit dem Objekt…, die Interna, da wissen wir auch nur das was in…”
„Schon gut! Danke! Sie können das nicht wissen, vergessen Sie die Frage.” Der Typ klappt seinen Laptop zu und schiebt das Stativ zusammen.
Xenopoulos ruft hinein. „Wollen Sie den Rest, die anderen Räume auch noch sehen?”
„Danke, es ging mir nur um die Größe der Halle hier! Sie können mich jetzt zurückfahren.”
„Haben Sie es eilig?” fragt Xenopoulos. „Ah, Sie haben die Taschenlampe auf dem Tresen stehen lassen. Warten Sie, ich hol sie. Tragen Sie erst mal Ihr Zeug hinaus.”
„Ah, danke!”
Xenopoulos geht in die Halle, gut fünf Meter an dem Typ vorbei. „Schlechte Luft hier, was?”
„Ja, steht etwas.”
Xenopoulos greift die Lampe. Im Hinausgehen leuchtet er die Decke ab. Karge weiße Mauern schließen mit dem Blechdach ab, völlig entkernt das Ganze, fast komplett leergeräumt.
„Ich kannte den Laden nicht, bin selbst neu in der Gegend hier”, sagt Xenopoulos.
„Wegen des Jobs?”
„Ja, musste mal in eine andere Umgebung. Lief zuhause nicht so, wie ich dachte.”
Der Typ hat alles zusammengetragen und im JeepTM verstaut. „So, kann losgehen!”
Xenopoulos blickt auf seine Uhr.
„Wenn es gehen würde…, ich muss noch auf einen Kollegen warten. Es gibt nur diesen einen Schlüssel hier.”
Der Mann blickt irritiert. „Wie lange dauert das?”
„Der müsste gleich da sein, ist vor 20 Minuten in der Zentrale los.”
„Viertelstunde?”
Xenopoulos nickt.
Der Mann hakt nach. „Kann man das noch anders regeln?”
Xenopoulos wartet einen Moment. „Klar, ich kann ihn mal anfunken.”
Xenopoulos steigt in den JeepTM. Der Mann blickt durch das Seitenfenster hinein. Misstrauische Blicke treffen sich kurz. Xenopoulos ist die Sache jetzt unangenehm. „Zorro 12 ruft Zorro 1! Bitte kommen!” Jetzt noch mal mit „melden” denkt Xenopoulos. „Zorro 1 bitte melden, hier Zorro 12!”
Ein Krachen kommt aus dem Lautsprecher. „Was gibt es?”
Xenopoulos dreht sich vom Mann weg, blickt starr durch die Frontscheibe. Das Spiralkabel des klobigen Sprechgeräts spannt sich. „Hier Xenopoulos, wann seid ihr vor Ort?”
„Meinst du eigentlich das Ding hinterm Three Deserts Inn oder das in der Oak Tree Mall?”
„Äh…, Steve, Three Deserts Inn!”
„Shit, Xeno, dann dauert’s noch. Ich fahre nämlich dummerweise gerade in diesem Moment auf den Parkplatz der Oak rauf.”
Xenopoulos spürt eine Hitzewelle in sich aufsteigen. Schweiß läuft in den Kragen seiner schwarzen Uniformjacke. „Das ist jetzt aber sehr ungünstig, Stevo!”
„Ja, toll! Woher soll ich das wissen! Wenn man mir Ex-Planet sagt, dann habe ich zwei Möglichkeiten…”
„Eben!”, denkt Xenopoulos.
„…ich war mir sicher zur Oak, sonst hätte ich noch mal nachgefragt.”
„Wie lange brauchst du jetzt?”
„Ich muss jetzt erst mal tanken, Kaffee wäre auch nicht schlecht. Schwer zu sagen, vielleicht 45 Minuten.”
Xenopoulos überlegt. „Der Mann hier muss seinen Flieger schnappen. Ich schließe zu und fahr los.” Xenopoulos wendet sich zu seinem Mitfahrer um. „Wann geht Ihr Flieger?”
„Ich muss noch den Wagen holen, steht bei Ihnen vorm Büro. Gibt es keinen anderen, den Sie hierher schicken können?”
„Das löst nicht unser Problem, es gibt nur diesen einen Schlüssel.”
„Lassen Sie doch einfach offen.”
„Ich ruf noch mal die Zentrale an, Sekunde, … Zorro 12 an Zentrale, bitte kommen!”
„Hallo Xeno, willkommen in der Nachtschicht!”
Xenopoulos hat es kommen sehen, jetzt auch noch Schichtwechsel, nun darf er alles nochmals erklären. „Ist der Chef noch da?”
„Wünscht du mir keinen guten Abend mehr?”
„Guten Abend! Ist der Chef noch da?”
Kurze Pause.
„Schon weg?”
Der Mann hinter Xenopoulos greift sich das Funkgerät. „Hören Sie! Hallo? Können Sie bitte sicherstellen, dass ich jetzt hier wegkomme.”
„Wer sind Sie denn? Xeno, wer quatscht da?”
„Erich Linkheu, ein Kunde Ihrer Firma, und ich stehe auf einem öden Parkplatz und will zurück in Ihre öde Stadt um schleunigst von ihrem öden Flugplatz zu verschwinden.”
„Xeno, bist du da? Ich weiß nicht, was jetzt gerade das Problem ist.”
Der Mann reicht den Hörer an Xenopoulos zurück. Xenopoulos erkundigt sich.
„Also, ist irgend jemand da, der mir auf halber Strecke zwischen Three Desserts Inn und Zentrale entgegenkommen kann? Und frag jetzt bitte nicht wieso!”
Kurzes Schweigen in der Leitung. „Was hast du denn da für einen Komiker im Schlepptau? Ein richtiges Herzchen! … also gut, Xeno, ich ruf mal rein für dich!”
„Wie lange dauert das jetzt?” fragt Linkheu nach kurzen Zeit.
„Sie ruft gerade rum.”
Das Funkgerät meldet sich.
„Xeno, hör mal: Stevo hat sich gemeldet, er ist auf dem Weg zu dir. In 30 Minuten ist er da, aber das wüsstest du auch schon.”
„Ja, das weiß ich in der Tat!”
„Okay!”
Xenopoulos steigt aus und geht um das Auto herum. Mit wenig Lust Linkheu in die Augen zu blicken spricht er über das Autodach hinweg. „Alles klar, ich schließe ab und dann geht es gleich zurück.”
Linkheu dreht sich zu Xenopoulos und blickt ihm hinterher, der geht schon Richtung Halle, beschleunigt seine Schritte und erreicht das Tor. Er will es nur zuschieben, entscheidet sich aber, eine alte Holzlatte quer über die Riegel zu legen, damit es wenigstens so aussieht, als sei abgesperrt. Er geht zurück zum Wagen. „Steigen Sie wieder ein. Jetzt geht es los!”
Beide schwingen sich zugleich auf ihre Sitze und ziehen ihre Sicherheitsgurte. Xenopoulos wartet mit seiner Gurtschnalle bis sich Linkheu angeschnallt hat. Klick, eine Sekunde vergeht, klick. Xenopoulos startet den Motor und setzt den Wagen in Gang, fährt quer über den Parkplatz zur Einfahrt; als er über den Gehweg auf die Straße einbiegt, schaltet er das Licht ein.
“Was war das Problem?”
Xenopoulos blickt auf die Straße, die Frage war ein Friedensangebot. Er weiß, dass er jetzt ausführlich werden muss. „Ein Mitarbeiter von uns ist mit einem weiteren Interessenten hierher unterwegs und wie gesagt, es gibt nur den einen Schlüssel.”
„Na, Sie haben doch offen gelassen. Die Halle ist sowieso fast leer.”
„Hören Sie! Ich bin bei dieser Firma angestellt, wenn da jemand rein geht und sich die Knochen bricht, habe ich das an der Backe.” Xenopoulos erschrickt sich selbst ein wenig bei dem Gedanken, aber in den nächsten zehn Minuten wird hoffentlich keine unautorisierte Person den Schuppen betreten.
„Können Sie mir verraten, wer der andere Interessent ist?”
„Sie wissen, dass ich das nicht kann.”
„Ist vielleicht nur ein Scout, rufen Sie doch mal durch, das dürfen Sie ruhig.”
„Ich weiß was ich darf!” Xenopoulos schenkt sich weitere Worte. Er überlegt, ob Steve die Hürde mit dem quer steckenden Holzbalken wohl überwinden kann… Ihm fällt ein, dass er den Schlüssel ja auch dort hätte deponieren können, jetzt fährt er ihn in der Jackentasche spazieren.
„Was macht es schon? Warum sollen sie vor der offenen Tür stehen und warten? Ich rufe sie an.” Xenopoulos greift zum Sprechgerät. Wie immer meldet sich Steve beim dritten Anruf.
„Ja, was gibt es denn? Wir sind in 20 Minuten da. Seid ihr noch vor Ort?”
Xenopoulos schielt zu seinem Fahrgast hinüber, der scheint einen Moment lang abgelenkt zu sein. „Nicht mehr,” quetscht Xenopoulos heraus um gleich etwas nachzuschieben. „Der Mann hier fragt nach wie dein Beifahrer heißt. Nur rein interessehalber. Er meint, er kenne viele aus der Branche.”
Es vergehen einige Sekunden. Steve antwortet. „Wilson.”
Sofort fragt Linkheu nach. „Amon Barett Wilson?”
„Mein Mann hier möchte jetzt glaube ich auch mal etwas sagen.” Xenopoulos reicht Linkheu das Mikro.
„Hi, Amon? Hier ist Erich von Teaspoon und Partner.”
Am anderen Ende meldet sich Wilson. „Hallo Linkheu! Wie geht es dir?”
„Ich glaube du bist eine Minute zu spät. Die Kiste habe ich hier abgeräumt.”
„Linkheu, seid wann bist du im Kaufrausch. Ich dachte du bist bei Teaspoon der Bedenkenträger, Controller, oder was sagt ihr dazu?”
Schön, einmal nicht Steves Stimme aus dem Lautsprecher zu hören, denkt sich Xenopoulos. Er projiziert den Satz „ …er spürt, wie sich eine Männerfreundschaftsblase zwischen unbebauten Grundstücken ausdehnt” auf einen hinimaginierten Teleprompter in der Windschutzscheibe. Er macht eine ruckartige Lenkbewegung, um den Ekel abzuschütteln. Hinten rumpelt das Stativ durch den Kofferraum, oder war es der Laptop?
„Hey! Vorsicht Meister! Denken Sie, wir könnten zurückfahren, ich würde dem Herren von der Konkurrenz gerne mal die Hände schütteln.”
Linkheu hat rote Flecken im Gesicht. Xenopoulos schiebt die kleine Frage „Und Ihr Flug?” in ein Gedankenwölkchen über seinen Kopf und hängt ein Fragezeichen dahinter. „Das ist kein Problem, an der nächsten Ausfahrt kann ich wenden. So muss ich jedenfalls die offene Tür nicht erklären.”
Xenopoulos weiß: Jetzt ist ein günstiger Moment um etwas aufs Gas zu drücken. Das ist Kundenorientierung, außerdem will er vor Steve auf dem Parkplatz stehen.
„Darf ich noch mal?” Linkheu deutet auf das Funkgerät.
„Rechts drücken und halten. Und wenn Sie gesprochen haben, das Loslassen nicht vergessen.”
„Fragen Sie den Wilson mal, ob sein Haus in Italien wirklich den Berg heruntergerutscht ist.”
Kurzes Schweigen in der Leitung. „Nein, es war nur der Pool – er erzählt es ihnen gleich.”
Xenopoulos blickt mit Freude auf den leeren Parkplatz, als er wieder vor die „Gewerbeimmobilie in Toplage” fährt. Von Steve ist weit und breit nichts zu sehen. Er schaltet den Motor ab und lässt den JeepTM bis an das Tor heranrollen. Xenopoulos öffnet die Wagentür, steigt aus und schiebt das Holzbrett beiseite. Er schaut sich nach dem Vorhängeschloss um, das er aber nirgends entdecken kann. Hinter ihm biegt Steve auf den Parkplatz ein. Er dreht eine theatralisch große Platzrunde und stoppt mit aufgeblendeten Scheinwerfern vor Xenopoulos JeepTM. Ein großer, untersetzter Typ, braungebrannt, weiße Haare, mit Jeanshemd, steigt durch die hintere Türe aus. Steve bleibt sitzen und lässt den Motor laufen. Er grinst, aber wegen des hellen Scheinwerferlichts kann Xenopoulos ihn kaum erkennen. Steve stoppt die Maschine, die Scheinwerfer funzeln als orange-gelbes Standlicht. Wilson reicht seine Hand durchs Beifahrerfenster und begrüßt Linkheu. Er nickt kurz zu Xenopoulos hinüber, der gerade die Situation zusammen sammelt und feststellt, dass jetzt doch alles gut gelaufen ist und die Sache passt. Die 25 Minuten, die er jetzt schon Feierabend hätte, sind nicht der Rede wert. Wieder eine Stunde Mehrarbeit, die angeblich gar nicht ins Gewicht fällt.
Steve steht mittlerweile neben der Fahrertür. „Hi Xeno, kannst du die beiden Helden zum Flughafen bringen, ich muss für meinen Vater noch ein paar wichtige Dokumente ausliefern.”
Xenopoulos lässt die Fensterscheibe ganz nach unten gleiten, hebt den Arm und sagt ohne auf seine Uhr zu gucken, dass er jetzt schon seit einer halben Stunde Feierabend hat. Er grinst zu Steve hinaus, der sicher um zehn auf irgendeiner Party sein will und sich vorher noch in seinem begehbaren Kleiderschrank umziehen möchte.
„Ich gebe dir 100 $, soviel habe ich noch hier, wenn du die beiden nachher wegbringst.”
So ein großzügiges Angebot überrascht dann doch. Kein blödes Gelaber von „die halbe Schicht übernehmen”, was eh nie klappt. 100 $, einfach so!
“Ja, gut!” antwortet Xenopoulos und hält ein paar Sekunden später den Schein in Händen.
„Danke Xeno, bist ein Kumpel! Wiedersehen die Herren, mein Kollege bringt Sie dann zum Flughafen. Ich wünsche einen angenehmen Nachhauseweg”, sagt Steve und bewegt sich langsam rückwärts gehend auf sein Auto zu. Er winkt noch kurz zu Xenopoulos, den ein unangenehmes Gefühl durchfährt. „War nett Sie alle kennen zulernen.”
Steve dreht sich um und wippt sich mit zwei Schritten in Richtung Fahrertür seines Oldsmobile. Er fährt sofort los und ist schon bald vom riesigen Parkplatz verschwunden. Xenopoulos sieht ihn noch im Verkehr stadteinwärts mitschwimmen. Er starrt kurz auf das lederbezogene Lenkrad vor ihm, dann schiebt er den Hunderter in die Hosentasche, blickt hinaus und sieht die beiden Immobilienspezialisten in die Halle eintreten.
„Die Tür ist offen!” ruft er hinterher. Einen Moment zu spät halt, aber Job ist Job.
Xenopoulos beschließt aus diesem Abend noch etwas zu machen. Er fährt die Scheibe hoch, steigt aus und öffnet den Kofferraum um Werkzeug zu holen. Mit der Fernbedienung verschließt er den Wagen und geht Richtung Halle. Schnell erreicht er die beiden Männer, die sich kurz hinter dem Eingang unterhalten.
„Hallo, ich werde uns da drinnen mal richtig Licht machen. Wollen Sie auch etwas vermessen?” wendet sich Xenopoulos an Wilson.
„Ja, schon” antwortet der etwas missmutig, da er gerade aus dem Kollegengespräch rausgeixt wurde. „Oder ich übernehme deine Ergebnisse, Erich. Du hast sicher alles parat, hab ich Recht?”
„Hast du ein gängiges Speichermedium dabei?” singt Linkheu.
„Wie wäre es mit drahtloser Datenfernübertragung?” pfeift Wilson zurück.
„Genial, ich hole nur schnell den Rechner aus dem Wagen, oder können Sie das kurz für mich erledigen, Herr Xenopoulos?”
Xenopoulos stellt den Werkzeugkoffer ab und geht zurück zum Wagen. „Brauchen Sie sonst noch etwas?” ruft er Linkheu zu.
„Nein!”
Wilson schaltet schon einmal seinen Laptop ein. Linkheu blickt Xenopoulos entgegen, der mit Laptoptasche auf ihn zuläuft. Xenopoulos hat den Eindruck, dass er nur sehr langsam näher kommt, als befände er sich in einem Zug und würde entgegen der Fahrtrichtung laufen. Linkheu nimmt ihm gleich den Laptop aus der Hand.
„Ich sage dir gleich: Der Raum reicht nicht ganz für die normale Warenkonfiguration. Von den drei möglichen Settings passt nichts hundertprozentig. Ich glaube wir werden dem Kunden abraten.”
„Und Sortimentsanpassung?”
„Wollen die nicht, Marktforschung sagt: Hier läuft nur das volle Programm!”
„Ich schau es mir trotzdem einmal an.”
„Dieses Gebäude war bis vor kurzem noch ein Themenrestaurant”, wirft Xenopoulos in die Runde.
„Das vorläufige Ende von Planet H., ich weiß. Die haben auch drei Geschäfte in Florida geschlossen, nur noch Orlando ist offen”, erläutert Wilson. Er hat beim Frühstücksfernsehen heute morgen gut aufgepasst.
„Wo war noch Ihr Kollege? Oak Tree? Haben die auch zugemacht?”
„Ja, ist aber schon wieder vermietet, war gleich weg. Liegt neben einer gut frequentierten Mall.”
„Das dürfte hier draußen schwieriger werden. Das Multiplex läuft auch nicht.”
„Und Ihre Kunden, was suchen die?”
„Ich würde für drei Monate eine Kartbahn reinholen, das bringt die Jahresnettokaltmiete, wenn man das Ding selbst betreibt.”
Xenopoulos möchte etwas mehr hören. „Nein, im Ernst?”
„Das ist schon ernst gemeint, Kollege.” antwortet Linkheu etwas genervt. „Unsere Klienten sind die führenden Einzelhandelsfirmen des Landes. Das Problem hier aber ist, dass die Fläche einfach zu klein ist. Der Anbieter hat, ganz frech, die überdachte Hoffläche dazu gerechnet, aber die ist höchstens für Baumärkte interessant.”
„Wenn die Angaben des Verkäufers in Ordnung gewesen wären, wären wir gar nicht erst hier aufgekreuzt. Stimmt doch, Erich?”
„Korrekt! Kein Wunder, das Planet H. in der Insolvenz steckt, solche Plätze hier, das kann nicht laufen.”
„Die Insolvenz ist in Delaware anhängig, die haben die liberalsten Steuergesetze, weil sonst keiner in den Mückensumpf dort investieren würde. So weit ich wie?, sind zwei ausländische Investoren eingesprungen, 55 Millionen US-Dollar für 70 Prozent. Ein Schnäppchen!”
„Findest du? Ich sehe für das Unternehmen keine Perspektive mehr. Wer sind denn die beiden, die sich auf das Himmelfahrtskommando einlassen?”
„Ong Ben Seng, kurz OBS, ein Hoteltycoon aus Singapur und ein saudi-arabischer Prinz dessen Namen ich jetzt nicht parat habe.”
„Interessieren Sie sich so für Wirtschaft, weil Sie abends als Lokalpolitiker agieren?”
„Nein, reines Freizeitvergnügen, Steckenpferd, aber als Lokalpolitiker hätte ich hier 50 Arbeitsplätze, also 50 potenzielle Wähler verloren.”
„Waren Sie schon einmal in einem solchen Restaurant?”
„Kenne ich aus Singapur. In diesen artifiziellen Innenstädten finden Sie gar nichts anderes als Planet H. oder das Hard Rock Cafe und ein paar lokale Kopien davon. Wo sind eigentlich die ganzen Innendekorationen von hier hingewandert.” fragt sich Wilson.
„Ich habe es Ihrem Kollegen schon erzählt, wahrscheinlich auf die anderen Restaurants verteilt, aber es gibt auch freie Aufkäufer für den Ramsch.” informiert Xenopoulos.
„Ja, so jemanden kenne ich, das kann sehr anstrengend werden. Sie können sich gar nicht vorstellen wie viele Dinge aus irgendeinem Grund gesammelt werden…, aber lassen sie uns jetzt mal reingehen. Ich möchte dieses Schmuckstück jetzt endlich mal von innen sehen. Herr … – wie heißen Sie gleich noch – macht es uns jetzt mal richtig hell hier.”
„…bringt uns die Erleuchtung, haha.”
„Xenopoulos!”
„Das klingt griechisch, bedeutet der Name etwas?”
„Da fragen Sie mich zu viel. Warten Sie mal einen Augenblick, ich gehe erst zum Stromkasten.” Binnen Sekunden hat Xenopoulos das Licht an. Es schaut alles sehr ernüchternd aus. Die beiden Herren treten in die Halle ein.
„Oh je, was für eine Baracke, die Lüftung würde deine Kartbahn aber nicht verkraften.”
„Was wollen wir eigentlich hier, ich habe schon alle nötigen Infos, lasst uns gehen.”
Xenopoulos ist von dem abrupten Schluss etwas irritiert. „Wollen Sie nicht noch mehr sehen?”
„Lassen sie uns lieber etwas essen gehen, ich lade sie ein. Kennen Sie etwas Nettes in der Umgebung?”
Xenopoulos denkt kurz nach, 100 $ und ein Abendessen hat ihm der Arbeitstag jetzt schon eingebracht.
„Es gibt ein, in der Region hier sehr bekanntes Lokal, gleich ein paar Meilen weiter: die Timber Lounge. Sehr rustikal, aber beliebt wegen der guten Steaks. Wir sind schon recht spät dran, da sollte ein Tisch frei geworden sein.”
„Okay, dann nichts wie hin!”
„Und Ihre Rückflüge?”
„Das geht alles auch noch morgen früh.”

•••

Wilson ist mit dem Fottermin im Flughafen ganz zufrieden. Nun steht er bei den Taxis. Ein Bediensteter der Stadt hilft Markinsholz dabei sein Gepäck im Kofferraum zu verstauen. Markinsholz ist unzufrieden mit der Situation. Er erkennt Wilsons Schachzug, der nun seinen Aufenthalt an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Wilson hat veranlasst, dass Markinsholz auf jeden Fall in Wilsons Hotel übernachtet. Er will, das Markinsholz mit Angeboten überschüttet wird. Markinsholz verabschiedet sich kurz von Wilson. Der Stadtangestellte sorgt mit einem Extratrinkgeld beim Taxifahrer dafür, dass dieser seinen Gast auch wirklich in Wilsons Hotel fährt. Wilson winkt, als Markinsholz mit dem Taxi davon fährt. Die Strickjacke mit dem aufgenähten Stadtwappen hat Wilson längst abgelegt. Das Taxi verschwindet in einen Straßentunnel. Der Angestellte schaut zu Wilson herüber, er will wissen ob sein Job erledigt ist. Als Wilson nur kurz nickt, weiß er, dass er in den Feierabend entlassen ist. Wilson geht zurück in das Flughafengebäude. Er ist sich sicher, dass dieser Reporter Xenopoulos mit der Mittagsmaschine aus Frankfurt kommen wird. Wilson mag Mittagstermine auf dem Flughafen. Die Kapazitäten sind mittags bei weitem nicht ausgeschöpft, überall gibt es Leerstellen, Doppel- und Wiedergänger. Leute mit einem Mittagsflug sind nicht all zu gut organisiert. Der Tag ist zerrissen, aus Zwang oder aus Unvermögen. Wilson hat seinen Spaß: da ein leerer Pappbecher Morgenkaffee unter einer Sitzbank, hier die liegengelassene Immobilienbeilage einer überregionalen Zeitung. Ich könnte noch auf ihn warten, denkt Wilson. Aber da Xenopoulos sicher noch einen Mietwagen abholen muss, würde es noch dauern. Wilson will trotzdem einen Blick auf die ankommenden Passagiere werfen. Es dürfte nicht so schwer sein, den richtigen Mann zu erkennen. Wilson blickt auf die Anzeigetafel und stellt fest, dass er noch etwas Zeit hat. Er geht an die nächstgelegene Bar, bestellt einen Espresso und greift sich eine Zeitung vom Tresen. Wilson fällt der geplante Artikel über Markinsholz ein, als er die Zeitung aufschlägt. Er beschließt spontan den zuständigen Redakteur anzurufen.
„Und wie hat es unserem Jubilar gefallen?”
„Er mochte nicht im Rampenlicht stehen, aber er hat sich tapfer in sein Schicksal gefügt.”
„Habt ihr gute Bilder?”
Der Mann von der Zeitung gibt die Frage in den Redaktionsraum weiter. „Sind noch nicht fertig! Der wievielte Passagier soll er denn gewesen sein? Ich möchte so eine ungefähre Zahl, sonst gibt es wohlmöglich Ärger mit der Flughafenverwaltung. Der hunderttausendste?”
„Mach der ‚millionste Passagier’! Markinsholz hat mein Italienisch sowieso nicht verstanden. Lieber zuviel als zuwenig, das schmeichelt den Jungs da. Und schreib alles rein, ‚wohlhabender Antiquitätensammler sucht Raritäten, zahlt Höchstpreise’.”
„Ja, das erwähntest du schon einige Male. Und, was erwartest du dir von dieser Aktion.”
„Ich will, das der Auftritt hier für ihn etwas anstrengender wird und er schnell wieder verschwindet. Markinsholz mag keinen Trubel. Er soll die Dinge, die er hier einsammeln will, nicht zum Dumpingpreis bekommen.”
„Warum machst du dich nicht unverzichtbar, in dem du ihn den wichtigsten Leuten hier vorstellst? Dann hättest du die Kontrolle über ihn, woran dir ja anscheinend so viel liegt.”
„Ich kann mir angenehmere Dinge vorstellen, als Markinsholz Babysitter zu sein. Außerdem ist gerade Schönbach hier und dann kommt noch so ein Journalist heute, der mich sprechen will, auch aus Deutschland. Also, ich muss zum Gate, will den Typen mal in Augenschein nehmen. Bis später.” Wilson legt einige Münzen auf den Tresen, steckt sich die Zeitung ein und bewegt sich Richtung „Ankünfte”.
Die paar Passagiere des Frankfurtfluges haben schon das Gepäckband hinter sich gebracht. Die heimischen Geschäftleute mit Bordcase verschwinden schleunigst in Richtung Taxistand. Gut so, denkt sich Wilson, sonst müsste er sicher wieder jemanden Rede und Antwort stehen. Als nächstes streben die Leute mit Koffern Richtung Bus und Taxen. Nur wenige werden am Gate abgeholt. Wilson meint seinen Kandidaten schon entdeckt zu haben. Xenopoulos fummelt an den Außenfächern seiner Aktentasche herum, um den Mietwagenvertrag hervorzukramen. Er schnappt sich seinen Rollenkoffer und folgt den Piktogrammen mit der stilisierten Autosilhouette und der Unterzeile „car rentals”. Wilson wundert sich über die gigantischen Ausmaße des Rollenkoffers und stellt Vermutungen über Xenopoulos Aufenthaltsdauer an. An der Vermietstation wartet eine lange Schlange. Xenopoulos reiht sich am Ende ein. Wilson geht neben ihm vorbei an den Businessschalter, dort ist es wie ausgestorben.
Ein Angestellter sitzt ziemlich tief hinter dem Schalter, schreibt etwas in Listen und schaut nicht auf.
„Hallo! Können Sie bitte dem Mann mit dem Rollenkoffer ein Upgrade verschaffen. Ich zahle das gleich hier für ihn, mit meiner Bonuskarte.”
Der Mann blickt zu Wilson hoch. „Kein Problem! Kennen Sie den Namen des Mannes? Ich lass ihn dann ausrufen, wenn Sie weg sind, okay?”
„Tadellos.” Wilson hält dem Mann die Karte entgegen.
Dieser zieht die Karte durch ein Lesegerät, blickt kurz auf den Monitor. „Vielen Dank Herr Wilson, Auftrag erledigt.” Der Mann reicht die Karte zurück.
Wilson verabschiedet sich.
„Mr. Xenopoulos arrived from Francfort, please contact the business check-in account of `SchmerzCarsTM´ on the second floor.”
Xenopoulos schiebt sich mit seinem Gepäck an der Schlange vorbei zum Schalter vor. „Xenopoulos, ich wurde aufgerufen.”
„Ah, kommen sie bitte zu mir rüber!”
Xenopoulos freut sich über das kostenlose Upgrade, die windige Erklärung, dass er „Premium-Kunde” sei, akzeptiert er ohne Nachfrage, schließlich wird ihm etwas Positives beschieden und da stellt man keine dummen Fragen.
Glücklich nimmt Xenopoulos den Schlüssel entgegen. Wilson ist längst auf dem Heimweg, als Xenopoulos eine dunkelblaue Limousine der oberen Mittelklasse auf dem Autoparkplatz P4 abholt, während sich hinter ihm eine Boeing in den Himmel hebt.

[PDF]

© Ulrich Heinke

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